29.08.2015

HoffnungEin süßer Sieg

Die Welt steht kurz davor, die Kinderlähmung auszurotten. Indien ist poliofrei, Afrika könnte bald folgen. Es ist ein Triumph der Vereinten Nationen – und die Geschichte eines kleinen Mädchens. Von Vivian Pasquet
Als Abdul Shah an einem Abend im Januar 2011 nach Hause kommt, ist das Virus schon da. Shah hat den ganzen Tag Stoffe bestickt und sie an Unterhändler in Kalkutta übergeben, 50 Kilometer von seinem Dorf entfernt, das so klein ist, dass es noch nicht einmal einen Namen trägt. Er sitzt auf dem Boden seiner Hütte, vor sich seine Tochter, Rukhsar Khatoon, 18 Monate alt, die im Laufe des Tages erst Durchfall und dann Fieber bekam.
Abdul Shah weiß nicht, wie hoch die Temperatur ist, aber sie ist hoch. Beunruhigt ist der Vater noch nicht, nicht mehr als sonst. Rukhsar ist häufig krank, ein Sorgenkind. Seit ihrer Geburt isst sie weniger als andere Kinder, wächst langsamer, schläft schlechter. Manchmal wirkt das Kind so zerbrechlich wie eine Glaskugel.
Der Vater ahnt nicht, dass zu diesem Zeitpunkt der Körper des Mädchens schon mit einem Virus kämpft, das sich rasend schnell in ihm vermehrt. Erst in der Speiseröhre, später im Magen, dann im Darm. Von dort wandert es in das Rückenmark, den Ort, durch den die Nerven laufen.
Als das Fieber sinkt, beginnt die Lähmung.
Mit 18 Monaten, einem Alter, in dem andere Kinder längst laufen, hört Rukhsar damit auf. Und jetzt, Tage später, trägt der Vater seine Tochter zu der kleinen Krankenstation im Dorf. Da hängt Rukhsars Bein schon schlaff und fremd an ihrem Körper, als wäre ein Faden an einer Marionette gerissen.
Der Arzt fragt den Vater: "Abdul, hast du dein Kind gegen Polio impfen lassen?" Abdul Shah bekommt Angst. Polio. Kinderlähmung. Er weiß, was das bedeutet. Immer wieder kommen Impftrupps in sein Dorf, klopfen an jede Tür, verabreichen jedem Kind zwei Tropfen Schluckimpfung. Doch Rukhsar erschien ihm jedes Mal zu schwach; als einziges seiner Kinder hat er sie nie impfen lassen.
Abdul schüttelt den Kopf. Der Arzt legt ein Röhrchen mit Rukhsars Stuhlprobe in eine Styroporbox und sendet es gekühlt nach Kalkutta.
An jenem Januartag im Jahr 2011 beginnt am äußersten Rand Indiens das Ende einer Seuche, verursacht durch das Virus namens Polio. Abdul Shahs Tochter wird nicht sterben, sie wird leben. Und nach ihr wird kein weiterer Mensch in Indien an der Kinderlähmung erkranken. Es wird das Ende eines Kampfes sein, über den später nicht nur in Indien gesprochen werden wird; nicht nur in Mumbai, Kalkutta oder Delhi, sondern auch in Genf, Karatschi oder Atlanta. Über Rukhsar Khatoon, die letzte Polio-Patientin Indiens.
Schon wenige Tage nachdem der Arzt die Stuhlprobe verschickt hat, trifft im Untergeschoss eines Tennisklubs in Delhi, 1300 Kilometer entfernt, die Nachricht ein, dass sich ein Mädchen in einem kleinen Dorf ohne Namen mit dem Polio-Virus infiziert hat. Das Labor meldet, der Vater habe das Kind nicht geimpft.
An einem Seiteneingang des Khanna-Tennisstadions in Delhi, drei, vier Treppenstufen hinunter, führt eine Tür noch heute hinein ins indische Polio-Büro der Weltgesundheitsorganisation WHO. Eine nationale Überwachungsstation, in deren Eingangsbereich ein speckiges Ledersofa steht, darüber eine Girlande: "Merry Christmas". Im Hauptraum sind Plastiktisch an Plastiktisch, Mensch an Mensch gereiht. Männer in Anzug und Krawatte vor Computern, Tunnelblick auf Tabellen, sie werten aus, klicken auf digitale Karten, analysieren. Die Daten aller Polio-Verdachtsfälle des Landes laufen hier zusammen. Die Republik Indien, ausgebreitet auf Bildschirmen, unterteilt in Gitternetze.
Als die Meldung über die positive Probe am 7. Februar 2011 hier eintrifft, hat ein Mann namens Hamid Jafari Dienst. Für ihn und sein Team ist die Meldung eine Enttäuschung. Das Mädchen Rukhsar ist die erste Polio-Patientin in jenem Jahr. Nur 42 Krankheitsfälle hat es im Vorjahr in Indien gegeben. 2009 waren es noch 741. Die Virenjäger hatten gedacht, das Biest erlegt zu haben. Und jetzt: Alarm.
Hamid Jafari arbeitet seit 2007 als technischer Chef der Polio-Ausrottungskampagne in Indien. Ein pakistanischer Kinderarzt, ausgebildet an renommierten Seucheninstituten und Eliteuniversitäten in den USA, der gleich erkennt, welches Risiko Rukhsars Infektion bedeutet: Ihr Dorf liegt nur wenige Kilometer entfernt von der Howrah-Station, einem der größten Bahnhöfe Indiens. Einem Ort, an dem die Lautsprecherdurchsagen wie ein einziger, nie endender Satz klingen; an dem jeden Tag 1,3 Millionen Passagiere ein- und aus- und umsteigen. Sollte es noch weitere ungeimpfte Menschen in Rukhsars Dorf geben, Leute, die das Virus weitertragen, dann kann es von hier durch ganz Indien reisen. In den Westen nach Mumbai, nach Jaipur im Norden oder nach Chennai im Süden. Dann wüssten die Seuchenjäger am Ende wieder nicht, wo sich das Virus aufhält, das könnte den Kampf gegen Polio um Jahre zurückwerfen.
Normalerweise dauert es mehrere Wochen, bis eine Impfkampagne organisiert ist. Jafari und sein Team brauchen dafür sechs Tage. Die Helfer impfen: in Rukhsars Dorf, in allen Nachbardörfern, bis an den Rand von Kalkutta, in Bahnhöfen, Hütten und Kiosken, auf Märkten, in Schulbussen; sie stoppen Motorräder und Autos.
Egal woher Rukhsar das Virus bekommen hat: Die Impftropfen sollen verhindern, dass es sich weiterverbreitet. Später wird Jafari sagen, sie hätten die Inder in dem Impfstoff ertränkt.
Es ist eine der am schnellsten durchgeführten Aktionen gegen eine Virusattacke in der Geschichte der Medizin. Mit einem bombastischen Erfolg: Damit ein Land von der WHO als "poliofrei" deklariert werden kann, darf dort drei Jahre lang kein neuer Fall von Polio mehr auftreten. Die indische Regierung bekommt die Urkunde am 27. März 2014 überreicht. Es ist der wichtigste Meilenstein im Kampf gegen das Virus. Und die nächsten werden bald erreicht: Diesen September wird die WHO bekannt geben, dass Typ 2 des Polio-Virus weltweit ausgerottet ist, diese Meldung steht auch für Typ 3 bevor; es ist das erste Mal seit dem Sieg gegen die Pocken, dass Pathogene von der Erde verschwinden. Auch steht Afrikas Befreiung von Polio bevor. Mit dem Virus verbindet sich eine der größten Erfolgsgeschichten der Weltgemeinschaft.
Der Mensch hat viele Schlachten gegen Krankheiten und ihre Erreger geschlagen. Gegen die Pest, HIV, Tuberkulose oder Tetanus. Gegen all die Grippeviren, die Herpesplagen, die Masern, Diphtherie und Ebola. Oft hat er sie gewonnen, die Schlachten. Den Krieg aber konnte er nur ein einziges Mal für sich entscheiden. Am 8. Mai 1980 erklärte die WHO die Pocken für ausgerottet. Ausgerottet bedeutet: Solange die Erde sich dreht und der Mensch darauf existiert, so lange kann nie wieder jemand daran erkranken. Und jetzt, bald, könnte das mit Polio ein zweites Mal gelingen.
Es ist eine Geschichte darüber, wie der Mensch etwas in Ordnung bringt. Wie 194 Nationen erfolgreich miteinander kooperieren, sich nicht nur ein gemeinsames Ziel setzen, sondern es auch erreichen: Russland, die USA, Griechenland, China, Deutschland, Tansania. Papua-Neuguinea. Nordkorea. Luxemburg. Reiche Industrienationen, arme Entwicklungsländer. Christen, Hindus, Juden, Muslime. Demokratien und Diktaturen. Länder im Krieg und im Frieden. Es ist ein Stück Medizingeschichte, die lange vor Rukhsars Geburt, vor der letzten Polio-Patientin Indiens, begonnen hat, 30 Jahre zuvor – mit einem einfachen Anruf.
Im April 1979 hob der Chef für die Bekämpfung infektiöser Krankheiten im US-amerikanischen Gesundheitsministerium, John Sever, den Hörer ab. Am anderen Ende der Leitung war der Präsident des Dachverbands aller Rotary Clubs weltweit. Er habe, sagte der Rotarier, in "Reader's Digest" gelesen, dass die Ausrottung der Pocken nur ein bisschen mehr kosten würde als zwei Seeschiffe. Er erzählte, dass sich Rotary verstärkt im Gesundheitswesen engagieren möchte. Und dann kam die Frage: ob es Krankheiten gebe, deren Ausrottung John Sever für realistisch halte?
Sever erbat sich damals Bedenkzeit – und rief einen befreundeten Wissenschaftler an, Albert Sabin, den Mann, der in den Fünfzigerjahren die Polio-Schluckimpfung entwickelt hatte, die es möglich machte, Kinder ohne Nadelstich vor dem Virus zu schützen. Gerade einmal vier Cent kostete eine Dosis, zwei süße Tropfen.
In diesem Jahr, 1979, hatten die großen Industrienationen Polio schon fast vollständig zurückgedrängt, doch in den Entwicklungsländern wütete es weiter. Ein Virus, das zu blanker Panik in der Bevölkerung geführt hatte, in Deutschland, den USA, Frankreich, Schweden. Das Kinder, eben noch kerngesund, innerhalb weniger Tage zu Krüppeln machte, Tausende in die Eiserne Lunge gezwungen hatte, jene Unterdruckkammern, in denen Patienten lagen, um nicht qualvoll zu ersticken. Es hat Menschen gegeben, die harrten 30 Jahre so aus, bevor sie doch am Virus starben.
Ein scheußlicher Erreger – aber mit einem Schwachpunkt: Polio kann sich nur im Menschen vermehren, nicht in Tieren. In der freien Natur besteht es etwa zwei Tage. Also kann Polio verschwinden, wenn man jeden Menschen weltweit impft, bis das Virus keinen Wirt mehr findet. Eine großartige Chance, eine irrwitzige Herausforderung: alle Menschen impfen.
Heute, 2015, sagt John Sever, der Mann, der damals im US-Gesundheitsministerium arbeitete: "Meine Empfehlung war klar. Wenn es möglich sein sollte, ein weiteres Virus auszurotten, dann musste es Polio sein." Und so war es am Anfang noch keine Regierung und kein Staatenbund, die das Ziel fassten, Polio auszurotten. Sondern ein privater Klub reicher Menschen namens Rotary, mit einer großen Idee.
Auch wegen der Bedenken über die Größe der Aufgabe dauert es noch weitere neun Jahre, bis die WHO im Mai 1988 die Resolution WHA41.28 erlässt: die Ausrottung des Polio-Virus, weltweit. Dazu wird die "Global Polio Eradication Initiative" gegründet, ein Zusammenschluss aus Rotary, der WHO, dem Kinderhilfswerk Unicef und der US-amerikanischen Gesundheitsbehörde CDC. Es ist einer der größten internationalen Zusammenschlüsse öffentlicher und privater Partner in der Geschichte der Seuchenbekämpfung.
Im Jahr null der globalen Polio-Ausrottung, 1988, haben 350 000 Menschen in 125 Ländern Kinderlähmung. Weil man schätzt, dass pro Erkrankten rund 200 Menschen mit dem Virus in Kontakt gekommen sind, ohne selbst zu erkranken, liegen die tatsächlichen Infektionszahlen 1988 viel höher – bei etwa 70 Millionen. Eine Zahl, die in den folgenden Jahren rapide sinkt. Bereits 1994 meldet die WHO Nord- und Südamerika als poliofrei. 1997 Australien, große Teile Südostasiens. 1998 Europa. Selbst China hat seit dem Jahr 2000 keinen Polio-Fall mehr registriert.
Von ursprünglich 125 Ländern waren bis zur Erkrankung des indischen Mädchens Rukhsar Khatoon nur vier Länder daran gescheitert, die Kinderlähmung auszutilgen: Pakistan, Afghanistan, Nigeria – und Indien. Ein Land, das immer als Schicksalsort im Krieg gegen Polio galt, als das Land der kriegsentscheidenden Schlacht.
Denn Resolutionen der WHO sind nichts weiter als ein Versprechen. Rechtlich bindend können sie angesichts der Größe der Aufgaben nicht sein. Die indische Regierung braucht sieben Jahre, bis sie 1995 beschließt, ihren Teil des Versprechens vollständig einzulösen. Damals zählt das Land noch 3142 Polio-Neuerkrankungen mit Symptomen und knapp 630 000 Infektionen – etwa die Hälfte der Polio-Fälle weltweit. Eine globale Bedrohung, denn jeder Reisende aus Indien konnte das Virus theoretisch in sich tragen. Immer wieder kam es vereinzelt zu Polio-Ausbrüchen in Ländern, die schon frei vom Virus waren. In Kriegsgebieten, wo die Impfquote gesunken war, aber auch beispielsweise einmal in den Niederlanden – in einer Gruppe von Impfverweigerern. Jedes Mal war das Virus eingeschleppt worden, und oft konnte gezeigt werden, dass es aus Indien stammte.
Als die indische Regierung nach Rukhsars Infektion die Urkunde mit dem Siegel "poliofrei" überreicht bekommt, bedeutet das: Endspurt im globalen Anti-Polio-Kampf. Und: weiterzittern. Denn das Nachbarland Pakistan bekommt seine Polio-Ausbrüche nicht in den Griff.
Für Rudolf Tangermann, Polio-Jäger der ersten Stunde, ist das, was dort in Pakistan passiert: rot. Er demonstriert es an seinem Computer in Genf, dem Hauptsitz der WHO in der Schweiz. Die Kommandozentrale im Krieg gegen Polio liegt hier, etwas versteckt, einmal um das WHO-Hauptgebäude herum, wo der Äskulapstab menschengroß am Eingang prangt.
Tangermann hat eine Weltkarte aufgerufen, eine Auswahlmaske geöffnet, in einem Suchfenster erst "Pakistan" und dann "Wild Virus" angeklickt. Pakistan füllt sich mit roten Punkten. Jeder Punkt ein Polio-Fall. Dann hat er "Indien" angeklickt, und es verändert sich: nichts.
Rudolf Tangermann, ein großer Typ mit Dreitagebart, Strickjacke und Baggy-Hose, ein deutscher Kinderarzt, ist seit 1992 dabei. Eben war er in Atlanta, um Mitarbeiter aus der ganzen Welt für den Kampf gegen das Virus auszubilden. Sie sind so nah dran am Triumph. Aber oft musste das Zieldatum der endgültigen Ausrottung in den letzten Jahren verschoben werden.
Zwei von drei existenten Polio-Stämmen haben sie schon erledigt, der dritte, der letzte, ist wegen seiner Beschaffenheit die größte Herausforderung. Weil das Virus sich veränderte und die Impfung nachgebessert werden musste.
Der "Endgame-Strategic-Plan" der WHO sieht nun eine Ausrottung bis zum Jahr 2018 vor. Wenn Tangermann darüber spricht, sucht er oft nach deutschen Worten. Er sagt dann: "Impfen ist good, aber die surveillance ist der Schlüssel." Er meint: Natürlich ist es wichtig, alle Kinder zu impfen. Aber wenn man nicht weiß, wer geimpft ist, wenn man nicht weiß, wo sich das Virus aufhält, kann man sich den Aufwand sparen. Dann herrscht Chaos.
"Polio sieht in jedem Land anders aus", sagt Tangermann, ja, sogar in jeder Region. Ein pakistanisches Polio sei anders aufgebaut als ein nigerianisches oder ein russisches. "Während der Fußballweltmeisterschaft in Brasilien konnten wir nachweisen, dass auf einer brasilianischen Toilette sich ein mit Polio infizierter Mensch aus Äquatorialguinea entleert hatte. Das ist schon crazy."
Und dann eilt er vorbei: Hamid Jafari, der Mann, der vor vier Jahren im Untergeschoss eines Tennisklubs in Delhi die richtigen Entscheidungen getroffen hat. Heute arbeitet Jafari als Chef der globalen Polio-Ausrottungskampagne in Genf.
Jafari, ein gedrungener Mensch, versteckt in einem karierten Jackett mit dicken Schulterpolstern, ein bisschen sieht er aus wie ein pakistanischer Sherlock Holmes. Jetzt läuft er schnellen Schrittes über quietschendes Linoleum. Vorbei an Tangermanns Büro, vorbei an wandfüllenden Pinnwänden, vollgepackt mit Fotos von Kindern im Rollstuhl, Kindern am Stock oder kriechend auf staubigem Boden. Dazwischen grelle Flyer und Plakate: "End Polio now!" "Every last child!" Und Zettel, auf denen "INDIA 000" geschrieben steht. Stolz, gedruckt auf DIN A4.
Später sitzen Tangermann und Jafari gemeinsam im Polio Operation Room. Mittwochvormittag. Polio-Lagebesprechung. Im Raum: Logistiker, Mediziner, Statistiker, Biologen. Allein 80 Menschen arbeiten in Genf an der Ausrottung von Polio. Viele von ihnen sind während des Kampfes grau geworden. Sie schauen auf eine Weltkarte, an die Wand projiziert. Das Horn von Afrika, Somalia, Südsudan. Tangermann klickt durch die Krisenherde dieser Welt. Auf Länder, bei denen kein einziger roter Punkt mehr leuchtet. Madagaskar, Russland, Südafrika. Zero cases, zero cases, zero cases.
Nigeria, unauffällig. Seit einem Jahr gibt es dort keinen Fall mehr. Wenn es weitere zwei Jahre durchhält, dann wäre auch Afrika poliofrei, der ganze Kontinent.
Dennoch, sagt Hamid Jafari, der Wettlauf sei noch nicht vorbei; solange das Virus noch auf der Erde existiert, und zwar direkt an Indiens Grenzen, bleibt das Megaland eine Gefahr. In Indien werden im Jahr etwa 25 Millionen Kinder geboren, die alle geimpft werden müssen.
Deshalb steht, dort in Indien, ein Arzt der WHO, Rajesh Kumar Badgal, im Gemeinschaftsraum eines Gesundheitszentrums in der Nähe von Delhi. Der Raum ist feucht, kaum größer als ein Zugwaggon, auf drei Teppichen sitzen 35 Frauen. Rajesh Kumar Badgal, ein breiter Kerl mit Schiebermütze und Boxernase, ruft: "Gibt es noch Polio in unserem Land?"
Zu Wort kommt eine junge Frau: "Nein!"
"Warum impfen wir trotzdem noch?"
Hände schießen in die Höhe.
"Weil es wiederkommen kann!"
"Was ist das leichteste Ziel des Virus?"
"Neugeborene Babys!"
"Und wie überträgt es sich?"
Die Frauen kichern. Eine hebt den Arm: "Mal." Kacke.
Kumar Badgal ist zufrieden. Er muss sich darauf verlassen können, dass die Frauen die Antworten auf solche Fragen kennen. Fragen, die ihnen in den nächsten Tage zu Hunderten gestellt werden. Während der nationalen Impfwoche, die noch zweimal im Jahr in Indien stattfindet.
170 Millionen Impfdosen müssen in dieser einen Woche verteilt werden. Hundertsiebzig Millionen. In den großen Metropolen, in den Dörfern, Kleinstädten, in Slums, in den hintersten Berggemeinden, zu denen keine Straße mehr führt.
Und deshalb sind die Frauen heute hier. Viele von ihnen haben nie eine Schule besucht. Jetzt hören sie einen Vortrag über Immunisierung, Antikörper und Epidemien. Lernen Fragen auswendig, üben Rollenspiele.
Immer wieder lässt Rajesh Kumar Badgal sie das Ausfüllen der Meldezettel üben: Hausnummer, Name des Vaters, Grund der Abwesenheit. Gibt es Impfverweigerer im Haus? Gelähmte Kinder? Welche Kinder fehlen? Und wo sind sie jetzt?
"Das hier ist eine Win-win-Situation", sagt Kumar Badgal. Die Frauen würden oft den ganzen Tag im Haus sitzen, viele verlassen es nur, um auf den Markt oder in den Tempel zu gehen. Für sie sind die Impftage die Chance rauszugehen. Ein kleines Abenteuer zu erleben. Eine Frau sagt, dass Indien poliofrei ist, sei der größte Erfolg ihres Lebens.
Später sitzt der Arzt und Lehrer Kumar Badgal ein paar Straßen weiter mit einer Gruppe Männer auf Holzstühlen in einem dämmrigen Raum. Regen hat die Straßen im Ort zu einer Schlammlandschaft gemacht, durch die müllfressende Kühe und abgemagerte Hühner ziehen, zwischen Kindern, barfuß im indischen Winter. Vorbesprechung der Impfwoche: Ein Mitarbeiter von Unicef, außerdem der Chef des Dorfes, dazu ein Imam und Kumar Badgal selbst sind da. Draußen steht eine Gruppe Schaulustiger im Regen. Drinnen sitzen sie zusammen, trinken warmen Milchtee, während Kumar Badgal zur Begrüßung ein Schreiben der WHO verteilt. Darauf wird bestätigt, dass Indien immer noch poliofrei ist. Die Männer klatschen. Dann sagt der Dorfchef, dass ein Vater wünsche, noch einmal mit dem Imam zu sprechen, ehe er die Impfung akzeptieren würde. Der Imam nickt. Seit 15 Jahren ist er im Kampf gegen Polio dabei.
Er sagt: "Wir Muslime wollten unsere Kinder nicht impfen lassen. Wir haben gedacht, wenn etwas süß ist, dann kann es nur vom Feind kommen." Er selbst habe das auch geglaubt, räumt er ein. Bis zu dem Tag, als ein Arzt von Unicef in sein Haus kam. Kein Hindu, sondern ein Muslim, so wie er selbst. Der nahm ihn mit zu einem Vortrag nach Delhi, zusammen mit anderen Imamen. Dort wurden ihnen Kinder vorgeführt, mit Eisenschienen an den Beinen. Junge Erwachsene, die erzählten, noch nie auf eigenen Beinen gestanden zu haben. Der Imam sagt, natürlich habe er schon vorher in den Straßen behinderte Kinder gesehen. Doch erst als eine Gruppe Muslime den eigenen Kindern auf der Bühne die Tropfen gaben – da erst sei er von der Impfung überzeugt gewesen.
Von nun an begleitete er Impftrupps, beruhigte muslimische Väter, sagte ihnen, dass ihre Kinder nicht unfruchtbar würden durch die Tropfen. Seit 15 Jahren wird er geholt, wenn ein Muslim die Impfung verweigert. Er nennt es "eine Ehre, dabei sein zu dürfen". Doch jetzt habe er im Fernsehen gesehen, dass sie in Pakistan Impfhelfer erschießen. Er sagt: "Ich will mir unseren Erfolg nicht von Pakistan kaputt machen lassen."
Auch im schweizerischen Genf schauen sie angespannt auf diese Länder, auf Afghanistan und Pakistan. Rot. Rot. Obwohl sie jetzt sogar an den Grenzübergängen impfen. Afghanistan sei nicht das Problem, sagt Rudolf Tangermann, dessen Fälle seien nämlich oft aus Pakistan eingeschleppt.
Tangermann ist ein ruhiger Typ, der nicht gern von Heldentaten erzählt. Es gibt aber Bilder von ihm, da steht er mit kugelsicherer Weste mitten im südafghanischen Nirgendwo. Einmal fiel eine Bombe in das Nachbarzimmer seines Hotels. Später flog das Auto eines Kollegen in die Luft.
Der Kampf gegen Polio habe viele Leben gefordert, sagt Hamid Jafari. Nicht nur durch das Virus selbst. Helfer starben in wilden Flüssen auf dem Weg zu abgelegenen Häusern, wurden von Krokodilen getötet. Oder sie ließen ihr Leben bei der Impfung in Kriegsgebieten.
Seit 2000 gibt es den "Polio Eradication Heroes Fund". Er unterstützt Hinterbliebene finanziell. Wenn Hamid Jafari erklären möchte, wieso sich der Kampf lohnt, erzählt er davon, wie er am Anfang der Impfprogramme in die Slums von Indien gegangen sei. Ein Kind kroch auf dem Boden, deformiert von Polio. Ein Begleiter von Jafari fragte die Mutter: "Wie heißt dein Sohn?" Die Frau antwortete: "Der da? Dem haben wir keinen Namen gegeben." Und darauf, sagt Jafari, könne man eben nichts mehr sagen, nur noch tun. Er soll jetzt dafür sorgen, dass der Kampf gegen Polio-Impfungen in Pakistan beendet wird. Mit den Taliban verhandeln, auch wenn er das nicht offen zugeben möchte. Für den gebürtigen Pakistaner Hamid Jafari ist es ein Endspiel im eigenen Land.
In Indien bewahrt Abdul Shah, der Vater der letzten Polio-Patientin Rukhsar, seine Hoffnung in einem Wandschrank auf. Ein zerknittertes Schreiben von Rotary. Er hat einen Nachbarn gebeten, es ihm vorzulesen. Der Nachbar las: "Lieber Herr Shah, Rotary verspricht Ihnen, dass Rukhsar die bestmögliche Ausbildung erhalten wird – bis zu dem Studienabschluss, den sie sich wünscht."
Der Feldweg, der zu Rukhsar Khatoon und ihrer Familie führt, schlängelt sich an Reisfeldern vorbei, an Heu- und Strohballen, gackernden Hühnern und sanft plätschernden Bächen, 40 Minuten Fußweg.
Es ist ein ruhiger Ort, an dem das Polio-Virus seinen allerletzten Wirt in Indien fand. Viele Menschen sind diesen Weg zu Rukhsars Haus gegangen; Politiker, Polio-Kämpfer, Schaulustige, Kamerateams. Sie alle wollten das Mädchen sehen, das zur Sackgasse für das Virus wurde. Das Kind, das dem Kampf gegen Polio in Indien ein Gesicht gegeben hat.
Abdul Shah hat Plastikstühle vor seine Hütte gestellt und Kekse auf einen angeschlagenen Porzellanteller gelegt. Ein routinierter Gastgeber in einer Gegend, in die vor Rukhsars Erkrankung eigentlich kaum Besucher kamen.
Sie ist jetzt fünf Jahre alt, ein zierliches Kind mit ernstem Blick, das kaum spricht. Wenn Fremde kommen, rufen die Nachbarskinder: "Rukhsar, sie kommen, um dich abzuholen!" Dann weint Rukhsar, weil sie Angst hat, dass das stimmen könnte. Abdul Shah entschuldigt sich dafür. Es sei schon alles etwas viel gewesen. Rukhsar bekam nach ihrer Infektion eine Spezialbehandlung in einem großen Krankenhaus; mit Physiotherapie und Massagen. Im Netz gibt es Fotos aus dieser Zeit. Rukhsar auf dem Schoß ihrer Mutter, auf der Stirn ein schwarzer Punkt, der Böses fernhalten soll. Und in Abdul Shahs Haus kamen danach so viele Menschen, dass er nicht genügend Stühle für alle hatte.
Seine Tochter könne immer noch keine weiten Strecken laufen, sagt er, aber die Lähmung sei vollständig zurückgegangen. Rukhsars Großvater sagt: "Meine Enkelin ist wie der Mount Everest. Leute kommen hierher, schießen ein Foto mit ihr und gehen wieder." Rukhsar ist jetzt ein Beweisstück, eine Sehenswürdigkeit.
Als das Land im März 2014 offiziell für poliofrei erklärt wurde, erschien ein Schneider im Dorf. Er nahm Maße von Rukhsar und ihren Eltern, kleidete sie neu ein. Dann fuhren sie nach Delhi, in einem Schnellzug mit Klimaanlage, und wurden einen ganzen Tag lang wie Touristen durch die Stadt kutschiert. Am zweiten Tag wurden sie zu der Veranstaltung gebracht, auf der die Regierung Indiens die Urkunde "poliofrei" überreicht bekommen sollte.
Vertreter von Rotary waren da, von Unicef, der WHO. Shah erkannte den Bollywood-Star Salman Khan. Es gab ein Buffet, von dem Shah sagt, er habe noch nie so viel Speisen auf einmal gesehen und trotzdem nur einen Teller Hühnchen für die ganze Familie genommen. Ständig kamen Leute an seinen Tisch, sie streichelten über Rukhsars Kopf, sie schenkten ihr ein paar Rupien. Dann wurde die Familie auf eine Bühne gebeten, und Abdul schüttelte die Hand eines Mannes, der ihn fragte: "Abdul, wieso hattest du dein Kind nicht geimpft?" Später sagten sie ihm, dass das der Präsident Indiens gewesen sei. Abdul Shah schämte sich.
Heute findet er, dass die Besuche der Fremden, der Journalisten, der Politiker und Ärzte, eine Strafe seien; eine Heimsuchung, aber eine, die er verdient habe. Er sagt: "Ich habe einen großen Fehler gemacht, weil ich meine Tochter nicht habe impfen lassen." Dafür will Abdul Shah Buße tun. Jedes Mal, wenn Polio-Kampagnen in Indien stattfinden, fährt er nach Kalkutta und eröffnet die landesweiten Impftage. Gibt öffentlich die ersten Tropfen und lässt sich mit Rukhsar fotografieren. Er ist berühmt geworden, weil er seine Tochter nicht geimpft hat. Manchmal, sagt er, fühle er sich wie ein Idiot.
Von Pasquet, Vivian

DER SPIEGEL 36/2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 36/2015
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Hoffnung:
Ein süßer Sieg