19.09.2015

FortschrittAbschwellender Bocksgesang

Es geht nicht nur um Flüchtlinge, es geht darum, in welchem Land wir leben wollen. Eine Liebeserklärung an alle Gutmenschen, die Deutschland nicht den Ängstlichen, Zynikern und trüben Tassen überlassen wollen. Von Cordt Schnibben
Am Ende der schwarz-rot-goldenen Wochen des Willkommens stand ein Bundesinnenminister vor einem Mikrofon, klein, gebückt, kleinlaut, und sagte, wir machen die Grenze dicht. "Die große Hilfsbereitschaft, die Deutschland in den letzten Wochen gezeigt hat", sagte der Minister, "insbesondere mit den vielen Tausenden ehrenamtlichen Mitarbeitern, diese Hilfsbereitschaft darf nicht überstrapaziert werden." Fragen waren nicht erlaubt.
"Wir werden herausgefordert", schrieb der Dichter, "uns Heerscharen von Vertriebenen und heimatlos Gewordenen gegenüber mitleidvoll und hilfsbereit zu verhalten, wir sind per Gesetz zur Güte verpflichtet." Vor mehr als 20 Jahren schrieb Botho Strauß diese knirschenden Zeilen, die Zahl der Asylbewerber war auf über 400 000 angestiegen, und in seinem "anschwellenden Bocksgesang" entwarf er das düstere Bild eines Volkes, das nicht "durch feindliche Eroberer" herausgefordert werde, aber "nach innen um das Unsere" kämpfe und so wegen seines "modernen egoistischen Heidentums" überfordert werde.
Es mit der Urgewalt des Fremden aufnehmen zu können hatte sich Angela Merkel vor zwei Wochen zugetraut und sich mitfühlend gezeigt, weil die Nächstenliebe der Deutschen größer schien als das egoistische Heidentum. Um dann doch panisch die Schlagbäume wieder zu senken. Seither streiten die Deutschen darüber, ob das eine falsch war oder das andere oder vielleicht beides richtig. So oder so, ist es nicht schön, eine Kanzlerin zu haben, der einige vorwerfen, zu menschlich gehandelt zu haben? Es ist ein Streit zwischen zwei Lagern, die man fälschlicherweise als linkes oder rechtes beschreiben könnte, es ist aber eher ein Selbstgespräch darüber, in was für einem Land wir leben wollen, eine Debatte, die mit dem Schließen der Grenze erst beginnt.
Niemand könne voraussehen, so hatte Strauß vor zwei Jahrzehnten in die Zukunft geblickt, "ob unsere Gewaltlosigkeit den Krieg nicht bloß auf unsere Kinder verschleppt". Nun, diese Kinder und deren Eltern finden sich heute wieder in einem noch gewaltigeren Zustrom von Fremden, und es wiederholen sich die Gewaltausbrüche der Gestrigen ebenso wie die tragischen Alarmgesänge der Ängstlichen. Neu ist das Jubelgeschrei vor allem der Kinder von damals, die jetzt auf Bahnhöfen Wasserflaschen verteilen und Kuscheltiere und die mit den Altkleidern ihrer Eltern die fremden Horden neu einkleiden.
"Claudia", "Fritzi" und "Jessi" steht auf den Klebebändern an der Brust der drei jungen Frauen, vor denen ich meine vier Ikea-Taschen voller Hemden, Hosen und Jacketts auskippe; sie sortieren in der Halle B7 des Hamburger Messegeländes, prüfen meine Sachen, legen sie zusammen. "Annette" packt die Stapel in Kisten, schreibt "Oberhemden Größe L" auf den Karton. Annette hilft schon das dritte Mal in der Halle, Fritzi das erste Mal.
Sie ist vor zwei Stunden gekommen, hat sich am Eingang gemeldet, ihren Namen auf das Klebeband geschrieben und sich in der Herrenoberbekleidung eingereiht. In der Halle, größer als ein Fußballfeld, stapeln sich Tausende Kartons, zwischen ihnen ein paar Hundert Helfer, eine Ordnung ist nicht zu erkennen, aber es muss eine geben. Denn links an der Wand steht: "Ausgabestelle", dort können sich die Flüchtlinge aus der Nebenhalle eindecken und einkleiden.
Einige Helfer sind seit vier Wochen dabei, und sie haben erlebt, dass sich ihr Status in der veröffentlichten Meinung dreimal gedreht hat. Zunächst halfen sie still und leise, dann wurden sie zu den neuen Musterdeutschen des Mitgefühls, ermutigt von Anja Reschkes "Tagesthemen"-Kommentar und Til Schweigers Aufschrei. Und nun sieht mancher Journalist, Blogger und Facebook-Kommentator auch in ihnen den Grund dafür, dass zu viele Fremde dem Lockruf ins Altkleiderparadies gefolgt seien. Seit Botho Strauß den "Fanatismus des Guten" zur Gefahr für das Abendland erklärt hat, ziehen seine Nachbeter immer wieder in den lächerlichen Kampf gegen das Gutmenschentum.
Darum gilt das Spenden von Altkleidern in bestimmten Kreisen schon als Beweis für ein romantisches Verhältnis zum Asylbewerber. Wer nur Mitleid empfinde, habe keinen Verstand, so hieß es schnell bei Leuten, denen es an Mitgefühl mangelt, und so war ich voller Mitleid zu den Hamburger Messehallen gefahren. Mein Verstand sagte mir, dass mein Mitleid sehr vernünftig sei. Mal davon abgesehen, dass mir der Albert-Schweitzer-Spruch nicht aus dem Kopf geht, dass das Mitfühlen mit allen Geschöpfen den Menschen erst wirklich zum Menschen macht. Mal abgesehen davon, dass der Vertrag von Dublin, der Flüchtlinge an den südlichen Rändern Europas stranden lassen wollte, sich gerade als total unvernünftig herausstellt. Davon also mal abgesehen: Gibt es etwas Vernünftigeres, als Zehntausende Menschen mitten in Europa nicht ihrem Schicksal und ungarischen Polizeihorden zu überlassen, sie willkommen zu heißen, mit Essen und Decken zu versorgen und einem Dach und eben auch mit Hosen, Hemden und Schuhen?
Im Artikel 1 des Grundgesetzes heißt es nicht "Die Würde der Deutschen ist unantastbar", und darum ist es nicht nur mitfühlend, sondern ziemlich schlau, es ist verfassungstreu, was Hunderttausende Deutsche auf den Bahnhöfen, vor den Flüchtlingsheimen und in ihren Kleiderschränken seit Wochen veranstalten. Sie haben die Kanzlerin und die Bundesregierung gezwungen, sich der Flüchtlinge anzunehmen, sie bringen sogar die "Bild" dazu, auf ihre übliche Hetze zu verzichten, sie schaffen es möglicherweise sogar, die EU zur Vernunft zu bringen.
Zwei Tage nach meiner Kleiderspende bin ich wiedergekommen, angezogen von diesem Chaos der Menschlichkeit. Ich hefte meinen Namen auf die Brust und ordne mich selbst der Herrenoberbekleidung zu. Aus mächtigen Kisten – vor der Halle einsortiert, weil es inzwischen in der Halle zu eng geworden ist – hebe ich immer neue Hemden, T-Shirts, Polohemden ihrer neuen Verwendung entgegen. Um mich herum sind fast nur Frauen, einige um die vierzig, die meisten zwischen zwanzig und dreißig. Sie kritisieren, wie nachlässig ich die Kleiderspenden prüfe, die dreckigen kommen auf den Wäschehaufen, die lumpigen auf den Müllhaufen. Sie wollen, dass ich die Hemden so ordentlich zusammenlege, wie es Verkäuferinnen beim Herrenausstatter machen, und tatsächlich habe ich das Gefühl, von Fachkräften umgeben zu sein.
Auch Boss, Marc O'Polo, Armani in S, M, L, Kurzarm, Langarm, T-Shirts von Calvin Klein, noch verpackte Hemden von DKNY, man könnte lachen über diese Messe des Überflusses, wenn man nicht wüsste, dass das Überflüssige nun in die richtigen Hände gerät.
Ein bisschen Kirchentag, ein bisschen Mutbürger, ein bisschen Antifa – die Freiwilligen um mich herum treibt der Wille, es sich, rechten Hasspredigern und der Welt zu zeigen. Die Flüchtlinge mobilisieren viele Deutsche, weil sie sie dazu bringen, ihr Menschenbild und ihren Blick auf die Welt zu schärfen: Plötzlich stehen die Fußtruppen der Weltkonflikte auf deutschen Bahnhöfen, die Menschen vom Balkan, die Afghanen, die Iraker, die Syrer; die Kollateralopfer westlicher Interventionen suchen Schutz bei denen, die im Namen der Freiheit und des Wohlstands die Welt neu ordnen wollten.
Es gibt darauf drei Reaktionen: die Heime anzünden und die Fremden als Dreck beschimpfen; über Schengen, Dublin und Quoten reden und die Risiken beschwören; sich der Verantwortung stellen und die Chancen sehen. Unter denen sind viele Menschen, die bisher nicht viel mit Menschen anfangen konnten, die stolz darauf waren, deutsch zu sein; die aber nun viel dafür tun, dass viele genau diesen Stolz zu entwickeln beginnen.
Am deutlichsten wird das von außen gesehen; CNN, BBC und andere westliche Medien berichten über Deutschland so staunend wie nach dem Mauerfall und während der Weltmeisterschaft 2006, von den Winkebildern an den Bahnhöfen werden die Deutschen weltweit noch Jahre profitieren – wirtschaftlich, politisch, menschlich. Deutschland gehe "in dieser schwierigen Flüchtlingskrise mit gutem Beispiel voran", schrieb die spanische "El País", und erteile anderen Ländern "eine Lektion". Auch in Italien, wo die Deutschen während der Eurokrise oft als egoistisch und kurzsichtig beschrieben wurden, wird Merkel gelobt: "Es ist die Entscheidung der Führerin der rechten Mitte Europas" ("Corriere della Sera"). In Polen wird darauf verwiesen, "als Wiedergutmachung für die NS-Verbrechen" stehe "die Aufnahme von Flüchtlingen in der Verfassung", jetzt drohe ein "Europa von zweierlei Moral". Die "New York Times" sieht die aus der Griechenlandkrise vertraute "Dynamik, dass Berlin seine Partner drängt, nach Regeln zu leben, denen nicht alle folgen wollen". Viele ausländische Zeitungen heben auch die ausländerfeindlichen Anschläge und Demonstrationen hervor, aber diese Stimmen seien durch die Hilfswelle zum Schweigen gebracht.
Das dunkle Deutschland der Brandstifter und Hetzer wird überstrahlt vom hellen Deutschland der Luftballons und Kuscheltiere, aber dazwischen macht sich das graue Deutschland der Ängstlichen immer breiter, die mahnen und warnen, die Terroristen ins Land strömen sehen und Analphabeten, die das Unsere in Schulen, um Wohnungen und gegen volle Gefängnisse kämpfen sehen. Es ist der rechte Mainstream des "Das-wird-man-ja-wohl-noch-sagen-Dürfen", der sich mit zusammengeschusterter Wahrheit mutig dem Mitleid entgegenwirft, wenn auch nicht mit der schwellenden Sprache eines Botho Strauß.
Was bei ihm der "verklemmte deutsche Selbsthass" ist, "der die Fremden willkommen heißt, damit hier, in seinem verhassten Vaterland, sich die Verhältnisse endlich" ändern, ist bei rechtspopulistischen Journalisten wie den Roland Tichys und Hugo Müller-Voggs der linke Mainstream, dem es an Verstand und Nationalbewusstsein fehlt.
Seit zwei Jahrzehnten sitzen sie in der Schneise, die Botho Strauß geschlagen hat, und schreiben immer denselben Artikel über "Gutmenschen" und "politisch Korrekte": Das Land müsse sich befreien vom Diktat derer, die es multikulturell zugrunde richten, die keine Ahnung von den Notwendigkeiten einer modernen Gesellschaft haben, schon gar nicht von einer Ökonomie, der wir alle den Reichtum verdanken, den sie leichtfertig aufs Spiel setzen.
Was sie immer wütender macht, ist diese Kanzlerin, die solch konservative Grundpfeiler wie die Familie, die Atomkraft und die Angst vor dem Islam umgestoßen hat und in den letzten Wochen zum Gutmenschentum übergelaufen war.
Als heilige Angela der Kleiderkammern geistert sie nun durch die Träume der Millionen Heimatlosen und treibt alle Rechtskonservativen in den Wahnsinn. Ein Rechtsrechtskonservativer wie Nicolaus Fest etwa, bis vor Kurzem Vize-Chefredakteur der "Bild am Sonntag", hielt der Kanzlerin deren Einschätzung (Multikulti ist gescheitert, und zwar komplett) vor, und doch habe sie nun verkündet: "Wir schaffen das!" Ein "älterer jüdischer Bekannter" habe ihm gesagt: "Zweimal haben die Deutschen im letzten Jahrhundert Europa ins Chaos gestürzt, jetzt machen sie es mittels der islamischen Invasion." Diese Invasion, so Fest, fordere auch junge Opfer, die Aufregung um das Bild des toten Jungen am türkischen Strand sei "Mitleidsporno", das Bild eines ertrunkenen deutschen Jungen auf Sylt würde nicht so viel Aufmerksamkeit erregen. Die Proteste vor den "afrikanischen Brückenköpfen" irgendwo in der Provinz seien allerdings "medial unsinnig", nicht vor Flüchtlingsheimen sollten die Deutschen protestieren, sondern sie sollten lieber den "Zugang zu den Regierungsmaschinen in Tegel oder Schönefeld" oder gleich "das Kamener Kreuz oder den Berliner Ring" blockieren. Die "Trivialcaritas" der Helfer dagegen verfahre gegenüber den Flüchtlingen, die unter Verstoß gegen Dublin III ins Land gekommen seien, nach dem Grundsatz: "Wenn die Einbrecher schon im Haus sind, sollte man ihnen auch Geld, Schmuck und ein Bett anbieten."
Solche Leute spielen sich gern als Sprecher der schweigenden Mehrheit auf, warum müssen sie es immer in der Pose des Herrenmenschen machen, der im Fremden, besonders im Muslim, den Totengräber des Abendlandes sieht? Ihr Echo schallt aus den Kommentarspalten bei Facebook und den Websites. Wenn Jan Fleischhauer, mit Fest nicht zu vergleichen, auf SPIEGEL ONLINE sein Mitgefühl mit den Flüchtlingen betont, aber der "Flüchtlingseuphorie" entgegenhält, "einige werden den Nachbarn ermordet haben, bevor sie sich auf den Weg in den Westen machten", aber "die Idealisierung des Fremden" habe ja bei der Linken eine lange Tradition, dann bekommt man in den 633 Kommentaren ein ziemlich genaues Bild vom "Mut zur Sezession, zur Abkehr vom Mainstream" (Botho Strauß).
Da sind die Rechtskonservativen, die voll und ganz Fleischhauers Meinung sind (30 Prozent), die sich überrollt fühlen von diesem "Welcome-Refugees-Getue", die nicht glauben "an das Märchen der gut ausgebildeten Fachkraft aus dem Süden", die befürchten, "dass wichtige Grundfesten des Funktionierens unseres Landes von einer Welle naiver Hilfsbereitschaft untergraben werden", die Angst haben, in ein paar Jahren "in einer Bananenrepublik" zu leben.
Ihre Angst wird übertroffen von den 16 Prozent Rechtsradikalen unter den Kommentatoren, die "unsere JVAs bald überfüllt" sehen "von Ex-Asylanten", die den "Mörder oder Religionsfanatiker oder Dieb oder Homosexuellenhasser und Frauenunterdrücker" in Scharen hereinströmen sehen, die "eine neue Aufbruchstimmung unter Deutschen" herbeiwünschen, die Deutschland gern "bekämpfen, wie es das Pack macht", die dem "neuen Deutschland den Rücken kehren" möchten und bald "in den Booten sitzen und Asyl beantragen, jedoch leider abgewiesen" werden.
Rund 25 Prozent der Kommentatoren kritisieren Fleischhauer, sie verteidigen die Hilfe für Flüchtlinge als im Grundgesetz "selbst auferlegte Pflicht" und damit, "dass in Syrien selbst Kleinkinder totgefoltert werden", sie unterstellen Fleischhauer "Angst vor dem Fremden", "bürgerlich-arrogant getünchte Ausländerfeindlichkeit" und "braunes Gedankengut".
Zwischen linkem und rechtem Mainstream sind die Leute angesiedelt (knapp 30 Prozent), die Korrekturen äußern ("nach Russland sind 700 000 Ukrainer geflüchtet") und andere sachliche Anmerkungen, ohne sich erkennbar in ein Lager zu schlagen und die Frage "Ist Migration gut oder schlecht?" mit einem nachdenklichen "Kommt drauf an" beantworten.
"Der Kulturpessimist hält Zerstörung für unvermeidlich", schrieb Botho Strauß, gerichtet an die Linke, die sich seit Jahrzehnten "darauf versteift, dass man sich nur der Schlechtigkeit der herrschenden Verhältnisse bewusst sein kann". Der Rechte unterscheidet sich, er "hofft hingegen auf einen tief greifenden, unter den Gefahren geborenen Wechsel der Mentalität". Auf interessante Weise hat sich das gedreht in diesen Wochen der Völkerwanderung, die eine unübersichtliche Zeit ist für jede Form von Weltanschauung. Der Rechte blickt pessimistisch auf das neue Deutschland und fürchtet Zerstörung und Untergang, der Linke übt sich in jener neuen Bürgerlichkeit, die vor zwei Jahrzehnten das Credo des Rechten war, steht mit Christen, THWlern und anderen Freiwilligen in den Kleiderkammern und Aufnahmelagern und fühlt in seiner Brust den Stolz auf ein Land wachsen, der ihm nie geheuer war.
Bei meinem dritten Besuch in den Messehallen werde ich der Kinderabteilung zugewiesen, klettere in Gebirgen von Kartons herum auf der Suche nach T-Shirts in Größe 86 oder Strampelhöschen in Größe 62. Wir stapeln sie, geordnet nach Kleidungsgröße, auf Paletten, 2,50 Meter hoch, wickeln dicke Plastikfolie drum herum. Gabelstapler bringen sie aus der Halle, die Sachen werden in anderen Hamburger Lagern gebraucht. Oder in Zukunft für die Flüchtlinge, die auch noch kommen werden.
Bei meinem vierten Besuch werde ich in eine Menschenkette gestellt, die Kartons mit Herrenoberbekleidung quer durch die Halle reicht, 30 Leute, die sich Karton für Karton in die Hände geben. Am Ende landen sie – nach Größe geordnet – auf Paletten. Die Einteilung der Helfer liegt in den Händen von 18 Abteilungsleitern, über ihnen regelt ein 14-köpfiges Organisationsteam die Abläufe. Es sind Musiker, Manager, Lehrer, Studenten, Schüler, Hausfrauen, die sich in ihrer Freizeit oder im Urlaub, vor der Arbeit, nach der Arbeit Handschuhe überstreifen und sich einteilen lassen. An diesem Tag, es ist ein Sonntag, fahren die Autos mit Spenden im Minutentakt vor, am Abend kapitulieren die Helfer glücklich: Die Annahme von neuen Spenden wird für vier Tage geschlossen, es ist wie eine Woche später an der österreichischen Grenze.
Einige der Leute um mich herum kommen nicht nur zum Sortieren, sie organisieren Ausflüge für Familien, fahren mit ihnen zum Grillen an die Elbe oder zum Fußball aufs Heiligengeistfeld, gründen Nähgruppen, machen mit den Flüchtlingen Behördengänge und helfen beim Übertritt in die evangelische Kirche.
Die Facebook-Gruppe der Helfer ist inzwischen auf über 18 000 gewachsen, bis zu tausend Freiwillige sind an manchen Tagen in der Halle. In München, in Dortmund, in Quakenbrück und anderswo ist es nicht anders. Die Helfer finden es lustig, dass ihnen unterstellt wird, im Willkommensrausch die Integrationsprobleme der Flüchtlinge zu ignorieren. Einige von ihnen arbeiten schon länger in Flüchtlingsgruppen. Ihre Hilfe, so glauben sie, ist die beste Voraussetzung dafür, dass sich die Fehler der bisherigen Integration nicht wiederholen, "echte Patrioten geben Deutschkurse".
Wenn sich die Fehler der Vergangenheit nicht wiederholen sollen, dann sollte man die Probleme, die 800 000 neue Asylbewerber aus anderen Kulturkreisen in die neue Heimat mitbringen, nicht den Besorgnisträgern des rechten Mainstreams überlassen. Das Wohnen, die Kindergärten, die Schulen, die Arbeit, die Justiz, die Verwaltung, die Krankenkassen, die öffentlichen Haushalte – überall werden die neuen Mitbürger Fragen aufwerfen, ohne dass die Antworten die Deutschen überfordern müssen. Es wird davon abhängen, wie offen die Probleme benannt werden und wie bereitwillig sich die Neubürger in unser Sozialmodell einfügen.
Den moralischen Kredit, den sich Angela Merkel und die Bundesregierung erarbeitet hatten, können sie nutzen, um all das zu tun, was nötig ist, um den weiteren Zustrom von Flüchtlingen so zu begrenzen, dass er die Gesellschaft, den Staat und die Freiwilligen nicht überfordert. Also zusammen mit dem UNHCR und den USA die Versorgungssituation in den Lagern rund um Syrien verbessern; mit der EU am südlichen Rand Europas Aufnahmelager einrichten, in denen die Asylberechtigung geprüft wird; den 28 Staaten der EU Aufnahmequoten abringen, die dem moralischen Anspruch Europas entsprechen; im Inneren dafür sorgen, dass abgelehnte Asylbewerber schneller in ihre Heimatländer zurückgeschickt werden; das Asylrecht so verändern, dass es die Verfolgten nicht in die Hände von Schleppern treibt; und endlich ein Einwanderungsgesetz beschließen, das die Interessen der Bundesrepublik mit den Wünschen der Zuwanderer in Einklang bringt.
"Zwischen den Kräften des Hergebrachten und denen des ständigen Fortbringens", hatte der Dichter prophezeit, "wird es Krieg geben" – im Moment sieht es so aus, als tobe der vor allem in der CDU und CSU. Wie der ausgeht, davon hängt ab, ob auch Merkel sich in Deutschland noch heimisch fühlen wird.
In der Nähe der Messehallen versuchen die Helfer, die Flüchtlinge mit einem Fest aus der Routine des Wartens herauszuholen, es kommen vor allem jüngere Syrer und Afrikaner. Es wird ein Nachmittag der Erschöpften, die Flucht aus der Heimat ist keine Party, auch wenn manche Bahnhofsjubelbilder das vortäuschen. Vor den Flüchtlingen, die es nach Deutschland geschafft haben, liegen Monate, vielleicht Jahre der Eingewöhnung; vor den Helfern eine lange Strecke zäher Hilfe. Nach der Schließung der Grenze werden die Stimmen lauter, die beides für unrealistisch halten und das Land nicht nur ein paar Tage, sondern auf Dauer abschotten möchten.
"Ohne Zweifel leben wir mitten in einem historischen Wandlungsprozess", schreibt Georg E. Moeller, einer der Wortführer der Helfer, auf Facebook, "dessen Verlauf wir mitbestimmen, ob wir wollen oder nicht." Es geht um das Menschenbild, dem jeder entsprechen will: Schaue ich nur zu, "oder zeige ich einer hoffnungslos überforderten Obrigkeit, wie man der Würde, dem ersten Hauptwort im ersten Artikel unserer Verfassung, mit einfachsten Mitteln Geltung verschaffen kann".
Mancher wird solche Leute für komische Romantiker halten, besonders jene denken so, an denen das gesellschaftliche Leben gleichgültig vorüberzieht; und ganz besonders jene, für die jede gesellschaftliche Veränderung nur im Schlimmsten enden kann und man sie deshalb warnend verhindern muss; und ganz besonders jene, für die jede Form von Altruismus nur die pathologische Sehnsucht nach Selbstbestätigung beweist.
In den Gesprächen mit den Helfern spürt man, dass es ihnen nicht nur darum geht, ein guter Mensch zu sein, es geht ihnen auch darum, was für ein Volk wir sein wollen. Nur ein weinerliches Volk, das sich ängstlich zusammenschließt vor den Zumutungen herumziehender Heimatloser? Nur ein fleißiges Volk, das sich – wie unsere Eltern und Großeltern – berauscht an Wirtschaftskraft und Exportrekorden? Nur ein ökologisches Volk, das den Müll trennt, die Natur schont und die Atomkraft verdammt?
Oder vielleicht ein sympathisches Völkchen, das aus der Vergangenheit gelernt hat, das fleißig ist, den Reichtum teilen kann und begriffen hat, dass der richtige Umgang mit Menschen noch wichtiger ist als der vernünftige Umgang mit der Natur.
Von Cordt Schnibben

DER SPIEGEL 39/2015
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