22.02.1993

GroßbritannienTreuester Leutnant

Premier John Major begibt sich auf Bußgang zu Präsident Bill Clinton. Gehen 200 Jahre „special relationship“ mit den USA zu Ende?
Dem konservativen Briten-Premier grauste vor dem neuen demokratischen US-Präsidenten; das Königreich, so fürchtete der Engländer, werde von nun an nicht mehr "relevant" sein für Washington. Der besorgte Tory-Führer hieß Harold Macmillan, der Mann im Weißen Haus war der 23 Jahre jüngere Demokrat John F. Kennedy.
Vollendet sich Geschichte? Gut 32 Jahre nach "Supermacs" Vorahnung zittert in London wieder ein konservativer Premier vor einem Demokraten in Washington. John Major, mit 49 zwar nur drei Jahre älter als Bill Clinton, politisch aber vom liberalen US-Präsidenten "eine halbe Generation und einen Ozean entfernt" (Londons Economist), fürchtet um den Verlust des kostbarsten Erbstücks britischer Außenpolitik: die "besondere Beziehung" zu den Vereinigten Staaten.
Am Mittwoch dieser Woche will Major versuchen, die "special relationship" - das Gütesiegel prägte einst Winston Churchill - noch einmal zu retten. Doch das persönliche Verhältnis der beiden Regierungschefs ist schwer gestört. Grund: John Major hatte im US-Präsidentschaftswahlkampf auf den Verlierer George Bush gesetzt.
In einer von der New York Times halb spaßig aufgestellten "Feindesliste" Clintons nimmt Major deswegen unter zehn Namen einen hervorragenden Rang ein: Platz eins.
Schon mußte Außenminister Douglas Hurd Panikmeldungen entgegentreten, wonach Britannien seinen ständigen Sitz im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen verlieren könnte, weil Clinton dort lieber die Deutschen und die Japaner sähe.
Obwohl sich die nordamerikanischen Staaten ihre Unabhängigkeit vom Königreich in einem achtjährigen Krieg erkämpften, entwickelten das Mutterland und seine Ex-Kolonien die "großartigste Allianz der Geschichte" (Margaret Thatcher).
Gemeinsame Ahnen und Werte, dieselbe Sprache und eine sorgsam kultivierte Auswanderernostalgie, Puritanismus und Überlegenheitsdünkel gegenüber dem Rest der Welt konservierten über zwei Jahrhunderte und den Atlantik hinweg angelsächsisches Familiengefühl. Rechte Engländer wie Thatcher betrachten die Weltmacht bis auf den heutigen Tag als Juniorpartner.
Betriebsunfälle in der gemeinsamen Geschichte konnten die Beziehung nie dauerhaft beschädigen. 1814 brannten britische Soldaten das Weiße Haus in Washington nieder. Im amerikanischen Bürgerkrieg (1861 bis 1865) hielt die auf Baumwolle für die Textilmanufakturen erpichte Regierung in London zunächst zum späteren Verlierer, den Südstaaten.
1956 demütigte US-Präsident Dwight D. Eisenhower seinen Amtsbruder Anthony Eden, indem er den Briten zwang, die Besetzung des ägyptischen Suez-Kanals abzubrechen. Labour-Premierminister Harold Wilson wiederum verbitterte den Demokraten Lyndon B. Johnson mit seinem Widerstand gegen den Vietnamkrieg.
Doch alle transatlantische Unbill wurde immer wieder überlagert von Gemeinsamkeiten: siegreiche Waffenbrüderschaft in zwei Weltkriegen, Milliarden von US-Dollar für den Wiederaufbau nach 1945 und ideologische Harmonie im Kalten Krieg. Clinton-Idol John F. Kennedy pries den Briten-Staat als Amerikas "treuesten Leutnant". Weil er kein "trojanisches Pferd" der Amerikaner in Europa haben wollte, verbat sich Frankreichs Charles de Gaulle den Beitritt der Briten zur Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft.
Unter den geistesverwandten Erzkonservativen Margaret Thatcher und Ronald Reagan blühte die "special relationship" noch einmal voll auf. 1982 unterstützte Reagan ohne Rücksicht auf US-Interessen in Lateinamerika die eiserne Lady in Britanniens letztem Kolonialkrieg gegen Argentinien um die Falkland-Inseln.
Reagan-Nachfolger George Bush ließ sich von Thatcher in seinem Entschluß zur Strafexpedition gegen Saddam Hussein bestärken; "er hatte Angst vor ihr", glaubt die Sunday Times.
Den Siegeslorbeer erntete allerdings der Thatcher-Nachfolger John Major. Die Hochstimmung verleitete den Briten zu einer törichten und folgenschweren Einmischung in den US-Wahlkampf. Um den bedrängten Bush zu retten, schickte Major Wahlspezialisten der Tory-Partei zur Unterstützung der Republikaner in die USA. So wie im Königreich die Konservativen gegen alle Prognosen Labour in letzter Minute niedergekämpft hatten, wollten Majors überhebliche Gehilfen Bush zum Endspurt-Sieg über Clinton verhelfen.
Außerdem erlaubte die Tory-Regierung Bush-Gesandten, in Britannien nach Beweisen für den Verdacht zu schnüffeln, Clinton habe während seiner Zeit als Oxford-Student 1968/69 die britische Staatsbürgerschaft erwerben wollen, um sich vor dem Vietnamkrieg zu drücken.
Obwohl Major sich entschuldigte, lehnte der gewählte Präsident Clinton es noch vor zwei Monaten ab, den Premier bei dessen Washington-Besuch persönlich zu empfangen.
Bedrückt registrieren die Briten, daß sich Clintons Regierung bei ihren ersten außenpolitischen Entscheidungen keinen Rat mehr in London holt - egal ob es sich um China, Europa oder Ex-Jugoslawien handelt. Und als hätte er es mit einem chaotischen Entwicklungsland zu tun, stellte Clinton gar die Entsendung eines US-Sonderbeauftragten in Britanniens Unruheprovinz Nordirland in Aussicht.
Ein ethnischer Trend in den USA beschleunigt den Niedergang der "special relationship": Der durch den abgewählten George Bush verkörperte anglophile "Wasp" - der weiße, angelsächsische Protestant - verliert an Einfluß angesichts der neuen Einwandererströme. So ist die Zahl der Latinos aus Mittel- und Südamerika in einem Jahrzehnt um 53 Prozent (in Kalifornien gar um 70 Prozent) gestiegen; jährlich kommen 1,5 Millionen hinzu.
Nichts sei "entwürdigender", so schrieb die International Herald Tribune im Hinblick auf den Major-Besuch, als "Bittsteller zu sein bei einem Herrn, der einen nicht mehr brauchen kann".
Deftiger drückt sich Thatchers früherer Vertrauter Sir Bernard Ingham aus: Majors Traum, die gute alte Sonderbeziehung noch einmal zu beleben, sei "bunkum and balderdash" - Quatsch und Kokolores.

DER SPIEGEL 8/1993
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