26.09.2015

StrafjustizAlltag mit Todesfolge

Axel und Anne A. heiraten, die Ehe plätschert vor sich hin, es gibt Streit. Und plötzlich bringt er sie um. Von Julia Jüttner
Die letzten gemeinsamen Stunden verbrachte Familie A. im Auto. Vater Axel lenkte den Wagen, die beiden Kinder saßen auf der Rückbank, Mutter Anne lag im Kofferraum, eingewickelt in einen blauen Müllsack, tot.
Saal 388, Landgericht Hamburg, Große Strafkammer 1a. Axel A., 35, schwarzer Anzug, schwarzes T-Shirt, tut sich schwer. Er will erklären, warum er Anne, 36, getötet hat. Er ist aufgeregt. Nein, heute schafft er es nicht. Das nächste Mal, hoffentlich. Der erste Verhandlungstag endet nach elf Minuten.
Saal 388, zweiter Verhandlungstag. Axel A., schwarzer Anzug, schwarzes T-Shirt, tut sich schwer. Er erklärt, warum er Anne getötet hat. Drei Stunden lang. Er ist angeklagt wegen Totschlags. Er hat einen Menschen getötet, ohne Mörder zu sein, sagt die Staatsanwältin.
Die Geschichte des A. steht für die Fälle, die oft vor Gericht landen, nicht spektakulär und doch brutal. Die sich so leise ankündigen, dass niemand sie verhindern kann, weil niemand etwas ahnt, nicht einmal der, der zum Täter wird. Der Täter muss kein Psychopath sein, nur ein Mensch, der in einem unerwarteten Moment außer Kontrolle gerät. Einem Moment, auf den er langsam zugesteuert ist, über Jahre hinweg, ohne es zu merken.
Die Vorgeschichte: so normal, so alltäglich, so harmlos, dass es viel mehr solcher Fälle geben müsste, denkt man. Eine Ehe wie vermutlich viele, in der einer immerzu unzufrieden ist und der andere immerzu bemüht, alles recht zu machen, ohne dass es je gelingt. Der eine wird nur noch unzufriedener, der andere lässt sich immer mehr gefallen, bis er nicht mehr kann, bis er einen Weg einschlägt, den er selbst nie für möglich gehalten hätte. Es ist die Geschichte eines alltäglichen Totschlags.
Axel A. erzählt sie in dürren Worten, die er lange suchen muss. Im Juni 2009 verkuppelte ein Freund Axel mit Anne, sie zog direkt bei ihm ein und wurde schwanger, er machte ihr einen Heiratsantrag. Im Mai 2010 kam das Kind, ein Mädchen, und mit der Geburt Annes Wochenbettdepression.
Axel ist Industriebuchbinder, er arbeitete Schicht, wochenweise, von sechs bis zwei, von zwei bis zehn, von zehn bis sechs, oft länger, manchmal 240 Stunden im Monat. Ein Vorzeigeangestellter, pünktlich, fleißig, zuverlässig, fachlich höchst qualifiziert, sagt sein Vorgesetzter. Man würde ihn sofort wieder einstellen.
Anne blieb daheim beim Kind, gereizt, überfordert, labil. Sie begann, Axel herumzukommandieren, hielt ihm sein Hobby vor, das Schrauben an Autos in der Werkstatt in Itzehoe, machte ihm Vorwürfe. "Erste Sticheleien fingen an", so nennt es Axel. Die Vorsitzende Richterin Ulrike Taeubner: "Das Übliche in einer Ehe dann? ,Du hast nie Zeit für die Kinder, willst nur an deinen Autos basteln'?" Axel: "Ja."
Anne suchte sich wieder Arbeit, füllte Regale auf bei Kaufland. Sie wollte nicht länger angewiesen sein auf Axels Geld, sondern unabhängig, zumindest ein bisschen. Axel brachte im Monat mehr als 2000 Euro netto nach Hause, Anne 400 Euro netto. Die Tochter blieb bei der Tagesmutter, das Familienleben war schwierig. Das Ehepaar wandte sich ans Jugendamt, ein Mitarbeiter kam alle zwei Wochen, beriet sie in der Erziehung des Kindes und wegen ihrer beiden größten Sorgen in der Ehe: Geld und Annes Marihuana-Sucht. Zwei Probleme, die eng miteinander verwoben waren.
"Wenn sie nichts dahatte, war ihre Laune nicht besonders gut", sagt Axel. Wenn sie Geld hatte, fuhr sie selbst los, kaufte Gras; hatte sie kein Geld, gab Axel ihr welches oder stieg ins Auto und besorgte ihr was. "Sonst hatte ich die Hölle zu Hause."
Axel, ein ruhiger, maulfauler Typ, gab oft nach, scheute Konflikte. Anne, die Ausbildungen anfing und abbrach und es an keinem Arbeitsplatz lange aushielt, wollte Probleme lösen, indem sie laut wurde, mit den Türen knallte. Sie stellte ihren Ehemann bloß, gern auch vor Publikum, und untersagte ihm den Kontakt zu seinen Eltern.
Die Ehekrise: eine Achterbahn. Anne zog für drei Wochen zu einem Liebhaber, rief weinend bei Axel an, er holte sie und das Kind ab. Nach einer Paartherapie sprachen sie mehr miteinander, übten sich in Rücksicht. Anne nahm Antidepressiva statt Marihuana, ihre Stimmungsschwankungen verschwanden, ihre Laune wurde besser, Axel kam wieder gern nach Hause. In der Euphorie entschieden sie sich für ein zweites Kind, Anne setzte die Medikamente ab, ihre Laune wurde schlechter, eine neue Krise bahnte sich an. Axel brachte die Tochter zur Kita, holte sie ab, ging einkaufen, machte den Haushalt. Anne blieb daheim und rauchte Wasserpfeife.
Im November 2013 brachte sie einen Jungen zur Welt, der Stress nahm zu. Immer öfter rief Anne in Axels Firma an, ob er heimkommen könne. Er konnte eigentlich nicht, aber er kam. Wieder und wieder. Er weihte seinen Chef ein, der zeigte Verständnis, aber irgendwann war es zu viel. Axel verlor seinen Posten als stellvertretender Abteilungsleiter, mühte sich, Arbeit und Kinder unter einen Hut zu bringen. Seine Eltern hätten die Familie unterstützt, sagt er, doch Anne wollte die Hilfe nicht haben.
Das Jahr 2014 verging wie die Jahre zuvor: Anne war unzufrieden, mit ihrem Mann, ihrer Figur, ihrem Leben. Sie nölte herum, vernachlässigte den Haushalt, sprach von Trennung. Sie flüchtete sich in ihre Haschischwelt, der Streit ums Geld blieb. "Sie konnte nicht mit Geld umgehen", sagt ihre Mutter. "Es floss ihr aus den Händen", sagt ihre Schwester.
Anne ließ sich von niemandem etwas sagen, am wenigsten von ihrem Ehemann. "Er konnte ihr nichts recht machen, trotzdem ist er immer für sie gerannt", sagt eine Freundin Annes. Eine andere findet, dass er sich zu viel gefallen ließ, "Streit ging immer von ihr aus". Es ist nicht selbstverständlich, dass Zeuginnen dem Mann beiseitestehen, der ihre Freundin getötet hat. Im Fall A. sind es mehrere.
Saal 388, Landgericht Hamburg, dritter Verhandlungstag. Annes Mutter sagt: "Anne hatte gehofft, er würde sich ändern." Sie selbst schien dazu nicht bereit, für sie war klar, wer Schuld hatte. Und sie tat das, was viele Frauen tun, wenn sie sich entschieden haben, aber noch eine Rechtfertigung suchen: "Sie wollte Axel eine letzte Chance geben", sagt die Mutter. Doch Anne tat das, was viele Frauen tun, wenn sie sich entschieden haben: Sie setzte ihm innerlich ein Ultimatum, ohne es auszusprechen.
Eine Mutter-Kind-Kur in Timmendorfer Strand im März 2015 sollte die Familie wiederbeleben, kurz zuvor hatten sie sich gemeinsam gegen ein drittes Kind und für die Abtreibung entschieden. Sie telefonierten jeden Tag, an den Wochenenden kam Axel zu Besuch. Doch Anne zog sich zurück, Axel vermutete einen Nebenbuhler. Er kontrollierte heimlich ihr Handy, fand Beweise für seinen Argwohn.
Saal 388, Landgericht Hamburg, vierter Verhandlungstag. Der Nebenbuhler, ein arbeitsloser Isolierer, 48 Jahre alt, Kiffer, nimmt im Zeugenstand Platz. Er berichtet von "nackigen Bildern und Videos", die er und Anne sich schickten, und dass sich "Anne vom Acker machen wollte". Ihr Liebhaber sagt, "sehr helle" sei die Anne nicht gewesen, "eher unterbemittelt".
Am Morgen des 4. April stellte Axel seine Frau zur Rede, sie stritt die Liaison ab. Er blieb ruhig, später fuhr er zu seinem Rivalen, der öffnete nicht die Tür. Am nächsten Tag, Ostersonntag, versteckte Axel Eier für die Kinder, Anne kaufte sich Marihuana und blieb der Familie fern. Am folgenden Tag weckte Axel sie gegen 12 Uhr, er wollte das Auto reparieren, Anne meckerte, er ging zur Garage.
Nach 18 Uhr tauchte Anne dort auf, die Kinder im Schlepptau, und rastete aus. Die Kinder hätten Hunger, was ihm einfalle. Er bestellte Croques, brachte danach die Kinder ins Bett. Sie wollte "Tatort" sehen, er nicht, sie zickten sich an, wie er sagt. Sie zog sich mit ihrem Handy ins Schlafzimmer zurück, er blieb im Wohnzimmer.
Nach Mitternacht wachte der Sohn auf, Axel machte ein Fläschchen, brachte es ihm. Auf dem Rückweg sah er Anne, auf dem Ehebett, sie tippte auf ihrem Handy. Axel fragte, wem sie denn schreibe, Anne flippte aus, nahm einen Koffer, schmiss Kleidung hinein. Dann gab sie ihm eine Ohrfeige und noch eine. So erzählt er es vor Gericht. Nie zuvor hatte es Gewalt zwischen ihnen gegeben, nie zuvor war ein Streit derart eskaliert.
Axel erinnert sich, wie er Anne auf den Boden drückte, sie würgte. Wie Anne sich mit Schlägen und Tritten wehrte, seine Weichteile traf, er zur Seite kippte. Die Scharniere am Kleiderschrank waren kaputt, er hatte sie reparieren wollen, Werkzeug lag herum. Er griff den Hammer, schlug zu, ein- oder zweimal. "Es war ein widerliches Geräusch", sagt Axel. Er versuchte, Anne aufzurichten. "Ich merkte, dass da nichts mehr war."
Axel packte die Leiche seiner Frau in einen blauen Müllsack, umwickelte ihn mit Klebeband und ließ ihn im Schlafzimmer liegen. Am nächsten Morgen brachte er die Tochter in die Kita, fuhr mit dem Sohn wieder nach Hause, kochte für ihn, legte ihn schlafen und schleppte seine tote Frau am helllichten Tag über die Terrasse in die Garage, legte sie in den Kofferraum, sammelte beide Kinder ein und fuhr planlos durch die Gegend und stoppte, weil die Kinder Hunger hatten, bei McDonald's.
Als sie schliefen, steuerte er einen Parkplatz nahe der Elbe an und ließ die Leiche ins Wasser rollen. Annes Handy warf er fort, den Hammer in den Hausmüll.
Er streute die Legende, Anne habe ihn und die Kinder verlassen, und meldete sie vermisst. Seinem Vorgesetzten fiel auf, dass er entspannter wirkte, erleichtert, fast fröhlich. Einen Monat später fand ein Anwohner den Müllsack, am 7. Mai gestand Axel, seine Ehefrau getötet zu haben. Die Große Strafkammer 1a muss jetzt entscheiden, wie Axel A. zu bestrafen ist. Der Strafrahmen bei Totschlag beträgt 5 bis 15 Jahre.
"Hatten Sie je das Gefühl, das könnte irgendwann ein böses Ende nehmen?" Diese Frage stellte der Sachverständige vor Gericht den Zeugen, die Anne und Axel gut kannten. Alle verneinten. Warum aber nahm es ein böses Ende? Warum hat Axel, der in jedem Streit die Nerven behalten, höchstens die Stimme, aber nie die Hand erhoben hatte, seine Ehefrau getötet?
"Sonst, wenn wir gestritten haben, habe ich das immer nur hingenommen", sagt er. Vielleicht waren es die Vorwürfe, die er nicht mehr hören konnte, vielleicht die Ohrfeigen, vielleicht auch die Angst, dass es nun wirklich das Ende sein könnte, er allein, getrennt von seinen Kindern. "Ich hätte das machen müssen, was ich sonst auch gemacht habe: ruhig bleiben."
Oder sich einfach einmal wehren, ohne Gewalt. ■
Von Julia Jüttner

DER SPIEGEL 40/2015
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