09.03.1992

AutorenDeutlich darunter

Werbeobjekt Gorbatschow: Große europäische Verlage buhlen um die Rechte an seinen Memoiren.
Von seinem Gütersloher Schreibtisch blickt Horst Teltschik auf einen künstlichen See und auf ein Ding, das wie die Schrumpf-Karikatur der Henry-Moore-Skulptur "Two Large Forms" vor dem Bonner Kanzleramt aussieht.
Es ist überhaupt in der Bertelsmann-Stiftung alles ein bißchen wie im Kanzleramt. Nicht nur die gläsernen Fassaden und das Mobiliar erinnern daran, sondern auch die Order des Chefs, sämtliche Journalisten, die Fragen nach dem Deutschland-Besucher Michail Gorbatschow haben, an Eduard Ackermann zu verweisen, des Kanzlers treuesten Medien-Knecht.
Teltschik hat den Gorbatschow-Besuch nur eingefädelt. Nun hält er sich, während der Gast Wiedersehen feiert mit Kohl und Schäuble, mit Brandt und Schmidt, diplomatisch im Hintergrund.
Die Beziehungen des langjährigen außenpolitischen Kanzlerberaters zu ausgedienten oder noch aktiven Staatsmännern waren das Stammkapital für den neuen Job. Sie sind dem Konzern einiges wert. Nach Branchengerüchten verdient Teltschik jährlich etwa 600 000 Mark, jedenfalls mehr als sein ehemaliger Chef Helmut Kohl (etwa 460 000 Mark).
Nun muß sich zeigen, ob die Investition lohnt: Die Verwandlung des Kommunisten in den Kolumnisten Michail Gorbatschow ist ohne Bertelsmann gelaufen. Die Filmrechte an seiner Lebensgeschichte wurden an die britische TV-Konkurrenz Directors International verkauft. Nur der Kampf um die Memoiren des Ex-Präsidenten ist noch offen. Und auch hier gilt der Grundsatz: Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.
Wie schön sich die Interessen ergänzen: hier der Medien-Riese Bertelsmann, der den Zuschlag haben will, dort der Kanzler Helmut Kohl, der Gorbatschow in Dankbarkeit verbunden ist (und später vielleicht Memoiren schreiben will). Die Konkurrenz schläft nicht. Um die Abdruckrechte bemühen sich auch andere Verlage; Harper & Row zum Beispiel, wo Gorbatschow seinen Welt-Bestseller "Perestroika" verlegte, pokert mit.
Frühzeitig, im vorigen September, ist Teltschik bei Gorbatschow gewesen. Kurz nach dem gescheiterten Putsch hat er ihn dazu überredet, die deutschen Rechte für das Buch "Der Staatsstreich" an Bertelsmann zu geben - es soll ein Bestseller geworden sein, heißt es in Gütersloh. Britische Branchenkonkurrenten behaupten allerdings, es sei ein Flop gewesen - im englischen Sprachraum unverkäuflich.
Auch beim zweiten Buchprojekt war der Stiftungs-Chef aus Gütersloh rechtzeitig zur Stelle. Es soll im April erscheinen und die dramatischen Dezembertage 1991 beschreiben, als dem Präsidenten das Amt und der Welt die Sowjetunion abhanden kam. Titel: "Der Zerfall der Sowjetunion - Mein Standpunkt".
Bislang hat der Gütersloher Konzern nur die deutschen Rechte bekommen - nicht für 500 000 Mark, wie die Branche zu wissen glaubt, sondern "zu einem Preis, der deutlich darunter liegt" (Teltschik). Trotzdem hat das Werk Pilotfunktion. Wenn es gelingt, dem Autor zu einem akzeptablen Preis die Weltrechte abzukaufen, ist das nächste Projekt schon halb gewonnen: der Kampf um die Weltrechte an den Memoiren.
Ideologische Probleme gibt es nicht. Und wo es sie geben könnte, werden sie nachhaltig zerstreut.
So erfahren beispielsweise die Leser der Süddeutschen Zeitung rechtzeitig zum Gorbatschow-Besuch, daß Gorbatschow gar kein Kommunist mehr ist, sondern längst den Anschluß an Ludwig Erhard gefunden hat.
Wohlstand für alle heißt bei Gorbatschow: "Ohne Freiheit gibt es keinen Wohlstand." Nicht mehr die Entfremdung der Produzenten von der Arbeit ist sein Thema, jetzt gilt es, "die Entfremdung des Menschen vom Eigentum zu überwinden" - adieu Karl Marx.
Dann verkündet die Illustrierte Bunte die nächste Sensation: Gorbi ist nicht nur kein Kommunist, er verehrt auch den Papst in Rom. Muß die Geschichte vielleicht umgeschrieben werden? Ist der Einsturz des real existierenden Sozialismus in Wahrheit das Werk der Slawen Wojtyla und Gorbatschow?
In Bunte verkündet Gorbatschow, daß er bei Johannes Paul II. "immer zuerst seine spirituelle Qualität zu schätzen" wußte:
Heute kann man sagen, daß all das, was in den letzten Jahren in Osteuropa geschah, nicht möglich gewesen wäre ohne diesen Papst, ohne die wichtige Rolle - die politische Rolle -, die er auf dem internationalen Parkett spielen konnte.
In der nächsten Bunte-Ausgabe, so Chefredakteur Franz-Josef Wagner, werde der Papst persönlich antworten. Auf Bitten Gorbatschows hat der Vatikan vor der Veröffentlichung einen Abdruck erhalten.
Seine eigene Entfremdung vom Eigentum will der Autor Gorbatschow rasch überwinden. Einstweilen aber hängt an jedem Dollar, den er verdient, ein ganzes Institut nebst Hotel mit 400 Leuten. Die haben zwar für Moskauer Verhältnisse sehr anständige Konditionen ausgehandelt - eine Sekretärin etwa soll soviel verdienen wie früher ein Politbüromitglied -, aber bisher noch keine Kopeke gesehen.
Finanziert wird die Stiftung aus "Beiträgen, Schenkungen und anderen Quellen" - aber jeder weiß, daß damit zunächst nur Gorbatschow gemeint ist. "Von dem", hofft ein Berater, "läßt sich im Moment noch jedes Wort zu Gold machen." Einstweilen noch.
Der italienische Industrielle Gianni Agnelli - mit Gorbatschow seit Jahren befreundet und schon viel früher als dieser Vorsitzender einer gleichnamigen "Stiftung" - hat die weltweite Vermarktung des sowjetischen Ex-Präsidenten für die Wochen- und Tagespresse übernommen.
Es ist ein einträgliches Werbegeschäft - zunächst für Stifter Agnelli. Denn der hat dafür gesorgt, daß jede abgedruckte Gorbi-Kolumne immer nur mit dem Zusatz erscheinen darf, sie stamme von der Agnelli-Postille La Stampa.
Das Echo auf die ersten Produktionen ist freilich vernichtend für den Autor ausgefallen.
In Amerika empfing ihn die New York Times mit einer bitterbösen Satire des Kolumnisten William Safire ("Plaudern Sie aus dem Nähkästchen . . . Zeigen Sie Jelzin & Co., wie man mit Dissidenten fertig wird").
In Deutschland ermahnte die Süddeutsche Zeitung den Kollegen ("Wir dürfen doch jetzt wohl ,du' sagen"), er solle damit aufhören, "Fakten durch Zitate und Meinungen durch Binsenwahrheiten zu ersetzen", sonst werde man ihn bald nicht mehr drucken: "Glaub uns, der Kapitalismus ist grausamer als Boris Jelzin."
Angesichts des Medienrummels hat man beim Stern erwogen, eine Geschichte über den "Tanzbären Gorbatschow" zu schreiben, der am Nasenring dem Publikum vorgeführt wird.
Das Projekt wurde verschoben: Vom Deutschland-Besuch des Bertelsmann-Autors Gorbatschow wollte der Bertelsmann- Stern doch lieber eine schön bebilderte Reportage bringen.

DER SPIEGEL 11/1992
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