14.06.1993

GroßbritannienMesser im Rücken

Premierminister John Major steht vor dem Ende, seine Parteifreunde wollen ihn durch Schatzkanzler Kenneth Clarke ersetzen.
John Major, seit seinem Einzug in Downing Street 10 als ewig graue Maus bespöttelt, zeigte sich in neuem Look: Das Unterhaus erlebte den Premier purpurrot - im Gesicht.
Die Lippen zusammengepreßt, duckte sich der Konservative vorigen Mittwoch unter einer Sturzflut von Anschuldigungen. Wenn Major nichts Neues einfalle, so wetterte ein Abgeordneter von der Hinterbank, "wird diese Regierung nicht überleben, und sie verdient es auch nicht, zu überleben". Der Premier sei "im Amt, aber nicht an der Macht".
Da riß es den Liberalenchef Paddy Ashdown vom Sitz: Dieses sei "der Anfang vom Ende" des Regierungschefs. Die rhetorischen Dolchstöße kamen nicht von der Labour-Opposition; sie wurden geführt von einem Tory, der noch 14 Tage zuvor als Majors engster Freund und politischer Vertrauter im Kabinett gesessen hatte: Norman Lamont, Ende Mai bei einer Kabinettsumbildung entlassener Schatzkanzler.
Seit Lamonts Parlamentseruption steht für das ultrarechte und normalerweise torytreue Massenblatt The Sun fest: "Major ist erledigt - mit Lamonts Messer im Rücken."
Wie sich die Bilder gleichen: Schon einmal, Anfang November 1990, hatte im Parlament ein abgehalfterter Minister, Sir Geoffrey Howe, mit dem eigenen Tory-Premier, Margaret Thatcher, gnadenlos abgerechnet. Knapp drei Wochen später mußte die Lady schluchzend Downing Street 10 räumen - neuer Mieter: ihr Schatzkanzler John Major.
Nun ist es wieder ein Schatzkanzler, der dem Britenpremier im Nacken sitzt: Eine wachsende Gemeinde von Konservativen im Parlament und draußen im Land würde gern - je schneller, desto besser - Major durch Kenneth Clarke, 52, ersetzen.
Dem stämmigen Mann aus den Midlands, vor dem Mai-Revirement Innenminister, werden genau die Eigenschaften zugeschrieben, die das Britenvolk am "nice guy" Major vermißt - Durchsetzungsvermögen, Führungsqualitäten, politische Weitsicht und vor allem Charisma.
Unverständlich ist für viele, warum sich Major den Rivalen, Cricketfan wie er selbst, ausgerechnet auf den wichtigsten Kabinettsposten und ins Backsteinhaus Nummer 11 gleich nebenan geholt hat. Braucht der "diskreditierte Chef einer diskreditierten Regierung" (so Labour-Chef John Smith im Unterhaus) einen starken Mann als politische Krücke?
Ein konservativer Abgeordneter vermutet eher Hinterlist: "Major will, daß Clarke sich selbst erledigt. Der ist kein Wirtschaftsfachmann, er wird die Steuern erhöhen müssen, und den Rechten ist er zu europafreundlich."
Dennoch: Der "Huf, der den Premier aus dem Amt kicken könnte", so der Tory-Abgeordnete John Carlisle, "hat sich hinter ihm bereits gehoben".
Lamonts Rede war das Signal zur offenen Rebellion. Gewiß war der Gefeuerte von Rachegefühlen gegen Major getrieben, aber er sprach erstmals im Parlament offen aus, worüber die Tory-Basis zunehmend murrt: Major sei seinem Job nicht gewachsen, es fehle ihm an Autorität und Weitsicht.
Laut Insider Lamont hört der Premier zu sehr auf Parteistrategen und Umfrageinstitute; er treffe zu viele wichtige Entscheidungen für eine "36-Stunden-Publicity" und reagiere kurzfristig auf Ereignisse, statt langfristig zu planen.
"Drei Jahre Misere" unter Major, klagt Ex-Innenminister Kenneth Baker, hätten die Konservativen demoralisiert. Katastrophale Niederlagen bei Kommunalwahlen und einer Nachwahl - die nächste Schlappe, in Christchurch, ist schon in Sicht - lastet die Partei Majors Mangel an Glaubwürdigkeit an.
In der letzten Umfrage lagen die Tories mit jämmerlichen 27 Prozent nur noch 2 Punkte vor Ashdowns Liberalen; Labour dagegen kletterte auf 43 Prozent.
Obwohl Major Ende April zur allgemeinen Verblüffung das Ende der Rezession verkündete, lassen die ökonomischen Schreckensbotschaften nicht nach. Hunderttausende von zahlungsunfähigen Briten mußten ihre Häuser versteigern lassen, Zehntausende Firmen haben Bankrott angemeldet, die Arbeitslosenzahl hat drei Millionen überschritten. Jede Woche macht die Regierung eine Milliarde Pfund Schulden.
Die Briten spüren, daß es mit ihrem Premier unaufhaltsam bergab geht. Im Oberhaus schürt die Maastricht-Feindin Lady Thatcher den Überdruß an Majors Europa-Politik; die vom Tory-Chef vorangetriebene Privatisierung der Staatsbahn British Rail wird selbst von Major-Freunden als unsinnig abgelehnt. Lehrer rebellieren gegen ein neues Prüfungssystem, das Volk meutert gegen Krankenhausschließungen.
Mit dem Ministerkarussell wollte der Regierungschef vorführen, daß er seine verschreckte Truppe wieder in den Griff nimmt. Doch ein prominenter Londoner Publizist, der frühere Times-Chef Lord Rees-Mogg, sieht in dem Manöver Majors finalen Fehler: Mit der Beförderung von Kenneth Clarke zum Schatzkanzler habe der Premier "sein eigenes Todesurteil unterzeichnet".

DER SPIEGEL 24/1993
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