12.09.2015

HauptstadtTotale Party

Berlin gilt weltweit als Feier-Metropole, doch die Stadt hat ein Problem: Vor allem rund um die Klubs und Plätze in Friedrichshain eskaliert die Kriminalität.
Von einer Sekunde zur anderen ist die Feier vorbei, und der Horror beginnt. "Gib mir deine Kette, gib sie her!", schreit ein junger Mann, eine Hand drückt gegen die Kehle eines Passanten, die andere zerrt an dessen Halsschmuck. Der Angegriffene kann sich kaum bewegen, sein Rücken ist gegen die Mauer gepresst, die den nachtdunklen Fußweg begrenzt. Verzweifelt versucht er, die Beine des Räubers wegzutreten. Menschen schieben sich an dem Zweikampf vorbei, sehen ihn nicht oder wollen ihn nicht sehen.
Es ist Freitagabend in Berlin, hier im östlichen Bezirk Friedrichshain gibt es das, was die Hauptstadt ihren Besuchern verspricht: gute Laune, dicke Party. Auf dem Gelände des ehemaligen Reichsbahnausbesserungswerks, kurz RAW, der größten Partymeile der Stadt. Das Gerangel der beiden Männer dauert nur ein paar Minuten, dann leuchtet aus allen Richtungen Blaulicht. Der Halskettenräuber rennt weg, benommen bleibt sein Opfer zurück. Erst mal hinsetzen und durchatmen, sagen die Beamten. Für sie ist das hier Routine, vor allem wenn es Nacht wird.
Berlin ist die meistbesuchte Stadt Deutschlands, weltweit wird sie gefeiert als Comeback-City. Fast zwölf Millionen Touristen kamen voriges Jahr, ein Rekord. Doch nun wird die neue Leichtigkeit in der geschichtsschweren Hauptstadt der Deutschen getrübt von steigender Kriminalität auf der Partymeile. Überfälle, Drogenhandel, Diebstahl, das RAW-Gelände ist zur Problemzone geworden.
Bis zu 20 000 Menschen feiern hier jedes Wochenende. Nirgends sonst in der Stadt liegen so viele Klubs, Bars und Konzertläden so eng nebeneinander. Aber an kaum einem anderen Ort in Berlin wird auch so viel gedealt und geklaut, werden Menschen so häufig bei Überfällen verletzt. Das RAW, etwa so groß wie zehn Fußballfelder, hat inzwischen den Görlitzer Park in Kreuzberg mit seinen Drogenhändlern als Kriminalitätsschwerpunkt abgelöst.
Erst diese Woche wurde wieder eine Frau mit einem Messer angegriffen; das Foto ihres Unterarms mit den Schnittwunden postete sie auf Facebook. Kürzlich wäre ein Überfall fast tödlich ausgegangen. Auch da ging es um eine Kette, auch da war das Opfer ein Partygänger, der gerade das Gelände verließ. Einer der Diebe zog ein Messer und verletzte den Mann schwer. Kurz danach postete die Begleiterin des Opfers ein Foto auf Facebook: Es zeigt eine blutige, frisch genähte Schnittwunde am Hals. Das Foto wurde mittlerweile fast 70 000-mal geteilt – die Begleiterin war die Frontfrau der Band Jennifer Rostock. Ihr wollten die Täter die Geldbörse entreißen.
Wenn Berliner bisher das RAW-Areal als Technostrich und Ballermanndamm bezeichneten, klang das zwar böse, aber auch ein bisschen stolz – als wäre das Areal eine coole Version der Reeperbahn. Durch den Post der Sängerin hat das RAW über Nacht seinen Restcharme verloren.
"Wer leben möchte, meidet das RAW-Gelände", schrieb die stadtbekannte Künstlerin Nina Queer auf Facebook, bis vergangenes Jahr gab sie selbst regelmäßig Veranstaltungen dort.
Früher galt in Berlin die Neuköllner Gropiusstadt als gefährlicher Ort, Sido und B-Tight rappten über das Märkische Viertel, wo man schon mal "ghettostyle jemanden abstechen" gehe. Satellitenstädte, soziale Brennpunkte, in die sich Touristen selten verirren. Auch vom Alexanderplatz oder dem Kottbusser Tor, Umschlagplatz für Heroin, kommen immer wieder üble Schlagzeilen, etwa über Messerattacken. Aber jetzt ist die Gewalt mitten in eines der teuersten und am dichtesten besiedelten Gebiete der Hauptstadt gerückt. Inzwischen ist auch der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) alarmiert: "Berlin hat zu Recht den Ruf einer weltoffenen Metropole. Das lassen wir uns nicht von Straftätern nehmen", sagt er.
Feiern kann man auf dem RAW rund um die Uhr, man muss nicht mal in einen der Klubs gehen, die Straße selbst ist die Party. Hauseingänge, Spielplätze, Grünflächen verwandeln sich in Kloaken.
Vor allem am Wochenende pilgern Touristen hierher, die nahe U-Bahnstation Warschauer Straße verbindet die Ausgehstadtteile Kreuzberg und Friedrichshain. Gleich dort, wo die Warschauer Brücke aufhört, polnische Punks auf Matratzen vom Sperrmüll schlafen und die Partymeile mit Fressbuden beginnt, stehen Gruppen von Jugendlichen.
Manche sprechen deutsch, andere arabisch, die meisten beides. "Achi", nennen sie sich gegenseitig, mein Bruder. In die Klubs würden sie sowieso nicht reinkommen, erzählt einer von ihnen. Aber ja, man mache auch Geschäfte: "Touris abziehen", Handys, Brieftaschen, Fahrräder, "zum Spaß".
Etwas weiter weg stehen die Dealer, an den Eingängen zum RAW an der Revaler Straße oder in den Nebengassen, wo die Bäume die Straßenlaternen verdecken. Die meisten kommen aus Afrika, aus Ghana oder Nigeria, sagen sie. "Hasch, Coke?", flüstern sie. Ricky, ein Junge mit schmalen Schultern, zeigt vernarbte Kratzer an seinen Handgelenken, die stammen von seiner letzten Verhaftung am Görlitzer Park. Er gehe trotzdem wieder hin, sagt er, jeden Tag, nach Mitternacht verkaufe er am RAW weiter.
Das Feiern auf dem RAW wird immer gefährlicher, während die Gewalttaten in Berlin stetig abnehmen – die Zahl der gefährlichen Körperverletzungen auf Straßen und Plätzen hat sich seit dem Rekordjahr 2004 sogar mehr als halbiert. Doch rund um das RAW hatte die Polizei dieses Jahr bisher schon 286 Sondereinsätze. Wie gefährlich es an der Partymeile geworden ist, hat Daniel U. beobachtet. Anderthalb Jahre war der Ermittler im Kiez unterwegs, in Uniform und in Zivil. Irgendwann hätten ihn die Dealer und Kleinkriminellen auf 30 Meter Entfernung erkannt, sagt er. Seitdem koordiniert der 36-Jährige die Einsätze von der Wache aus. "Das Vorgehen ist deutlich brutaler geworden in den letzten Monaten", meint der Fahnder. Weil die Täter Amateure und keine Banden seien, ließen sie sich oft ertappen – und der Diebstahl wird zum Raub mit Verletzten.
Aber auch die Partygänger sorgten mit dafür, dass sich die Lage zuspitzt. "Das Feiern nimmt bizarre Formen an", sagt der Oberkommissar. Touristen kauften und konsumierten Drogen mit einer Selbstverständlichkeit, die jede Gefahr ausblende. Je mehr Touristen kommen, je schicker die Klubs werden, desto attraktiver ist die Gegend für Kriminelle: "Es hat sich rumgesprochen, dass hier was zu holen ist."
Friedrichshain ersticke, sagen viele, die hier wohnen – an dem Erfolg, den Berlin in der Welt hat. Seit Jahren kommen immer mehr Touristen, 2015 soll ein neues Rekordjahr werden. Vor allem bei jungen Briten, Amerikanern, Italienern und Niederländern gilt Berlin als angesagt und vergleichsweise preiswert, aber jetzt könnte die Stadt ihre Lässigkeit verlieren.
Auf dem RAW-Gelände zieht ein steter Strom von der "Neuen Heimat" mit seinem "Food-Market" zur "Death Disco" im "Urban Spree", vom Pool im "Haubentaucher" zur Bar "Zum Schmutzigen Hobby", längst hat die Masse den einstigen Geheimtipp überrannt. "Eine Weile sah es so aus, als würde jeder Berliner seinen Junggesellenabschied auf dem RAW feiern", sagt Lutz Leichsenring. Er ist Sprecher der Clubcommission, ein Berliner Veranstalter-Verband. Er sieht beim RAW den Gang aller angesagten Orte: Erst kommen die Pioniere, irgendwann dann die Partytouristen. Und mit ihnen Müll, Drogen, Gewalt.
Nun scheint sich keiner mehr so richtig wohlzufühlen mit dem RAW. Rainer Wahls hat den Ballermann-Effekt miterlebt. Seit 2001 lebt er in Friedrichshain, er arbeitet ehrenamtlich im Stadtteilbüro keine 300 Meter vom RAW entfernt. Wahls, der Anwohner berät, spricht von emotionaler Entfremdung: "Früher gab es eine Grundsolidarität mit allem, was auf dem RAW passierte – die ist weg."
Wahls wohnt nicht mehr gern in Friedrichshain. Anfangs habe man auf der Straße unter den Touristen interessante Leute getroffen. "Heute ist man nur noch Statist." Die Besucher wollten "maximal ausrasten, als ob es so etwas wie ein Recht auf totale Party gibt". Vor Kurzem sprach er einen Gast an: Ob er nicht lieber woanders hinpinkeln könne als an die Hausmauer. "Die Antwort: Du Kieztalibaner, warum spielst du hier Ordnungspolizei!"
Seit 1998 wird hier ohne große Kontrolle gefeiert. Die alternative Kulturszene hatte das Gelände den Eigentümern abgetrotzt, jahrelang lebte man in unklaren Verhältnissen. Ihr Bestand ist auf vier Häuser zusammengeschrumpft. Nur die Feiertempel können noch die steigenden Mieten bezahlen. Im März hat der Eigentümer gewechselt, 25 Millionen Euro zahlte die Kurth-Gruppe, ein Immobilienriese aus Niedersachsen, für einen Großteil des Areals.
Der Überfall auf die Sängerin von Jennifer Rostock könnte die Wende für das RAW bringen – oder sein Ende. Seit ihrem Facebook-Post gehe die Verwaltung "mit der Sense von Klub zu Klub", erzählt ein Mieter. Die Schließung der "Neuen Heimat" wegen Brandschutzmängeln wurde gerade nur knapp verhindert.
Vergangene Woche berieten Vertreter der Klubs, der Verwaltung, Polizei und Politik mit den Eigentümern über Sofortmaßnahmen. Die Rede ist von Zugangskontrollen und Patrouillen, das Gelände soll künftig wohl komplett videoüberwacht werden mit Liveschaltung zur Polizei. Büsche wurden abgeschnitten, damit man das Areal besser überschauen kann. Die matte Straßenbeleuchtung wurde ausgetauscht. Es soll mehr Licht ins dunkle Berlin.
Von Markus Deggerich und Marlene Göring

DER SPIEGEL 38/2015
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