29.08.2015

Theater Aus der Schatulle des Feindes

Wie gefährlich ist Lesen? Die Berliner Gruppe Rimini Protokoll will das anhand von Adolf Hitlers „Mein Kampf“ ermitteln.
Alon Kraus, ein Mann mit kurzen dunklen Haaren, schmaler Brille und kräftigem Körperbau, sitzt auf der Bühne und liest etwas auf Hebräisch vor. Seine Stimme ist ruhig, er spricht in gleichmäßigem Rhythmus, man hört ihm gern zu. Das Wort "Oktober" ist zu verstehen. Was liest er da? Kindheitserinnerungen? Einen Reisebericht?
Dann trägt ein Zweiter die Stelle vor, auf Deutsch: Es geht um eine Schlacht im Ersten Weltkrieg in Flandern, im Oktober 1917. Der Autor ist Adolf Hitler, die Textstelle aus dem ersten Band von "Mein Kampf".
Der Israeli Alon Kraus, 44, ist einer von sechs Protagonisten im neuen Stück der Berliner Theatergruppe Rimini Protokoll. "Adolf Hitler: Mein Kampf, Band 1 & 2" heißt es. Ein Stück über ein Buch? Und ausgerechnet über dieses, das weggesperrte, verteufelte? Hitler ist 70 Jahre tot, am 1. Januar 2016 laufen die Urheberrechte seines Werkes aus. "Wir haben die Diskussion darum, wie man in Zukunft mit dem Buch umgeht, zum Anlass für unser Stück genommen", sagt Helgard Haug, die gemeinsam mit ihrem Kollegen Daniel Wetzel bei "Mein Kampf" Regie führt. Ihre Absicht sei gewesen, "erst mal mit der größtmöglichen Offenheit in das Buch reinzugucken und herauszufinden, warum es eigentlich so ein Mythos ist", sagt die Regisseurin. "Immer wird behauptet, das Buch sei unlesbar, aber stimmt das überhaupt?"
Haug und Wetzel sitzen mit einem Teil ihres Teams vor einer Kneipe in der herausgeputzten Altstadt von Weimar. Am nächsten Tag beginnt die Endphase der Proben zu "Mein Kampf". Am 3. September ist die Uraufführung im Rahmen des "Kunstfestes Weimar".
Die Stadt ist mit Bedacht gewählt; sie gehörte zu Hitlers Lieblingsstädten. Auch deshalb wollte der Intendant des koproduzierenden Nationaltheaters Weimar eine Auseinandersetzung mit der "braunen Bibel", die in Deutschland zwar nicht verboten ist, aber wegen des Urheberrechts, das beim Freistaat Bayern liegt, nicht mehr gedruckt werden darf. Nach Weimar ist die Produktion in Graz, München, Zürich, Mannheim, Berlin und in Athen zu sehen. Rimini Protokoll ist eine feste Größe im internationalen Theater- und Festivalbetrieb.
Die Frage, welcher Umgang mit "Mein Kampf" der richtige ist, wird auch im Stück diskutiert. Auf Rimini-typische Art spielen die Darsteller aber nicht die Debatte im Bayerischen Landtag nach, sondern eine aus der Knesset, dem israelischen Parlament, von 1995. Ein Abgeordneter weigert sich, den Titel des Buchs überhaupt zu nennen. Ein anderer, Professor an der Universität in Jerusalem, ist für die Übersetzung von "Mein Kampf" ins Hebräische, weil sie als Quelle für Studenten der Geschichte wichtig sei. Ein Dritter sagt, "wir sollten nicht noch Werbung machen für eine der größten Gräueltaten der Menschheitsgeschichte".
Ein Universitätsverlag hat "Mein Kampf" schließlich in Israel herausgebracht, in einer Auflage von 500 Stück. Eines dieser Exemplare hat sich Alon Kraus in Jerusalem gekauft. Kraus, dessen jüdische Großeltern väterlicherseits 1939 von Wien nach China flohen und so den Holocaust überlebten, hat Hitlers Hetzschrift als 23-Jähriger zum ersten Mal gelesen, auf Englisch.
Auf der Bühne erzählt er, wie ihm Hitlers Klage, die "um sich greifende Halbheit" sei eine Folge von "Unsicherheit" und "Feigheit", über eine Schreibblockade hinweggeholfen habe. Nach dieser Lektüre habe er es endlich geschafft, seine Seminararbeiten zu beenden. "Alon hat sich Energie aus der Schatulle des Feindes geholt", sagt der Regisseur Daniel Wetzel.
Die Stücke von Rimini Protokoll leben von Menschen wie Alon Kraus. Die persönliche, oft verquere Beziehung zu einem Thema ist für die Theatermacher das Entscheidende bei der Auswahl ihrer Darsteller, die keine Profischauspieler, sondern "Experten des Alltags" sind, im Gegensatz zu den Experten, die sonst überall zu Wort kommen. "Wir wollen kein Guido-Knopp-Geschichtsfernsehen", sagt Wetzel.
Wenn bei ihnen ein Wissenschaftler auf der Bühne steht, geht es immer auch um seine persönliche Perspektive auf das Thema. Die Berichte und Anekdoten aus dem wahren Leben verdichten Wetzel und Haug erst während des Probenprozesses zu einem Stück. Widersprüche sind erlaubt, der Denkvorgang soll sichtbar bleiben. Rimini Protokoll – ein Label, unter dem Haug, Wetzel und ihr Kollege Stefan Kaegi seit 2002 arbeiten, mal gemeinsam, mal getrennt – haben diese neue Theaterform, eine Mischung aus Dokumentartheater und Performance, erfunden und damit das Theater der Gegenwart geprägt; mittlerweile haben sie viele Nachahmer.
Die Gruppe hat schon einmal ein Buch auf die Bühne gebracht, das, so sagt es Wetzel, "jeder kennt, aber kaum einer gelesen hat": Karl Marx' "Das Kapital". 2007 bekamen sie dafür viel Kritikerlob und den Mülheimer Dramatikerpreis. Es gab aber auch ein paar Stimmen, denen die extrem subjektive Herangehensweise zu verspielt war.
"Das Kapital" spielte vor einer riesigen Bücherwand, neben dicken Wälzern stand da eine Marx-Büste und anderer sozialistischer Nippes, in manche Fächer konnten sich die Darsteller auch reinsetzen. Dieses Regal haben Haug und Wetzel jetzt aus dem Depot gezogen und für "Adolf Hitler: Mein Kampf, Band 1 & 2" wieder auf die Bühne gestellt, allerdings mit der Rückseite nach vorn.
"Mein Kampf" sozusagen als das Gegenstück zu "Das Kapital". Es sind die beiden Bücher, die mit ihrer jeweiligen Ideologie das 20. Jahrhundert in Europa geprägt haben. Der Rimini-Mann Wetzel allerdings behauptet, sie wollten gar keinen direkten Bezug zwischen den Büchern herstellen, sondern hätten auf diese Art schlicht die Frage umgangen, "was ein adäquates Bühnenbild für ,Mein Kampf' wäre". Das Tabu, mit dem das Buch behaftet ist, können auch sie nicht so einfach abschütteln. "Die Rückseite des Regals mit all seinen Verstrebungen und Beschriftungen ist einfach ein Unort."
Vor der Bücherwand steht bei der Probe am Morgen in Weimar Sibylla Flügge. Die Juraprofessorin, 65, erzählt ihre Geschichte: Als 14-Jährige entdeckte sie "Mein Kampf" zufällig bei einem fliegenden Händler auf der Straße, kaufte es sich und las es, um zu verstehen, was in der Zeit des Dritten Reichs passiert war. Um das Buch wirklich zu durchdringen, schrieb sie die wichtigsten Sätze auf einer Schreibmaschine ab.
Dieses Exzerpt, eingebunden in eine handbemalte Mappe mit der Aufschrift: "Adolf Hitler: Mein Kampf", schenkte sie ihren Eltern stolz zu Weihnachten. Während sie ihren Text auf der Bühne aufsagt, spielt im Hintergrund dazu auf einem alten tragbaren Plattenspieler "Stille Nacht". Flügge sagt, das Buch sei nicht so unstrukturiert und wirr, wie immer behauptet werde, dann unterbricht sie irritiert: "Dieser Text und die Musik dazu, das ist furchtbar, wie Senf mit Eis", sagt sie. "Genau darum geht es!", ruft ihr Helgard Haug vom Regiepult aus zu.
Den Proben geht bei Rimini Protokoll immer eine aufwendige Recherche voraus. Trotzdem ist es oft Glückssache, die richtigen Leute zu finden. Flügge und ihre Mappe konnte nur ein Familienmitglied kennen – ihre Tochter ist eine Bekannte von Wetzel. Alon Kraus haben sie über einen Aufruf auf der Facebook-Seite "Israelis in Berlin" gefunden. Dort gab es jemanden, der Kraus beim Deutschkurs des Goethe-Instituts in Tel Aviv kennengelernt hatte. Der Jurist Kraus hatte ihm erzählt, dass ihn "Mein Kampf" gefangen halte, noch immer.
Kraus war natürlich bewusst, dass er in seinem Land mit seinem demonstrativen Interesse für das Buch provoziert, genau darum ging es ihm, gibt er heute zu.
In der Recherchephase hat das Team auch Othmar Plöckinger getroffen, einen der Experten, die seit Langem akribisch die kommentierte Ausgabe von "Mein Kampf" vorbereiten, die das Münchner Institut für Zeitgeschichte Anfang nächsten Jahres herausgeben will, und mit ihm bestimmte Stellen aus Hitlers Text diskutiert. Sie wollten ihn auch als Protagonisten gewinnen, aber Plöckinger war ihre Herangehensweise zu unwissenschaftlich.
Dabei haben beide das gleiche Anliegen: Sie wollen "Mein Kampf", dieses noch immer unheimliche Buch, entmystifizieren. Es ist ein aufklärerischer Impetus, der sie antreibt. Die offizielle Verbannung des Buchs habe seine Symbolkraft nur verstärkt, glaubt Wetzel. "Das hat dazu geführt, dass man das Gefühl hat, man infiziert sich sofort mit dem Gedankengut, wenn man nur reinliest", sagt Wetzel.
"Adolf Hitler: Mein Kampf, Band 1 & 2" ist nicht nur ein Theaterabend über den Einfluss einer Kampfschrift, sondern auch über die Gefährlichkeit des Lesens ganz allgemein. Welche Wirkungsmacht kann ein Buch haben?
Auf der Bühne stellen sich bei der ersten Probe nach der Sommerpause ganz andere Fragen. Wetzel muss Alon Kraus immer wieder daran erinnern, den hebräischen Text langsam vorzutragen und das Publikum nicht zu vergessen. "Wir machen hier ja doch Theater", ruft er seinem Darsteller zu.
Das, hatte er am Abend zuvor gesagt, bleibe das Dilemma des Abends: "Egal wie wir es machen: Wir geben diesem Buch eine Bühne."
Von Dürr, Anke

DER SPIEGEL 36/2015
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