29.08.2015

EsoterikPillen aus der Hexenküche

Eine Deutsche stirbt fast an einer Quecksilbervergiftung – nach einer Ayurveda-Therapie. Das Schwermetall gilt in der indischen Heilslehre als Medizin.
Die Behandlung erschien der Frau aus Hamburg wie geschaffen, um ihren Körper zu reinigen. In einem Kurhotel im Süden Sri Lankas, oberhalb einer Meeresbucht mit Sandstrand, ließ sie sich nach traditionellen Ayurveda-Ritualen Ölmassagen, Kräuterbäder und Schwitzanwendungen verabreichen. Auch verzehrte sie Kost, die ihr "Verdauungsfeuer" ("Agni") anfachte. Auf diese Weise sollten Giftstoffe und Ablagerungen ("Ama") gelöst und ausgeschieden werden.
Die Hamburgerin war nicht der einzige Gast aus Deutschland. Das Hotel wird von einer deutschen Ayurveda-Therapeutin geleitet, die nicht nur mit einer Behandlung nach der indischen Heilslehre wirbt, sondern auch mit sauberen Zimmern. So lockt sie viele Landsleute an den Ort, der manchen Besuchern wie das Paradies vorkommt.
Auch die Hamburgerin war begeistert. Gegen Ende der einwöchigen Behandlung bekam sie verschiedene Ayurveda-Medikamente verschrieben, darunter Kügelchen, die aussahen wie schwarze Pfefferkörner. Davon sollte sie viele Wochen lang jeden Tag sechs Stück nehmen – was sie dann auch tat.
Jetzt liegt die Frau in der Asklepios Klinik Barmbek in Hamburg. Mit aufgerissenen Augen schaut sie den Besucher an. Ihr Gesicht ist zerfurcht. Sie ist 55 Jahre alt, sieht aber älter aus. Sie ist von 68 auf 52 Kilogramm abgemagert. Der rechte Fuß wackelt unkontrolliert. Die Frau war wochenlang völlig verwirrt, aber inzwischen weiß sie, was mit ihr geschehen ist. Sie sagt: "Es ist ein Schock, dass ich Gift eingenommen habe."
Die Ayurveda-Medikamente haben ihren Körper keineswegs gesäubert – sondern mit Schwermetallen verseucht. Das haben Mitarbeiter des Hamburger Zentralinstituts für Arbeitsmedizin und Maritime Medizin herausgefunden, als sie die schwarzen Kügelchen untersuchten. Zunächst streikte ihr Analysegerät, weil die Probe extrem hohe Konzentrationen aufwies. Erst durch Verdünnen und Nachjustieren konnten die Laboranten den Wert bestimmen: Der Quecksilbergehalt der ayurvedischen Globuli liegt um das 566 110-Fache über der zulässigen Norm.
"Das ist Rekord", sagt Tobias Meyer, Chefarzt der Nephrologie der Klinik Barmbek, der die vergiftete Frau behandelt. Auf einem Tisch breitet er Tütchen aus, die sie aus Sri Lanka mitgebracht hat. Die Analyse hat ergeben: Die vier verschiedenen Ayurveda-Medikamente sind allesamt mit Quecksilber und Blei belastet. Ein weiteres Mittel zur Darmreinigung ("Triphala") hat die Hamburgerin sich von Deutschland aus übers Internet besorgt; auch darin ist der Quecksilbergehalt erhöht, aber nur leicht.
Meyer, 47, hat ausgerechnet, dass seine Patientin 426 der schwarzen Kügelchen geschluckt hat. "Wenn so ein Ding ein Gramm wiegt, dann hat sie 213 Gramm Quecksilber eingenommen." Meyer schüttelt den Kopf. "Damit können Sie einen Menschen umbringen. Die Frau kann froh sein, dass sie noch lebt."
Das Schicksal der Hamburgerin wirft einen Schatten auf das Ayurveda, das in Indien von Millionen praktiziert wird und auch in der westlichen Welt viele Anhänger hat. Neben Massagen, Ölgüssen, Meditationen, Ingwerwasser, Getreidebrei gehören zu der traditionellen Lehre auch Medikamente, die aus Arzneipflanzen, Edelsteinen, Mineralien und Schwermetallen hergestellt werden.
Die Mittel gelten in Deutschland oftmals als Nahrungsergänzung und sind nur schwer zu kontrollieren. Den ayurvedischen Alchimisten zufolge sollen diese Mixturen ("Rasa Shastra") ungefährlich sein, doch schon früher ist es zu Vergiftungen gekommen.
Vor einiger Zeit berichteten Ärzte in Stuttgart über eine 60-jährige Frau, die mit Verstopfung, Erbrechen, Übelkeit und Schmerzen am Kiefer ins Krankenhaus kam. Gegen ihr Rheuma hatte sie mehr als sieben Monate lang Weihrauchpillen aus Indien genommen – und diese waren voller Blei gewesen, wie die nachträgliche Analyse ergab.
In den USA haben Ärzte über 25 Websites 193 verschiedene Ayurveda-Medikamente gekauft und analysiert: Mehr als 20 Prozent aller Mittel waren mit Blei, Quecksilber oder Arsen belastet. "Befürworter des Ayurveda in Indien behaupten, dass Rasa-Shastra-Medikamente seit Jahrtausenden wirksam und sicher eingesetzt werden", schreiben die Ärzte im Fachblatt "Jama". "Doch viele Konsumenten ayurvedischer Medizin dürften unerkannte, fehldiagnostizierte oder subklinische Metallvergiftungen haben."
Von dieser Hexenküche ahnen die Menschen nichts, wenn sie zum Ayurveda-Therapeuten gehen. Die 55-Jährige aus Hamburg wurde als "Vata"-Typ eingestuft, als nervöser Mensch mit einem Hang zu Ängsten. Und genau dagegen sollten die schwarzen Kügelchen helfen.
Doch je länger die Hamburgerin diese schluckte, desto aufgescheuchter wurde sie. Die Augenlider zuckten, die Hände zitterten, sie sah Doppelbilder – Symptome einer Schwermetallvergiftung.
Das vermeintliche Medikament ruinierte also die Nerven der Hamburgerin. Doch sie schlich die Kügelchen deshalb nicht wie geplant aus, sondern nahm weiter die maximale Dosis, um ihre Nerven endlich zu beruhigen.
Anfang Juli brach die Hamburgerin zusammen und kam mit einem Rettungswagen ins Klinikum Barmbek. Die Ärzte stellten einen niedrigen Natriumspiegel fest. Das ist mitunter ein Hinweis auf einen Tumor im Körper.
Und da die Patientin früher einmal an Schilddrüsenkrebs erkrankt war, glaubten die Ärzte, der Tumor sei zurückgekehrt. "Wir haben alles gemacht, um einen Krebs zu finden – aber sie hat keinen", sagt Meyer. "Da war uns klar: Wir müssen etwas finden, das uns nicht bekannt ist."
Meyer veranlasste einen Bluttest – der dann die abnorm hohen Schwermetallwerte offenbarte. Wo das Blei und das Quecksilber herkamen, wurde klar, nachdem der Ehemann die Ayurveda-Kügelchen von zu Hause mitgebracht hatte und diese analysiert worden waren.
Meyer und seine Kollegen geben der Frau seither Mittel, welche die Schwermetalle allmählich aus dem Körper herausschwemmen. Ihren Beruf als Finanzbeamtin kann die Hamburgerin wohl nicht mehr ausüben, auf unbestimmte Zeit wird sie in einem Rehabilitationszentrum für Menschen mit neurologischen Schäden bleiben müssen. Eine Prognose fällt den Ärzten schwer, weil ein Fall mit derart extremer, gleichzeitiger Blei- und Quecksilbervergiftung in der westlichen Medizin noch nicht beschrieben ist.
Die deutsche Ayurveda-Therapeutin in Sri Lanka kann sich die gefährlichen Schwermetallwerte nicht erklären. Die von ihr verschriebenen Präparate beziehe sie überwiegend von einer namhaften Ayurveda-Firma, mit deren Mitarbeitern sie sich alsbald treffen wolle, sagte sie dem SPIEGEL. "Natürlich haben wir jegliche Gabe von Medizin einstweilen gestoppt und alle von uns angewendeten Medizinen zum Labor gebracht."
Von Jörg Blech

DER SPIEGEL 36/2015
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