DER SPIEGEL



SINGLES

Pioniere der Moderne

Von Bayer, Wolfgang und Schmincke, Polly

Sie sind flexibel, mobil und gelten als "typisches Phänomen urbaner Zentren". Das neue Berlin lockt sie in die Hauptstadt - hier ist die gesellschaftliche Akzeptanz der Alleinlebenden besonders ausgeprägt. Eine wachsende Zahl von Dienstleistern buhlt um die einsamen Herzen.

Die blonde Lehrerin aus Kreuzberg hatte Glück. Sie kam zu spät zur Verabredung auf der Single-Party. Schon von weitem sah Teeny, 44, daß der Mann zu knöchrig war - sie hat's lieber etwas kräftiger. Schnell riß sie sich den Aufkleber vom Kragen, bevor er sie daran erkennen konnte, und steuerte umgehend auf die Wandtafel mit den Kontaktanzeigen zu, um ein attraktiveres Exemplar der Gattung auszukundschaften.

Georg, 32, hat präzise Vorstellungen von seiner Traumfrau. Mütterlich soll sie sein, aber gleichzeitig cool und sarkastisch, gebildet, witzig, ein positiver Mensch und natürlich schön. "Aber wo ist sie?" Der Politologe kam vor drei Jahren aus Hamburg nach Berlin - und blieb weitgehend allein.

Der Kieferchirurg Joachim Leineweber, 50, gilt vor allem bei seinen Patientinnen als einfühlsamer Doktor. Privat aber verzichtet der Medicus aus dem gutbürgerlichen Zehlendorf doch lieber aufs zarte Geschlecht - wenigstens so weit etwas auf Dauer angelegt ist. Seine Hobbys - Marathonlauf mal in Boston, mal in New York und Kunstflug über märkischen Kiefern - weisen ihn als ehrgeizigen Einzelgänger aus. In seinem Heim fehlt das Prestigemobiliar ("Ich bin konsummäßig unterausgestattet") wie die richtige Lebenspartnerin. Er räumt zwar "gelegentliche Durchhänger" ein, doch "auf der Suche", sagt Leineweber, "bin ich nicht".

Teeny, Georg und Joachim zählen zu einer besonderen Kaste in der Hauptstadt: Alle drei sind hochqualifiziert, selbstbewußt, beziehungserprobt - und allein. Sie sind Singles in Berlin und bewohnen drei der 830 000 Ein-Personen-Haushalte, die Berlin zum Zentrum dieser wachsenden Gesellschaftsgruppe machen.

Wie viele Singles tatsächlich die Stadt des Alten Fritz bevölkern, zu dessen Zeiten "jeder nach seiner Fasson selig werden" sollte, läßt sich allenfalls hochrechnen. Die offizielle Statistik liefert nur Annäherungswerte, den Single definiert sie nicht. Immerhin ist von den rund 1,2 Millionen Berlinerinnen und Berlinern in der Altersgruppe von 25 bis unter 45 Jahren, dem bevorzugten Heiratsalter, gut jeder zweite ledig oder schon wieder geschieden.

Daß die Hauptstadt in gesellschaftlichen Prozessen als soziales Laboratorium der Republik gilt, fördert den Trend zum Solo-Leben. Schon zu Zeiten des alten West-Berlins lockte nicht zuletzt eine anarchische Sehnsucht nach Freiheit und individuellen Lebensstilen Studenten, Wehrflüchtige, Exzentriker und andernorts Gestrandete in den Kreuzberger und Charlottenburger Kiez. Jetzt kommen aus Ost und West die erfolgsorientierten Aufsteiger ebenso hinzu wie jene unorthodoxen Abenteurer, die glauben, ein Neuanfang sei am besten parallel zum Beginn der Berliner Republik zu wagen.

Wie sehr die Melange aus Urbanität und Chuzpe das Leben der Dreimillionenstadt bestimmt, belegen auch schrille Sommerspektakel wie der Christopher Street Day oder die Love-Parade, die in diesem Jahr wieder ein Millionenpublikum locken. Der Street Day ist eine Art Szenekarneval im Mekka der Homosexuellen. Mehr als 250 000 Schwule und Lesben leben in Berlin. Die Love-Parade, die Techno-Kultveranstaltung schlechthin, ist längst auch zu einem Single-Woodstock rund um die Siegessäule geworden.

Der Markt ist so groß, daß das Geschäft mit Spezialdienstleistungen für Singles boomt. Rund drei Dutzend Partner- und Freizeitvermittlungs-Agenturen sind berlinweit auf Single-Fang, vier lokale TV-Stationen wie auch drei private Hörfunksender reiten auf der Kuppelwelle. Volkshochschulen lehren das Single-Leben, Salsatheken, Salons und rund 90 Tanzschulen ködern Singles mit Partnerschaften im Wiegeschritt.

Ein Teil der Solo-Gemeinde tritt bevorzugt ins öffentliche Bewußtsein: wohlhabende Yuppies, erfolgreich im Beruf und immer auf Piste und Pirsch, nichts und niemandem verpflichtet außer dem eigenen Lebensstil. Bei vielen von ihnen ist die Lebensform auch eine gezielte, kopfgesteuerte Entscheidung: Für den Beruf und gegen die Familie (siehe Seite 115).

Sie sind, wie Hans Bertram, Professor für Mikrosoziologie an der Berliner Humboldt-Universität, glaubt, "ein typisches Phänomen urbaner Zentren". Dort haben sie sich dank höherer Flexibilität, wie die Soziologen Ulrich Beck und Elisabeth Beck-Gernsheim postulieren, längst als "Pioniere der Moderne" etabliert.

Und weil Berlin eine Stadt im Umbruch ist, scheint der Single-Zuwachs garantiert. 400 000 Einwohner, so die Prognose, wird die Hauptstadt bis zum Jahr 2010 ans Umland verlieren - vor allem Familien ziehen ins Grüne. Der flexible, mobile Mensch, gefragt in der künftigen Dienstleistungsmetropole, zieht dagegen in die Stadt.

Um die Besserverdienenden geht es zumeist, wenn das von Franz-Josef Wagner, nach eigenem Bekunden "verheirateter Single", redigierte Boulevardblatt "BZ" in einer Dauerserie Berlins begehrteste Junggesellen vorstellt. Mit Introspektionen aus ihren Dachgeschoßwohnungen und Penthäusern ("keine Haare im Waschbecken"; bloß kein "Hausmütterchen") hoffen die Bonvivants, so einer von ihnen, "immer noch auf Seelenverwandtschaft im Körper einer attraktiven Frau" - die selbstredend, so ein anderer, auch "auf keinen Fall klammern" darf.

Da ist viel Koketterie im Spiel, denn am liebsten bleiben die Solisten aus Überzeugung unter sich. Wer aus München, Hamburg oder Frankfurt in den Kreis der dynamischen Kreativen aufgenommen wird, registriert nach der ersten Einladung staunend, daß "die Gäste der Fete alle Singles waren".

Das Gros der sozialen Einzeller aber verschwindet in der Anonymität der Großstadt-Wohnquartiere - nur unzureichend getröstet vom Rat der Verbraucherzentrale, doch "einen 7-Gedeck-Spülautomaten statt des Zwölfers" anzuschaffen.

Anzeigen in den Stadtmagazinen signalisieren, mitunter tragisch-komisch, die Sehnsucht nach dem Miteinander. Hunderte von Hauptstädtern und Wochentagsberlinern suchen da unter dem Stichwort "Aktivitäten" Menschen für gemeinsame Kino- oder Museumsbesuche, zum Essen, Philosophieren oder Tanzen; Exilhessen fahnden nach erfahrenen Äppelwoi-Trinkern, Chöre nach Sängern, Sänger nach Chören. Ein echter Naturfreund offeriert 20- bis 55jährigen, sich in seinem üppigen, 13 000 Quadratmeter großen Obstgarten zu verlustieren. Andere wollen gemeinsam Goethe lesen.

Auch der Himmel über Berlin ist ein einziger Kontakthof. Ob Radio oder TV - in keiner anderen Stadt mühen sich so viele Moderatoren, die Einsamkeit ihrer Hörer mittels des Äthers niederzuringen. Wenn bei Energy 103,4 das wöchentliche "Blind Date" vergeben wird - die Auserwählten treffen sich zu einem kostenlosen Candlelight-Dinner -, sind schon drei Sekunden nach der Aufforderung alle 20 Telefonleitungen belegt. Zu Tisch bitten dann Frauen wie Dagmar aus Hellersdorf, die bei den technischen Daten "Konfektionsgröße 42 oder 44, je nachdem wie's ausfällt", angibt und die der Single-Streß "innerlich immer distanzierter werden" ließ.

Die gängige Erkenntnis, daß die Partnersuche via Kabel oder Äther meist in Flops endet, behindert keineswegs den Run auf solche Sendungen. Elektriker Mario, der nach dem Schalten Hunderter Kontaktanzeigen keiner Frau "so nahe gekommen ist, daß man sich riechen könnte", greift nach wie vor unbeirrt zum Hörer und begrüßt fatalistisch schon zum Auftakt alle Frauen im Berliner Beziehungsuniversum.

Wenn die Partnershow "Auf Draht" über den Bildschirm flimmert, so behauptet jedenfalls der Privatsender TVB, versuchen jedesmal rund 10 000 Liebesdurstige, den Moderator zu erreichen, der dann mit etwa einem Dutzend Kandidaten gnädig plaudert.

Oft haben diese Auftritte den Charme der Ankauf/Verkauf-Spalten für den Gebrauchtwagenhandel. Geboten wird "Treue" ebenso wie "perfekte Haushaltsführung". Der Gesuchte soll stets "offen" und "ehrlich" sein, vor allem aber "was hermachen". Kinder aus einer vorherigen Beziehung werden zuweilen wie die häßliche Delle im Kotflügel eines in die Jahre gekommenen Sportcoupés behandelt: "Ihr bekommt mich nicht allein, sondern zu zweit."

Banker Ron Perduss, 23, erklärt sich das große Interesse für die Partnershows mit der Größe der Stadt: "Es ist schon sehr schwer, hier den Richtigen zu finden." Er selbst fand erst in der Sendung "Auf Draht" einen Partner und moderiert nun ehrenamtlich die "Herzschlag"-Show im Offenen Kanal. "Weil es in dieser Stadt so viele Angebote gibt", glaubt er, "verliert sich alles, und man kann sich gar nicht entscheiden, wohin man gehen soll."

Die Angebote gegen Depressionen und Vereinzelungskater reichen von der bekannten "Fisch-sucht-Fahrrad-Party", auf der man wie Teeny den Flirt mit Hilfe numerierter Anzeigen sucht, über organisierte Schlemmerabende mit Unbekannten bis hin zum Waschsalon mit integriertem Café, wo sich die Nachbarschaft an der Wäschetrommel ganz zwanglos näherkommt.

Die Klientel solcher Kuren entspricht wieder eher jenem Bild, das die Berliner Psychologin Eva Jaeggi vom modernen Single hat. Der sei keineswegs mehr "ein defizitärer Mensch, sondern einer, der - auch infolge des Reichtums unserer Gesellschaft - seinen Status jederzeit wieder ändern kann, es aber nicht muß".

Die Singles selbst ("keine verbitterten Alm-Öhis oder sitzengebliebene Jungfern") empfänden ihre Lebensform durchweg als positiv und gestalteten sie ausnahmslos "ebenso variabel", wie es die Umgebung verlange. Dennoch bleibe ein zentraler, schwer auflösbarer Konflikt: der gleichzeitige "Wunsch nach Autonomie und Intimität".

Die Kreuzberger Lehrerin Teeny entspricht perfekt der Zielgruppe der boomenden Dienstleister am einsamen Herzen: Sie ist aufgeschlossen, fröhlich, kontakt-, ausgehfreudig und bereit, dem Schicksal auch mal nachzuhelfen. Berlin hält sie für den idealen Single-Standort: "Hier kann ich auch als Frau nachts gut allein weggehen, hier werde ich auch nicht doof angeguckt, wenn ich mal was abschleppe."

Singles wie Teeny tragen auch wesentlich zu Berlins hoher Kneipendichte bei: Unter rund 2000 "Schankwirtschaften", wie die Statistik sie nennt, können Einheimische und Auswärtige wählen - dazu kommen mehrere tausend Restaurants, Imbisse, Eisdielen, Bars, Diskotheken. Und - für Singles ein wichtiger Flirt-Ort, an dem man sich besser als in der Disco unterhalten kann: fast 400 Cafés. Wer da nicht erfolgreich ist, darf es schon mal mit Single-Partys versuchen. Alle 14 Tage zieht es mehr als 1000 vor allem 25- bis 45jährige zum "Fisch-sucht-Fahrrad"-Event in zwei verrauchte Riesenzelte auf dem sonst verwaisten Berliner Schloßplatz. Da läßt sich das Objekt der Begierde gleich vor Ort besichtigen.

Dieser praktische Umstand, bekennt die braungelockte Erika, erleichtere die Angelegenheit ungemein, vor allem dann, wenn man wie sie ganz konkrete Vorstellungen habe. Sie möchte "etwas zum Anfassen". Ihr Traumtyp: 100 Kilo bei 1,85 Meter. "Ich will nicht nur geistig, sondern auch körperlich zu einem Mann aufschauen können."

Wer es etwas intimer mag, kann sich an Agenturen wie "Dinner for Fun" oder "Eat-and-see" wenden. Die bringen Singles gegen Gebühr zu einem kleinen Gelage zusammen oder besorgen einem sozial isolierten Hobbykoch vier bis neun dankbare Mit-Esser, die sich nicht nur an den Kosten beteiligen und die gleiche Musik mögen, sondern auch noch dem Alter und den Interessen des Gastgebers entsprechen.

"Singles sind für mich Menschen ohne Tanzpartner." Mit dieser beruhigenden Definition leitet Tanzlehrer Helge Vorthaler im goldsilbrigglänzenden Hemd gewöhnlich die Schnupperabende in der Tanzschule ein, die "ein gesellschaftsfähiges Näherkommen" ermöglichen soll.

Neben den vielen Tanzschulen werben in Berlin unzählige Workshops mit Kursen von Merengue bis Tango, von Salsa bis Bauchtanz um Kundschaft.

Selbst regenverhangene Sonntage, jene nach allgemeiner Überlieferung allertraurigsten Stunden für Menschen, denen der Flirt vom Samstag abend schon vor dem Rama-Frühstück abhanden gekommen ist, müssen in Berlin nicht triste Waschtage im Weichspülerambiente bleiben. Als perfekte Lösung bietet sich eines der fünf Waschsalon-Cafés an wie etwa "Holly's Waschtheke" beim Kollwitzplatz. Die blaue Stunde zwischen Vorwäsche und Schleudergang läßt sich gut dazu nutzen, unterm Sonnenschirm bei Lachsfrühstück und Milchkaffee anderen Vorstandsvorsitzenden selbstbestimmter Ein-Personen-Haushalte näherzukommen.

Doch auch den bekennenden Single, jedenfalls den gereiften ostdeutschen Einzelgänger, hat der Wende-Kater erfaßt. Andreas, 41, macht das an Veränderungen in der legendären DDR-Institution "Ballhaus Berlin" deutlich: "Vor der Wende war das Flirten hier viel einfacher. Jetzt ist alles so steif, die Männer kommen nur noch in Anzug und Krawatte, und alle wissen genau, was sie wollen."

Angela hatte erst in einem Single-Club und nach Zahlung einer Jahresgebühr von rund 1000 Mark Erfolg ("ein absoluter Glücksfall") bei der Partnersuche. Die Zahnarzthelferin glaubt, zu DDR-Zeiten sei es einfacher gewesen, jemanden kennenzulernen: "Die Menschen waren irgendwie offener." Damals stand sie noch, die Mauer. Mag ja sein, daß die Freiheit immer auch ein Stück Einsamkeit mit sich bringt. WOLFGANG BAYER, POLLY SCHMINCKE


DER SPIEGEL 26/1999
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