19.09.2015

KommentarAm Daumen schrauben

Warum der geplante Empathie-Button Facebook nicht netter machen wird
Dass es in den sozialen Netzwerken an Negativität mangeln würde, lässt sich nicht behaupten. Neid, Hass, Todeswünsche, Dummheit, Missgunst, Rassismus, Verschwörungstheorien, jedes mögliche Vorurteil – ein paar Stunden in den entsprechenden Facebook-Diskussionssträngen sind ein Spaziergang durch die Hölle des menschlichen Vorbewussten. Das ist jener Bereich der Psyche, wo die Gedanken noch unmittelbar an die Gefühle gekoppelt sind. Der moderne Mensch hat gelernt, ihn einigermaßen zu beherrschen.
Insofern überrascht es, dass der Facebook-Gründer Mark Zuckerberg nun ausgerechnet einen "Gefällt mir nicht"Knopf testet und vielleicht auch einführen lassen will. Hat er die falschen Freunde? Sind sie zu nett?
Facebook ist der größte Stammtisch der Welt. 1,5 Milliarden Menschen sitzen hier zusammen, streiten über Politik, erzählen, was sie eben gegessen haben, lästern über andere oder sagen, was sie sonst gerade so denken. Möchte Zuckerberg seinen Laden zivilisieren, indem er der real existierenden Missgunst einen erlaubten Kanal zuweist? Er behauptet, einen Empathie-Button zu planen, einen "Du Armer"-Knopf, mit dem man Mitgefühl zeigen könne. Ein Argument, dem eine erstaunliche Geringschätzung der Kreativität der Facebook-User zugrunde liegt. Wer diesen Knopf als Beleidigungswerkzeug benutzen will, wird das tun, egal ob er dafür gedacht ist oder nicht.
Das Beste an Facebook ist doch die Funktion "als Freund entfernen". Denn die Programmierer hatten nicht nur die Weisheit, sich eine Kneipe als Vorbild für menschliche Kommunikation zu nehmen, sondern haben auch gleich jedem User die Möglichkeit in die Hand gegeben, Türsteher seines Lebens zu sein. Dafür ist die Einrichtung eines Mitgefühl-Knopfs erstaunlich unterkomplex.
Von Rapp, Tobias

DER SPIEGEL 39/2015
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