14.11.1994

Frankreich

Migräne am Abend

Im Gerangel um die Mitterrand-Nachfolge prescht Gaullistenchef Chirac vor. Schlechte Chancen zwingen ihn zum Frühstart.

Auf dem Friedhof von Colombeyles-deux-Eglises in der Champagne gedachte Frankreichs bürgerliche Rechte am vorigen Mittwoch des 24. Todestags von Charles de Gaulle. Ehrfürchtig verneigten sich der Chef der Gaullistenpartei RPR, Jacques Chirac, und Premier Edouard Balladur vor dem Grab des Generals. Aber ein Bild innerparteilicher Eintracht boten ihre Auftritte nicht: Chirac und seine Getreuen kamen morgens, Balladur und sein Anhang am Nachmittag.

Seit Colombey ist es aktenkundig: Die "gaullistische Familie", wie sich der Bund von Gralshütern des Vaters der Fünften Republik gern nennt, ist zerbrochen. Die Spaltung herbeigeführt haben Chirac, 61, und Balladur, 65, weil ihr Anspruch auf die Kandidatur für das Amt des Staatspräsidenten die "Freunde seit 30 Jahren" erst zu Rivalen und nun zu mit allen Tücken operierenden Feinden gemacht hat.

Den Bruderzwist diagnostizierte der prominente Psychiater Gerard Miller als "die Urform einer Phallus-Rivalität zwischen Männern". Verstärkt wird die nervöse Drängelei vor dem Elysee-Palast durch die Möglichkeit, daß der krebskranke und immer hinfälliger wirkende Staatspräsident Francois Mitterrand noch vor dem regulären Ende seiner Amtszeit im Mai 1995 zurücktreten könnte.

Nun hielt es Chirac, der stets ungestüme Bürgermeister von Paris (Spitzname: "Bulldozer"), nicht länger aus: Zweimal schon, 1981 und 1988, war er beim Versuch gescheitert, den Elysee-Palast zu stürmen; jetzt spielte er seine "letzte Karte" (so die Tageszeitung Liberation), indem er sich selbst zum Kandidaten ausrief.

Er sei "überzeugt", daß er "der einzige" gaullistische Bewerber bleiben werde, fügte er ziemlich unrealistisch hinzu. Auf einem eilig einberufenen RPR-Sonderparteitag am vorigen Samstag im Pariser Stadtteil Reuilly legte Chirac symbolisch den Vorsitz nieder; im Präsidentschaftskampf will er über den Parteien schweben.

Der Rivale Balladur sieht sich dagegen weiterhin in einer vorteilhaften Ausgangsposition und wartet erst einmal ab. Der Premier führt in der Meinungsgunst weit vor dem Gegner - "wetterabhängige Umfragenarithmetik", giftet Chirac. Zudem findet der Regierungschef breite Unterstützung beim etwa gleichstarken Koalitionspartner des RPR, der rechtsliberalen UDF unter dem Ex-Staatschef Valery Giscard d''Estaing. Aber in der UDF liebäugeln ebenfalls noch zwei ehrgeizige Aspiranten mit einer Kandidatur: Veteran Giscard selbst und Fraktionschef Charles Millon.

Die Diadochenkämpfe der Rechten helfen einem Elysee-Anwärter, der sich bisher kaum gerührt hat und trotzdem vorige Woche in den Umfragen Balladur erstmals überholte: der bisherige Chef-Europäer Jacques Delors, 69. Der Brüssel-Franzose wird sich Anfang nächsten Jahres, so hofft jedenfalls die abgewirtschaftete Sozialistenpartei, zum Kandidaten der Linken ausrufen.

Delors und Balladur kämpfen auf demselben Terrain, sie wollen die politische Mitte gewinnen. Beide sind keine Ideologen - Frankreich hat derzeit keinen Bedarf an Heilspredigern. Beide waren Wirtschaftsminister, beide sind unverbrauchte Neulinge in der höchsten politischen Etage der Republik. Und einer wie der andere genügen sie einem Anspruch der tief im Herzen monarchisch gesinnten Franzosen: Sie haben staatsmännisches Flair.

Balladur mit seinem hoheitsvollen Gehabe und seinem Hofstaat im Palais Matignon, dem Amtssitz des Premiers, präsentiert sich schon lange wie ein potentieller Staatschef. Und ihren Delors haben _(* Vor dem Grab de Gaulles am vorigen ) _(Mittwoch. ) die Franzosen über Jahre auf dem TV-Schirm von gleich zu gleich mit Präsidenten wie Clinton und Mitterrand oder Regierungschefs wie Kohl und Major agieren sehen - jeder Zoll ein "homme d''Etat".

Da mochte Chirac nicht länger zusehen, daß "nur die Konkurrenz zwischen Balladur und Delors sinnvoll und realistisch" erschien, wie Balladur-Anhänger und Verteidigungsminister Francois Leotard behauptet. Brutal erinnerte Chirac daran, daß er und nicht Balladur den großen Wahlsieg über Mitterrands Linke im März 1993 herbeigeführt hatte. Chirac: "Balladur hat noch nie einen Wahlkampf geführt."

Der stichelte zurück: Der ewige Kandidat Chirac igle sich in seinem RPR "wie in einer Zitadelle" ein. Damit reizte Balladur den wutentbrannten Parteichef zum Ausfall. Neben pathetischen Aufrufen wie "unser Land braucht eine wirkliche Politik der Veränderung" enthielt Chiracs Selbstproklamation vorwiegend Bosheiten gegen den Ex-Freund.

Frankreich unter der Regierung Balladur riskiere einen "lethargischen Niedergang", urteilte Chirac. Es müsse Schluß gemacht werden mit "taktischen Täuschungsmanövern". Daß der Premier sich zu seinem Präsidentenehrgeiz nicht offen bekenne, nannte der cholerische Parteichef (Lieblingsschimpfwort: "connard", "Arschloch") eine "Heuchelei".

Chiracs Kalkül: Wenn der Rivale nun mit dem Anspruch auf seine Kandidatur nachzöge, stünde er als RPR-Spalter da. Doch Balladur ließ sich nicht in die Falle locken. Der Pariser Bürgermeister fühlt sich von Balladur "betrogen". Er habe den Parteifreund im März 1993 zum Premierminister gemacht, dafür habe der ihm im Gegenzug den Vortritt bei der Elysee-Bewerbung zugesichert. Chiracs Pech: Ein solches Abkommen wurde nie schriftlich besiegelt. Balladur heute: "Ein Pakt? Das ist eine Erfindung."

Süffisant erinnerte der Premier das RPR-Volk daran, daß seit dem Wahlsieg Georges Pompidous vor 25 Jahren kein Gaullist mehr den Elysee erobert habe - "aus diversen Gründen". Diese Gründe heißen für ihn allesamt Chirac.

1974 sabotierte der Gaullist die Elysee-Kandidatur seines Parteifreunds Jacques Chaban-Delmas; der Zentrist Giscard d''Estaing gewann die Wahl, und Chirac erhielt als Judaslohn das Amt des Premiers. 1981 schied der Gaullistenchef schon nach dem ersten Wahlgang aus - nur die beiden Bestplazierten treten zur Stichwahl an. Und 1988 verlor der RPR-Führer jämmerlich gegen Mitterrand.

Draufgänger Chirac vertraut indes auf seine Getreuen: 199 Abgeordnete und Senatoren, die sich bereits per Unterschrift zu ihm bekannt haben. Er rechnet überdies mit Stimmen aus der Provinz, mit der rechten Jugend sowie dem RPR-Apparat. Draußen im Land schätzt man die kumpelhafte Art des Gaullisten, der Gemüsehändlern krachend auf die Schulter schlägt und Parteisekretäre mit Scherzen über Frühschläfer Balladur erfreut: "Wenn Edouard nicht abends um zehn im Bett liegt, kriegt er seine Migräne."

Jetzt verspricht Chirac einen neuen Kampf gegen Arbeitslosigkeit und Armut. Nationalisten verheißt er eine stärkere Berücksichtigung Pariser Interessen in Europa. Die Feinde des Maastricht-Vertrags lockt er mit dem Versprechen, noch vor 1997 einen Volksentscheid über die europäische Währungsunion herbeizuführen.

Doch selbst Chirac-Freunde fragen sich, wie ihr Held den Konkurrenten in den nächsten Monaten angreifen will, ohne dessen Regierung zu schädigen; schließlich besteht das Kabinett etwa zur Hälfte aus Gaullisten. Und auch treue Chirac-Anhänger wollen lieber den Elysee mit dem pragmatischen Gaullisten Balladur erobern, als mit dem Muster-Gaullisten Chirac ein drittes Mal zu verlieren.

So zeigt "la chiraquie", wie die Presse die Clique um den Parteichef nennt, erste Risse. Allmählich entdeckt Innenminister Charles Pasqua, ein alter Chirac-Spezi, Siegerqualitäten beim Premier. Noch im September rief Außenminister Alain Juppe seinen Parteifreund Chirac zum "natürlichen Elysee-Kandidaten" aus. Inzwischen scheint er die Wende vollzogen zu haben: "Wenn Balladur siegen kann, wird der RPR ihn unterstützen." Y

* Vor dem Grab de Gaulles am vorigen Mittwoch.

DER SPIEGEL 46/1994
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