05.09.2015

SPIEGEL-Gespräch„Ich laufe vor mir selbst davon“

Der Selfmade-Milliardär Reinhold Würth über billiges Geld auf dem Kunstmarkt, die Tücken des neuen Kulturgutschutzgesetzes und den Triumphzug seiner Sammlung nach Berlin
Würth, 80, ist kühl kalkulierender Geschäftsmann und exzessiver Kunstsammler zugleich. Seit den Sechzigerjahren hat er etwa 17 000 Werke erworben: Spätgotisches, Impressionistisches, viel hochpreisige Gegenwartskunst, darunter Bilder von Andy Warhol, Gerhard Richter, Georg Baselitz und Anselm Kiefer. Für Aufsehen sorgte 2011 der Kauf der "Schutzmantelmadonna" des Renaissancemalers Hans Holbein. Würth soll mehr als 50 Millionen Euro bezahlt haben.
Sein Geld verdient der Unternehmer vor allem als weltweit führender Lieferant von Schrauben und anderer Befestigungstechnik. Zur verzweigten Gruppe, die 67 800 Mitarbeiter beschäftigt und über zehn Milliarden Euro im Jahr umsetzt, gehören Hunderte Gesellschaften, darunter Immobilienfirmen, ein Flugplatz und Hotels. Auch ein Großteil der Kunst ist im Eigentum seiner Gesellschaften. Knapp eine halbe Million Menschen kamen 2014 in die 15 eigenen Kunstdependancen wie die Kunsthalle Würth und die Johanniterkirche in Schwäbisch Hall. Hier, im Hohenloher Land, liegt auch ein von Würth bewohntes Schloss. Zum Gespräch bittet er nach Salzburg – wo seinem Konzern unter anderem die im Stadtraum aufgestellten Großskulpturen des "Walk of Modern Art" gehören.
Würth ist gerade bei staatlichen Institutionen mehr denn je als Förderer und Kooperationspartner gefragt. Bereits seit 2006 präsentiert das Bode-Museum auf der Berliner Museumsinsel ältere Preziosen aus seiner Kollektion in einer Dauerschau. Nun stellt das Würth Museum einen Querschnitt durch seine Bestände im Berliner Martin-Gropius-Bau vor. Anlässlich der Eröffnung in der kommenden Woche wird Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) eine Rede halten.
SPIEGEL: Herr Würth, in Berlin werden 400 Werke aus Ihrer Sammlung ausgestellt, und die Kulturstaatsministerin heißt Sie willkommen. Sie entwickeln sich zu einer Art Denkmal. Gefällt Ihnen das?
Würth: So habe ich das noch nicht gesehen – dass ich zum Denkmal umprogrammiert werde.
SPIEGEL: Wenn man sich in der Kunstwelt umhört, wer noch leidenschaftlich sammelt, fällt schnell Ihr Name. Zu Recht?
Würth: Vorsicht. In Ihrer Herangehensweise steckt womöglich ein Fehler oder doch eine Fehlinterpretation.
SPIEGEL: Welche?
Würth: Ich sammle nicht nur und ausschließlich aus Interesse an der Kunst.
SPIEGEL: Sondern?
Würth: Ich bin Kaufmann, und auch das Sammeln hat einen kaufmännischen Hintergrund. Ich will über die Kunst auch den Namen des Unternehmens transportiert sehen. Das war von Anfang an so, und es
führte noch vor 30 Jahren hierzulande zu Naserümpfen.
SPIEGEL: Die meisten der von Ihnen erworbenen Bilder sind sogar im Eigentum Ihrer Firma. Aber Sie haben fast jeden einzelnen Kunstkauf selbst getätigt, knapp 17 000 Werke. Und angeblich können Sie sich nur schwer von ihnen trennen.
Würth: Das stimmt. Ich denke gar nicht daran, irgendetwas zu verkaufen. Was einmal in der Sammlung drin ist, bleibt drin. Vor Kurzem habe ich von einem der großen Auktionshäuser ein Angebot erhalten, die wollten mir unbedingt ein impressionistisches Bild aus meiner Sammlung abkaufen, ein Gemälde von Camille Pissarro, man schlug mir einen Festpreis vor. Das Geschäft hätte mir einen Millionengewinn gebracht. Ich habe das natürlich abgelehnt.
SPIEGEL: Andere hätten die Chance genutzt und den Preis eher noch hochgehandelt. Die Auktionshäuser haben Probleme, hochwertigen Nachschub zu beschaffen. Die Nachfrage auf dem Kunstmarkt ist größer denn je.
Würth: Ja, das liegt daran, dass zu viel Geld auf diesem Markt unterwegs ist. Und das ist so, weil das Geld generell zu billig ist. Ich wollte nie mit Kunst spekulieren, das war nie ein Anreiz. Der Konzern hat 600 Millionen Euro flüssige Mittel auf der Bank liegen, es hätte keinen Sinn ergeben, wegen ein paar Millionen mehr ein Bild zu verkaufen. Ich empfinde es durchaus als Bestätigung, wenn ich Werke ganz junger Künstler kaufe, und dann schaffen die es später auch in die öffentlichen Museen. Aber das hat nichts mit dem finanziellen Aspekt zu tun.
SPIEGEL: Dennoch profitieren Sie von dem nicht enden wollenden Boom am Kunstmarkt. Ihre Sammlung dürfte von Jahr zu Jahr wertvoller werden. Wie hoch ist ihr Gesamtwert?
Würth: Wissen wir nicht. Sicherlich, man kann den Markt beobachten, sehen, was gleichwertige Bilder oder Skulpturen eines bestimmten Künstlers auf Auktionen gebracht haben. Aber in der Bilanz stehen alle Werke mit ihrem einstigen Einkaufspreis, auch wenn etwas vor 20 Jahren gekauft wurde. Die Wertsteigerung scheint da nicht auf, obwohl sie im Grunde eine gute stille Reserve ist. Nur bei Bildern, bei denen der Wert nachweislich abgenommen hat, nehmen wir Teilwertabschreibungen vor. Aber das kommt selten vor.
SPIEGEL: Wie viel geben Sie im Jahr für Kunstkäufe aus?
Würth: Das ist nicht exakt festgelegt, wir entscheiden situativ. Das hängt von den Angeboten ab, manche will man einfach nicht ausschlagen. Wir kommen im Jahr auf einen siebenstelligen Betrag – mindestens.
SPIEGEL: In Deutschland ist Kunst derzeit ein Streitthema, und das hat auch mit Geld zu tun. Kulturstaatsministerin Grütters will mehr Kunstwerke auf die Liste national wertvollen Kulturguts setzen, was bedeutet, dass die Objekte nie ins Ausland verkauft werden dürfen und massiv an Wert verlieren. Das empört viele Händler und Sammler. Verstehen Sie den Ärger?
Würth: Natürlich. In der Kulturstiftung der Länder, die für das Thema Kulturerbe maßgeblich zuständig ist, saß ich lange genug im Kuratorium. Ich habe dort immer darauf hingewiesen, dass es einer Teilenteignung gleichkomme, wenn zu viele Kunstwerke auf der Kulturgutliste landen. Der Wert eines Werkes sinkt sofort um 30 Prozent. Ich habe es selbst erlebt – allerdings in umgekehrter Hinsicht –, als ich Holbeins "Schutzmantelmadonna" kaufte.
SPIEGEL: Das Werk gehörte lange der Familienstiftung des Adelshauses Hessen und stand bereits auf der Schutzliste. Die Familie Hessen durfte das Werk nicht ins Ausland verkaufen.
Würth: Wäre das Bild in London versteigert worden, hätte es der Familie wohl 50 Prozent mehr eingebracht.
SPIEGEL: Das Städel Museum in Frankfurt wollte das Werk unbedingt haben und trieb 40 Millionen Euro auf. Sie sollen mehr als 50 Millionen Euro geboten haben – und das Gemälde so zum teuersten Bild gemacht haben, das je in Deutschland gehandelt wurde.
Würth: Man kann dazu nur sagen, dass ich in dem Fall davon profitiert habe, dass das Bild nicht international verkauft werden durfte.
SPIEGEL: Im Kulturgut-Verzeichnis sind bisher nur wenige Objekte vermerkt, nicht einmal 3000. Mehr galten deutschlandweit nicht als schutzwürdig.
Würth: Wir allein besitzen fünf, darunter Werke von Cranach und Riemenschneider.
SPIEGEL: Künftig wird die Liste viel länger werden – vermutlich auch um einige Stücke aus Ihrer Sammlung. Trotzdem könnte man meinen, dass Sie das Thema nur am Rande berührt: weil Sie ohnehin nichts verkaufen wollen, weder im Inland noch im Ausland, und auch deshalb, weil größere Teile der Sammlung für ausländische Würth-Unternehmen angekauft wurden und damit den Gesetzen anderer Länder unterliegen.
Würth: Doch, das alles berührt mich sehr wohl. Da blitzt dann doch im Hintergrund der kaufmännische Reflex durch. Wenn die Novellierung erst Gesetzeskraft erlangt, ist auch meine Sammlung – der deutsche Teil – mit einem Schlag einen zweistelligen Millionenbetrag weniger wert.
SPIEGEL: Der Maler Georg Baselitz hat aus Wut über die geplante Novelle Bilder zurückgeholt, die er staatlichen deutschen Museen geliehen hatte. Sie kennen ihn gut, was denken Sie über diese Aktion?
Würth: Das ist natürlich typisch Baselitz, ich habe da halt geschmunzelt. Ich treffe mich bald mit der Kulturstaatsministerin zu einem Gespräch, und ich werde meine Meinung schon deutlich machen.
SPIEGEL: Sollte Frau Grütters auf die Novelle verzichten?
Würth: Das Anliegen, ein Gesetz aus dem Jahr 1955 zu aktualisieren, ist im Prinzip richtig. Es kann nicht sein, dass Institutionen wie das Getty Museum in Kalifornien das ganze deutsche Kulturgut wegkaufen, von wichtigen Autografen bis hin zu Musikliteratur und Kunstwerken. Oder denken Sie an die Sache mit den Humboldt-Tagebüchern.
SPIEGEL: Die Erben Alexander von Humboldts wollten die Aufzeichnungen seiner um 1800 durchgeführten Amerika-Expedition auf dem Weltmarkt anbieten. Die staatliche Stiftung Preußischer Kulturbesitz hat die Bände Ende 2013 für zwölf Millionen Euro angekauft und so für das Land gesichert. Das ist doch eine Geschichte mit gutem Ende.
Würth: Aber die ganze Sache ist unschön abgelaufen, denn die Staatsministerin hat vieles falsch dargestellt, das darf man in dem Zusammenhang ruhig einmal sagen.
SPIEGEL: Was meinen Sie?
Würth: Ich hatte damals, als die Eigentümer die Bände schon ins Ausland verbracht hatten, dem Kunsthändler Christoph Graf Douglas gesagt, er solle mal auf die Verkäufer zugehen und ihnen sagen, sie sollten auf ein, zwei Millionen verzichten, im Interesse des Landes.
SPIEGEL: Der Staat brüstet sich mit dieser Ankaufs- und Rettungsaktion – doch Sie waren der Strippenzieher?
Würth: Nun ja, ich habe meinen Teil beigetragen.
SPIEGEL: Angeblich auch mit Geld.
Würth: Wir haben eine halbe Million Euro dazugegeben. Graf Douglas hat dann alles vermittelt. In der Stiftung Preußischer Kulturbesitz ist man ihm dankbar, man hat mir selbst gesagt, dass man ihm am liebsten einen Orden verliehen hätte. Das Kulturstaatsministerium hat dagegen in der Öffentlichkeit den Eindruck vermittelt, die Händler würden sich immer eine goldene Nase verdienen wollen.
SPIEGEL: Tatsächlich sagte Grütters in einem Interview, der Zwischenhändler habe den Hauptprofit eingestrichen, und das zulasten des Steuerzahlers. Sie nennt die Humboldt-Tagebücher als Beispiel dafür, weshalb sie Kulturgut besser schützen will. Künftig würde man die Ausfuhr derartiger Objekte wohl einfach verbieten.
Würth: Und das ist genau der falsche Ansatz. Die Humboldt-Tagebücher sind als Exempel dafür, dass man das Gesetz verschärfen müsste, denkbar ungeeignet. Sie sind der Beweis dafür, dass es anders geht. Man muss nur das Gespräch suchen, gute Lösungen vorschlagen und vernünftig miteinander umgehen.
SPIEGEL: Wie würde das Gesetz idealerweise aussehen, damit es Kulturgut schützt und zugleich den Privatbesitz so weit wie möglich respektiert?
Würth: Ursprünglich hieß es, dass für jedes Werk, das älter als 50 Jahre und teurer als 150 000 Euro sei, eine Genehmigung eingeholt werden müsse, wenn man es ins europäische Ausland bringen wolle. Dann wurde gesagt, man könne diese Grenzen auf 70 Jahre und 300 000 bis 400 000 Euro anheben. Aber selbst das reicht nicht. Man könnte die Wertgrenze gut auf eine Million Euro hochsetzen und dann schauen, ob das Werk von nationaler Bedeutung ist.
SPIEGEL: Ein heikler Punkt: Wann hat ein Kunstwerk diese Bedeutung? Sie besitzen alle acht "Heroischen Sinnbilder" von Anselm Kiefer, mit denen der Maler um 1970 den Hitlergruß persiflierte. Die Gemälde haben eine große Bedeutung für die hiesige Kunstgeschichte, sind aber keine 50 Jahre alt und fallen raus. Ein früher Warhol könnte bald als deutsches Kulturgut klassifiziert werden. Aber gehört US-amerikanische Pop-Art zu unserem Kulturerbe?
Würth: Ja, das denke ich doch. Werke können nationales Kulturgut sein, unabhängig vom Entstehungsort. Denken Sie an das Dresdner Grüne Gewölbe, an diese barocke Wunderkammer Augusts des Starken, da kam vieles aus Florenz, aber es wurde Teil unserer kulturellen Identität. Der Ursprung ist nicht von Belang, sonst wären all unsere Antikensammlungen, mit Werken aus Ägypten oder Griechenland, gleich mal infrage gestellt. Und wer weiß in diesem Land nicht, wie die Nofretete aussieht?
SPIEGEL: Wir sprechen aber auch von Kunst in Privatbesitz, die kaum jemand gesehen hat. Sollte das größere Publikum die Objekte, die angeblich unverzichtbar sind für die Nation, nicht wenigstens kennen?
Würth: Das ist zu viel verlangt. Wenn Sie eine Kompositionsnotiz von Beethoven haben und die verkaufen wollen, können Sie nicht verlangen, dass die Leute in Simprechtshausen sich darüber aufregen. Aber vielleicht denken alle zu viel über solche Details nach – man könnte auch ganz anders an das Problem herangehen.
SPIEGEL: Wie?
Würth: Warum finden wir auf diesem Gebiet nicht eine europäische Regelung?
SPIEGEL: Frau Grütters will gerade die Ausfuhr von Kunst innerhalb Europas erschweren.
Würth: Und das ist kleinkariert. Warum stärkt man in diesem Bereich nicht den europäischen Gedanken? Dann zählt nicht mehr die Idee eines nationalen, sondern die eines europäisch wertvollen Kulturguts. Man würde geschlossen auftreten und anders mit Aufkäufern wie dem amerikanischen Getty Museum umgehen können.
SPIEGEL: Ein Gegenbeispiel: Ihre "Schutzmantelmadonna" wurde 1526 geschaffen von einem Augsburger Maler, der aber lange im Ausland lebte. Ein Basler Bürgermeister hatte das Bild in Auftrag gegeben, er und seine Familie sind mitabgebildet. Gehört das Gemälde nicht eigentlich zurück in die Schweiz, zurück nach Basel?
Würth: Allerdings gäbe es dann fast kein Kunstwerk, das man mit ähnlichen Argumenten nicht an andere Orte versetzen müsste. Die Basler wiederum haben in ihrem Museum die erste Version von Arnold Böcklins "Toteninsel" – ein tolles Bild. Soll man das nach Italien schicken, weil der Schweizer Böcklin es einst in Florenz gemalt hat?
SPIEGEL: Griechenland fordert aus London den berühmten Parthenonfries zurück.
Würth: Wenn man es pauschal so handhaben würde, wenn jeder zurückfordern würde, was auf dem Gebiet seines Landes entstanden ist, ergäbe das ein Durcheinander wie zu Zeiten von Jesu Geburt: Weil man damals die Leute zählen wollte, mussten sie zu ihrem Geburtsort reisen. Soll das so auch mit Bildern geschehen? Und die Kulturwelt, die Unesco können doch dankbar dafür sein, was an archäologischen Schätzen in den Museen in Paris, London oder Berlin untergebracht ist. Der IS sprengt gerade so viel Kulturgut weg. Ich bin unglaublich froh darüber, dass ich Syrien noch gesehen habe, kurz vor dem Ausbruch des Bürgerkriegs. Damaskus, diese eindrucksvolle Stadt mit dem Grab Johannes des Täufers, wir sind danach in die einstige Königsstadt Qatna gereist, durften die Arbeiten der Archäologen an den Herrschergruften beobachten. Natürlich haben wir auch Palmyra und Aleppo besucht. Und jetzt ist das alles kaputt. Furchtbar.
SPIEGEL: Die bronzezeitlichen Objekte aus Qatna konnten mit Ihrer finanziellen Hilfe in Stuttgart ausgestellt werden. Was solche Altertümer bedeuten, merken einige wohl erst jetzt, da vieles vernichtet wird.
Würth: Und man begreift auch, dass die üblichen Schutzmaßnahmen der Unesco gar nichts nutzen. Was bringt es, wenn irgendwo eine Plakette hängt, die etwas als Weltkulturerbe ausweist. Die sprengen das einfach herunter. Meine Sorge wäre, dass diese Milizen des IS in der Türkei mit der Vernichtung weitermachen wollen. Man reißt den Menschen die kulturellen Wurzeln aus. Und Kultur, das ist eben nichts für elitäre Kreise, Kultur, das ist die Menschheit.
SPIEGEL: Nun klingen Sie nicht wie ein Kaufmann.
Würth: Ach wissen Sie, ein Buch oder ein Bild haben mir noch nie Tränen in die Augen getrieben, die Musik vielleicht schon. In Bilder kann ich mich vertiefen, an Bildern und Ausstellungen kann ich mich erfreuen. Ich kann aber auch gut Entscheidungen treffen, als Sammler und im Konzern. Ich habe in meinem Unternehmen 1954 mit zwei Leuten angefangen, heute sind es mehr als 67 000 Mitarbeiter. Das geht nur, wenn man entscheidungsfreudig ist.
SPIEGEL: Sie gelten als heimatverbunden. 2009 haben Sie zusätzlich zur deutschen die österreichische Staatsbürgerschaft angenommen. Warum?
Würth: Weil ich mich geärgert habe über das Steuerstrafverfahren, das man zuvor gegen mich in Deutschland angestrengt hatte.
SPIEGEL: Sie haben einen Strafbefehl akzeptiert, eine Geldstrafe beglichen und viele Millionen Steuern nachgezahlt. Sie sind nun vorbestraft.
Würth: Wer Schwarzgeld hortet, kommt heutzutage glimpflich davon, wenn er eine Selbstanzeige stellt. Ich dagegen habe nie einen Cent Schwarzgeld besessen, es ging um konzerninterne Verrechnungen, ich habe mich nicht angemessen gewehrt und stand plötzlich am Pranger. Es ist ungut, was man da erlebt. Aber das Unternehmen ist in einem Topzustand, das war mein Ziel, und das habe ich erreicht.
SPIEGEL: Haben Sie festgeschrieben, dass die Kunst im Unternehmen verbleibt, oder kann man sie theoretisch jederzeit dort abziehen?
Würth: Die Kunst ist in unserem Leben, in meinem und dem meiner Frau, eine Art Stele, eine Landmark, aber nicht die einzige. Unser Sohn ist behindert, und meine Frau setzt sich seit langer Zeit für behinderte Menschen ein. Sie hat großartige Projekte auf den Weg gebracht. Aber ja: Das Engagement für die Kunst wird weitergeführt, meine Tochter Bettina, die an der Spitze des Unternehmensbeirats sitzt, will das auch so. Der Konzern gehört vier Familienstiftungen, die ich gegründet habe, es ist ein Familienunternehmen.
SPIEGEL: Sie besitzen Flugzeuge, die Sie jahrzehntelang auch selbst gesteuert haben, Sie reisen in die entlegensten Gebiete. Sie packen Ihr Leben sehr voll ...
Würth: ... meine Frau würde sagen, ich laufe vor mir selbst davon.
SPIEGEL: Sie kennen viele Künstler persönlich, sind mit etlichen befreundet. Was steht noch auf Ihrer Kunst-Wunschliste?
Würth: Wenn Sie einen Gustav Klimt für mich hätten, möglichst für sparsame 300 000 Euro, dann würde mich das freuen. Im Ernst, das ist eines meiner Desiderate seit 20, 30 Jahren.
SPIEGEL: Warum ausgerechnet Klimt?
Würth: Ich bin ein Farbenmensch. Und kennen Sie etwas Farbigeres als Klimt? Diese Bilder sind nun wirklich wunderbar.
SPIEGEL: Herr Würth, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Das Gespräch führte die Redakteurin Ulrike Knöfel.
Von Ulrike Knöfel

DER SPIEGEL 37/2015
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