21.06.1999

JOURNALISTEN„Einfach verdammtes Pech“

Der Tod eines „Stern“-Teams im Kosovo erschüttert deutsche Medien. Er zeigt, daß es auch besonnene Profis treffen kann. Den Preis für saubere Nachrichten aus Krisengebieten zahlen oft Kriegsreporter, auf die das Draufgänger-Image gar nicht paßt.
Quälend langsam passierte der Nato-Konvoi in der Nacht zum Montag vergangener Woche die Grenze. Er war unterwegs auf der Europastraße E 752 vom mazedonischen Skopje nach Prizren, wo das Kommando des deutschen Sektors im Kosovo stationiert ist. Immer wieder stoppten die Soldaten und mit ihnen SPIEGEL-Redakteur Andreas Ulrich und sein mazedonischer Fahrer. Ihr alter Alfa Romeo war das sechste Fahrzeug im Troß.
Gegen 3.30 Uhr rollten sie an einem Toten vorbei, der in der Nähe des Dulje-Passes am Straßenrand lag. "Die Schuhe, die Kleider, er sah irgendwie nicht wie ein Albaner oder Serbe aus", merkte Ulrich. Beim nächsten Halt fragte der Journalist den Kommandeur des Konvois nach dem Toten. Der deutsche Oberstleutnant wußte nichts Genaues, er hatte aber gehört, es könne ein Deutscher sein. Also wohl ein Reporter.
Die Leiche, so der Offizier, liege da schon seit dem späten Nachmittag. Spezialisten müßten sich um sie kümmern, denn oft würden Killerkommandos Sprengladungen unter ihren Opfern verstecken, um so auch noch unbedachte Helfer zu erwischen.
Der SPIEGEL-Redakteur fotografierte den Toten aus sicherem Abstand und prägte sich Einzelheiten der Szenerie ein - wie etwa ein rotes Auto am Straßenrand,
* Am 5. Juni bei Friedensverhandlungen an der mazedonischen Grenze.
das möglicherweise dazu gedient hatte, den Weg zu blockieren.
Wer der Mann war, erfuhr Ulrich erst später: Volker Krämer, 56, seit 30 Jahren Fotograf beim "Stern". Ein Kopfschuß hatte ihn getötet. Wahrscheinlich etwa eine halbe Stunde danach hatten serbische Soldaten an jenem banalen Stück Asphalt mitten im Nirgendwo einen Wagen der Hilfsorganisation "Médecins sans Frontières" gestoppt und den Helfern einen anderen Deutschen übergeben: Krämers Kollegen Gabriel Grüner, 35, den Balkan-Experten des Magazins. Er hatte einen Bauchschuß, war zwar noch bei Bewußtsein, starb aber dann in einem Lazarett. Später wurde auch noch der dritte Mann des Teams erschossen aufgefunden, der mazedonische Dolmetscher Senol Alit, 36.
Der Tod der Journalisten bewegt die Redaktionen in Deutschland und wohl auch ihre Leser und Zuschauer - mehr als viele Kosovo-Dramen zuvor. Für den Horror des Krieges stehen nun nicht mehr allein die Gesichter von muslimischen Flüchtlingen auf den Killing-fields des Balkans.
Der "Stern" trauert mit einem schwarzen Titelblatt, "Bild" empörte sich über den "feigen Mord". Freimut Duve, Medienbeauftragter der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa, forderte besseren Schutz für Journalisten, als könne es so etwas geben. Vielleicht werden deutsche Staatsanwälte ermitteln, wegen Mordes, gegen Unbekannt. Und in diversen Blättern räsonieren Kommentatoren, ob eine gute Geschichte das Leben eines Reporters wert sei.
Ist sie natürlich nicht. Aber genau der Preis wird immer wieder gezahlt.
Nur Reporter können versuchen, zwischen Propagandalügen die Wahrheit über Konflikte zu erzählen. Daß manche von ihnen dabei sterben, ist zwangsläufig. Allein dem Zufall bleibt es vorbehalten, wen es trifft. Allzuoft sind es Hasardeure auf der Suche nach Ruhm und dem Kick der Gefahr. Aber manchmal kommen auch besonnene Profis wie Krämer und Grüner um.
In den letzten zehn Jahren sind, so die Vereinigung "Reporter ohne Grenzen", mehr als 600 Journalisten in aller Welt getötet worden. Die meisten davon wurden bei heiklen Recherchen in ihren eigenen Ländern ermordet. Aber Kriege treiben die Bilanz immer nach oben. Der Völkermord in Ruanda 1994: mehr als 50 tote Reporter. Die Kämpfe im ehemaligen Jugoslawien: über 40 Opfer. Der Bürgerkrieg in Algerien: mindestens 57 getötete Journalisten.
Vergleichsweise selten sterben Deutsche. 1995 erschoß ein tschetschenischer Partisan den Moskauer "Stern"-Korrespondenten Jochen Piest, 30. 1994 starb Lissy Schmidt, die unter anderem für die "Frankfurter Rundschau" arbeitete, im Kurdengebiet des Nordirak. 1993 wurde der AP-Fotograf Hansi Krauss, 30, in Somalia von einem aufgebrachten Mob gesteinigt. 1991 in Kroatien traf eine Kugel Egon Scotland, Reporter der "Süddeutschen Zeitung".
Die meisten jener weltweit operierenden Kriegsspezialisten, die sich stets dort treffen, wo es knallt, stammen aus Ländern wie Amerika, England, Frankreich oder Neuseeland. Oft sind die Schreiber und Texter der Teams Kenner der Region oder des Landes, die Fotografen und Kameraleute hingegen Spezialisten für heikle Missionen in aller Welt. Nur wenige deutsche Blätter oder Sender beschäftigen reine Kriegsprofis wie die Fernsehjournalistin Christiane Amanpour; für den US-Nachrichtensender CNN steht sie heute auf einem Kontinent zwischen rau-
* Einen Tag vor seinem Tod mit deutschen Soldaten bei Prizren.
chenden Trümmern - und morgen auf dem nächsten, die Haare noch windzerzaust vom letzten.
Der Einmarsch ins Kosovo ähnelt in einem Punkt dem ersten großen Medien-Krieg der Geschichte, dem in Vietnam. Damals konnte sich jeder Anfänger in New York in das Flugzeug nach Saigon setzen und von dort nahezu ungehindert an die Front fahren. Manche große Karriere begann so wie etwa die des CNN-Reporters Peter Arnett. Aber manche endete auch da, wie die des legendären Fotografen Robert Capa, Mitbegründer der Magnum-Bildagentur; das letzte Negativ, das in seiner Leica gefunden wurde, zeigt U. S. Marines friedlich über ein Feld stapfen. Wenig später trat er auf eine Mine. Mindestens 135 Fotografen starben in Vietnam.
Auch heute kann jeder Foto-Student aus Bielefeld einen Linienflug nach Skopje oder Thessaloniki buchen, sich dort bei der Nato anmelden und dann mit einem Taxi zu Minenfeldern und Massengräbern fahren. Über 2000 Journalisten arbeiten jetzt in der Region, dabei ist das Kosovo deutlich kleiner als Schleswig-Holstein.
In solchen Situationen seien immer "jede Menge junger Leute unterwegs", sagt der deutsche Fotograf Hans-Jürgen Burkhard, 47. Er kennt sie von anderen Schauplätzen genau, die Zulieferer ohne festen Auftrag, meist Fotografen und Kameramänner, die für wenig Geld ihr Leben riskieren, das Kanonenfutter in der Schlacht der Medien um exklusiven Stoff. "Wenn die umkommen, kräht kein Hahn danach. Und man findet immer mehr Leute, die auf den schnellen Scoop angewiesen sind, das spektakuläre Einzelbild. Denn der bedächtige Journalismus, wie ihn Krämer und Grüner leisteten, stirbt langsam aus." Kriege seien selbst für Anfänger "relativ einfache Arbeitsgebiete", sagt Burkhard: "Man muß nur dem Schlachtenlärm nachlaufen und dann möglichst nah ran."
Vor allem Film- und Bildagenturen verheizen junge Desperados, die überall hingehen und ihre Ausbeute den Redaktionen anbieten, wenn sie denn überleben. "Besonders unmoralisch ist es, wenn Redakteure sagen, ich bezahl'' dich zwar nicht dafür, daß du hinfährst. Aber wenn du was Gutes bringst, werde ich es benutzen", so John Owen von der internationalen Journalisten-Organisation Freedom Forum: "Das verführt Leute mit wenig Erfahrung, es zu wagen."
Aber auch für gestandene Reporter gibt es keinen hundertprozentigen Schutz. Wahrscheinlich würden Grüner, Krämer und ihr Dolmetscher noch leben, hätten sie eine Satellitenausrüstung gehabt, um Bilder und Texte rechtzeitig zum Redaktionsschluß am Montag abend nach Hamburg zu senden. Sie waren zur falschen Zeit am falschen Ort, weil sie ihr Material von Skopje aus in die Zentrale überspielen wollten.
Doch die Straße galt als mäßig gefährdet, andere Journalisten, Ärzteteams und Flüchtlinge kamen an jenem Tag durch. Die Reporter können das Risiko für tragbar gehalten haben, nach Dutzenden von Kriseneinsätzen waren sie mörderisches Terrain gewöhnt. "Die beiden haben einfach verdammtes Pech gehabt", sagt Burkhard. Eigentlich sollte er mit Grüner in den Krieg, doch das Fax aus der Redaktion erreichte den Fotografen zu spät, da hatte er schon einen anderen Auftrag.
Auch ein gepanzerter Wagen hätte das Team retten können, aber oft ziehen die sogenannten Hard-cars das Feuer regelrecht auf sich, weil sie für marodierende Truppen eine begehrte Beute sind. Kaum ein Auto wurde während des Bosnienkriegs in Sarajevo so oft beschossen wie jene eigentümliche Spezialanfertigung, mit der CNN-Leute über die berüchtigte Heckenschützen-Allee preschten.
Auf kugelsichere Westen verzichten manche Profis sogar bewußt. Die leichten, unauffälligen Kevlarversionen halten Pistolenkugeln ab, aber für eine Kalaschnikow reicht es meist schon nicht mehr. Auch eine der schwereren Westen, deren Keramikplatten Brust und Rücken abdecken, hätte Krämer nicht geholfen; einen direkten Kopfschuß kann auch ein Helm nicht abhalten. Und selbst wenn Hochgeschwindigkeitsgeschosse eine Panzerweste nicht durchschlagen, kann schon ihre Aufprallenergie Organe zerfetzen. Wirft ihre Wucht den Reporter auch nur zu Boden, hat der Scharfschütze reichlich Zeit, um noch einmal zu zielen.
Vor allem aber kann nur schlecht weglaufen oder in Deckung springen, wer eine solche Keramikrüstung trägt. "Außerdem schafft zuviel Sicherheit Distanz zu den Menschen", sagt der kriegserfahrene Fotograf Peter Kullmann, 36, der sein Leben etwa in Mogadischu oder Sarajevo für den SPIEGEL riskierte - je nach Situation mal mit, mal ohne Weste und Helm.
Trotz oder gar wegen der Gefahr kommen viele Krisenjournalisten schwer los von dem schnellen Leben, dem Leben auf der Überholspur. "Die unmittelbare Bedrohung kann wie eine Droge wirken", weiß der Alt-Reporter Peter Scholl-Latour.
Doch das ist für die meisten nicht das Motiv. Grüner und Krämer etwa waren keine Risiko-Junkies. "Im Krieg geht es um Wesentliches, um die Basis des Menschlichen", so Kollege Kullmann. Der Krieg produziert die ultimativen Geschichten. Kaum etwas, das sich in Dresden oder Duisburg abspielt, kann derart an die Nerven gehen. Kaum irgendwo anders als im Krieg verlangt soviel Not nach Hilfe. "Die meisten meiner Kollegen sind Idealisten", sagt der stille US-Fotograf James Nachtwey, der für seine Kriegsbilder mehrfach ausgezeichnet wurde. Viele seien "ernste und engagierte Menschen, die nicht mehr wegschauen wollen".
Als Egon Scotland, der Reporter der "Süddeutschen Zeitung", erschossen wurde, trug er ein Gedicht bei sich. Ein Mann aus Kroatien hatte es geschrieben. Es heißt "Für den Reporter" und geht in Auszügen so: "Schreib'' soviel du kannst, mein Freund. Aber berichte der Welt nicht nur die Zahl der Menschen, die getötet wurden. Denn eine Zahl hat keinen Namen und keine gestohlene Zukunft. Erzähle der Welt, daß es Johann und William waren, die getötet wurden, Victor und Francesco, und Gabriel und Gyorgy. Und daß vielleicht auch du morgen getötet wirst."
Wenn "Stern"-Mann Grüner jemals Zweifel gehabt hat, ob die Lebensgefahr und die Bedeutung seiner Arbeit in einem richtigen Verhältnis zueinander standen, dann konnten Reaktionen auf manch einen Artikel die Bedenken ausräumen. Nach einer Reportage über schwerverwundete Kinder in Sarajevo fuhren Busse dorthin, um die Verletzten herauszuholen, plötzlich spendeten die Deutschen Millionen für bosnische Waisen. Die Bilder seines Fotografen-Kollegen Jay Ullal hätten eine "Welle des Mitgefühls und der Hilfsbereitschaft" ausgelöst, schrieb Grüner im Vorwort des Katalogs der Fotoausstellung "Kinder des Krieges", die er organisiert hatte. Was er bei der Arbeit sah, ließ ihn nicht los: "Wir müssen daran arbeiten, den Kindern des Krieges die Wiederkehr von Haß, Zerstörung und Mord zu ersparen."
Naiv aber war er nicht: "Und doch frage ich mich immer wieder, ob wir Fotografen und Schreiber wirklich etwas ausrichten können gegen Haß und Gewalt. Ich weiß keine Antwort darauf. Aber ich weiß, daß wir nicht aufgeben dürfen zu hoffen."
Seit 1991 arbeitete der Reporter für den "Stern", immer wieder hielt er auf den diversen Schlachtfeldern des ehemaligen Jugoslawien durch, doch schließlich war er es leid. Zudem ist seine Freundin im sechsten Monat schwanger, Gabriel Grüner wollte sich nach der Geburt ein Jahr lang vor allem um das Kind kümmern und ein Buch über den Krieg schreiben.
Deshalb wolle er "nur noch dieses eine Mal" ins Kosovo fahren, sagte er Kollegen. Der Beginn des Friedens sollte ein Kapitel in seinem Leben abschließen. Fotograf Burkhard: "Gabriel wollte diesen Krieg noch zu Ende bringen." CLEMENS HÖGES
* Am 5. Juni bei Friedensverhandlungen an der mazedonischen Grenze. * Einen Tag vor seinem Tod mit deutschen Soldaten bei Prizren.
Von Clemens Höges

DER SPIEGEL 25/1999
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