07.09.1992

„Das Öl von Maikop und Grosny“

Rußland (hat) durch seinen Feldzug von 1812 gelehrt, daß ein Reich von großen Dimensionen nicht zu erobern ist (welches man füglich vorher hätte wissen können), daß die Wahrscheinlichkeit des Erfolges nicht in allen Fällen in dem Maße abnimmt, als man Schlachten, Hauptstädte, Provinzen verliert, wenn die Offensivkraft des Gegners sich schon erschöpft hat, und mit welcher ungeheuren Gewalt dann die Defensive zur Offensive überspringt.
Als man Finnlands schillernd-legendärem Volkshelden Carl Gustaf Freiherr von Mannerheim, im Ersten Weltkrieg noch Generalmajor in der Armee des Zaren und mit einer Russin verheiratet, am 3. Februar 1943 die Kapitulation von Hitlers 6. Armee im Kessel von Stalingrad meldete, erklärte er: "Der Krieg hat einen definitiven Wendepunkt erhalten." Obwohl ihm Hitler im Jahr zuvor zu seinem 75. Geburtstag einen Besuch in Helsinki abgestattet hatte, war Mannerheim von nun an bemüht, sich möglichst geräuschlos davonzustehlen.
Ähnlich wie er verhielten sich Hitlers Verbündete Italien, Rumänien, Ungarn, Kroatien und die Slowakei. Stalingrad war die psychologische Wende des Zweiten Weltkrieges, mehr nicht. Zu gewinnen wäre dieser Krieg so, wie Hitler ihn angelegt hatte, ohnehin nicht gewesen.
Das konnte man damals, als alle kriegführenden Parteien sich in Schwierigkeiten befanden, noch nicht so klar sehen wie heute. Den Fehler, die handelnden Personen beliebig auszutauschen oder die Grundgegebenheiten nachträglich zu verbiegen, dürfen wir dabei nicht machen. _(* Am 1. Juni 1942 im Hauptquartier der ) _(Heeresgruppe Süd in Poltawa. )
Angeblich hatte ja Hitler bereits im Winter 1941/42 nach dem Scheitern des von ihm persönlich als Blitzkrieg geplanten "Unternehmens Barbarossa" gegen die Sowjetunion erkannt, daß der Krieg nicht mehr zu gewinnen war und er deshalb verhandeln müsse; Zeugen für diese Einsicht sind sein engster strategischer Berater, Generaloberst Alfred Jodl, 1946 in Nürnberg gehenkt, und sein Rüstungsminister Fritz Todt, 1942 bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen.
Es mag sein, daß Hitler wußte, ohne zu wissen, ein schwer erklärbares, doch immer wieder festzustellendes Phänomen, wenn aggressiv depressives Beharren und sanguinischer Tatendrang eine Verbindung eingehen.
Er hat alle auswärtigen Mächte, mit denen er es zu tun hatte, falsch eingeschätzt: England, die Vereinigten Staaten, die Sowjetunion und Japan, nur Italien nicht, aber da gab es ja den Duce. Die Frage ist, ob er sie richtig einschätzen wollte. Wenn er ein Triebtäter war, dann gab es bei ihm womöglich eine mentale Sperre, die ihn bestimmte Tatsachen nicht wahrnehmen ließ.
Wer sich allen Ernstes Gedanken darüber macht, ob Stalin wohl jüdische Ohrläppchen hat, ist, um es milde auszudrücken, nicht zurechnungsfähig. Wer alle europäischen Juden vernichten und sich ein eigenes "Indien" von Archangelsk bis zum Kaspischen Meer erobern will, ist irrsinnig. Wem zu Stalingrad nichts anderes einfällt, als alle männlichen Einwohner, weil "besonders gefährlich", liquidieren zu lassen, ist ein Triebtäter. Und vor so einem haben die preußischen Monokelträger strammgestanden.
England und Frankreich hatten ihm freiwillig die kontinentale Vorherrschaft, die ja auch eine ökonomische gewesen wäre, zu Füßen gelegt. Doch was er eigentlich begehrte, den Krieg, weil er ihn wie ein Süchtiger brauchte, konnten sie ihm nicht konzedieren. Man muß da doch an den sonst so anders gearteten Napoleon denken, der am Abend nach der Drei-Kaiser-Schlacht von Austerlitz gegen seinen toten Kriegsschulkameraden Antoine Phelippeaux wütet, weil der ihm 1799 als Verteidiger der Festung Akka angeblich den "Schlüssel zum Orient" aus der Hand geschlagen hatte.
Churchill kabelt am 15. August 1942 aus Moskau an Roosevelt: _____" Mein eigenes Gefühl sagt mir, daß eine ausgeglichene " _____" Chance besteht, daß sie (die Sowjets) durchhalten. Aber " _____" der Generalstabschef (Sir Alan Brooke) glaubt nicht, so " _____" weit gehen zu dürfen. "
Dies, obwohl Stalin am 14. August auf einem Bankett im Kreml in Anwesenheit Churchills eine "Gegenoffensive in großem Umfang" angekündigt hatte. War Wodka im Spiel? Stalin versicherte Churchill, der die Nazis schon am Persischen Golf sah, sie würden nicht einmal bis zum Kaukasus kommen, dazwischen stünden 25 Divisionen (in Wahrheit waren es viel mehr). Auf eine Landkarte deutend hatte er erklärt: "Wir werden sie festnageln, sie werden die Gebirgskette (des Kaukasus) nicht überqueren."
Für unsere Betrachtung ist wichtig, daß der Empire-Generalstab Hitler noch Mitte August 1942 beinahe soviel zutraute wie dieser sich selbst. "Wenn ich das Öl von Maikop und Grosny nicht bekomme, dann muß ich den Krieg liquidieren", hatte er im Hauptquartier der Heeresgruppe Süd am 1. Juni 1942 in Poltawa verkündet.
Der intuitiv begabte Amateur Hitler sah sich da, wo Churchill ihn auch sah. Er ließ Karten vom Gebiet jenseits des Kaukasus anfertigen und Sprachführer erstellen. In puncto Größenwahn sind sie sich alle gleich, diese Söhne des Glücks. Hitler kann gar nichts liquidieren, nur noch sich selbst. Für ihn gibt es keinen Konkursrichter und - wie einst für den geschlagenen Napoleon - kein Kaisertum auf Elba mehr.
Generalfeldmarschall Fedor von Bock, damals 61 Jahre alt, will seine Heeresgruppe B zusammenhalten und sich auf Stalingrad konzentrieren. Anschließend kann man ja immer noch nach Süden schwenken. Hitler entläßt ihn am 13. Juli 1942. Seine hohen Militärs sind im Durchschnitt zehn Jahre älter als diejenigen Stalins und zumeist älter als er, wohingegen Stalins Truppenführer durchweg jünger sind als der "Höchste".
Franz Halder, Chef des Generalstabs des Heeres, beklagt die Überdehnung der Front. Er wird am 24. September entlassen. Generalfeldmarschall Wilhelm List, Chef der Heeresgruppe A (Kaukasus), erreicht bei Maikop die von den Sowjets zerstörten Erdölfelder und bleibt vor Suchumi stecken. Jodl, der ihm Beine machen soll, kehrt mit der entmutigenden Nachricht zum "Führer" zurück, er könne tatsächlich nicht weiter. List geht oder muß gehen.
Hitler nennt Jodl einen zweiten "Hentsch"* und übernimmt vorübergehend selbst das Kommando der Heeresgruppe A. Er ißt nicht mehr mit Jodl zu Mittag, verweigert ihm gar den Handschlag. Eine Zeitlang ißt er allein mit seiner Hündin Blondie. Nichts mit Batum, nichts mit Baku, nichts mit Grosny, nichts mit Abadan oder Astrachan.
Hitler sieht seine Felle davonschwimmen. Am 10. und 12. Oktober läßt er die Ölfelder von Grosny bombardieren. _(* Oberstleutnant Richard Hentsch hatte ) _(1914 den Rückzug an der Marne ) _(eingeleitet und mußte deshalb als ) _(Sündenbock für das Scheitern des ) _(deutschen Feldzugsplans gegen Frankreich ) _(herhalten. ) Stalin hatte auf dem Bankett mit Churchill wohl doch nicht zuviel Wodka getrunken. Hitler ist in Eile und verliert vollends den Verstand. Als er Stalingrad und Baku auf einen Streich nehmen will, triumphiert Stalin am 6. November auf einer Festsitzung des Moskauer Stadtrats: "Im Ergebnis, indem sie zwei Hasen jagten - das Erdöl und die Einkreisung Moskaus -, sind die deutschen faschistischen Strategen in eine schwierige Lage geraten."
In Wahrheit hatte er genau das befürchtet, daß nämlich Hitler nach Süden vorstoßen und gleichzeitig Moskau von Osten her umfassen würde. Es ist allemal klüger, den Feind zu über- als zu unterschätzen.
Während Churchill bei ihm zu Besuch weilt, weiß Stalin bereits, daß Hitler die "Drehscheibe" bei Woronesch am Don nicht mehr dazu nutzen kann, nach Moskau umzuschwenken. Dazu war es bereits zu spät. Er kam an dieser Stelle nicht über den Fluß. Das Universitätsviertel der Stadt blieb in russischer Hand - ein Vorgeschmack auf künftige Häuserkämpfe.
Während Hitler den Kessel von Demjansk unnützerweise halten läßt, ja, seinen im Angriff brillantesten Heeres-Marschall Erich von Manstein nach Norden in Marsch setzt, um endlich Leningrad zu erobern, verfolgt Stalins Marschall Semjon Timoschenko, offenbar vom "Höchsten" nicht gehindert, in zähen Bemühungen einen geordneten Rückzug, erst bei Woronesch, dann weiter südwestlich des Don. Kutusow redivivus.
Nach wie vor hat die Heeresgruppe B unter ihrem neuen Oberbefehlshaber Maximilian von Weichs die Aufgabe, Stalingrad zu besetzen. In der Führerweisung Nr. 45 vom 23. Juli heißt es dazu: _____" Der Heeresgruppe B fällt die Aufgabe zu, neben dem " _____" Aufbau der Don-Verteidigung im Vorstoß gegen Stalingrad " _____" die dort im Aufbau befindliche feindliche Kräftegruppe zu " _____" zerschlagen, die Stadt selbst zu besetzen und die " _____" Landbrücke zwischen Don und Wolga zu sperren. "
Jeder weiß, das kann nicht gutgehen, das ist nackter Irrsinn. Aber niemand widerspricht jetzt mehr.
Mit 330 000 Mann war der Panzergeneral Friedrich Paulus, Sohn eines Buchhalters in einem Arbeits- und Besserungshaus, am 22. Juli 1942 an der Spitze der 6. Armee in die Ukraine eingefallen. Er glaubt ebensowenig wie der umsichtige Weichs, daß er die Ziele der Führerweisung Nr. 45 erreichen kann.
Hitler leidet unter dem Klima von Winniza, wo er sein Hauptquartier aufgeschlagen hat, und ist noch übellauniger als sonst. Er hält beide mit Versprechungen hin. Paulus, Jahrgang 1890, fühlt sich im Heeresgeneralstab zurückgesetzt. Seiner Meinung nach hätte er längst Generaloberst sein müssen. Er hat ein Semester Jura studiert und glaubt wie der Chef seines Stabes, Arthur Schmidt, an den "guten Stern des Führers".
Doch alle guten Sterne können mangelnde Logistik nicht ersetzen. Mal entscheidet sich das Schicksal des Kaukasus in Stalingrad, mal das Schicksal Stalingrads im Kaukasus. Über zwei Wochen liegt Paulus beschäftigungslos in der Steppe herum, weil der ihm zugedachte Nachschub zum Kaukasus umgeleitet wurde.
Sein Gegenüber, der erfahrene Heerführer und frühere Kriegskommissar Timoschenko, ist übrigens aus irgendeiner Laune Stalins heraus nach Moskau zurückgerufen und durch den nicht sehr fähigen Generalleutnant Wassilij Gordow ersetzt worden.
Die russische Öffentlichkeit erfährt davon nichts, an der Wolga kämpfen bis zum Schluß Timoschenkos Truppen. Der oberste Geheimniskrämer im Kreml hat Churchill auch nicht gesagt, daß nicht mehr der erkrankte Boris Schaposchnikow, sondern Alexander Wassilewski Generalstabschef der Roten Armee ist.
Daß Paulus, der bisher kein größeres Kommando innehatte, ein guter Stratege ist, stellt er unter Beweis. Unerwartet für den Gegner, taucht er plötzlich vor dem im Norden Stalingrads gelegenen Traktorenwerk "Felix Dserschinski" auf. Desto alarmierender hätte sein Funkspruch vom 8. September an das Oberkommando des Heeres wirken müssen: _____" Endgültige Besitznahme der Stadt mit vorhandenen " _____" Kräften infolge starker Ausfälle nicht möglich. Armee " _____" bittet um Stoßtrupps und Straßenkampfspezialisten. "
Der Angriff "versande", meldet das Oberkommando der 6. Armee am 20. September.
Ging es denn aber nicht um die von Hitler verlangte "völlige Inbesitznahme" der, wie sie jetzt schon hieß, "Wolga-Festung"? Nun, Hitler schickt keine Verstärkungen. Er entzieht der 6. Armee sogar noch ihre spärlichen Reserven, drei Divisionen, weil er mit starken Angriffen gegen die Front der 8. italienischen Armee in Richtung Rostow rechnet.
Wie? Die zu operativem Vorgehen angeblich nicht mehr fähige Rote Armee sollte mitten im Winter aus dem Raum Stalingrad nach Rostow am Asowschen Meer durchbrechen, eine Strecke so lang wie von Basel nach Antwerpen? Rostow, das erst kürzlich nach härtestem Häuserkampf den Russen wieder entrissen worden war, obwohl von Spezialtruppen des NKWD* tapfer verteidigt, und dessen Fall gleichwohl zu einer Propagandakampagne zwecks Disziplinierung herhalten mußte?
Der strategische Ansatz - die 8. italienische Armee - war natürlich richtig. Aber wer den Sowjets diese Gewaltleistung zutraut, hätte die bis Stalingrad vorgedrungene 6. Armee unverzüglich _(* Volkskommissariat für Innere ) _(Angelegenheiten der UdSSR. ) in Winterstellungen zurücknehmen müssen.
Stalin weiß aus bitterer Erfahrung, daß man nicht endlos zurückweichen kann, auch wenn ihn seine Generäle davon überzeugt haben, daß man nicht um jedes Stück Boden "feilschen" muß. Georgij Schukow, sein erster und einziger Stellvertreter, und Wassilewski, der verbindlichere Generalstabschef, legen ihm am 12. September einen ebenso einfachen wie genialen Plan vor. Zwei Helden hat dieser Plan: Stalingrad und den Fluß, an dem es liegt, die Wolga, die dort ihren schärfsten Knick macht.
Man wird Stalins Befehl Nr. 227, den er nach dem Fall von Rostow herausgibt, künftig wörtlich nehmen: "Kein Schritt zurück ohne Befehl von oben!" Man will die Deutschen in Stalingrad festnageln, nördlich und südlich davon die Reihen der zu Recht für schwächer gehaltenen Verbündeten durchbrechen, den Kessel ausbruchssicher machen und den eingeschlossenen Feind mit Mann und Maus vernichten.
Am 12. September meldet sich beim Kriegsrat der für die beiden Stalingrad-Fronten zuständigen Befehlsstelle in Jamy der 42 Jahre alte Generalleutnant Wassilij Tschuikow. Jamy ist ein acht Kilometer vom Stalingrader Stadtzentrum gelegenes Dörfchen am östlichen Wolga-Ufer. Nikita Chruschtschow, Generalleutnant und Mitglied des Kriegsrats, stellt ihm die üblichen Fragen.
"Die Unterredung war kurz", notiert Tschuikow. Er wird zum Oberbefehlshaber der 62. Armee ernannt, zum Nachfolger von Anton Lopatin, der psychisch zusammengebrochen war. _____" "Wie fassen Sie, Genosse Tschuikow, Ihre Aufgabe " _____" auf?" will Chruschtschow wissen. "Ich schwöre, die Stadt " _____" nicht zu verlassen. Wir werden Stalingrad halten oder " _____" dort sterben." "
Es ist übrigens derselbe Tag, an dem Schukow und Wassilewski mit Stalin in Moskau zusammentreffen, derselbe Tag, an dem Weichs und Paulus ihren "Führer" in Winniza von seinem Vorhaben abzubringen versuchen, Stalingrad trotz ungesicherter Don-Front einzunehmen. Es ist, zeitlich komprimiert, der Tag.
Tschuikow wird sein Versprechen halten. Er kann auch gar nicht anders. Ihm steht sein Vorgänger Lopatin als abschreckendes Beispiel vor Augen, der vom achtwöchigen Trommelfeuer der Deutschen zermürbt worden war. Er hatte die brennende Stadt, die hauptsächlich aus Holzhäusern bestand, aufgeben wollen. Seine Vorgesetzten scheinen ihn abgeschirmt zu haben. Er wurde noch nicht einmal - wie sonst üblich - erschossen.
Tschuikow kamen mehrere Faktoren zu Hilfe: *___die Opferbereitschaft der Einwohner. So wurden zum ____Beispiel 37 Flakstellungen bis zum letzten Schuß nur ____von Frauen bedient. Frauen transportierten in ____Rucksackkanistern den Sprit zu den Panzern - eine ____enorme Zeitersparnis; *___die Entscheidung, keine der für die Rüstung wichtigen ____Fabriken zu sprengen. ____Die Arbeiter der auf Panzerfertigung umgestellten ____Traktorenfabrik "Felix Dserschinski" fuhren die ____fertigen Panzer selbst an die Front. "Das hatten wir ____bisher noch nie erlebt", staunte der Adjutant der ____Armee, Oberst Wilhelm Adam; *___die "Balkas", Schründe und Erosionsschluchten, die sich ____kreuz und quer durch die Stadt zogen und dem ____Verteidiger naturgemäß mehr Vorteile boten als dem ____Angreifer; *___die an dieser Stelle teilweise bis zu zwei Kilometer ____breite Wolga, die noch bis Mitte November, als Treibeis ____einsetzte, schiffbar war und als Nachschubweg sowie zum ____Abtransport der Verwundeten, einmal in einer Nacht bis ____zu 3500, genutzt werden konnte.
Tschuikow mußte bis zum 18. Oktober fünfmal seinen Gefechtsstand wechseln, einmal in Panik, weil in der Nähe Öltanks explodierten. Unterstützt wurde er von der 13. Gardedivision, einer Eliteeinheit unter Generalmajor Alexander Rodimzew, die unter großen Verlusten über die Wolga zu ihm stieß. Sie hatte schon Mitte September den Hauptschlag der Deutschen aufgefangen und die Einnahme der Stadt verhindert. Sein letzter Gefechtsstand lag im Steilufer der Wolga.
Erst Ende Januar 1943 kam der versprochene Entsatz, der es _(* Im Stab der 62. Armee in Stalingrad. ) Tschuikow ermöglichte, sein Gelöbnis von Jamy einzulösen. Da hatte er, wie ein Flickenteppich zerstückelt, nur noch ein Zehntel der Stadt unter Kontrolle. Der höchste Aussichtspunkt, der nach einem tatarischen Reiterfürsten benannte Mamai-Hügel, und das Traktorenwerk waren bis dahin niemals von einer der beiden Seiten endgültig in Besitz genommen worden.
Ein Sieg hat stets viele Väter. Tschuikow war ein exzellenter Truppenführer. Was aber, wenn die Einwohner Stalingrads nicht bodenständig gewesen wären? Was, wenn es nicht gelungen wäre, ihnen den Rückzug über die Wolga zu verwehren? Die Stadt zog sich immerhin über 60 Kilometer am Fluß hin. Wer sich dem Ufer näherte und auf Anruf nicht zu Boden warf, wurde erschossen, auch wenn er nur Wasser schöpfen wollte; wer eine Verwundung vortäuschte und ein Fährschiff zu betreten versuchte, noch auf der Gangway.
Tschuikow hätte sich vermutlich nicht halten können, wäre der Oberbefehlshaber der Artillerie Nikolai Woronow nicht auf dem linken Ufer der Wolga mit Langrohrgeschützen aufgefahren, die den ganzen Kessel bestreichen konnten. Mühe bereitete ihm allerdings die Auffüllung der nötigen Dienstgrade; zu viele waren während der absurden Säuberungen erschossen worden.
Es gelang den Militärs, Generalmajor Konstantin Rokossowski aus den Kellern des NKWD herauszuholen, wo er drei Jahre zugebracht hatte. Er lebte noch, hatte aber keinen Zahn mehr. Der große Humorist Stalin vertraute ihm mit Erfolg die sogenannte Stalingrad-Front an (die zwölf Leibwächter des in Warschau geborenen späteren Marschalls werden allesamt Polen sein).
Außerdem gab es da die gefürchteten "Stalin-Orgeln", Mehrfach-Raketenwerfer, die von NKWD-Truppen normalerweise hin- und hergefahren wurden, damit die Deutschen keinen Prototyp in die Hände bekamen. Auch sie haben Tschuikow und den kläglichen Rest seiner Truppen gerettet.
Hitler erholte sich auf dem Berghof, als er erfuhr, daß Stalingrad am 22. November eingeschlossen worden war. Ihm mußte klar sein, daß den "halbherzigen" Armeechefs Weichs und Paulus vernünftigerweise gar nichts anderes übrigbleiben würde, als sich sofort zurückzuziehen.
Was aber würde dann aus ihm werden? Angeblich soll er ja gewußt haben, daß sein Krieg verloren war. Aber warum hatte er ihn denn überhaupt erst angefangen, wenn er ihn schon nach der zweiten Niederlage beenden sollte?
Er hatte sich schließlich auch im vorigen Winter verkalkuliert. Wenn es ihm da aber gelungen war, die Front durch seinen eisernen Willen zu stabilisieren, was kaum noch bezweifelt wird, warum sollte ihm das jetzt nicht noch einmal gelingen? Wenn er bei Charkow und Rostow gegen Weichs und Paulus recht behalten hatte, warum dann nicht gerade in der jetzigen Situation va banque spielen?
Ja kein System, ja nicht kalkulieren, ja keinen Kriegsrat, ja kein Ergebnis, das er nicht schon kennt. Statt dessen zwei Pappkameraden heranziehen.
Der eine ist der Reichsmarschall Hermann Göring. Bei ihm kann er absolut sicher sein, daß er ihm die Luftversorgung der eingekesselten Stadt garantiert.
Göring ist Morphinist, wofür er nichts kann. Während sich Hitler 1923 beim sogenannten Marsch auf die Feldherrnhalle in München angesichts der Polizei zu Boden warf und unverletzt blieb, hatte es Göring an der empfindlichsten Stelle des Mannes erwischt. Er bekommt kapaunhafte Züge, stiehlt lieber Bilder, auch "entartete" wie solche von Lovis Corinth, anstatt sich seinen Aufgaben zu widmen, und wühlt in Edelsteinen.
Die Luftwaffe? Man kann sich nicht um alles kümmern, zumal man ja auch noch die Vernichtung der europäischen Juden in die Wege leiten muß. Jedenfalls kann er Luftwaffen-Felddivisionen aufstellen, mit eigener Uniform und doppelter Verpflegung. Göring also wird die "Festung Stalingrad" auch im Winter versorgen, schließlich hat er im letzten Weltkrieg selber ein Flugzeug geflogen. Göring ist Hitlers Garant.
Der andere ist der Generalfeldmarschall Erich von Lewinski, adoptierter von Manstein, Sohn eines Generalmajors. Er hatte Hitler seinerzeit den berühmten "Sichelschnitt" durch Frankreich vorgeschlagen, hatte die Krim und Sewastopol erobert. Er war zwei Jahre älter als sein "Führer".
Man kann nicht sagen, Hitler hätte überhaupt keine Menschenkenntnis besessen, obwohl sie manchmal recht obskur war. Bei Manstein irrte er sich nicht. Göring samt Luftwaffe in der Tasche, glaubte er zu wissen, was der arrogante Manstein tun würde, keinesfalls nämlich die Lagebeurteilung seines Vorgängers Weichs ("diese Papas") und des eingeschlossenen Buchhaltersohns Paulus teilen. Wollten die zurück, so mußte er, Manstein, das Gegenteil vorschlagen, um Hitler zu imponieren.
Freilich, da Manstein kein Dummkopf war, benahm er sich wie die Italiener 1939. Man könne zwar, so teilte er Hitler mit, Stalingrad entsetzen. Nur wußte er, und das teilte er seinem "Führer" nicht mit, daß ein weiteres Vordringen im kommenden Jahr unmöglich sein würde. Aber warum den gestreßten Hitler mit dieser Vorausschau behelligen?
Absichern, wie die Italiener, konnte man sich ja auch. Manstein will die 6. Armee "heraushauen". Ob er weiß, daß er das nicht kann? Jedenfalls will sein "Führer" von ihm anderes und mehr. Er aber funkt, kaum daß er am 26. November den Oberbefehl der Heeresgruppe Don übernommen hat: _____" Ich kann mich trotzdem der Stellungnahme der H. Gr. B " _____" für den Durchbruch vorerst nicht anschließen, solange " _____" noch Aussicht für ausreichende Versorgung, wenigstens mit " _____" panzerbrechender Munition, Infanteriemunition und " _____" Betriebsstoff besteht. Dies ist entscheidend. "
Ja, dies ist entscheidend. Und da er die strikte Stellungnahme des Luftwaffen-Generalobersten Wolfram von Richthofen, des Luftwaffen-Generalleutnants Martin Fiebig und des Generalstabschefs des Heeres Kurt Zeitzler kennt - keiner von ihnen hält eine Versorgung der Eingeschlossenen aus der Luft für möglich -, muß er Dinge verlangen, von denen er weiß, daß er sie nicht bekommen kann. Er ist ein hochmütiger Preuße und ein verantwortungsloser Ehrgeizling zugleich.
Aber selbst der arroganteste Kerl kriegt seine Strafe. Manstein muß bei Zeitzler, seinem längst überzeugten Gegenspieler im Generalstab des Heeres, am 18. Dezember darum bitten, doch schleunigst im Hauptquartier die Überzeugung durchzusetzen, daß die benötigte Materialmenge "unfliegbar" sei. Das war allen klar, nur den beiden Hitler-Gehilfen nicht.
Der großmächtige Herr Manstein muß nun bitten und betteln. Ja, er weist funkschriftlich darauf hin, man solle sich doch einmal in die Lage des Feindes versetzen. Er, des "Führers" Führer in Frankreich, er, der mit seinem "Führer" den Mangel an Material durch überlegene Führungskunst ersetzen zu können glaubte.
Göring, dieser Deutschnationale, war eine eisern-armselige Figur, der Preuße Manstein hingegen ein begabter Karrierist. Hätte nur einer von beiden strikt widersprochen, wäre zwar der Krieg Hitlers auch verlorengegangen, aber wohl mit weniger Verlusten und nicht so jämmerlich.
Über den Häuserkampf in Stalingrad ist viel geschrieben worden. Daß die Russen auf eigenem Boden überlegen waren, versteht sich von selbst.
Unsere Frage kann nur lauten, warum Hitler diese Stadt entgegen allen vorherigen Planungen unbedingt in Besitz nehmen wollte. Bei einem Mann, dessen Psyche, nach allem, was wir von ihm wissen, gestört war, läßt sie sich nicht leicht beantworten. Ein Irrer? Sicher, aber was besagt das Wort schon? War Napoleon nicht auch irre? Wir wissen keine Antwort und müssen uns deshalb bescheiden: Bei Verstand kann er nicht gewesen sein.
Als Manstein am 17. Januar 1943 fragt, ob der "Führer" denn die Gefahr nicht sehen wolle, erhält er von Zeitzler zur Antwort: "Im Innern sieht er sie wohl." Und solche Leute haben Deutschland regiert.
Wie recht Stalin und die Stawka, das Oberkommando der Roten Armee, daran taten, sich nicht zu überheben, etwa durch einen überstürzten Vormarsch nach Rostow, zeigt sich bei der Einkreisung Stalingrads, die am 19. November 1942 von Norden her und am 20. November von Süden her abgeschlossen ist.
Als die beiden russischen Panzer-Stoßkeile bei Kalatsch aufeinandertreffen, liefern sie sich ein halbstündiges und verlustreiches Gefecht, weil es keine klare Absprache über die Bedeutung der grünen Leuchtkugeln gibt. Die jubelnden Umarmungen, die man von Fotos her kennt, hat es so nicht gegeben; sie wurden nachgestellt.
Gleich am 20. November schickt Stalin an Churchill eine persönliche und geheime Botschaft: _____" Wir haben die Angriffsoperationen im Süd- und " _____" Nordwestabschnitt des Raumes von Stalingrad begonnen. Die " _____" erste Etappe hat zum Ziel, die Eisenbahnlinie " _____" Stalingrad-Lichaja einzunehmen und die Verbindungswege " _____" der deutschen Heeresgruppe in Stalingrad zu unterbrechen. " _____" Im Nordwestabschnitt ist die Front der deutschen Truppen " _____" auf einer Länge von 22 Kilometern durchbrochen, im " _____" Südabschnitt auf einer Länge von 12 Kilometern. Die " _____" Operation verläuft zufriedenstellend. "
Gestützt auf den Geistheiler Reinhard Gehlen, den Chef der Abteilung "Fremde Heere Ost", weiß Hitler von nichts. Noch am 17. November, zwei Tage vor Beginn der großen Offensive der Sowjets, ergeht der folgende "Führerbefehl": _____" Die Schwierigkeiten des Kampfes um Stalingrad und die " _____" gesunkenen Gefechtsstärken sind mir bekannt. Die " _____" Schwierigkeiten für die Russen sind jetzt aber bei dem " _____" Eisgang auf der Wolga noch größer. Wenn wir diese " _____" Zeitspanne ausnützen, sparen wir uns später viel Blut. " _____" Ich erwarte deshalb, daß die Führung nochmals mit aller " _____" wiederholt bewiesenen Energie und die Truppe nochmals mit " _____" dem oft gezeigten Schneid alles einsetzen, um wenigstens " _____" bei der Geschützfabrik und beim Metallurgischen Werk bis " _____" zur Wolga durchzustoßen und diese Stadtteile zu nehmen. " _____" Luftwaffe und Artillerie müssen alles tun, was in ihren " _____" Kräften steht, diesen Angriff vorzubereiten und zu " _____" führen. "
So spricht ein Bataillonskommandeur, nicht der oberste Befehlshaber eines so gigantischen Heeres.
Die Lage der eingekesselten 6. Armee war am 22. November klar. Man mußte am 23. November unwiderruflich auf eigene Faust mit dem Ausbruch beginnen. Franz Halder, der abgesetzte Generalstabschef, soll den 23. November als den besten, aber auch als den letzten Tag für einen erfolgreichen Ausbruch bezeichnet haben.
Man konnte natürlich auch auf den "guten Stern" Hitlers, Görings und Mansteins vertrauen. Daß Zeitzler im ostpreußischen Führerhauptquartier "Wolfschanze" und Paulus sowie sein Chef des Stabes, Generalmajor Schmidt, und der Chef des LI. Armeekorps, Walther von Seydlitz, in Stalingrad den Ausbruch nach Südwesten durch die noch dünnen russischen Linien für möglich, ja für den "einzig möglichen Entschluß" hielten, steht fest.
Es ging jetzt nur noch um die Frage, wieviel Gerät, besonders wieviel schweres Gerät man dabei einbüßen würde. Risiken gab es. Ob man den Rückzug dann später als "geordnet" einstufen würde, war nicht sicher. Die Gefangennahme aller noch gehfähigen Soldaten durch die Russen bis zum 2. Februar 1943 erfolgte jedenfalls ungeordnet.
Paulus ist auf sich allein gestellt. Er fürchtet sich nicht vor der tödlichen Kugel, sondern vor seinem "Führer". Niemand würde ihn decken, sollte er das "Ausschlagen" befehlen, vor allem Manstein nicht, wie er früher schon einmal im Fall Sponeck bewiesen hatte*.
Manstein wird später erzählen, er hätte noch im November den Ausbruch befohlen, wenn er sich nicht auf die Luftwaffe verlassen hätte. Wie konnte er das, wo er doch die Luftlage vor Ort genau kannte?
Auch er hatte eben Angst, auch er nicht vor der Kugel, sondern davor, im Angesicht des "Führers" nicht bestehen zu können. Ihm zu sagen, was Sache war, dazu konnte er sich nicht entschließen.
Merkwürdig bleibt, daß niemand so recht weiß, wie viele Soldaten nun eigentlich im Kessel eingeschlossen sind. Die Russen gehen von 80 000 aus, Paulus von 200 000, beides Zahlen, für die _(* Generalleutnant Hans Graf von Sponeck ) _(war im März 1942 wegen eines ) _(eigenmächtig gefaßten Entschlusses zum ) _(Rückzug auf der Krim unter Vorsitz von ) _(Göring zum Tode verurteilt worden, aber ) _(mit einem Augenzwinkern. Er bekam sechs ) _(Jahre Festungshaft. Auf Befehl Himmlers ) _(wurde er nach dem 20. Juli 1944 ) _(hingerichtet. ) es keine Erklärung gibt. Der Wehrmachtsführungsstab tippt auf 400 000. Der Quartiermeister der 6. Armee muß seine Zahlen aus einsichtigen Gründen so hoch wie möglich ansetzen, er kommt auf 300 000. Am ehesten kann man der Zahl von Schmidt glauben, dem späteren "Lügen-Schmidt": 260 000.
Davon sollen 20 300 "Hiwis" sein, hilfswillige Kriegsgefangene also, die ihre Dienste wohl nicht so ganz freiwillig angeboten haben dürften. Aber ernährt werden müssen auch sie. Ferner fallen unter die Zahl 9500 Rumänen, über deren Verbleib man nichts weiß. Zwei rumänische Generäle kamen zurück. Etliche "Hiwis" sind wohl kurzerhand erschossen worden, wenn nicht alle.
Hier tritt der flamboyante "Lügen-Schmidt" ins Bild, den man eigens ausgewählt hatte, um die etwas statuarische Figur von Paulus zu ergänzen. Er kehrte aus der Gefangenschaft nach Hamburg zurück und zeichnete von seinem Chef ein recht bläßliches Bild. Wir können ihn, weil er 1987 gestorben ist, nicht mehr fragen, wer am 28. Januar 1943, fünf Tage vor dem Ende der Schlacht, den Armeebefehl ausgefertigt hat, zur Stärkung der "Kampfkraft" (!) an Verwundete keine Verpflegung mehr auszugeben. In diesem Kesselkommando finden wir keine erhebenden Gestalten.
"Lügen-Schmidt" hat Paulus, der ja genauso versagt hatte wie er, noch am 1. Dezember 1942 bescheinigt, daß allein er die Nerven behalten habe: "Hier riet alles zum sofortigen Abmarsch." So steht es in einem privaten Brief an seinen Freund Nicolaus von Below. Da er aber nicht sicher sein kann, ob der Brief nicht in falsche Hände gerät, und da Below Luftwaffenadjutant des "Führers" ist, fügt er den schönen Nachsatz hinzu: " . . . um zum Vernichtungsschlag gegen den südlichen Gegner genügend Kraft zu kriegen".
Aber natürlich, schreibt Schmidt an Below, wenn es nicht die Möglichkeiten gegeben hätte, "uns überhaupt entsetzen und versorgen zu können", dann, ja dann wäre es richtig gewesen, am 23. November auszubrechen.
Aber Paulus vertraue Gott sei Dank felsenfest dem "Führer", die 6. Armee könne entsetzt und verpflegt werden. Ist er so töricht, das zu glauben? Dem Generalleutnant der Luftwaffe Fiebig hat er empört vorgehalten: "Herr General, wir verstehen auch etwas von Führung." Der Schlaueste wird er wohl nicht gewesen sein. Es folgt, wie offenbar bei allen diesen Helden üblich, die Beschwörungsformel: "Sein und unser guter Stern."
Man kann nicht ausschließen, daß Schmidt den Brief so abgefaßt hat, daß Below selbst entscheiden konnte, ob er ihn für sich behalten oder vorlegen würde. Übrigens ist der felsenfeste Paulus jetzt doch Generaloberst geworden.
Die 300 000 Menschen, die Schmidt an Below auch noch erwähnt, können taktisch eingesetzt sein, das liest sich vielleicht besser als 260 000. Ja, sie wären durchgebrochen, wenn sie nur gedurft oder wenn sie sich getraut hätten. Das Risiko war da, aber nicht zu groß.
Wie geht es inzwischen unserem "Sternen"-Führer? Er ist von Generalslakaien umgeben und faselt von "ganz kleinen Stoßtrupps" zur vollständigen Eroberung der Stadt. Im übrigen hat er schon den Ersten Weltkrieg gewonnen. Er weiß alles besser. Er hat sich nun einmal vorgenommen, nicht mehr von der Wolga zu weichen, da können die Kaffern des Heeres und der Luftwaffe soviel schwätzen, wie sie wollen. Er sinnt darüber nach, ob man nicht einen Panzerdurchbruch wagen sollte - mit "Panther"-Panzern, die noch nicht einmal in der Erprobung sind.
Am Schluß benimmt er sich wieder wie ein Verrückter. Wenn schon die Hauptarmee erledigt ist, dann muß wenigstens der Nordkessel bis zur letzten Patrone ausharren. Sein Generalstabschef Zeitzler macht das Irrenhaus komplett (siehe Kasten Seite 172). Luftwaffenmarschall Erhard Milch, "arisch" gesehen ein Halbjude, läuft zu ganz großer Form auf. Das letzte deutsche Flugzeug hat den Kessel zwar am 23. Januar 1943 verlassen, aber er bietet an, 2000 Paar Ski abwerfen zu lassen. Das will nun selbst Paulus nicht.
Während draußen einfache Landser auf ein Kommißbrot zurobben, das von irgendeinem Versorgungsabwurf übriggeblieben ist, und dafür an Ort und Stelle erschossen werden, während die Frankfurter Zeitung über die "Rätselhaftigkeit des Daseins" spekuliert, kümmert sich der Stab der 6. Armee um Ordonnanzen, Burschen und den eigenen Proviantvorrat. Paulus selbst natürlich nicht, dafür ist er zu vornehm. Er schickt seinem "Führer" zum zehnten Jahrestag der "Machtergreifung" am 30. Januar 1943 ein serviles Glückwunschtelegramm.
Tags darauf meldet ihm Schmidt im Bunker unter dem Uniwermag-Kaufhaus: "Ich gratuliere Ihnen zur Beförderung zum Feldmarschall . . . Gleichzeitig muß ich Ihnen melden, daß der Russe draußen steht." Die Beförderung läßt Paulus sogleich in sein Soldbuch eintragen (siehe Kasten Seite 170).
Der "Führer" aber, dem ja nichts Unmenschliches fremd ist, hätte sich jetzt erschießen können. Was es in der modernen Kriegsgeschichte nur nach dem sprichwörtlichen Befehl des Clausewitz-Vorgesetzten Neidhardt von Gneisenau gegeben hat, also nie, ihm ist es gelungen: die Vernichtung einer ganzen Armee "bis zum letzten Hauch von Roß und Mann".
PS: Von 91 000 Soldaten, die noch in Gefangenschaft gehen konnten, kehrten bis 1956 rund 6000 nach Deutschland zurück, unter ihnen 22 Generäle. Nur ein General war in der Gefangenschaft gestorben, an Magenkrebs.
[Grafiktext]
_158_ "Operation Blau"-Der Angriff auf Stalingrad
_____ "Operation Blau"-Der Angriff auf Stalingrad:
_____ / Frontverlauf Sommer ''''42
_166_ Die Einkesselung der 6. Armee bei Stalingrad: 19. bis 30.11.42
_____ Januar/Februar 1943: Das Ende der 6. Armee
[GrafiktextEnde]
* Am 1. Juni 1942 im Hauptquartier der Heeresgruppe Süd in Poltawa. * Oberstleutnant Richard Hentsch hatte 1914 den Rückzug an der Marne eingeleitet und mußte deshalb als Sündenbock für das Scheitern des deutschen Feldzugsplans gegen Frankreich herhalten. * Volkskommissariat für Innere Angelegenheiten der UdSSR. * Im Stab der 62. Armee in Stalingrad. * Generalleutnant Hans Graf von Sponeck war im März 1942 wegen eines eigenmächtig gefaßten Entschlusses zum Rückzug auf der Krim unter Vorsitz von Göring zum Tode verurteilt worden, aber mit einem Augenzwinkern. Er bekam sechs Jahre Festungshaft. Auf Befehl Himmlers wurde er nach dem 20. Juli 1944 hingerichtet.
Von Rudolf Augstein

DER SPIEGEL 37/1992
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