19.09.2015

ErderwärmungDer Klima-Basar

Zehn Wochen vor dem Gipfel in Paris zeichnet sich ab, dass die Regierungen ihre Ziele zum Stopp des Treibhauseffekts verfehlen werden. Sind die Folgen noch beherrschbar?
War es Scham? War es Verzweiflung? Das Bild ging um die Welt. Da stand der mächtige US-Präsident in Alaska vor der wegschmelzenden Zunge des Exit-Gletschers. Allein, gedankenschwer, hilflos, die Sonnenbrille als Schutz gegen das große Drama. Nur der Gletscher und Barack Obama in seiner Windjacke.
Es war ein Bild voller Symbolik und eine perfekt geplante Inszenierung der Strategen im Weißen Haus. Drei Monate vor dem globalen Klimatreffen in Paris wollte Barack Obama ein Zeichen setzen. Drei Tage blieb er in Alaska, drei Tage nahm er sich Zeit für ein Thema, das den Globus bedroht wie kein zweites: der Klimawandel.
Er sprach so eindringlich wie noch kein US-Präsident vor ihm von "überschwemmten Ländern", "aufgegebenen Städten", von "Feldern, auf denen nichts mehr wächst". "Wir handeln nicht schnell genug", warnte Obama. Denn das Klima verändere sich rascher als der Kampf um seinen Schutz. Es drohten politische Unruhen, die Konflikte auf der ganzen Welt auslösen könnten.
Im Herbst seiner Amtszeit gibt Obama den Klimaretter; die Frage ist nur, ob sein Appell noch rechtzeitig kommt. Ende November wollen sich die Staatenlenker aus 196 Ländern in Paris treffen, um die Klimaerwärmung auf maximal zwei Grad zu begrenzen. Auf jenes Ausmaß also, von dem die Experten annehmen, dass die Folgen des sogenannten Treibhauseffekts noch halbwegs zu beherrschen sind.
Und so wollen sie einen Vertrag aushandeln, der sie verpflichtet, nur noch so viel Kohlendioxid und andere Treibhausgase zu emittieren, dass das Ziel auch zu erreichen ist. Jeder nach seinen technischen und finanziellen Möglichkeiten; die reicheren Länder wollen finanziell helfen, den ärmeren Ländern soll geholfen werden.
Doch schon jetzt, zehn Wochen vor dem Gipfel, ist absehbar: Der Basar von Paris wird sein Ziel verfehlen. "Die Summe der nationalen Beiträge reicht nicht für das Zwei-Grad-Ziel", sagen die Klimaexperten im Bundesumweltministerium. Und der Potsdamer Klimaökonom Ottmar Edenhofer warnte vergangene Woche im SPIEGEL: "Das Fenster schließt sich gerade. Die Politiker haben die Dringlichkeit des Problems nicht verstanden."
Dabei sind die Warnsignale unübersehbar. In Mitteleuropa jagt ein Rekordsommer den nächsten, 2014 gilt weltweit als das wärmste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen, und die ersten sieben Monate des neuen Jahres setzten den Trend unerbittlich fort. Im Pazifik häufen sich die Monster-Taifune, und nun warnen die Klimaforscher auch noch vor El Niño, der sich mit einer Wucht aufbaue wie nie zuvor.
Um den Temperaturanstieg zu begrenzen, müssten die Regierungen den Einsatz von Kohle bei der Stromproduktion verringern. Doch davon kann keine Rede sein. Energie aus Kohle ist so billig wie lange nicht mehr. Sie wird weiter ausgebaut und massiv mit Steuergeldern subventioniert. Allein 2013 wurde der Verbrauch fossiler Energieträger mit knapp 550 Milliarden Dollar subventioniert.
Auch innerhalb Europas ist der Ausstieg aus der Kohleförderung längst nicht Konsens. "Unglücklicherweise" werde innerhalb der EU über den Ausstieg aus der Kohleverbrennung debattiert, klagte der neue polnische Präsident Andrzej Duda kürzlich in Bonn. Das sei "ein historischer Fehler". Schließlich besitze Polen noch Vorräte für mindestens 200 Jahre.
Wo weltweit Ideen, Mut und Dynamik gefragt wären, dominieren Gleichmut und Trägheit. Beim Gipfel in Lima im vergangenen Dezember hatten die Staats- und Regierungschefs vereinbart, dass jedes Land den Beitrag definieren soll, den es für den Klimaschutz aufbringen kann. Bis Ende März 2015 hätte das passieren sollen, so die Verabredung. Und was passierte? Ende März hatten gerade mal 33 Regierungen ihre Pläne bekannt gegeben. Ende vergangener Woche waren es 62 von 196 Regierungen. Knapp die Hälfte davon sind die 28 EU-Mitglieder.
Andere Länder geben zwar Zahlen bekannt, schieben aber im Gegenzug den Zeitpunkt hinaus, bis zu dem diese umgesetzt werden sollen. Von 2020 auf 2030. Von 2030 auf 2050 oder gar 2100. Je weiter entfernt, desto ehrgeiziger das Ziel. Theoretisch zumindest.
Wer genauer hinschaut, stößt auf eine Kette von Leerformeln, Widersprüchen und gebrochenen Versprechen. So lief es beim G-7-Gipfel im Juni auf Schloss Elmau, als Kanzlerin Angela Merkel das Ende der Kohleverbrennung "im Lauf des Jahrhunderts" versprach und die gemeinsame Schlusserklärung in Aussicht stellte, den CO2-Ausstoß bis 2050 um 40 bis 70 Prozent gegenüber 2010 zu reduzieren.
Schon 2008, bei der G-8-Runde in Japan, hatten sich die Regierungschefs auf die Formel verständigt: Bis 2050 sollen die Treibhausgasemissionen um mindestens 50 Prozent verringert werden.
In Elmau kündigte die Kanzlerin die "Dekarbonisierung" bis zum Jahr 2100 an – und half kurz darauf der heimischen Kohlelobby, dem Wirtschaftsminister die geplante Klimaabgabe auszureden. So zeichnet sich ab, dass auch Deutschland sein CO2-Ziel, die Verminderung um 40 Prozent bis 2020, nicht erreichen wird.
Als US-Präsident Obama Anfang August in seinem "Clean Power Plan" ankündigte, die CO2-Emissionen des Stromsektors bis 2030 um 32 Prozent gegenüber 2005 reduzieren zu wollen, stimmten die Klimaretter Lobgesänge an. Auch die deutsche Umweltministerin Barbara Hendricks sah darin ein "wichtiges Signal" für Paris. Dass Obama seine vormalige Zusage von 30 Prozent Minderung nur minimal korrigiert hatte, ging in der allgemeinen Euphorie unter.
Nun drängt die Zeit, und die Ersten werden ungeduldig. François Hollande, Staatspräsident und Gastgeber in Paris, mahnte schon im Frühjahr: "Die Uhr tickt – wir haben nicht mehr viel Zeit." Die Verhandlungen kämen "mit der Geschwindigkeit einer Schnecke voran", klagte im Juni auch Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon.
Doch bei denen, die den Vertrag von Paris aushandeln sollen, ist der Appell des Uno-Chefs offenbar noch nicht angekommen. Anfang September versuchten in Bonn mehrere Hundert Experten aus aller Welt, aus 80 Seiten Text einen ersten Entwurf für einen Vertrag zu erstellen, "schmal und klar", wie François Hollande gefordert hatte. Das Treffen am Rhein war die vorletzte Zusammenkunft dieser Art vor Paris. Bei der nächsten, im Oktober, soll der Entwurf fertig sein, über den sich dann die Politiker beugen und, im besten Fall, nur noch Kleinigkeiten ändern. Ergebnisse gab es in Bonn nicht – aber Pokern auf höchstem Niveau.
So wurde auf den Fluren des Kongresszentrums vor allem über Textbausteine gestritten: ob das Wort Dekarbonisierung vorkommt oder eine neue Technologie namens CCS, das unterirdische Verpressen von Kohlendioxid – und ob der Schadensausgleich für Entwicklungsländer am Ende im Vertragstext steht oder nur im Anhang.
Ebenfalls ungelöst ist die Frage, ob es nach Paris alle fünf oder alle zehn Jahre eine Konferenz zur Überprüfung der Klimaziele gibt. "Ohne schnelle Nachbesserungsrunden würde der Klimaschutz auf die lange Bank geschoben", mahnt Christoph Bals, Geschäftsführer der Entwicklungs- und Umweltorganisation Germanwatch. "Wir brauchen einen ambitionierten Mechanismus, der das Ziel unbedingt im Auge behält", sagt Umweltstaatssekretär Jochen Flasbarth. Andernfalls, so fürchten beide, würden erst ab 2030 wieder neue Klimaziele vereinbart. Und das könnte deutlich zu spät sein.
Das Ergebnis von Bonn: Sie schafften es nicht. Es gibt keinen Vertragsentwurf.
So macht sich unter denen, die sich um das Klima und die Folgen sorgen, so etwas wie resignativer Realismus breit. "Wir werden nicht mehr unter zwei Grad Erwärmung kommen", prophezeit die Klimaexpertin des World Wildlife Fund, Regine Günther. Und auch die Regierung schraubt ihre Ziele herunter. "Besser zwischen zwei und drei Grad Erwärmung landen als zwischen drei und vier Grad", sagt ein deutscher Unterhändler.
Viele wären schon froh, wenn bis zur Pariser Konferenz wenigstens noch der eine oder andere Minischritt gelingt. Etwa kommende Woche am Rande der Uno-Vollversammlung in New York. Wenn Obama den chinesischen Staatspräsidenten Xi Jinping trifft, vielleicht auch den indischen Premier Narendra Modi. Oder wenn Angela Merkel Anfang Oktober nach Indien fliegt. Auch dort wird sie mit Modi über Klimaschutz im Großen und im Kleinen sprechen.
Vielleicht hilft es ja, dass sich große Investoren, Banken und Versicherungen aus dem Geschäft mit der Kohle verabschieden. Der norwegische Staatsfonds, der größte der Welt, investiert nicht mehr in Kohle, der französische Versicherer Axa ist ausgestiegen, und internationale Großbanken haben reagiert und ihre Kreditvergabe an Kohleförderer eingeschränkt.
Und natürlich sind die Preise für die Erneuerbaren dramatisch gesunken. Weltweit ist die Stromgewinnung mittels Sonnenenergie seit 2010 um die Hälfte billiger geworden. Die Kosten für Solarzellen sind seit 2009 sogar um drei Viertel gefallen. Sonnen- und Windenergie sind so konkurrenzfähig, dass nun schon seit Jahren weltweit mehr Mittel in den Ausbau regenerativer Energien fließen als in die Anlage konventioneller Kraftwerke.
Doch reicht das?
Es geht um viel in Paris. Aufs Klima bezogen eigentlich um alles. Staatssekretär Flasbarth: "Einen weiteren Schuss haben wir nicht mehr."
Von Knaup, Horand

DER SPIEGEL 39/2015
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