28.06.1999

KINO

So schön wie ein Delphin

Von Winter, Leon de

Der Schriftsteller Leon de Winter über Julia Roberts und ihren neuen Film "Notting Hill"

De Winter, 45, lebt als Romancier ("Hoffmans Hunger") und Filmemacher in Bloemendaal bei Amsterdam und in Los Angeles; der Niederländer veröffentlichte zuletzt den Roman "Der Himmel von Hollywood", der im Schauspielermilieu angesiedelt ist.

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In "Notting Hill" spielt Julia Roberts, selbst ja mehr als berühmt, einen Filmstar: Im Presseheft, das der Verleiher Kritikern zur Verfügung stellt, heißt es, ihre Rolle sei die des "berühmtesten Filmstars der Welt". Dieser Star begegnet im Londoner Stadtviertel Notting Hill einem unbekannten Buchhändler, und sie verlieben sich Knall auf Fall ineinander. Ihre Begegnung hat einigen Wirbel und schließlich eine Heirat zur Folge. Wie es sich bei einer solchen Geschichte gehört, liegt Julia Roberts am Ende auf einer Bank in einem lauschigen Park und hat einen gewaltigen Bauch, in dem vermutlich ein Baby steckt. Ende gut, alles gut.

"Notting Hill" ist in den USA ein großer Erfolg. Das Publikum amüsiert sich köstlich, und die Kritiker preisen den Film. Ich habe ihn bei einer Pressevorführung in Amsterdam gesehen, und auch dort zeigten sich die Kritiker sehr angetan von dieser "feel good comedy", als die der Film im Presseheft bezeichnet wird. Mich hat "Notting Hill" gelangweilt, aber ich bin anscheinend die Ausnahme. Ich begreife nicht, wie man überhaupt irgend etwas mit diesem Film anfangen kann, obwohl ich für diese Art von Filmen eigentlich eine Schwäche habe: "Pretty Woman" habe ich bestimmt zehnmal gesehen, "Vier Hochzeiten und ein Todesfall" ("Notting Hill" stammt vom selben Produktionsteam) fand ich charmant, und viele Filme, bei denen Intellektuelle und solche, die sich gern dafür halten, die Nase rümpfen, kommen bei mir gut an. Normalerweise entspricht mein Geschmack also eher dem Durchschnitt. Aber bei "Notting Hill" muß ich passen. Anscheinend ist mit mir etwas nicht ganz in Ordnung.

Hugh Grant, der den Buchhändler spielt, kann ich weder besonders gut noch besonders schlecht finden: Er ist nichts weiter als ein mäßiger Schauspieler, der ein paar durchsichtige Mätzchen à la "Guck mal, wie schusselig ich mich anstelle" draufhat. Im Film heißt er William Thacker und teilt die Wohnung mit einem Irren namens Spike (gespielt von Rhys Ifans).

Wieso irgendwer auf der Welt sich geneigt fühlen sollte, die Wohnung mit diesem Spike zu teilen, wird nicht weiter deutlich. Spike ist ein arbeitsloser Taugenichts, der sich nicht wäscht. Er benimmt sich völlig asozial, und seine Verrücktheit wurde von den Machern dahingehend angelegt, daß sie im krassen Kontrast zu dem außergewöhnlich normalen William steht, welcher Spike seine Wohnung als Irrenhaus zur Verfügung gestellt hat.

Die Frage, wie Spike und William wohl die Miete für die Wohnung aufbringen, bleibt ebenfalls ein Rätsel. William kann genausowenig für seinen Lebensunterhalt aufkommen wie Spike, und die Mieten in London sind horrend. Auf eine solche Frage gibt der Film keine Antwort, und ich kann auch nichts dafür, daß ich eine solche Frage aufwerfe, die ergibt sich ganz einfach aus dem Film.

In Williams kleine Buchhandlung in Notting Hill spaziert gleich zu Beginn des Films, nachdem wir kurz William, Spike und ein paar Freunde zu Gesicht bekommen haben, der berühmteste Filmstar der Welt und erkundigt sich nach einem Buch über die Türkei. Wieso die Türkei und nicht Afghanistan, wird dem Zuschauer nicht verraten und tut im weiteren Verlauf der Geschichte auch nichts zur Sache. Es ist eben die Türkei. Das Buch spielt überhaupt keine Rolle, und das finde ich schwach: Das Buch hätte vielmehr ein wesentlicher Bestandteil der Geschichte sein müssen, denn es führt die Hauptfiguren zusammen. Doch über solch exquisite Wünsche geht "Notting Hill" großzügig hinweg. Das Buch ist nicht wichtig, die junge Frau schon, denn es ist Julia Roberts, die die Rolle der Anna Scott spielt.

Anna geht ganz allein in London spazieren und bekommt plötzlich Lust auf ein Buch über die Türkei, was ja jedem mal passieren kann. Sie betritt also Williams Laden, die beiden wechseln ein, zwei Worte miteinander, und sie geht wieder. Doch zum Glück hilft der Zufall ein bißchen nach: Wenige Minuten später stößt William, der gerade einen Becher Orangensaft in der Hand hält, auf der Straße mit Anna zusammen, und sie wird klatschnaß. Sie läßt sich von ihm dazu überreden, sich der Saftflecken bei ihm zu Hause zu entledigen, und als sie danach seine Wohnung verläßt, küßt sie ihn. Im Presseheft steht: "Keiner von beiden versteht so recht, was da passiert." Ich auch nicht.

Ich finde, daß eine gut konstruierte Geschichte lästige Fragen beantworten sollte,

* Werbefoto zu "Pretty Woman" (1990).

ehe sie überhaupt gestellt werden, aber angesichts von "Notting Hill", einem Film, der zweifellos geschickt gemacht ist, häufen sich bei mir die Fragen. Etwa, wieso Anna Scott so ganz allein durch Notting Hill spaziert. Ihre Sonnenbrille kann ihr Gesicht nicht vor Blicken verbergen, und sie muß einfach von Hunderten von Leuten erkannt worden sein, was für eine Berühmtheit lebensgefährlich ist. Hatte ihre Limousine einen Platten, und war ihr Handy kaputt?

Wann ist Julia Roberts zum letztenmal ohne Bodyguards und Anstandsdamen durch London spaziert? Das Leben des berühmtesten Filmstars der Welt kann sich nicht so ohne weiteres auf der Straße abspielen. Im normalen Alltag schützen kugelsichere Stretchlimousinen, Zäune mit Kameraüberwachung und bewaffnete "personal assistants" das zarte Leben unserer Berühmtheiten; was Anna Scott da am Anfang des Films treibt, kommt demnach einem Selbstmordversuch gleich.

Der Drang, das Buch über die Türkei ausgerechnet in Williams Laden zu kaufen, muß also derart stark gewesen sein, daß sie die Gefahr, von einem Berühmtheitsfreak abgestochen zu werden, dafür in Kauf genommen hat. Und ihre Assistenten, die ihr jedes beliebige Buch über die Türkei hätten besorgen können, waren offenbar allesamt gerade krank oder unpäßlich, so daß sie persönlich auf die Straße hinaus mußte, um ihr türkisches Bedürfnis zu stillen. "Keiner von beiden versteht so recht, was da passiert."

Das ist ein heikler Satz. Denn es interessiert das breite Publikum nicht, wie die Besucherzahlen belegen. Mich schon, aber ich gehöre ja zu den Parias, die diesen Film beim besten Willen nicht verstehen. Sie küssen sich. Nicht etwa, weil sie sich verrückt vor Geilheit gegenseitig die Kleider vom Leib reißen und im Flur von Williams ach so gemütlicher Wohnung sogleich zur Liebesszene übergehen, nein, es ist ein keuscher, zungenloser Kuß, der nur wenige Sekunden anhält, so wie bei einem hochbetagten Mann, der sich am Frankfurter Bahnhof von seiner hochbetagten Frau verabschiedet, ehe diese die lange Reise nach Wiesbaden antritt. Was an Williams Verhalten in erster Linie interessiert, ist seine Ehrfurcht vor Annas Ruhm. Er hat nicht irgendein Mädchen geküßt, nein, er hat den berühmtesten Filmstar der Welt geküßt, und nun erfaßt ihn anscheinend dieses so wenig greifbare und in unserer Kultur so ungeheuer viel Ehrfurcht erzeugende Phänomen: Ruhm.

Damit hätten wir auf den Punkt gebracht, worum es in "Notting Hill" im wesentlichen geht. Dramaturgisch gesehen ächzt und quietscht dieser Film an allen Ecken und Enden und beutet im Gewand der "romantischen Komödie" nur die Faszination des Phänomens "Berühmtheit" aus. Und was den Rest betrifft, dreht sich die Geschichte im Grunde nur um den Kontrast zwischen Williams Welt, die genauso stinknormal ist wie die unsrige, aber zum Glück durch ein paar Vollidioten wie Spike aufgepeppt wird, und der einsamen Welt Annas, die eingekeilt ist zwischen dem, was ihr die Manager vorschreiben, und den Aasgeiern von der Presse.

Nichts in der Rolle von Julia Roberts kommt einem allgemein menschlichen Thema auch nur im entferntesten nahe, sie ist einzig und allein "berühmt". Nichts beschäftigt sie, außer eben dem Mangel an Privatleben, dem Tribut ans Berühmtsein.

Roberts'' stärkste Waffe in diesem Film - und in allen, die sie davor gemacht hat - ist ihr Lächeln, das nach wie vor entwaffnend und derzeit fast 20 Millionen Dollar pro Rolle wert ist. Sie ist eine strahlende Erscheinung, aber verführerisch ist sie nicht.

Schauspielerinnen wie Michelle Pfeiffer und Cameron Diaz sind geheimnisvoller und körperlicher und daher beim weiblichen Teil des Publikums weniger beliebt. Julia Roberts ist schön, wie ein Delphin schön ist. Sie hat einen sagenhaften Mund, der bei Männern vielerlei Bilder aufkommen lassen könnte, wenn sie nicht so systematisch ihren Körper verstecken würde.

Mit dem scheint Julia Roberts nicht gerade sehr vertraut zu sein. Sie spielt mit dem Kopf, mit der Stimme, den Augen, dem Mund, aber kaum oder gar nicht mit dem Rest ihres Körpers, der eigentlich für ihr feines Gesichtchen auch eine Nummer zu groß ist. Die Proportionen stimmen nicht so ganz, wodurch sie bei mir immer Assoziationen mit etwas Fischigem auslöst. In "Pretty Woman" enthüllte sie zwar ein wenig mehr von ihrem Körper als in "Notting Hill", aber eine Sexbombe war sie deswegen noch lange nicht. Sex und Julia Roberts, das gehört einfach nicht zusammen. Sie küßt Hugh Grant denn auch sehr sparsam, als dächte sie immer noch an Grants Mißgeschick mit dieser echten Hure auf dem Sunset Boulevard.

Nichts in diesem Film ist herausgearbeitet, nirgendwo wird ein Motiv oder Thema angerührt, das über das Niveau von Schlagzeilen in der Boulevardpresse hinausginge. Und genau das gefällt dem Publikum. Den beiden Liebenden, die, vom ersten Kuß zu Beginn an gerechnet, ziemlich spät im Film zusammen im Bett landen, und das so pflichtschuldig und spannungsarm, als handle es sich um etwas so Unvermeidliches wie eine Tetanusspritze nach einem Hundebiß, gelingt es im gesamten Verlauf von "Notting Hill" nicht, auch nur ein einziges vernünftiges Gespräch miteinander zu führen.

Wir haben erfahren, daß William an seiner Einsamkeit leidet und gern eine Frau an seiner Seite hätte, was seine Freunde dazu veranlaßt, eine ganze Reihe dummer Tucken bei ihm antanzen zu lassen, und wir wissen, daß Anna unter den Nacktfotos leidet, für die sie sich mal hergegeben hatte, als sie sich (laut Presseheft "als junges Starlet") über Wasser halten mußte, und die nun plötzlich wieder aufgetaucht sind. Doch ein Gespräch, das mehr als nur die äußere Schale ihrer Rollen - Filmstar, Buchhändler - berührte, wurde von den Machern offenbar für überflüssig gehalten.

Vielleicht haben Anna und William sich ja unterhalten, als sie einmal nachts spazierengegangen und in einem Park gelandet sind. Der Film zeigt, wie sie in dieser Nacht viel lachen und anscheinend auch tiefgreifende Gespräche führen, doch was sich die Liebenden erzählen, bekommt der Zuschauer nicht zu hören, denn es handelt sich um eine mit Musik zusammengeklebte Montageszene, die weder Text noch Dauer hat. Der Film bleibt damit so flach wie das Papier, auf dem dieser Artikel abgedruckt ist.

Und das wäre ja auch alles gar nicht so schlimm, wenn wenigstens die Sehnsucht des einen nach dem anderen und das beiderseitige Verlangen nach Intimität in irgendeiner Weise Gestalt angenommen hätten. Doch ich habe leider nicht die geringste Ahnung, was sie denn nun an ihm findet, und genauso schleierhaft ist mir, was er für ein Bild von ihr hat. Was sollen die beiden zusammen? Braucht sie ihn, um eine andere sein zu können? Und braucht er sie, um sein Selbstbewußtsein als kleiner Buchhändler zu stärken? Sie ist berühmt und er nicht, und das einzige, was passieren kann, ist, daß er es auch wird.

Und das wird ihm von den Machern am Ende tatsächlich beschert. Wir sehen die beiden im Blitzlichtgewitter der Fotografen, wie sie Filmfestivals und Hotels besuchen, hübsch anzuschauen, weltgewandt, geschliffen, und er ist nun, von ihr auserwählt, Teil der erlesenen Schar, die früher kraft ihres Blutes erkoren wurde und heute dank der Massenmedien. Er gehört nun zum modernen Adel des öffentlichen Ruhms.

Darf ich sagen, wie es hätte sein müssen? Der Buchhändler hätte den Filmstar nicht kennen dürfen. Anna Scott hätte für ihn eine Unbekannte sein müssen, in die er sich hätte verlieben können, ohne von ihrem Ruhm tangiert zu sein. Dann hätte dieser Film ein reines Herz gehabt.

Aber Sie glauben mir ja doch nicht und sehen sich "Notting Hill" trotzdem an und erliegen den schönen Versprechungen der Pressekampagne und lassen sich von den wunderschönen alten Hits - "How Can You Mend A Broken Heart", "Ain''t No Sunshine When She''s Gone" - mitreißen, die die Macher so raffiniert darin verwertet haben. Und ich bin dann nur wieder baff, welchen Erfolg dieser seichte und im Grunde zynische Film bei Ihnen verbuchen wird.

Vielleicht sollte ich im Binnenland der Türkei in Quarantäne gehen. Muß mir mal ein Buch darüber besorgen.

ÜBERSETZUNG: HANNI EHLERS

* Werbefoto zu "Pretty Woman" (1990).

DER SPIEGEL 26/1999
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