03.08.1992

„Wir wollten ihn loswerden“

Nach 16 Monaten des Exils mußte Botschaftsflüchtling Honecker zurück in die Untersuchungshaft - unter Zwang, wie er den chilenischen Gastgebern bescheinigte. Persönliche Akten belegen, wie verzweifelt der Greis in den letzten Tagen die Abschiebung zu verhindern suchte. Doch zuletzt mochte ihm niemand mehr helfen.
Um 17 Uhr Moskauer Zeit bittet der chilenische Sonderbotschafter James Holger am vorigen Mittwoch zu einem letzten Gespräch.
"Innerhalb der nächsten 20 Minuten", so bescheidet der Diplomat den letzten Botschaftsflüchtling aus der untergegangen DDR bündig, laufe die Aufenthaltsfrist für Erich Honecker und seine Frau Margot "in ihrer Eigenschaft als Gäste auf dem Territorium der Botschaft Chiles ab". Diese Entscheidung habe am Vorabend die chilenische Regierung getroffen.
Auf eine Diskussion mit dem 79jährigen läßt sich der Sonderbotschafter nicht mehr ein. Statt dessen überreicht er Honecker eine spanisch abgefaßte einseitige Erklärung. Er wolle "kurz und präzise sein", beginnt die von Holger unterzeichnete Note, mit der Honeckers 16monatige Flucht vor deutschen Strafverfolgern besiegelt wird.
Kernaussage: Die russische Regierung habe entschieden, dem deutschen "Ersuchen auf Rücküberstellung" nachzukommen. Die Honecker eingeräumte Frist zum Widerspruch sei abgelaufen. Seine zahlreichen Eingaben sind bis dahin unbeantwortet; Kontaktversuche scheitern, weil die einstigen Freunde sich verleugnen lassen - oder in Urlaub gefahren sind.
Dem Alt-Kommunisten aus Ost-Deutschland bleibt keine Chance mehr, nur seinen Widerwillen kann er noch zu Protokoll geben. Mit unruhiger Hand schreibt er auf das Holger-Dokument: "Unter Protest zur Kenntnis genommen."
Und es folgt die Paraphe, die einst jahrzehntelang die DDR beherrschte: "E. Honecker."
Die Meinung des früheren DDR-Staatsoberhauptes ist jetzt bedeutungslos geworden. Seine Gastgeber, Russen wie Chilenen, wollen sich des Problems Honecker an diesem Tag endgültig entledigen. Bereits sechs Stunden später bezieht Honecker Quartier in der Berliner Haftanstalt Moabit, wo ihm am nächsten Tag zwei Haftbefehle eröffnet werden (siehe Seite 23).
Sowohl den früheren Bündnispartnern des Einheitssozialisten wie seinen südamerikanischen Gastgebern, die Honecker zunächst unter Bruch des Völkerrechts Zuflucht gewährt hatten, sind am Ende die Beziehungen zum neuen, großen Deutschland wichtiger als die Solidarität mit dem Alt-Kommunisten.
Am Ende ist er nur noch lästig - und sie setzen ihn unter Androhung von Gewalt vor die Tür.
Als Honecker am Mittwoch nachmittag von seinen Gastgebern noch einen letzten Aufschub um ein bis zwei Stunden erbittet, fertigt ihn Chiles Abgesandter Holger rüde ab: "Nein, Sie müssen das Botschaftsgelände in dieser Minute verlassen."
Vor den Türen des Botschafterbüros sind zu diesem Zeitpunkt bereits vier russische Sicherheitsbeamte postiert, die Honecker nicht für eine Minute allein auf sein Zimmer im ersten Stock des Gebäudes lassen. Erst als Holger interveniert, kann der Flüchtling gerade noch ein paar persönliche Sachen in zwei Koffer packen - darunter die fast 800 Seiten starke Anklageschrift der Berliner Justiz.
An dem Drehbuch für Honeckers Rausschmiß wurde in Santiago, Moskau und Bonn seit Monaten geschrieben. Schon am 12. Juni hatte sich der chilenische Präsident Patricio Aylwin dem deutschen Drängen gebeugt. Am Randes des Umweltgipfels in Rio sagte er seinem christdemokratischen Parteifreund, Kanzler Helmut Kohl, zu, Honecker werde das Botschaftsgebäude in Moskau verlassen müssen.
Was seitdem ablief, so Bonns Außenminister Klaus Kinkel, glich "einer Echternacher Springprozession - zwei Schritte vor, einer zurück".
Honeckers Fluchthelfer und seine chilenischen Beschützer bemühten sich nach Kräften, den Schwarzen Peter dem anderen zuzuschieben. Mal sollte Honecker in ein Land seiner Wahl ausreisen dürfen. Dann wieder wurde erwogen, ihm vor einer Abschiebung das Recht einzuräumen, ein russisches Gericht anzurufen.
Eins war klar: Weder die Russen noch die Chilenen wollten, aus Sorge vor innenpolitischen Widerständen, die Verantwortung für eine - eventuell gar gewaltsame - Auslieferung Honeckers an seine einstigen Gegner übernehmen.
Die aber blieben stur bei ihrer Auffassung, der flüchtige Honecker sei im März 1991 von einer sowjetischen Militärmaschine unter Bruch des Völkerrechts vom Militärhospital Beelitz nach Moskau geschafft worden. Wenn Rußland und Chile ihren Anspruch einlösen wollten, Rechtsstaaten zu sein, müsse der mit Haftbefehl in Deutschland Gesuchte aus der Botschaft verwiesen und in die Bundesrepublik zurückgebracht werden. Ex-Justizminister Kinkel: "Wir haben pausenlos gedrückt."
Erich Honeckers Odyssee endete, wie sie im März 1991 begonnen hatte - mit Hilfe der Russen, die einst seine Schutzmacht und seine Vorgesetzten waren.
Mit dem Machtverlust Gorbatschows schwand auch im einstigen Zentrum des Weltkommunismus der Wille, dem alten Kampfgefährten beizustehen. Schon im Dezember 1991 drohte ihm die russische Regierung mit der gewaltsamen Abschiebung, falls er sich nicht freiwillig davonmache.
Noch einmal gelang Honecker die Flucht, diesmal in die chilenische Botschaft in Moskau. Mit einem Diplomaten-Wagen ließ Irina Caceres de Almeyda, die Frau des Botschafters, die alten Freunde Erich und Margot an einem Dezember-Abend in ihre Residenz in der Uliza Junosti 11 holen. Ihr Mann Clodomiro, zu Zeiten des Sozialisten Salvador Allende Außenminister des Landes und zwischen 1976 und 1987 politischer Flüchtling in der DDR, war vorsorglich nach Santiago geflogen. Er wollte dort Stimmung für die ungewöhnliche Hilfsaktion machen.
Die Chilenen, so das Votum des Diplomaten und Alt-Marxisten, hätten eine moralische Verpflichtung gegenüber Honecker, schon weil dieser vielen Chilenen nach dem Militärputsch 1973 Exil in der DDR gewährt hatte - eine Position, die zunächst viele Chilenen unterstützten.
Die Flucht, von Almeyda ohne Rückendeckung seiner Regierung arrangiert, löste ein monatelanges Gezerre zwischen Moskau, Santiago und Bonn aus - in dessen Verlauf auch die Regierungskoalition in Santiago, ein Bündnis aus Christdemokraten, Sozialdemokraten und Sozialisten, ins Wanken geriet.
Während hinter den Kulissen verhandelt wurde, wucherten - oft zielgerichtet gestreut - Spekulationen. Mal wollte Honecker, so die Berichte, Asyl in Kuba oder Nordkorea suchen. Dann wieder lag er laut Angaben seiner Anwälte sterbenskrank darnieder. Mal drohte der 79jährige mit Selbstmord, sollte man _(* Mit Chile-Sonderbotschafter Holger am ) _(Mittwoch letzter Woche vor der ) _(chilenischen Botschaft in Moskau. ) versuchen, ihn gewaltsam nach Deutschland zu schaffen. Dann wieder berichteten Reporter von einem gescheiterten Fluchtversuch. Wahrheit und Dichtung waren kaum noch zu unterscheiden.
Zeitweise machten sogar Vermutungen die Runde, die Chilenen könnten sich ihres Botschaftsgastes mit einem Trick entledigen: Bei einem ohnehin geplanten Umzug des Botschaftspersonals in andere Räumlichkeiten könne Honecker allein in der alten Residenz zurückbleiben - und dort bis an sein Lebensende ausharren. Motto: Nicht Honecker verläßt die Botschaft, sondern die Botschaft verläßt ihn.
Alle paar Wochen, schließlich täglich vermeldeten Zeitungen, Nachrichtenagenturen und Fernsehsender die baldige Lösung des Falles Honecker und seine Abreise nach Deutschland. Fast ebensooft wurden die Meldungen wenig später widerrufen. Selbst die spekulationsgewohnte Bild-Zeitung stöhnte zu einer neuerlichen Rückkehr-Ankündigung vor zwei Wochen: "Nach 77 Gerüchten über Honeckers Rückkehr gestern Gerücht Nummer 78."
In Deutschland wurden die Alarm-Pläne für den Tag X, die Rückkehr der Honeckers, seit Monaten vorbereitet. Doch erst am vorvergangenen Wochenende richteten sich die Berliner Sicherheitskräfte ernsthaft auf ein Finale ein: Bei der Polizei wurde eine 24-Stunden-Einsatzbereitschaft installiert.
Die Furcht, SED-Gegner oder frühere Maueropfer könnten nach Honeckers Rückkehr auf deutschen Boden einen Anschlag auf den früheren DDR-Staatsratsvorsitzenden verüben, beherrschte die Vorbereitungen. Das Mißtrauen richtete sich selbst gegen die Polizisten: Alle Sicherheitsbeamten, die für die Festnahme und Begleitung Honeckers zur Haftanstalt Moabit vorgesehen waren, mußten sich überprüfen lassen. Zugelassen waren nur westdeutsche Beamte, bei denen familiäre Bindungen zu Maueropfern oder SED-Verfolgten ausgeschlossen waren.
Russische Sonderwünsche schufen zusätzliche Probleme. Honecker, so zunächst das Ansinnen Moskaus, solle nicht auf einen Berliner Airport, sondern auf den Militärflughafen Sperenberg im Land Brandenburg geflogen werden. Damit hätte Boris Jelzin zumindest formal den Status quo wiederherstellen können, denn im März 1991 war Honecker von einem Stützpunkt der Roten Armee aus gen Osten geschafft worden.
Das war für die deutschen Sicherheitskräfte ein Wunsch mit Widerhaken. Eine Landung Honeckers fernab von Berlin, so ihr Einwand, bringe neue Sicherheitsprobleme. Journalisten und Attentäter könnten dann nur mit Mühe ferngehalten werden; es drohe eine lebensgefährliche Verfolgungsfahrt über fast hundert Kilometer.
Dennoch wurde auch für diesen Fall ein Plan ausgetüftelt: Mehrere Auto-Konvois der Polizei sollten den Militärstützpunkt gleichzeitig verlassen und in verschiedene Richtungen davonfahren - ohne daß von außen erkennbar wäre, in welchem Wagen Honecker tatsächlich sitzt.
Die Botschafts-Flüchtlinge selbst hatten sich bis kurz vor Schluß siegesgewiß gezeigt und auf eine ungehinderte Ausreise aus Rußland gesetzt - allerdings nie mehr Richtung Deutschland. Margot im April: "Erst über den roten Teppich in Bonn und nun mit Polizeibewachung in den Knast, diese Farce machen wir nicht mit."
Doch die entscheidenden Veränderungen spielten sich fernab von Moskau, in Chile, ab. Stück für Stück bröckelte die Unterstützung der Regierung in Santiago für den ungebetenen Botschaftsgast. Nachdem der christdemokratische Präsident Aylwin im Frühjahr seinen Moskau-Botschafter Almeyda zur Postenaufgabe gezwungen hatte, fehlte Honecker fortan sein wichtigster Schutzpatron.
Andere Faktoren kamen hinzu: Längst hatte sich in Umfragen gezeigt, daß die Mehrheit der Chilenen eine Auslieferung Honeckers nach Deutschland befürwortete. Als die Koalition Ende Juni die chilenischen Kommunalwahlen erfolgreich überstanden hatte, trat die Verbundenheit gegenüber einem alten Genossen zurück hinter die Gefahr, das deutsch-chilenische Verhältnis ernstlich zu schädigen: "Wir wollten Honecker endlich loswerden" (so der chilenische Botschafter in Bonn).
Und dessen 65jährige Ehefrau ebenso. Beim monatelangen Gefeilsche, für Chiles Unterhändler Holger "ein diplomatischer Zehnkampf", hatte die Regierung in Santiago darauf bestanden, daß auch die ehemalige Volksbildungsministerin die Botschaft verläßt.
Für Margot Honecker, eine ausgebildete Telefonistin, die Honecker als Funktionärin der Freien Deutschen Jugend kennenlernte und die 1951 die gemeinsame Tochter Sonja bekam, war Moskau ein vertrauter Ort. Nach intensiver Schulung in der damaligen Sowjetunion übernahm sie bereits 1954, ein Jahr nach der Heirat mit Erich, die Hauptabteilung für Lehrerbildung im Ost-Berliner Volksbildungsministerium. Vier Jahre später wurde sie Stellvertreterin des Ministers und übernahm 1963 selbst das Amt.
Unbeirrt und gefürchtet prägte sie jahrzehntelang das Bildungssystem der DDR und stand für die reine realsozialistische Lehre an Schulen und Universitäten. Noch im Juni 1989 zeigte sich die Ministerin für Volksbildung völlig unbeeindruckt von den dramatischen Umwälzungen in Osteuropa und rief die Jugend dazu auf, den Sozialismus zu verteidigen, "wenn nötig, mit der Waffe in der Hand". Die Voraussetzungen dafür hatte sie geschaffen: Ab 1978 mußten bereits die Schüler der neunten und zehnten Klassen im Wehrunterricht den praktischen Umgang mit Kriegszeug lernen.
Ihr Ministerium führte sie mit strengem Regiment. Eingaben und Briefe versah sie mit persönlichen Vermerken wie "MfS". Die Schreiben gingen dann direkt zur Staatssicherheit. Betroffene Eltern beschuldigen sie, für Zwangsadoptionen von Kindern republikflüchtiger Eltern verantwortlich zu sein; in Berlin erwägen deshalb Staatsanwälte ein Ermittlungsverfahren gegen die blauhaarige, immer noch überzeugte Kommunistin, die ihren Ehemann zumindest seit dessen Sturz ersichtlich unter die Fuchtel genommen hatte.
In den letzten Tagen konnten die Bonner ein Druckmittel für sich nutzen, das Außenminister Kinkel diplomatisch als "Szenario" umschrieb und das sein Staatssekretär Dieter Kastrup gemeinsam mit dem chilenischen Unterhändler Holger bei dessen Bonn-Visite Ende Juni entwickelt hatte. Bis zum 1. August, so die Vereinbarung, sollte Honecker sein Exil verlassen, erst danach Holger sein Beglaubigungsschreiben als neuer Botschafter Chiles in Moskau übergeben. Die Regierung in Santiago befürchtete nämlich, die Russen könnten einen weiteren Aufenthalt Honeckers in der Botschaft zum Anlaß nehmen, die Ackreditierung zu verweigern.
Der Plan führte zum Erfolg. Am 22. Juli überreichte Bonns Botschafter Klaus Blech im russischen Außenministerium eine Verbalnote, in der Bonn an die "wiederholten Zusicherungen der russischen Seite" erinnerte, "daß Herr Honecker nach Deutschland zurücküberstellt wird, damit er sich vor der deutschen Justiz verantworten kann". _(* Am Dienstag letzter Woche in der ) _(chilenischen Botschaft in Moskau. )
Die Begründung wurde den Russen, Rechtsnachfolger der untergegangenen Sowjetunion, in der vertraulichen Note mitgeliefert: _____" Nach Auffassung der deutschen Regierung verstößt die " _____" widerrechtliche Verbringung von Herrn Honecker gegen den " _____" "Vertrag über die Bedingungen des befristeten Aufenthalts " _____" und die Modalitäten des planmäßigen Abzugs der " _____" sowjetischen Truppen aus dem Gebiet der Bundesrepublik " _____" Deutschland" und gegen allgemeines Völkerrecht, weil sie " _____" dazu diente, eine wegen Anstiftung zur mehrfachen " _____" vorsätzlichen Tötung durch Haftbefehl gesuchte Person der " _____" Strafverfolgung zu entziehen. "
Die Russen antworteten, sie sähen "keinen Grund", von ihrer bereits im Dezember verkündeten Entscheidung abzurücken, "wonach Honecker nach Deutschland zurückzukehren hat". Außerdem sei "die russische Seite bereit, alle erforderlichen Maßnahmen für die Rückführung Erich Honeckers nach Deutschland zu ergreifen, sobald er sich auf russischem Territorium befindet".
Zwei Tage später unternimmt Holger den ersten gezielten Versuch, Honecker die Tür zu weisen. Am 25. Juli teilt er seinem ungeliebten Gast mit, daß die russische Regierung sich der Bonner Rechtsauffassung anschließe und Honecker nun die Botschaft zu verlassen habe. Doch als sich der starrköpfige Greis ("Ich gehe nicht freiwillig") wehrt, schreckt der Chilene zunächst zurück. Die gesamte Rückführaktion, in Moskau wie Berlin an diesem, dem vorvergangenen Samstag bereits akribisch vorbereitet, wird noch einmal abgeblasen.
Am Montag voriger Woche konfrontiert Holger die Honeckers mit einem neuen Ultimatum. Der einstige Staatsratsvorsitzende soll "innerhalb von 24 Stunden schriftlich vom rechtlichen Gehör Gebrauch machen" und damit zum deutschen Auslieferungsantrag Stellung nehmen: "Diese Frist", heißt es in holprigem Deutsch, "beginnt zu laufen ab dieser Notifizierung."
In den Augen Honeckers eine Farce. Weder ein ordentliches Verfahren vor einem russischen Gericht noch eine mündliche Anhörung werden ihm gewährt, doch seine Möglichkeiten zu Protest und Widerstand sind gering. Holger zwingt ihn, den Empfang der vorgelegten "Notifizierung" zu bestätigen: "Ich habe folgende Erklärung übereinstimmend bekommen." Der Alte unterschreibt, wie er es tausendmal in seiner Amtszeit tat.
Noch am selben Tag erhebt er in einem maschinengeschriebenen Brief an den russischen Außenminister Andrej Kosyrew "Einspruch gegen die gesetzte Frist von 24 Stunden, die es mir nicht erlaubt, von meinen Rechten Gebrauch zu machen". Seinem Brief legt er Schriftsätze seiner Berliner Anwälte bei, die diese bereits in der Vorwoche dem russischen Botschafter in Bonn zur Weiterleitung nach Moskau übergeben hatten.
Die gleichen Papiere versucht Margot Honecker tags darauf dem russischen Parlamentspräsidenten Ruslan Chasbulatow zu übermitteln. Unter dem Vorwand, sie fahre "zu Bekannten", verläßt sie die chilenische Botschaft und fährt zum "Weißen Haus", dem Sitz des russischen Parlaments. Die eigenmächtige Aktion hat Jelena Gorowaja, 34, eingefädelt, eine Journalistin, die bis in die letzten Stunden für die Honeckers den Kontakt zur Außenwelt hält.
Erich Honecker, der in der Botschaft zurückbleibt, gibt den beiden einen handgeschriebenen zweiseitigen Bittbrief an den Parlamentspräsidenten mit. Ein letztes Mal beschwert er sich "mit Grüßen vorzüglicher Hochachtung" über die Weigerung der russischen Regierung, ihm zu helfen: _____" Deshalb bitte ich Sie heute um Ihre Unterstützung zur " _____" Erreichung des politischen Asyls oder zur Erlangung eines " _____" Ausreisevisums in ein Land meiner Wahl zu erwirken. "
Der Hilferuf, in krakeliger Greisenschrift schnell zu Papier gebracht, bleibt ungehört. Honecker erhält wieder einmal - wie auf zahlreiche andere Schreiben an die Präsidenten Michail Gorbatschow und Boris Jelzin - keine Antwort; Chasbulatow macht gerade Urlaub auf der Krim. Und die russischen Behörden, die von der geheimen Honecker-Mission Wind bekommen, werten den Brief als "Aktivität, die gegen die Regierung Rußlands gerichtet" sei.
Nun ist der Countdown nicht mehr zu stoppen. Am selben Abend kabelt die deutsche Botschaft in Moskau nach Bonn, die Abschiebe-Aktion laufe an.
Während Margot noch in Moskau auf den Direktflug der Aeroflot nach Santiago de Chile wartet, wo sie bei Tochter Sonja unterschlüpfen will, wird Erich zum Auto geleitet; sein Abschied von der Freiheit ist kämpferisch-sozialistisch: Mit geballter Faust grüßt er die Weltpresse.
In Berlin teilt der einstige Staatschef für 24 Stunden die Zelle der Haftanstalt Moabit mit einem 40jährigen Sinti, der über den neuen Duz-Kumpel berichtet: "Honecker ist ein alter Herr, zurückhaltend, aber freundlich."
Danach entscheidet ein Richter, daß der alte Kommunist allein ein Krankenzimmer beziehen dürfe. Der Prozeß gegen den dann 80jährigen beginnt frühestens im Oktober - wenn überhaupt.
* Mit Chile-Sonderbotschafter Holger am Mittwoch letzter Woche vor der chilenischen Botschaft in Moskau. * Am Dienstag letzter Woche in der chilenischen Botschaft in Moskau.

DER SPIEGEL 32/1992
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