28.06.1999

CDUFrische Kraft

Jung, redegewandt, medientauglich: Der Finanzexperte Friedrich Merz ist der Nachwuchsstar der Union. Er soll bei der neuen Mitte punkten.
Der junge Mann brauchte keine fünf Minuten, um den Kanzler auf die Palme zu bringen. Dem damaligen Ministerpräsidenten Gerhard Schröder, so trompetete Friedrich Merz am vergangenen Donnerstag im Bundestag, sei die deutsche Einheit keine niedersächsische Steuermark wert gewesen.
Der Kanzler, der im Plenum oft und demonstrativ Desinteresse erkennen läßt, merkte plötzlich auf, verlor die Contenance und zeigte dem geschickt polemisierenden Redner einen Vogel. Die Geste gefällt dem jungen Mann, denn innerhalb des Bonner Politikkosmos bedeutet sie so etwas wie einen Ritterschlag, um den mancher Oppositioneller oft und vergeblich gegen den Regierungschef anstänkert.
Schröder hat den Lulatsch wahrgenommen und ihm Respekt erwiesen. Der CDU-Abgeordnete Merz, 43, hat insofern in der Debatte um die Reformen der Regierung seine Aufgabe erfüllt.
Fraktionschef Wolfgang Schäuble hatte ihn mit Bedacht als Spitzenredner der Opposition gegen Finanzminister Hans Eichel aufgestellt, denn Merz bricht das bekannte Bild von der CDU. Er repräsentiert einen Politikertypus, den es in der Union selten gibt: jung, wirtschafts- und finanzpolitisch versiert, redegewandt und medientauglich. Er ist fest verankert im konservativen Wertekorsett und weiß dennoch, was zur Zeit im Kino läuft.
Weil derlei frische Kräfte rar sind, hat die CDU-Spitze ihn zügig zum neuen Jungstar aufgebaut. Schäubles Vize in der Fraktion soll bei der hart umkämpften neuen Mitte punkten, jener sprunghaften Klientel, die nicht Parteiprogramme, sondern Personen wählt.
Merz steht für konservativen Mainstream, nicht aber für den Muff der Siebziger-Jahre-CDU. Anders als die jungen Wilden wie Norbert Röttgen oder Peter Altmaier gilt er in gesellschaftspolitischen Fragen als Rechtskonservativer.
In der Abtreibungsdebatte zählte er 1995 zu jenen 145 Abgeordneten, die gegen den Regierungskompromiß stimmten, die Staatsangehörigkeitsreform lehnte er strikt ab, und daß "18jährige in der Regel nach Jugendstrafrecht verurteilt" werden, hält er für völlig falsch: "Man kann nicht jemandem das Wahlrecht geben und ihn dann wieder als Teenie behandeln."
Zugleich ist der Sauerländer undogmatisch. Mit Grünen wie Cem Özdemir versteht er sich besser als mit den Funktionarios der SPD. Der grüne Haushälter Oswald Metzger schätzt Merz in Finanzfragen als "kompetenten Kollegen und Kommunikator".
Auch Hierarchien kümmern den Familienvater mit der hohen Stirn nicht viel. Beherzt legte er sich mit seinem einstigen Kanzler an, auch deswegen, weil er sich Kohls einseitiges Duzen verbat.
Schnell wurde Schäuble auf die talentierte Nachwuchskraft aufmerksam, die ihre Karriere in Europa begonnen hatte. 1989, mit 33 Jahren, zog Merz als jüngster Abgeordneter ins Europaparlament ein; fünf Jahre später errang er im Hochsauerland ein Direktmandat für den Bundestag.
Dort stieß er in ein Vakuum: Da war die alte Kohl-CDU, da waren Schäubles Mannen - und alle warteten wie gewohnt auf Befehle. Merz arbeitete sich in Windeseile in die Steuerpolitik ein und umgibt sich seither mit der Aura des Experten.
Sein politisches Vorbild ist der frühere Finanzminister Gerhard Stoltenberg, bei dem Merz sich häufig Rat holt. Kühl ist dagegen das Verhältnis zu Theo Waigel und Teilen der CSU, die ihre Hoheit über die Finanzpolitik durch Merz bedroht sehen.
Weil die CDU nach neuen Figuren giert, wird Merz schon jetzt mit seinem Mentor Schäuble verglichen. Daran stimmt, daß beide Juristen und präzise Analytiker sind, die Schwafelei verabscheuen. Während Schäuble häufig grüblerisch und introvertiert wirkt, strahlt der schlaksige, 1,98 Meter große Merz Frohsinn und Offenheit aus.
Der Sohn aus katholischem Bürgerhaushalt galt in seinem Heimatort Brilon als Lehrerschreck, und in der zehnten Klasse blieb er sogar sitzen. Heute joggt er und spielt Klarinette. Unbekümmert steht er für jede Kamera parat, versieht seine Reden mit TV-kompatiblen Frechheiten und beherrscht das Rollenspiel: Mal gibt er den arglosen Lausbuben, dann wieder den grundsoliden CDU-Finanzer.
Bei seiner demonstrativen Leichtigkeit weiß Merz genau, daß seine eigene Partei mit ihren Konzepten noch nicht wieder konkurrenzfähig ist. Mit der Blümschen Rentenreform "stehen wir erst am Anfang", und ohnehin müsse man "das eine oder andere verbessern".
Eine erste Marke setzte Schäubles Geheimwaffe vor vier Wochen mit seinem Papier "Steuern 21", einer Weiterentwicklung der Petersberger Beschlüsse. Darin propagiert er mehr Einnahmen durch kräftige Steuersenkungen.
Soviel Glück soll schon in drei Jahren über die Deutschen kommen. "Ich will spätestens 2002 mit einer guten Mannschaft in die Regierung." Als Finanzminister? Merz grinst: "Als was denn sonst?" TINA HILDEBRANDT
Von Tina Hildebrandt

DER SPIEGEL 26/1999
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