05.09.2015

UnternehmenSchatten des Zweifels

Die IT-Schmiede SAP ist Schauplatz eines bizarren Wirtschaftskrimis. Ein ehemaliger interner Firmenprüfer behauptet, die Firma habe sich für ihre Software bei Ideen der Konkurrenz bedient. Der Konzern sieht sich als Opfer einer Erpressung.
Der Mann, der vor vier Jahren beim Softwarekonzern SAP anfing, könnte ein Held sein. Ein Aufklärer, der Missstände aufdeckt.
Er könnte auch das Gegenteil sein. Ein Antiheld. Ein Aufschneider, der sich und seinen Verdacht zu wichtig nimmt – und weniger an Aufklärung interessiert ist als an seinem persönlichen Vorteil. Der seinen Verdacht zumindest mittelbar einsetzt, um für sich ein paar Millionen Euro extra herauszuholen. Und dann zu Recht aus dem Unternehmen fliegt.
Was der Wahrheit entspricht, ist schwer zu sagen. Es ist wie bei einem Krimi, bei dem man in der Mitte angekommen ist. Mal erscheint einem die Tat völlig klar, und ein paar Seiten später ist alles ganz anders.
Es geht um viel. SAP ist der einzige deutsche IT-Konzern, der im globalen Wettbewerb eine gewichtige Rolle spielt, der drittgrößte Softwarehersteller der Welt und mit Abstand der bedeutendste Europas. SAP machte 2014 einen Gewinn von 3,3 Milliarden Euro. Der Weltruf der Firma beruht auf maßgeschneiderter Software für Unternehmen.
Der Rohstoff dieser Industrie, ihr Gold und ihr Erdöl, sind Programme, Algorithmen, Quellcodes. Es ist eine schwer durchschaubare Welt. Doch der Reichtum und die Macht digitaler Weltunternehmen hängen an diesen in Computersprache geschriebenen Zeilen. Sie hängen daran, dass die Software tatsächlich auf dem Erfindungsgeist der eigenen Entwickler beruht. Und genau daran sät Sebastian Miller(*) Zweifel.
Der Mann, der ein Held sein könnte, ist in den Vierzigern und promovierter Rechtsanwalt. Am 1. Mai 2011 wird Miller Mitarbeiter bei SAP. Er bezieht ein Büro in Walldorf, bekommt einen Dienstrechner von Lenovo und einen Dienstwagen von Mercedes. Sein Jahresgehalt beträgt 90 000 Euro. Er arbeitet sich in eine sensible Materie ein. Als "Senior Auditor" ist er von nun an für interne Firmenprüfungen mitverantwortlich.
Miller kennt sich aus. Er arbeitete zuvor für andere renommierte Großunternehmen. Seine früheren Jobs beinhalteten Risikomanagement und Mediationsverfahren. Er konnte einen Lebenslauf vorweisen, der SAP überzeugt hat. Er ist ein Experte, ein Mann für schwierige Fälle.
SAP braucht so jemanden gerade dringend. Seit Jahren hatte der Softwarekonzern mit einer Reihe von Urheberrechtsklagen zu kämpfen, mehr als eine Milliarde Dollar an Schadensersatzforderungen standen im Raum. Um derlei künftig zu vermeiden, entschied der Vorstand, die Interne Revision um Spezialisten für geistiges Eigentum zu verstärken. So kommt Miller zu SAP.
Nichts deutet zu Beginn darauf hin, dass sich sein neuer Job zu einem schwierigen Fall entwickeln wird. Im Konzern ahnt niemand, dass man diese Personalentscheidung ein paar Jahre später bitter bereuen wird, dass aus Walldorfer Sicht der Jurist, der mögliche Risiken aufspüren und ausräumen soll, selbst zu einem Problem wird.
Die Zusammenarbeit beginnt unauffällig. Miller macht Vorschläge zur Minimierung von Patentrisiken, die intern positiv aufgenommen werden. Er korrespondiert teils direkt mit der Vorstandsetage und erhält sogar Lob.
Später arbeitet er sich tiefer ein und untersucht die Entwicklungsgeschichte zentraler SAP-Produkte. Die Schlussfolgerungen, die er daraus zieht, klingen gefährlich für das Unternehmen. Er sei auf verschiedene Sachverhalte gestoßen, die auf Grenzüberschreitungen des Softwarekonzerns hindeuteten.
SAP habe sich unter anderem widerrechtlich am geistigen Eigentum von Firmen wie Oracle, IBM, RIM (BlackBerry) und Teradata bedient, so lautet der Vorwurf des internen Prüfers. Verantwortliche Mitarbeiter hätten die Vorschriften unterlaufen. "SAP und seine Kunden, Investoren, Angestellten und Wettbewerber wurden betrogen und getäuscht", schreibt Miller im Januar 2014 – und trägt in die Empfängerliste dieser Brand-E-Mail die Namen des gesamten amtierenden SAP-Aufsichtsrats ein.
Sogar beim aktuellen Vorzeigeprodukt des Unternehmens, der Datenbanktechnologie Hana, behauptet Miller fündig geworden zu sein. Er interviewt Entwickler und Mitarbeiter. Am Ende erhebt er sogar den Vorwurf, illegale Handlungen hätten mit Wissen leitender Mitarbeiter stattgefunden. Das Abschöpfen von Know-how von Konkurrenten sei in Walldorf ein "etabliertes Geschäftsmodell", behauptet der Prüfer.
Es sind heftige Vorwürfe, die Miller vorbringt – doch wie sind sie belegt? Laut SAP hat der Prüfer seinem Arbeitgeber trotz mehrfacher Aufforderung keine ausreichenden Belege für seine Anschuldigungen vorgelegt.
Stattdessen schreibt Miller in dieser Zeit einige E-Mails. An das SAP-Management, an den aktuellen Vorstandssprecher Bill McDermott, an den Aufsichtsrat, den er eindringlich warnt und auffordert, "unverzüglich" aktiv zu werden. Diese E-Mails sowie zahlreiche weitere interne Dokumente und Gerichtsunterlagen konnten der SPIEGEL und das ARD-Magazin "Fakt" in einer gemeinsamen Recherche auswerten. Daraus ergibt sich das Bild eines irgendwann zerrütteten Verhältnisses zwischen dem Softwarekonzern und seinem Angestellten. Schließlich kommt es zum Bruch. Am 3. Februar 2014 stellt SAP Strafanzeige gegen Miller, und eine gute Woche später spricht ihm das Unternehmen die außerordentliche Kündigung aus.
Der Mann, der ein Held sein könnte, hat in diesen drei Jahren nicht nur seine Anschuldigungen formuliert. Er hat offenbar auch versucht – oder versuchen lassen –, Kapital aus der Geschichte zu schlagen.
Irgendwann in der Auseinandersetzung zwischen Miller und SAP mischt sich mehr und mehr Millers Vater ein, ein New Yorker Anwalt, selbst Spezialist für Urheberrecht und Fragen des geistigen Eigentums. Er vertritt seinen Sohn gegen SAP und schlägt nach einer ganzen Reihe von gegenseitigen Vorwürfen vor, man solle sich in beiderseitigem Einvernehmen einigen. SAP, fordert er, müsse die von seinem Firmenprüfer aufgeworfenen "Probleme" klären und sich zu einer "finanziellen Einigung" bereitfinden. Diese müsse "höher als 25 Millionen Euro" liegen.
Es ist der Punkt, an dem sich der Krimi zu wenden scheint. An dem der Held sich selbst angreifbar macht, an dem nicht mehr sicher ist, wem in dieser Geschichte zu trauen ist.
Die Vorwürfe würden sich nicht einfach in Luft auflösen, wenn der Prüfer kein uneigennütziger Aufklärer wäre. Aber wie belastbar sind seine Verdächtigungen? SAP erklärt gegenüber dem SPIEGEL und "Fakt": "Wir haben den Sachverhalt sorgfältig geprüft und haben keine Belege dafür gefunden, dass SAP geistiges Eigentum verletzt hat."
Was den Fall für die Walldorfer so gefährlich macht, ist zunächst der ungewöhnliche Umstand, dass es ein ehemaliger Mitarbeiter der Internen Revision ist, der diese Vorwürfe erhebt. Ein Mann, der im Rahmen seines Auftrags auch ausführlich die Entwickler interviewte, die an den wichtigsten Produkten aus Walldorf mitgearbeitet haben.
SAP ist zudem in Sachen Diebstahl geistigen Eigentums vorbelastet, das Thema trübte schon in den vergangenen Jahren den Glanz des nordbadischen Unternehmens. 2007 hatte der Hauptkonkurrent Oracle Klage eingereicht. Begründung: Eine SAP-Tochter in den USA habe massenhaft Software illegal von Oracle-Rechnern heruntergeladen. 2010 verurteilte ein Geschworenengericht SAP dafür zunächst zu der Rekordschadensersatzsumme von 1,3 Milliarden Dollar. Der Konzern ging gegen das Urteil vor. Erst im November 2014 reduzierte das Gericht die Summe, welche die Walldorfer an Oracle überweisen mussten, auf rund 360 Millionen Dollar. Nur Monate zuvor hatte SAP eine zweite Klage beigelegt: In diesem Fall hatte das US-Softwarehaus Versata den deutschen Wettbewerber verklagt, seine Patente verletzt zu haben. Man einigte sich auf einen Vergleich, das zugrunde liegende Urteil sah eine Schadensersatzsumme von etwa 390 Millionen Dollar vor.
SAP ist dementsprechend alarmiert, zumal Miller die möglichen Schäden für alle von ihm aufgelisteten angeblichen neuen Probleme addiert und in seinen Mails an diverse SAP-Führungskräfte auch beziffert hat. Er rechnete ihnen die atemberaubende Gesamtsumme von mehr als 35 Milliarden Dollar vor – für Gerichtskosten, Ausgleichszahlungen an geschädigte Firmen und eine mögliche Wertminderung des Konzerns.
Nach der Wahrheit suchen nicht nur Gerichte in Deutschland, sondern SAP zufolge inzwischen auch das Arbeitsministerium der Vereinigten Staaten, vor dem der frühere Angestellte gegen seine Kündigung vorgehe. Millers Anwalt hatte zudem damit gedroht, die Sache auch anderen US-Behörden wie der Finanzmarktaufsicht SEC zur Kenntnis zu bringen.
Doch was ist die Wahrheit?
In seinem ersten Jahr bei SAP kümmert sich Miller unter anderem darum, den Erwerb von Patenten zu optimieren. Er schickt seinen Vorschlag für eine verbesserte SAP-Herangehensweise als "finales Audit Memorandum" an den SAP-Vorstand, darunter die damalige Doppelspitze des Konzerns Jim Hagemann Snabe und den heute allein amtierenden Bill McDermott. Unmittelbar danach bricht Miller in einen mehrwöchigen Urlaub auf.
Was in dieser Zeit geschieht, führt offenbar zu ersten erheblichen Verstimmungen. Ein SAP-Vorstandsmitglied drängt laut internen Dokumenten auf Änderungen in Millers Entwurf. Er sei mit den Ergebnissen des Berichts einverstanden, mailt der betreffende SAP-Vorstand am 30. Juli an den urlaubenden Miller, wolle aber weitere Fakten einfügen. Auf den Hinweis der Abteilung, Miller sei erst im September wieder im Haus, kommt die Antwort, das Thema habe für den Vorstand "oberste Priorität". Daraufhin nehmen offenbar zunächst Millers Abteilungsleiter und später der Vorstand selbst Änderungen an dem Report vor.
Der Prüfer ist damit überhaupt nicht einverstanden. In seiner Mail an den Aufsichtsrat wird Miller seinem Abteilungsleiter und dem beteiligten Vorstand später vorwerfen, sie hätten seinen Audit-Report "illegitimerweise verändert" und seine weiteren Untersuchungen behindert.
Als er aus dem Urlaub zurückkehrt, arbeitet er zunächst an einem weiteren, besonders brisanten Prüfvorgang. Er betrifft die Entwicklungsgeschichte des wohl wichtigsten Produkts, das SAP derzeit anbietet: SAP Hana, die hauseigene Datenbanktechnologie, für die das Unternehmen selbst nur Superlative kennt. Es sei "wahrscheinlich die schnellste Datenbank in der Welt", sagte SAP-Gründer Hasso Plattner einmal. Zuletzt hatten weltweit bereits mehr als 7200 Unternehmen sie im Einsatz.
Wenn man in den letzten Jahren mit SAP-Mitarbeitern sprach, erzählten diese rund um ihr neues Erfolgsprodukt gern eine hübsche Gründungsgeschichte. Sie handelt von Professor Hasso Plattner, der die Idee mit einigen Masterstudenten entwickelte – und damit den Grundstein legte für die neue SAP. Ein Vorläufer hieß damals noch "SanssouciDB" – weil daran am Hasso-Plattner-Institut in Potsdam geforscht wurde, DB steht für Datenbank.
Bis heute gilt die neue Technologie intern vor allem als Plattners Baby und Leidenschaft. Für manche im Unternehmen ist Hana denn auch die Abkürzung für "Hassos neue Architektur".
Miller taucht tief in die Entstehungsgeschichte von Hana ein, besonders intensiv widmet er sich einem "Brückenprojekt" zwischen SAP und dem Konkurrenten Teradata. Die Frage ist, ob bei dieser Zusammenarbeit möglicherweise Vereinbarungen mit Teradata gebrochen und geistiges Eigentum übernommen worden sein könnten – zumal SAP-Mitarbeiter aus dem Brückenprojekt danach in die Entwicklung von Hana wechselten.
Im Oktober 2012 führt Miller dazu ausführliche Interviews mit den SAP-Entwicklern, die mit Abgesandten von Teradata daran gearbeitet hatten, dass der Datentransfer zwischen SAP-Datenbanken und ihren Teradata-Pendants möglichst schnell und reibungslos funktioniert. Aus diesen Gesprächen speist er einen großen Teil seiner Vorwürfe.
Den Audit-Report zu Hana wird Miller für SAP allerdings nicht mehr fertigstellen. Im Dezember 2012, nach gut eineinhalb Jahren in Diensten der Firma, meldet er sich krank, offenbar mit der Diagnose Migräne. Er wird die Arbeit in seinem Walldorfer Büro danach nicht mehr aufnehmen.
Im Februar 2013 klingelt das Telefon von Vorstandschef Hagemann Snabe. Am Apparat ist Millers Vater, der Fachanwalt aus New York. Laut der von SAP eingereichten Strafanzeige unterrichtet der US-Anwalt Hagemann Snabe darüber, dass sein Mandant sich als Opfer einer SAP-internen Verschwörung sehe. Millers Vorgesetzter habe diesen aufgefordert, in insgesamt vier Revisionsberichten Tatsachen zu unterdrücken oder sie als weniger schwerwiegend darzustellen.
Bei SAP ist Melissa Lea für die gute und regelkonforme Unternehmensführung verantwortlich. Sie ist seit mehr als einem Dutzend Jahren bei der Firma, hat zeitweise in Walldorf gearbeitet und auch Sebastian Miller schon persönlich getroffen. Hagemann Snabe beauftragt sie nach dem Gespräch mit dem Anwalt mit einer internen Untersuchung.
Lea reist noch im Februar 2013 nach New York. In einem mehrstündigen Gespräch schildert Millers Anwalt ihr, was sein Mandant in seiner bisherigen Amtszeit als Prüfer der Internen Revision an Verstößen, Auffälligkeiten und angeblich illegalen Handlungen aufgespürt haben will. Es ist eine Menge. Leas Protokoll des Treffens ist umfangreich.
Millers Anwalt bringt ausweislich der von SAP eingereichten Strafanzeige nicht nur den Patentrevisionsbericht vor, der angeblich regelwidrig geändert worden sei. Zudem sei ein Audit-Report unter Millers Namen verfasst worden, den dieser gar nicht geschrieben habe – und in anderen Fällen hätten von ihm aufgedeckte Verstöße keinen Eingang in die finalen Berichte gefunden.
Millers Verdächtigungen gehen noch weiter: Um Hana zu programmieren, soll SAP demnach urheberrechtlich geschützte Daten von Teradata, Oracle und IBM verwendet haben. Dies soll teils am Hasso- Plattner-Institut stattgefunden haben, angeblich aus Verschleierungsgründen. Auch bei der Arbeit an einem Bericht über die Entstehung der SAP-Software Gateway will Miller Unregelmäßigkeiten entdeckt haben. In diesem Fall sollen geschützte Daten von IBM und RIM (BlackBerry) eingesetzt worden sein. Ein Verdacht, den SAP mit der Stellungnahme zurückweist, man habe den Sachverhalt sorgfältig geprüft und keine Belege dafür gefunden, dass SAP geistiges Eigentum verletzt habe.
Miller, so schildert der Anwalt gegenüber Lea weiter, sehe sich im Unternehmen nicht nur kaltgestellt – sein Abteilungsleiter und dessen Verbündete hätten sogar versucht, seinen Computer und sein Mobiltelefon zu manipulieren.
Nach dem Treffen in New York informiert Lea den Vorstand und veranlasst eine Compliance-Untersuchung. Millers Kollegen werden befragt, und auch von ihm zuvor interviewte Hana-Entwickler werden erneut zum Gespräch gebeten. Laut der SAP-Anzeige dauert die Untersuchung bis zum Mai 2013. Aus Sicht des Konzerns erbrachte sie keine Beweise, welche die Vorwürfe des eigenen Prüfers gestützt hätten.
Um bei der Untersuchung weiterzukommen, brauche man allerdings die Unterstützung des Prüfers selbst, wann immer er dazu angesichts seiner Krankmeldung gesundheitlich in der Lage sei, schreibt Lea im Sommer an dessen Anwalt. Im Übrigen schlage SAP vor, den fraglichen Computer einer "unabhängigen forensischen Untersuchung" zu unterziehen, dies bedürfe allerdings Millers Zustimmung. Des Weiteren, so Lea, sei Miller "nach seiner Genesung willkommen, zurückzukommen und weiterzuarbeiten".
Diese Einladung sei "vollkommen unaufrichtig", antwortet Millers Anwalt. "Wie soll ein Auditor für sein Unternehmen weiterarbeiten, wenn er Betrug und Diebstahl durch leitende Mitarbeiter dieses Unternehmens aufgedeckt hat?" Sein Mandant sei aber gewillt, an einem "Settlement" zu arbeiten, einer Einigung. Offenbar ist man bei dem Konzern dafür durchaus offen; er solle einen schriftlichen Vorschlag unterbreiten, antwortet Lea.
Dieser "Vorschlag" folgt nur Stunden später – und er enthält Punkte, die es in sich haben. Zunächst verlangt der Anwalt eine "exzellente Empfehlung" für seinen Mandanten über dessen Zeit bei SAP. Beide Seiten müssten sich verpflichten, nicht herabsetzend über den anderen zu sprechen. Dann kommt es zum Vorschlag jener fragwürdigen "finanziellen Einigung", die "höher als 25 Millionen Euro" liegen müsse.
Dass dies eine immense, ja sogar gefährliche Forderung ist, scheint Millers Vater und Anwalt selbst klar zu sein, jedenfalls fügt er in eckigen Klammern erklärend an, es handle sich dabei um weniger als ein Prozent der möglichen Schadenssumme für SAP und würde bereits die "Beeinträchtigungen" für die zukünftige Karriere seines Mandanten abdecken.
Unbenommen müsse SAP die aufgezeigten Probleme zudem lösen, auch das sei für eine Einigung weiterhin notwendig.
Die Compliance-Beauftragte Lea antwortet sachlich, aber bestimmt. Sie nimmt das Wort Erpressung noch nicht in den Mund, lässt aber durchblicken, wie sie den Vorgang einschätzt: SAP sei "sehr beunruhigt über die ethischen und juristischen Implikationen, die diese Forderungen aufwerfen". Das Unternehmen "wäre vielleicht willens gewesen, ein angemessenes Abfindungspaket für (den Prüfer –Red.) anzubieten, aber die 25-Millionen-Forderung ist absolut unangemessen".
Dennoch reißt die Kommunikation zwischen den Parteien nicht ab. Wiederholt fordert das Unternehmen, der Prüfer solle seine bislang "vagen" und mündlich vorgetragenen Anschuldigungen schriftlich zusammenfassen und vor allem belegen sowie seinen Dienst-Laptop für eine Untersuchung zur Verfügung stellen. Auf diesem Laptop, darauf weist Miller wiederholt hin, befänden sich die Materialien und Belege seiner Prüfungen.
SAP hat eine Arbeitsrechtskanzlei eingeschaltet, die separat wegen des Angestelltenverhältnisses mit Millers Anwalt verhandelt. Der macht auch in dieser Sache der Strafanzeige von SAP zufolge einen eher fragwürdigen Vorschlag: 650 000 Dollar Abfindung, zahlbar auf ein Stiftungstreuhandkonto auf den Cayman Islands. Später soll er alternativ vorgeschlagen haben, SAP solle seinem Mandanten anstelle einer Einmalzahlung einen unkündbaren Zehnjahresvertrag geben.
Zum Jahresende 2013 scheinen sich die Parteien aufeinander zuzubewegen. Unternehmen und Anwalt verhandeln konkret über ein Treffen mit dem eigenen Mitarbeiter, zu dem er auch seinen Dienstrechner mitbringen soll, um diesen zu überprüfen. Der Anwalt will dafür einen eigenen IT-Spezialisten aus den USA engagieren. Doch der geplante Termin Anfang Dezember kommt nicht zustande, die Parteien können sich nicht auf die Modalitäten einigen. Unter anderem hatte Millers Vater laut Strafanzeige einen Kostenvoranschlag über insgesamt knapp 100 000 Dollar an SAP geschickt.
Als dieses Treffen platzt, eskaliert die Situation. SAP fordert den Lenovo-Laptop und den Mercedes zurück und setzt ein Ultimatum. Und Sebastian Miller wendet sich mit seinen Vorwürfen an die Rechtsabteilung und den Betriebsrat. Im Januar 2014 fasst der Prüfer seine Vorwürfe zudem in einer Mail an den Vorstand zusammen, die in Kopie auch an Hasso Plattner geht. Knapp zwei Wochen später schickt er eine weitere ausführliche Brand-Mail mit der Betreffzeile "Action required" sogar an den gesamten Aufsichtsrat.
Es ist offenbar der Moment, in dem das Unternehmen entscheidet, den Schalter umzulegen. Namens des SAP-Vorstands stellt die Kanzlei Baker & McKenzie Strafanzeige gegen den Prüfer und dessen Anwalt. Der Konzern fühle sich durch die vagen Vorwürfe, die Geldforderungen und die Drohungen, US-Behörden einzuschalten, erpresst. Nur wenige Tage später, am 12. Februar 2014, spricht SAP Miller nach knapp drei Jahren Firmenzugehörigkeit die außerordentliche Kündigung aus.
Seither beschäftigt der Vorgang Gerichte und mit dem US-Arbeitsministerium mindestens eine US-Behörde. Miller reichte vor dem Arbeitsgericht Klage gegen seine Kündigung ein und forderte Schmerzensgeld. Das Unternehmen wiederum fordert in einem weiteren Verfahren den Dienstrechner und das Auto zurück.
Die arbeitsrechtliche Seite ist inzwischen weitgehend geklärt. In erster Instanz bestätigte das Gericht die Kündigung, ihr ursprüngliches Revisionsbegehren zog die Miller-Seite inzwischen zurück. Seine SAP-Karriere dürfte damit beendet sein. Der Streit um das Firmeneigentum geht in die zweite Instanz.
Mit seiner Strafanzeige kam SAP zumindest gegen Millers Vater voran, der als sein Anwalt die Geldforderungen unterbreitet und damit gedroht hatte, US-Behörden einzuschalten. Im Mai dieses Jahres erging gegen den US-Anwalt ein Strafbefehl wegen Erpressung. Danach hätte er 27 000 Euro zu zahlen und bekäme ein Jahr auf Bewährung. Die Entscheidung ist noch nicht rechtskräftig.
Gegen Miller selbst wird nicht weiter ermittelt, offenbar weil nicht nachzuweisen ist, dass er von den Forderungen seines Anwalts wusste.
Weil sein Anwalt und Vater den Strafbefehl nicht akzeptiert, steht nun eine Hauptverhandlung in der Sache im Raum. Ein Szenario, das alle Beteiligten wohl weiterhin lieber vermeiden würden, auch das Unternehmen.
Der Fall Miller kennt offenbar keine Helden. In seiner Anzeige gegen den eigenen Prüfer erklärt das Unternehmen jedenfalls, die eigene interne Untersuchung der Vorgänge habe auch ergeben, dass seine Berichte durchaus notwendige Anpassungen aufgezeigt hätten. Diese habe das Unternehmen dann auch umgesetzt.
Der SPIEGEL und "Fakt" haben SAP, seinen ehemaligen Mitarbeiter sowie dessen amerikanischen und deutschen Anwalt mit umfangreichen Fragen zu den Vorgängen konfrontiert. Miller und sein US-Anwalt verweisen auf ihren deutschen Rechtsbeistand, der sich zu den Vorgängen nicht äußern will.
Bei SAP heißt es, das Unternehmen habe "Vertrauen in das deutsche und das amerikanische Rechtssystem" und sei "der Auffassung, dass die Vorwürfe vor Gerichten geklärt werden sollten, nicht in der Presse". Das Unternehmen sei börsennotiert, unterliege entsprechenden Regularien und gehe auf Personalangelegenheiten, die noch nicht öffentlich seien, nicht ein. "Als Unternehmen haben wir intensives Interesse daran, Missstände jeglicher Form umfassend aufzudecken und aufzuklären. Wir ermutigen daher jeden Mitarbeiter, sich aktiv hier einzubringen. Transparenz und klare, nachvollziehbare Compliance-Regeln sind Teil unserer Firmenkultur."
Allerdings dürften SAP in der Sache bald noch mehr drängende Fragen erreichen – denn es gibt Leute, die sich besonders dafür interessieren, was Sebastian Miller herausgefunden haben will. Aus Teradata-Kreisen heißt es beispielsweise, man sei "gerade dabei, diese Angelegenheit gründlich zu untersuchen".
* Name von der Redaktion geändert.
Von Christian Bergmann, Marcel Rosenbach und Jörg Schmitt

DER SPIEGEL 37/2015
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