DER SPIEGEL



Barbie statt Baukasten

Mädchen sind besser in der Schule - liegt das an der Biologie?

Die Lektüre eines statistischen Jahresberichts ließ dem Abgeordneten und altgedienten Studiendirektor Hans Kern keine Ruhe. Merkwürdiges hatte er darin entdeckt, zum Beispiel, daß der Mädchenanteil an Nordrhein-Westfalens Gymnasien deutlich über 50 Prozent liegt und schier unaufhaltsam steigt. Sollten etwa, begehrte er deshalb Anfang April in einer kleinen Anfrage an seine Landesregierung zu wissen, Mädchen am Ende intelligenter sein als Jungen? Läßt sich die weibliche Übermacht am Gymnasium gar biologisch oder genetisch erklären?

Nicht nur den Abgeordneten Kern treibt diese Frage um. Die Suche nach biologisch bedingten Unterschieden zwischen den Geschlechtern ist wieder salonfähig geworden, nachdem lange Zeit die feministisch geprägte Auffassung vorherrschte, eine mädchenhafte Neigung zu englischen Vokabeln und Barbiepuppen sei ebenso anerzogen wie die Vorliebe von Jungen für Mathe und Modellbaukästen.

Bei den üblichen Intelligenztests schneiden Frauen und Männer unter dem Strich praktisch gleich gut ab, dennoch zeigen sie unterschiedliche Stärken und Schwächen: Frauen verbuchen stets bessere Ergebnisse bei Aufgaben, die sprachliche Fähigkeiten erfordern; Männer punkten in der Disziplin des räumlichvisuellen Denkens. Untersuchungen an Schulen in verschiedenen Ländern ergaben denn auch, daß Jungen in Mathematik und Physik um bis zu ein Drittel bessere Noten erzielen als Mädchen, die wiederum in Sprachen besser abschneiden.

Der kleine Unterschied im Kopf wird vermutlich bereits im Mutterleib angelegt. Offenbar steuern während der Schwangerschaft Sexualhormone nicht nur die Entwicklung der Geschlechtsorgane, sondern auch die Arbeitsweise des Gehirns. Das weibliche Geschlechtshormon Östrogen scheint Sprachgeschick zu fördern - kurz vor dem Eisprung, wenn der Östrogenspiegel seinen Höchststand erreicht, sollen Frauen besonders eloquent sein. Männliches Testosteron hingegen begünstigt das räumliche Denken. Anders ausgedrückt: Dem brünstigen Mann fehlen zwar die Worte, doch kann er sich das Objekt seiner Begierde dreidimensional vorstellen.

Um derlei Phänomene genauer zu ergründen, sind Forscher tief in die Windungen des Frauen- respektive Männerhirns vorgedrungen. Tatsächlich förderten sie eine Reihe anatomischer Befunde zutage, die allerdings umstritten sind, denn meist fällt der Unterschied zwischen zwei Individuen viel größer aus als die durchschnittliche Differenz zwischen den Geschlechtern.

Als sicher gilt, daß Männer mehr Masse im Kopf haben - ihr Hirn bringt auch dann noch mehr auf die Waage, wenn man das höhere männliche Körpergewicht in Rechnung stellt. Bei dem Überhang von 100 bis 150 Gramm handelt es sich offenbar nicht bloß um Ballast - die Herren verfügen einer dänischen Studie zufolge über 16 Prozent mehr graue Zellen. Ausgleichende Gerechtigkeit: Das Männerhirn, beobachteten jüngst US-Forscher, schrumpft im Alter schneller.

Bei Frauen hingegen ist die Brücke zwischen den beiden Hirnhälften stärker ausgeprägt, der sogenannte Balken oder Corpus callosum. Er verbindet die linke, für analytisches Denken und Sprache zuständige Hemisphäre mit der rechten, in der Emotionen und Einfühlungsvermögen ihren Sitz haben. Womöglich, spekuliert die kanadische Neurologin Sandra Witelson, ticken Frauen anders, weil ihre Hirnhälften stärker vernetzt, Logik und Gefühl untrennbar verwoben sind.

Gestützt wird diese Hypothese durch Beobachtung des Hirns in Aktion. Moderne Abbildungsverfahren wie die Positronen-Emissionstomographie machen sichtbar, welche Teile des Denkorgans in bestimmten Situationen arbeiten. Aufsehen erregte ein Experiment des amerikanischen Forscherpaars Sally und Bennett Shaywitz, die ihre computerüberwachten Versuchspersonen Reimwörter aufspüren ließen. Ergebnis: Bei Frauen waren Areale in beiden Hirnhälften beschäftigt, bei Männern nur eine Region in der linken Hemisphäre.

Eine Überlegenheit des einen oder anderen Geschlechts mag Sally Shaywitz daraus nicht ableiten: "Das Gehirn kann auf vielen Wegen zum gleichen Resultat kommen."

[Grafiktext]

Schaltplan der Geschlechter Unterschiede in der Hirnanatomie von Männern und Frauen CORPUS CALLOSUM UND VORDERE KOMMISSUR Nervenbrücken zwischen den selbständigen Hirnhälften Beide Verbindungen sind bei Frauen stärker ausgeprägt. Zwischen ihren Hirnhälften können offenbar mehr Informationen aus- getauscht werden. SCHLÄFENLAPPEN enthält Zentren für die Verarbeitung von Sprache und Musik Bei Frauen ist diese Hirnregion mit mehr Ner- venzellen besetzt, möglicherweise können sie daher besser mit Sprache umgehen. HYPOTHALAMUS Schaltstelle für Regulationsvorgänge Der "präoptische Kern", Teil der Libido- Steuerung, ist bei Männern zweimal so groß. Bei Frauen ist der "suprachiasmatische Kern" länger. Der Taktgeber der inneren Uhr regu- liert zum Beispiel Blutdruck und Atmung. Männersprache - Frauensprache Bei der Verarbeitung von Sprache im Gehirn zeigen kernspintomographische Aufnahmen deutliche Unterschiede zwischen den Ge- schlechtern. Zur Lösung von Sprachaufgaben (z. B. Erken- nung von Reimen) wird bei den männlichen Versuchspersonen nur die linke Gehirnhälfte, bei den Frauen hingegen werden verschie- dene Areale in beiden Hirnhälften aktiv. Durchschnittswerte einer Versuchsreihe der Yale University

[GrafiktextEnde]


DER SPIEGEL 25/1999
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://corporate.spiegel.de finden Sie Angebote für die Nutzung von SPIEGEL-Content zur Informationsversorgung von Firmen, Organisationen, Bibliotheken und Journalisten.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 25/1999
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!


Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Bei Spodats erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Barbie statt Baukasten

Grafiken zum Text

TOP



TOP