29.08.2015

ErotikIst Küssen eklig, Herr Garcia?

Justin Garcia, 30, Wissenschaftler am Kinsey-Sexualforschungsinstitut an der US-Universität Indiana, über die Verbreitung des Knutschens
SPIEGEL: Warum küssen sich Menschen auf den Mund, Herr Garcia?
Garcia: Der intime Kuss kann die unterschiedlichsten Bedeutungen haben. Es gibt den romantischen Kuss, mit dem wir unser Verlangen ausdrücken. Wir küssen zur Begrüßung, um einem höher gestellten Menschen Respekt zu zollen, oder Eltern küssen ihre Babys – auf den Mund, aber ohne sexuelle Intention.
SPIEGEL: Sie haben nachgewiesen, dass nicht alle Kulturen den Kuss kennen und schätzen, hat Sie das überrascht?
Garcia: Sehr überrascht, ja. Der intime Kuss ist kein universelles, globales Phänomen, er war es auch nie. Nur 77 von 168 Ethnien auf fünf Kontinenten praktizieren ihn. Für den Rest ist er tabu oder jedenfalls unüblich.
SPIEGEL: Der große Rest findet Küssen also eklig?
Garcia: Er tut es einfach nicht. Was auch mit der Mundhygiene zu tun haben mag, denn Küsse sind perfekte Bakterienschleudern. In Zentralafrika arbeiten wir mit einem verheirateten Anthropologenpaar. Wenn die sich öffentlich küssen, finden die Aka-Nomaden das äußerst seltsam. Das beweist vor allem, wie egozentrisch wir Westler sind. Nur weil wir etwas normal finden, muss das lange nicht für jeden gelten.
SPIEGEL: Kennen Sie eine Alternative zum Kuss? Garcia: Das wird Thema unserer nächsten Studie sein. Der Kuss ist keine globale Geste, das Verlangen nach Intimität hingegen ist es schon. Was machen andere Kulturen, in denen leidenschaftliches Küssen nicht so wichtig für die Stabilität einer Partnerschaft ist? Was machte man früher? Es gibt noch sehr viel, was wir besser verstehen lernen müssen.
SPIEGEL: Hat der Gründer Ihres Instituts, der Sexualforscher Alfred C. Kinsey, sich in den prüden Vierziger- und Fünfzigerjahren auch schon fürs Küssen interessiert?
Garcia: Er hat das Thema nur gestreift, aber er würde sich freuen, dass es uns und unseren Studenten aus aller Welt so viel Spaß bereitet.
Von Fio

DER SPIEGEL 36/2015
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