22.08.2015

ArbeitsmarktZum Nichtstun verdammt

Die deutsche Wirtschaft sieht im Zustrom der Flüchtlinge eine Chance für Wachstum und Wohlstand – wenn bürokratische Hemmnisse abgebaut werden.
SPIEGEL-SERIE (V) Wir und die anderen: Die deutsche Bevölkerung schrumpft, Fachkräfte werden rar. Eine schnellere Integration der Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt könnte Abhilfe schaffen, sie würde zudem die Sozialkassen entlasten.

Said Haschimi schwitzt. Gut zwei Stunden lang hat er das Lager neben dem Büro neu sortiert, Metallschränke aufgebaut, Kisten ein- und wieder ausgeräumt.
Seit knapp einem Jahr macht der 18-Jährige aus Afghanistan eine Ausbildung zum Anlagenmechaniker bei Heizung-Obermeier, einem Heizungsbaubetrieb mitten in Münchens Altstadt. Die Arbeit werde nie langweilig, sagt er, "ich mag die Kollegen und bin oft auf dem Bau unterwegs".
Er hatte einen langen Weg zur Arbeit.
Said Haschimi ist das älteste von vier Kindern. Der Vater starb im Krieg. Als Said 15 Jahre alt war, floh er aus Dschalalabad. Fünf Monate dauerte seine Reise vom Nordosten Afghanistans nach München. Von Kabul flog er nach Teheran, schlug sich weiter durch, zu Fuß und mit Bussen, von der Türkei nach Griechenland, über Italien nach Deutschland. Mal in der Gruppe, mal allein. Über 6000 Kilometer. Ohne seine Familie.
Als er in München angekommen war, betreute ihn die Jugendhilfe. Am Anfang war es schwer, sich als Fremder zurechtzufinden. "Ich konnte niemanden verstehen", sagt Haschimi. Inzwischen spricht er fast fließend Deutsch. Seinen Hauptschulabschluss absolvierte er mit der Note 1,3. Dann machte er ein Praktikum als Autolackierer – ein weiteres bei Heizung-Obermeier. Dort bekam er vergangenes Jahr seine Chance. "Wenn er möchte, kann er auch seinen Meister bei uns machen", sagt Geschäftsführer Olaf Zimmermann.
Vor zwei Jahren merkte Zimmermann, dass es noch schwieriger geworden war, Fachkräfte zu finden. Schon damals beschäftigte er Menschen aus fremden Ländern. "Wir haben schon ganz Europa hier gehabt. Alle Hautfarben sind erlaubt", sagt Zimmermann, "die Arbeit steht im Vordergrund, alles andere interessiert nicht."
Derzeit beschäftigt Zimmermann zwei Flüchtlinge. Probleme hat er nur mit der Bürokratie. Er weiß nicht, ob Haschimi auch nach seiner Lehre noch in Deutschland bleiben darf.
Said Haschimi ist eines von Tausenden Kindern, die Jahr für Jahr in Deutschland stranden, oft wurden sie von ihren Eltern losgeschickt, in der Hoffnung auf ein sicheres Leben und gute Bildung. Auf Zukunft. Nach Schätzungen waren es 2013 über 5000, über 10 000 im vergangenen Jahr. Ihre Zahl steigt ebenso wie die der Asylbewerber und Flüchtlinge insgesamt. Für dieses Jahr rechnet die Bundesregierung mit bis zu 800 000 Asylbewerbern.
Der Strom der Fremden stellt die Gesellschaft vor immense Herausforderungen. Viele Kommunen sind überfordert, Flüchtlingsheime, Containerdörfer und Zeltstädte überfüllt. Er belastet die Sozialkassen und staatlichen Haushalte mit Kosten in hoher Milliardenhöhe.
Doch der Zustrom birgt auch Chancen – für die Wirtschaft des Landes. Denn die braucht, trotz fast 2,8 Millionen offizieller Arbeitsloser, dringend Arbeitskräfte. Und jeder Flüchtling, der Arbeit findet, entlastet die öffentlichen Kassen. Die deutsche Wirtschaft ist auf Zuwanderung angewiesen – aus Europa ebenso wie aus Ländern, deren Bürger heute vor allem über das Asylrecht kommen. Weil die deutsche Bevölkerung schrumpft, können viele Stellen nicht mehr besetzt werden, Fachkräfte werden zunehmend rar. Ein Trend, der sich in den nächsten Jahren verschärfen wird. Der künftige Wohlstand des Landes ist in Gefahr.
Spätestens seit Mitte der Sechzigerjahre, als die Zahl der Gastarbeiter die Millionengrenze überschritt, ist Deutschland ein Einwanderungsland. Ein modernes Einwanderungsgesetz gibt es allerdings bis heute nicht. Inzwischen setzt sich jedoch die Erkenntnis durch, dass die Fähigkeiten der Menschen, die bereits im Land sind, nicht ungenutzt bleiben dürfen. Mehrfach veränderte die Regierung in den vergangenen Monaten Verordnungen und gesetzliche Regelungen, um die Integration von Asylbewerbern und Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt zu erleichtern.
Dennoch ist es oft nur Zufall, wenn Menschen wie Jacob Sousani Arbeit finden. Der Syrer hatte in Damaskus einen Friseursalon, fünf Angestellte, eine 70 Quadratmeter große Wohnung, ein Auto, gesellschaftliches Ansehen.
Geblieben von damals ist ihm nur eine Verletzung am Rücken. Sie stammt von einem Bombenanschlag.
Sousani floh vor dem Bürgerkrieg, fünf Monate lang über den Libanon, die Türkei, Griechenland, Italien, bis er letztlich nach Dresden kam. Sein Vater und zwei seiner Brüder sind in Damaskus geblieben. Wo die übrigen seiner Geschwister sind, darüber will Sousani nicht reden.
Es ist Donnerstagabend und Hochbetrieb in dem kleinen Friseursalon Director's Cut in Dresden Neustadt. An einem der Friseurstühle steht Sousani, akribisch blondiert der Mann mit den buschigen schwarzen Augenbrauen seiner Kundin den Haaransatz. Seit über einem Monat arbeitet er in dem Laden, seit einem Jahr lebt er jetzt in Deutschland. "Es ist ein berühmter Salon", sagt Sousani.
In Dresden fand er eine neue Heimat, eine Wohnung und Arbeit. "Ich dachte nicht, dass mich je einer einstellen würde", sagt Sousani. Der 31-Jährige hatte Glück. Ein Nachbar, ebenfalls aus Syrien, erzählte Inhaber Christoph Steinigen von Sousani. Nach einer Probewoche stellte der ihn ein. 20 Stunden arbeitet Sousani pro Woche, am Vormittag besucht er eine Sprachschule. Den letzten Test bestand er mit über 80 Prozent richtigen Antworten. "Er ist wirklich gut", sagt Steinigen. "Ein bisschen moderner müssen seine Schnitte vielleicht noch werden."
Nicht nur das Friseurhandwerk hat Nachwuchssorgen. Heute leben fast 46 Millionen Menschen im erwerbsfähigen Alter in Deutschland, die theoretisch arbeiten könnten. Ohne Einwanderung werden es in gut 30 Jahren unter 29 Millionen sein. Selbst wenn das Rentenalter auf 70 Jahre steigen würde und ebenso viele Frauen wie Männer berufstätig wären, würde in diesem Zeitraum die Zahl zusätzlicher Arbeitskräfte nur um 4,4 Millionen steigen.
Weniger Arbeitskräfte bedeuten weniger Menschen, die in die Rentenkasse und die Krankenversicherung einzahlen. Weniger Menschen, die konsumieren und produzieren. Weniger Menschen, die Steuern zahlen, mit denen etwa Schulen oder Straßenbau finanziert werden. Weniger Menschen bedeuten ein geringeres Wachstumspotenzial und damit einen geringeren Wohlstand.
Natürlich lässt sich angesichts der technologischen Entwicklung und der Digitalisierung des Lebens der Bedarf an Arbeitskräften in der Zukunft nur schwer berechnen. Dennoch kommt eine Studie der Bertelsmann Stiftung in allen berechneten Szenarien zu dem Schluss, dass an Zuwanderung kein Weg vorbeiführt. "Wenn die Nettoeinwanderung deutlich zurückgeht, wird die Alterung der Gesellschaft die sozialen Sicherungssysteme und den Staatshaushalt vor unlösbare Probleme stellen", sagt Lutz Schneider von der Coburger Hochschule für angewandte Wissenschaften, der für die Bertelsmann Stiftung die Folgen der Zuwanderung untersuchte.
Auf dem europäischen Arbeitsmarkt wird Deutschland seinen Bedarf allein nicht decken können. Noch immer kommen die meisten Zuwanderer aus den EU-Staaten, wegen der Osterweiterung und der Wirtschaftskrise in Südeuropa waren es in den vergangenen Jahren besonders viele.
Nur wird es so nicht bleiben. "Mittelfristig wird mit der wirtschaftlichen Erholung in den Krisenländern die Zuwanderung aus den EU-Staaten zurückgehen", sagt Schneider. Zudem leiden alle europäischen Länder an der deutschen Krankheit – ihre Bevölkerung schrumpft und überaltert. Bis 2050 rechnet der Ökonom nur noch mit bis zu 70 000 Einwanderern aus EU-Staaten im Jahresdurchschnitt. "Deshalb sind wir künftig noch stärker auf die Zuwanderung von Menschen aus Drittstaaten als Arbeitskräfte angewiesen, die heute überwiegend als Flüchtlinge kommen", sagt Schneider.
Dabei geht es nicht nur um hoch qualifizierte Akademiker, sondern auch um Fachkräfte mit mittlerer und niedriger Qualifikation. In den vergangenen vier Jahren entstanden rund eine Million Arbeitsplätze für Ausländer in Bereichen ohne formale Ausbildung – Hilfskräfte in der Pflege, in der Gastronomie und der Landwirtschaft. Beständig steigt die Zahl der offenen Stellen, im Juli waren es nahezu 600 000.
Das Handwerk hat längst begonnen, um Flüchtlinge zu werben. Wenn Christoph Karmann nicht in seinem Büro in der Münchner Innenstadt sitzt, besucht er Berufsschulen. Auf deren Schulbänken sitzen junge Flüchtlinge mit vielen Fragen, sagt Karmann: Was kann ich machen? Welche Chancen werde ich haben? Wie funktioniert die Ausbildung in Deutschland?
Als einer von zwei sogenannten Ausbildungsakquisiteuren der Handwerkskammer für München und Oberbayern vermittelt Karmann Flüchtlinge an Ausbildungsbetriebe. Bayerische Handwerksbetriebe suchen händeringend nach Lehrlingen und Fachkräften. Im Frühjahr schrieb die Handwerkskammer über 7000 Betriebe in Oberbayern an und fragte, ob sie einen Flüchtling einstellen würden. Als Antwort kamen Angebote für 1200 Praktikums- und Lehrstellen zurück.
Um den Fachkräftemangel zu bekämpfen, drängen Unternehmen und Wirtschaftsverbände darauf, wenigstens die Potenziale der Flüchtlinge, die in Deutschland leben, besser zu nutzen. Daimler appellierte als erster Großkonzern an die Politik, Flüchtlingen schon nach einem Monat zu ermöglichen, eine Arbeit aufzunehmen.
"Es ist vertane Lebenszeit, wenn Asylbewerber während ihres Asylverfahrens zum Nichtstun verurteilt sind", sagt Ingo Kramer. Der Präsident der Bundesvereinigung der Arbeitgeber fordert, dass "grundsätzlich ein uneingeschränkter Arbeitsmarktzugang für Geduldete ohne Arbeitsverbot ab Erteilung der Duldung und für Asylsuchende nach sechs Monaten ohne Vorrangprüfung erlaubt werden sollte".
Seit Anfang 2014 läuft das Modellprojekt "Early Intervention" der Bundesagentur für Arbeit, um Flüchtlinge möglichst früh in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Sie will damit herausfinden, welche Kompetenzen, Instrumente und Ressourcen sie zusätzlich benötigt, um die Aufgabe bestmöglich erfüllen zu können. An zwölf Standorten identifizieren Talentscouts gut ausgebildete Flüchtlinge und versuchen, sie in Betrieben unterzubringen.
Hannegret Deppe sitzt in ihrem Büro in der Arbeitsagentur von Detmold. Heute hat sie zwei Termine mit Kunden – so werden auch die Flüchtlinge in der Behörde genannt. Branko Nastasic(*) stammt aus Serbien, er leitete dort ein Café und war Bauarbeiter.
Deppe geht mit Nastasic Schritt für Schritt ein Computerprogramm durch. Trockenbau kann er, aber Fenster einbauen und Elektroleitungen verlegen kann er nicht. Deppe will so den richtigen Arbeitgeber finden. Sie hilft den Flüchtlingen auch bei der Bewerbung. Gemeinsam formulieren sie das Anschreiben und bearbeiten den Lebenslauf.
Ein Schild an der Wand ihres Büros zeigt das Wort "Willkommen" in unzähligen Sprachen, daneben heißt es "Keep calm and Migration rocks". Bereits mit 16 Jahren engagierte sich Deppe bei Amnesty International, parallel zu ihrem Jurastudium arbeitete die 41-Jährige bei einer Anwaltskanzlei, die auf asyl- und ausländerrechtliche Fragen spezialisiert ist.
Seit Anfang März versucht sie, Flüchtlinge und Firmen zusammenzubringen. Wenn ein Asylsuchender zum ersten Mal bei ihr ist, fragt sie ihn Grundsätzliches: welche Schule er in seiner Heimat besucht und welche Ausbildung er abgeschlossen habe, was sein Traumjob sei. Die Menschen, die zu ihr kommen, haben oft weniger gradlinige Lebensläufe als Deutsche.
Im Moment kümmert sie sich um etwa 50 Flüchtlinge, vor allem aus Syrien, dem Irak und dem Libanon. Deppe konnte bisher nur wenige vermitteln – einen Koch aus dem Libanon, zwei Polsternäher aus der Mongolei und einen Techniker für Augenoptik aus Mazedonien.
Fehlende Deutschkenntnisse sind das größte Hindernis für Flüchtlinge auf dem Arbeitsmarkt. Doch um in einem Integrationskurs Deutsch zu lernen, müssen sie in der Regel einen rechtmäßigen Aufenthaltsstatus haben. Asylbewerber und geduldete Flüchtlinge haben zwar ein Recht, durch die Jobcenter beraten und auf dem Arbeitsmarkt vermittelt zu werden, aber keinen Zugang zu den Integrationskursen. Was wiederum verhindert, dass sie von den Jobcentern erfolgreich auf dem Arbeitsmarkt vermittelt werden können – ein Teufelskreis.
Bislang ist die Einwanderung im Zuwanderungsgesetz geregelt. Den Wirrwarr aus Einzelgesetzen und Verordnungen verstehen selbst Deutsche ohne juristische Vollausbildung kaum, für Fremde ist er undurchdringlich.
Die Exceltabelle "Förderübersicht Asylbewerber/Flüchtlinge" der Bundesagentur für Arbeit listet 17 verschiedene Arten der "Aufenthaltsgestattung", "Aufenthaltserlaubnis" und der "Duldung" für Flüchtlinge auf. Und von jeder leitet sich in unterschiedlicher Weise ab, wann sie arbeiten dürfen oder welche Förderkurse sie erhalten. Unter welchen Bedingungen sie Anspruch auf Bafög, Kindergeld oder Elterngeld haben und wie viele Monate oder Jahre sie sich dafür bereits in Deutschland aufhalten müssen. Zudem wechseln die Flüchtlinge immer wieder in der Zuständigkeit zwischen Arbeitsagentur und Jobcenter hin und her.
Das alles kostet Zeit, Geld und Nerven – den Staat und seine Mitarbeiter, aber auch die Flüchtlinge.
Im Oktober 2013 stellte Leila Moghadam ihren Asylantrag, neun Monate musste sie warten, bis sie einen Deutschkurs besuchen durfte. Jetzt liegen dicke Brotlaibe, kleine Pralinen und Blechkuchen vor ihr. Die Iranerin hat geknetet, gebacken und dekoriert, bevor die Bäckerei Wippler um sechs Uhr öffnet. Ihr Arbeitstag beginnt um halb vier in der Früh.
Dreißig Minuten von der Dresdner Innenstadt entfernt fand Leila Moghadam Arbeit und so etwas wie eine Familie.
In ihrer Heimat Iran studierte sie Politikwissenschaften. Nebenbei bastelte und verkaufte sie Geschenkverpackungen im eigenen Laden in Teheran, bevor sie aus religiösen Gründen floh. Rund 8000 Euro kostete ihr Weg in ein neues Leben. Dafür bekam Moghadam ein Visum und ein Flugticket nach Dortmund. Von dort aus schickten sie die Behörden monatelang von einem zum nächsten Flüchtlingsheim: Unna, Burbach, Chemnitz, Kamenz. Warum, weiß sie bis heute nicht.
Seit Anfang des Jahres lebt sie über der Backstube, in einer Wohngemeinschaft mit anderen Auszubildenden. Vier Zimmer, ein Gemeinschaftsbad, eine Gemeinschaftsküche. Der Deutschkurs brachte sie im November vorigen Jahres zur Bäckerei Wippler. Einen Monat lang absolvierte die 33-Jährige ein Praktikum.
Obwohl sie weder eine Aufenthaltsgenehmigung hatte noch besonders gut Deutsch sprach, bot Geschäftsführer Michael Wippler ihr eine Lehrstelle zur Konditorin an. "Sie hat sich geschickt angestellt", sagt Wippler. Er glaubt, Arbeit sei die beste Form der Integration: "Leila lernt die Sprache, wird in die Gesellschaft integriert, und der Betrieb hat eine Fachkraft."
Schon lange sei es immer schwerer, Menschen zu finden, die das Handwerk schätzen, sagt Wippler. Bei Leila Moghadam habe er gleich gemerkt, dass ihr die Arbeit Spaß mache. Auch deshalb fordert er klare Entscheidungen von den Behörden, "dann wären auch andere Betriebe bereit, einen Flüchtling zu beschäftigen". Eine Chance habe jeder verdient, "egal, ob Flüchtling oder nicht".
Moghadam weiß, dass sie Glück hatte. "Andere Flüchtlinge suchen vier, fünf Jahre nach Arbeit oder finden nie eine", sie weint ein bisschen. Wippler reicht ihr eine Serviette und klopft ihr väterlich auf die Schulter. Ihr größter Wunsch sei es, für immer hierzubleiben. Doch derzeit hat sie immer nur eine Duldung für ein halbes Jahr. 20 Monate wartete sie auf ihre Anhörung bei der Ausländerbehörde, seit Juli auf eine Entscheidung.
Leila Moghadam will aber nicht einfach nur auf ihre Zukunft warten. Deshalb fährt sie jeden Tag nach der Arbeit zum Deutschkurs, den sie von ihrem Lehrlingsgehalt zahlt. Gern würde sie später ein eigenes kleines Café in der Dresdner Innenstadt eröffnen. Erst wenn sie ganz alt sei, wolle sie nach Iran zurückkehren, "um dort zu sterben".
Viel weiß der Staat nicht über Menschen wie Leila Moghadam, den Dresdner Friseur Jacob Sousani oder den Lehrling Said Haschimi in München. Über die vielen Fremden, die ihn als Zufluchtsort wählen und von denen viele zumindest auf Zeit seine Bürger sein werden. Sicher ist, dass sie im Schnitt jünger sind als die deutsche und ausländische Bevölkerung, die hier bereits lebt. 2014 waren 32 Prozent der Menschen, die Asyl beantragten, unter 18 Jahre alt, die Hälfte aller Antragsteller war zwischen 18 und 35 Jahre alt. Es kommen mehr Männer als Frauen, insbesondere aus den Ländern, in denen Krieg und politische Verfolgung herrschen wie etwa Syrien. Nur ein Drittel aller Antragsteller war 2014 weiblich.
Doch von diesem Punkt an werden die Erkenntnisse dünner. "Zur Qualifikationsstruktur der Asylbewerber und Flüchtlinge gibt es keine repräsentativen Untersuchungen", sagt Herbert Brücker vom Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. Er hat die vorhandenen Daten ausgewertet. Die Qualifikationsstruktur der Asylbewerber und Flüchtlinge fällt auseinander: Knapp ein Fünftel haben wohl ein Hochschulstudium absolviert – aber zugleich verfügen 50 bis 60 Prozent über keine abgeschlossene berufliche Qualifikation. "Dazwischen gibt es kaum etwas", sagt Brücker. "Die Zuwanderung über Asylrecht und Familiennachzug führt zu einer Polarisierung." Dabei mangelt es dem deutschen Arbeitsmarkt an Fachkräften mit mittlerer Qualifikation.
Schon seit vier Jahren gibt es bereits eine "Positivliste" der Bundesagentur für Arbeit, die Menschen von außerhalb der EU den Weg über die Arbeitsmigration öffnen soll. Auf dieser Liste sind über 20 Berufsgattungen mit 77 Berufen aufgeführt, in denen ein Mangel an Bewerbern herrscht – vom Blitzschutzmonteur über Kühlhauswärter bis zu Fachkrankenschwestern und -pflegern in der Onkologie.
Wie die meisten Arbeitsmarktökonomen plädiert Brücker dafür, auch auf dem Westbalkan stärker für Arbeitsmigration zu werben und die Hürden dafür eher zu senken. So könnte man Menschen mit abgeschlossener Berufsausbildung und einer verbindlichen Arbeitsplatzzusage mit garantiertem Mindestlohn ein befristetes Aufenthaltsrecht einräumen. "Die durchschnittlichen Deutschkenntnisse in dieser Region dürften höher sein als in vielen anderen Ländern", sagt Brücker.
Es gibt noch viele Möglichkeiten, die Situation von Flüchtlingen zu verbessern und gleichzeitig den Arbeitsmarkt zu entlasten. Man kann Menschen, die schon hier leben, aus dem Asylverfahren herausholen und ihnen ein Aufenthaltsrecht gewähren, wenn sie über eine Arbeitsplatzzusage verfügen. Man kann die Menschen, die eine hohe Bleibewahrscheinlichkeit haben, direkt nach der Einreise zu Integrationskursen verpflichten, um die Eingliederung zu beschleunigen. Es gibt noch Stellschrauben bei der Anerkennung von beruflichen Qualifikationen, bei der Arbeitsvermittlung, bei Bildung und Ausbildung.
Die Arbeitsmigration zu fördern und dafür offensiv zu werben, wird das aktuelle Flüchtlingsproblem nicht lösen. Aber es kann entlasten. Vor allem ist die Arbeitsmigration der Schlüssel zu einer zukunftsorientierten, gesteuerten Zuwanderung, an der für Deutschland kein Weg vorbei führt.
Bis vor einem halben Jahr musste Said Haschimi alle sechs Monate zur Ausländerbehörde in München. Einen Antrag stellen, warten, wieder Antrag stellen.
Jetzt darf der Lehrling aus Afghanistan vorerst für drei Jahre in Deutschland bleiben. Was dann passiert, weiß er nicht. Er würde gern für immer in München leben.
Dass sein Wunsch für ihn doch vielleicht schneller in Erfüllung gehen könnte als für die meisten anderen Flüchtlinge, verdankt er einem Talent. Haschimi ist Kickboxer, dieses Jahr wurde er zum zweiten Mal deutscher Meister bei den Junioren. Weil er keinen Pass hat, kann er nicht bei internationalen Wettkämpfen im Ausland antreten. Sein Kickbox-Verein will ihn deshalb bei der Einbürgerung unterstützen.
Said Haschimi, der Junge, der mit 15 Jahren allein von Afghanistan nach München zog, möchte bei Europameisterschaften für die deutsche Nationalmannschaft antreten.
Er sagt einen Satz, der vertraut klingt, er sagt: "Ich habe einen Traum."

Im nächsten Heft: In den letzten Jahren wurden abgelehnte Asylbewerber selten abgeschoben, doch jetzt gilt: Wer nicht anerkannt wird, soll schnell gehen.
* Name von der Redaktion geändert.
Von Markus Dettmer, Carolin Katschak und Jasper Ruppert

DER SPIEGEL 35/2015
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