DER SPIEGEL



Nahost

DIALOG MIT DEM SATAN

Eine dramatische Geste sollte die Nahost-Reise des US-Präsidenten krönen: Bill Clinton wollte Syriens Staatschef Assad zu einer spontanen Reise nach Jerusalem und zu einem Gipfel mit Israels Ministerpräsident Rabin überreden. Der Plan scheiterte, doch der Hardliner aus Damaskus zeigte sich kompromißbereit.

Bill Clinton träumte von einem Theatercoup, der die Welt in Staunen versetzt hätte. In der syrischen Hauptstadt Damaskus, einer der letzten nahöstlichen Widerstandsbastionen gegen einen Frieden mit Israel, wollte der US-Präsident seinem Gastgeber Hafis el-Assad das Versprechen abringen, endlich selbst mit Israels Ministerpräsident Jizchak Rabin zu reden.

"Sie wollen doch Frieden", bedrängte Clinton am Donnerstag voriger Woche den verschlossenen Syrer, der sich von seinen Soldaten als die "Hoffnung der arabischen Massen" feiern läßt. "Warum können Sie es dann nicht auf die Weise tun, wie es die anderen auch gemacht haben?"

Der Camp-David-Vertrag 1978, das Autonomieabkommen mit der PLO 1994 und nun der Friedensvertrag mit Jordanien - alle diese Durchbrüche seien nur möglich gewesen, weil Ägyptens damaliger Präsident Anwar el-Sadat, Palästinenserchef Jassir Arafat und König Hussein von Jordanien historische Größe gezeigt hätten und zu Treffen mit den Führern des Judenstaats bereit gewesen seien.

Aber Assad, der "Löwe von Damaskus", blieb unerschütterlich. Seine Position sei klar, er habe sie schon gegenüber Clintons Vorgänger George Bush deutlich gemacht: Ohne vollständigen Rückzug der Israelis von den 1967 eroberten Golanhöhen habe eine persönliche Begegnung mit Rabin keinen Sinn: "Ich hätte ihm nicht mehr zu sagen als das, was ich Ihnen jetzt sage."

Clinton ließ nicht locker, er schwelgte noch im _(* Am vergangenen Donnerstag in Damaskus. ) Hochgefühl der feierlichen Friedenszeremonie an der jordanisch-israelischen Grenze tags zuvor: "Wie wäre es, wenn Sie mich zu einem kurzen Überraschungsbesuch nach Jerusalem begleiteten?"

"Sie machen Scherze, Herr Präsident", entgegnete Assad kühl. "Ich kann Sie ja verstehen, aber ich bin nicht Sadat, Hussein oder Arafat."

So verfehlte Clinton sein Traumziel, die viertägige Nahost-Rundreise vergangene Woche mit einem spektakulären Triumph zu krönen, der ihn zum erfolgreichsten Nahost-Vermittler aller Zeiten gemacht hätte. Ernüchtert konstatierte Israels Außenminister Peres, die Lage sei unverändert: "Wir warten noch immer darauf, daß die syrische Verhandlungsposition endlich aufweicht." Den endgültigen Durchbruch zum Frieden, gab auch Clinton zu, habe er in Damaskus nicht geschafft. Besonders verstimmt war Clinton, daß er Assad nicht zu einer öffentlichen Verurteilung von Terrorakten bewegen konnte - wozu er im Gespräch unter vier Augen offenbar bereit war.

Die Reise zu Assad - die erste eines amerikanischen Präsidenten nach 20 Jahren - war dennoch kein Fehlschlag. Der syrische Diktator, ein erfahrener Taktiker, wußte, daß er seinem hohen Besucher etwas bieten mußte, wenn er im Geschäft bleiben und nicht isoliert werden wollte. Zwar beharrte er darauf, daß ein Friedensschluß zwischen Israel und Syrien "anders" aussehen müsse als die Abkommen der Israelis mit Ägypten und Jordanien. Aber er gab zu Clintons Genugtuung Bedingungen auf, die seit Monaten jede Bewegung in den syrischisraelischen Gesprächen blockierten.

"Es verändert sich etwas in Syrien", sagte Clinton nach dem letzten Händedruck mit dem Mann, den Ronald Reagan noch als Schutzherrn für Terroristen geächtet hatte. In den "außergewöhnlichen Gesprächen" im Marmorpalast hoch über Damaskus sei Assad "über alles hinausgegangen, was er vorher über einen möglichen Frieden mit Israel gesagt" habe. Bis zum Ziel sei allerdings noch "ein gutes Stück harter Verhandlungen" nötig.

Zum erstenmal akzeptierte die syrische Führung verbindlich die israelische Forderung, ein Rückzug vom Golan müsse durch normale zwischenstaatliche Beziehungen belohnt werden. In Jerusalem konnte Clinton dem israelischen Regierungschef erfreut mitteilen, daß Assad sich nicht mehr kategorisch weigere, Botschafter auszutauschen, die Grenzen zu öffnen, relativ freien Reiseverkehr zuzulassen und einen Kulturaustausch mit dem traditionellen Todfeind zu verabreden.

Assad stellte freilich klar, daß er nicht zu Vorleistungen bereit sei. Seine Zugeständnisse seien vielmehr als Zugabe gedacht, wenn es zu einer Regelung über die Rückgabe der Golanhöhen komme. Dennoch: "Das ist ein Novum, das haben wir so deutlich noch nie gehört", freute sich ein Clinton-Berater.

Clinton hatte sich zuvor nach Kräften bemüht, Assads Mißtrauen abzubauen. Er verbürge sich für die Aufrichtigkeit des israelischen Ministerpräsidenten: Rabin sei tatsächlich entschlossen, den ganzen Golan zurückzugeben, um Frieden mit Syrien zu schließen, versicherte Clinton. Nur könne der Israeli dieses Versprechen nicht in aller Öffentlichkeit abgeben, weil er sonst seinem durch arabische Terroranschläge erschütterten Volk zuviel auf einmal zumute.

Noch in einem zweiten Punkt, von den Syrern bisher wie ein Tabu behandelt, deutete Assad unerwartete Beweglichkeit an. Lange Zeit hatten die Syrer erwartet, auch nach einem Friedensschluß mit Israel die faktische Oberherrschaft über den benachbarten Libanon behalten zu dürfen, in dem 30 000 syrische Soldaten stationiert sind.

Nun wurde erstmals sichtbar, daß Syrien bereit sein könnte, den Traum von einem großsyrischen Reich aufzugeben und seine Truppen aus dem Libanon abzuziehen. Ein solcher Schritt wäre für die Sicherheit Israels von erheblicher Bedeutung.

Denn Syrien unternahm lange Zeit kaum etwas gegen die anti-israelischen Aktionen der fundamentalistischen Hisb Allah, die vor allem vom Iran unterstützt wird und vom Südlibanon aus immer wieder Terrorakte gegen Israel ausführt. Seit einiger Zeit hat die radikale Schiiten-Organisation ihre Aktionen auf Geheiß der Syrer weitgehend eingestellt. "Doch wer garantiert", so ein US-Diplomat, "daß Syrien sich immer so brav verhalten wird?"

Die Kontrolle über den Libanon aufzugeben fiele Assad nicht leicht. Syrische Nationalisten, besonders die Ideologen der in Damaskus regierenden panarabistischen Baath-Partei, fordern nach wie vor die "Heimführung des Libanon in den Schoß der Mutter Syrien". Genau wie vor ihm Sadat, Arafat und König Hussein würde sich Assad dem Vorwurf aussetzen, unter amerikanischem _(* Nach der Unterzeichnung des ) _(israelisch-jordanischen ) _(Friedensabkommens vergangene Woche in En ) _(Ewrona. ) Druck zum Verzichtspolitiker geworden zu sein.

Doch gegenüber Clinton erweckte er den Eindruck, er sei zu diesem Risiko bereit: "Er hat eingesehen, daß er nur eins haben kann: den Golan oder den Libanon", so ein libanesisches Regierungsmitglied in Beirut. Der Levante-Staat, der über 15 Jahre lang vom Bürgerkrieg zerrissen wurde, sieht sich schon als unverhoffter Gewinner: "Damit bekommen wir ohne unser Zutun echten Frieden mit Israel und mit Syrien."

Zug um Zug könne der Rückzug vom Golan und aus dem Libanon stattfinden, erläuterten die Syrer den Amerikanern. Drei Jahre veranschlagen Diplomaten in Beirut und Damaskus für das Doppelmanöver.

Länger darf es nach syrischen Vorstellungen auf keinen Fall dauern, zumindest nicht, was den Golan angeht: "Der Abzug der Israelis aus dem Sinai hat auch nur drei Jahre gedauert", gab Syriens Außenminister Faruk el-Scharaa zu bedenken. "Syrien ist nicht billiger einzustufen als Ägypten." Scharaa war vor kurzem schon durch Wagemut aufgefallen: Als erster syrischer Politiker hatte er sich den Fragen eines israelischen Fernsehteams gestellt und damit viele Hardliner daheim schockiert. Der Auftritt wäre noch vor kurzem einem Dialog mit dem Satan gleichgekommen.

Daß sich Assad endgültig für den Frieden entschieden hat, schlossen die Amerikaner nicht nur daraus, daß den staatlichen Medien verboten wurde, wie in der Vergangenheit einen neuen Nahost-Krieg "für den schlimmsten aller Fälle" an die Wand zu malen.

Syrien machte auch deutlich, daß es, wenigstens einstweilen, davon abläßt, ein "strategisches Gleichgewicht" mit Israel anzustreben: Mit Waffenkäufen hält sich Assad neuerdings merklich zurück. Enttäuscht reiste vor kurzem eine slowakische Delegation aus Damaskus ab: Das großzügige Angebot, Panzer aus eigenen Beständen "ohne Anzahlung" nach Syrien zu exportieren, fand kein Interesse. Auch vom russischen Verteidigungsminister wollten die Syrer lediglich Ersatzteile für alte Waffen. Auf neues Kriegsgerät verzichteten sie.

Doch in einem Punkt blieb Assad unnachgiebig: Nach der Rückgabe des Golan müßten alle israelischen Siedlungen von dort verschwinden. Er werde nicht, wie König Hussein von Jordanien, eigene Erde an Juden verpachten: "Das wäre in meinen Augen ein Kufr, eine unverzeihliche Gotteslästerung. Ich habe keinen Zoll syrischen Bodens an Israel zu vergeben." Y

"Assad kann nur eins haben: den Golan oder den Libanon"

* Am vergangenen Donnerstag in Damaskus. * Nach der Unterzeichnung des israelisch-jordanischen Friedensabkommens vergangene Woche in En Ewrona.

DER SPIEGEL 44/1994
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