26.09.2015

SPIEGEL-Gespräch„Wir hatten eine große Portion Glück“

Vor 25 Jahren führte Dieter Kastrup die Geheimverhandlungen der Regierung Kohl mit den Alliierten zur Deutschen Einheit. Er beschreibt einen Weg mit vielen Widerständen.
Am 30. September 1989 stand Kastrup, heute 78, auf dem Balkon der deutschen Botschaft in Prag neben seinem Chef Hans-Dietrich Genscher, als dieser rund 4000 DDR-Bürgern verkündete, dass ihre Ausreise in die Bundesrepublik noch am selben Abend stattfinden werde. "Das war der Anfang vom Ende der DDR", sagt der Jurist in der Rückschau. 1990 führte der Politische Direktor des Auswärtigen Amts das völkerrechtliche Ende der DDR herbei: bei den Verhandlungen zwischen den beiden deutschen Staaten und den vier Siegermächten des Zweiten Weltkriegs.
SPIEGEL: Herr Kastrup, der Zwei-plus-vier-Vertrag zur Deutschen Einheit zählt zum Weltdokumenten-Erbe "Memory of the World" der Unesco. Da liegt er neben epochalen Werken wie der Gutenberg-Bibel oder der Partitur von Beethovens Neunter. Ist das zu viel der Ehre, oder finden Sie das angemessen?
Kastrup: Also ich finde es angemessen, denn mit diesem Dokument wurde die Kriegszeit wirklich beendet, wurde Deutschland ein souveräner Staat, ohne jede Einschränkung.
SPIEGEL: War es schwierig, diesen Vertrag auszuhandeln?
Kastrup: Ja, weil das Ergebnis, das wir erreicht haben, die anderen Staaten am Anfang nicht wollten – von den Amerikanern einmal abgesehen.
SPIEGEL: Die vier Siegermächte USA, Großbritannien, Frankreich und Sowjetunion genossen in Deutschland, insbesondere in Berlin, Vorbehaltsrechte – und hatten sehr unterschiedliche Interessen.
Kastrup: Auf amerikanischer Seite war die Sache bald klar. Die britische Premierministerin Margaret Thatcher war jedoch strikt gegen eine deutsche Vereinigung. Ihr Deutschlandbild war gespeist durch Erfahrungen aus der Nazizeit. Sie befürchtete, dass ein Hegemon heranwüchse, der auch wirtschaftlich alle überragen würde. Die Bedenken des französischen Staatspräsidenten François Mitterrand waren nicht so ausgeprägt, aber er war höchst verunsichert; er fürchtete um die Statik Europas und natürlich die Rolle Frankreichs. Er zweifelte, ob ein vereintes Deutschland mit demselben Nachdruck für die Integration Europas eintreten würde, wie er das von der Bundesrepublik kannte.
SPIEGEL: Bonn hatte den Anspruch auf die Einheit nie aufgegeben und in Nato-Kommuniqués die Formel durchgesetzt, der Westen strebe einen Zustand an, "in dem das deutsche Volk in freier Selbstbestimmung seine Einheit wiedererlangt". Wie reagierten die Partner, als es ernst wurde?
Kastrup: Zum Schwur kam es beim Treffen des Europäischen Rates am 8. und 9. Dezember 1989 in Straßburg. Wir baten unsere Verbündeten um Unterstützung für das vielfach beschworene Ziel. Ich sollte ein entsprechendes Kommuniqué verhandeln. Aber uns schlugen Vorbehalte, Bedenken, kritische Fragen entgegen.
SPIEGEL: Wie wurde die Ablehnung begründet?
Kastrup: Es sei zwar richtig, dass man diese Formel bei früheren Gelegenheiten verwendet habe, aber jetzt sei die Situation anders.
SPIEGEL: Die Situation war nicht anders, sie war nun da.
Kastrup: Eben. Wir hatten in der Vorstellung gelebt, wir seien ein geachteter, wenn auch nicht von allen geliebter Staat, der seinen Platz in der Völkergemeinschaft gefunden hat. Und nun, da wir uns jenem nationalen Ziel näherten, das wir im Grundgesetz 1949 festgeschrieben hatten, mussten wir erkennen, dass andere dieses nicht so sahen wie wir.
SPIEGEL: Waren Sie überrascht, enttäuscht?
Kastrup: Es füllte einen schon mit Zorn, man wird nachdenklich, fragt sich: Was haben wir getan, um jetzt auf solche Vorbehalte zu stoßen? Ich saß in Straßburg also mit meinen Kollegen, den politischen Direktoren der anderen Staaten, zusammen. Von meinem Minister, Hans-Dietrich Genscher, bekam ich in regelmäßigen Abständen Spickzettel reingereicht: "hart bleiben". Es bedurfte dann noch langer Diskussionen auf Ebene der Staats- und Regierungschefs, um ein Kommuniqué nach unseren Vorstellungen zu erreichen.
SPIEGEL: Verstehen Sie das Zögern der Bündnispartner in der Rückschau eines Vierteljahrhunderts?
Kastrup: Der Mauerfall war für unsere Nachbarn und Freunde genauso überraschend wie für uns. Sie benötigten Zeit, um sich an die neue Situation zu gewöhnen. Und wir mussten Überzeugungsarbeit leisten, um sie zu der Meinung zu bringen: Jawohl, die Deutschen werden sich dieser Verantwortung würdig zeigen, und sie werden auch nicht überheblich werden.
SPIEGEL: Wie verhielt sich die Sowjetunion?
Kastrup: Zwei Tage nach Straßburg lud der sowjetische Botschafter zu einem Treffen der vier alliierten Botschafter in das Kontrollratsgebäude in Westberlin. Es ging vordergründig um praktische Berlin-Probleme, in Wirklichkeit steckte dahinter das Bestreben, uns die Instrumente zu zeigen. Mein sowjetischer Konterpart Julij Kwizinski hat mir mit dem ganzen Sarkasmus, zu dem er fähig war, gesagt: Ihr könnt euch den Gang der Dinge von der Zuschauertribüne anschauen. Und London und Paris fanden es gut, dass uns vor Augen geführt wurde, dass es noch Vorbehaltsrechte in Deutschland gab, auf die man sich berufen konnte.
SPIEGEL: Wie haben Sie reagiert?
Kastrup: Dieses Treffen hat uns außerordentlich erbost. Es bestärkte uns, darauf zu bestehen, dass die beiden deutschen Staaten als gleichberechtigte Partner mit am Verhandlungstisch sitzen. Verhandlungen über die Köpfe der Deutschen hinweg waren für uns inakzeptabel. Genscher fand glücklicherweise in US-Außenminister James Baker einen Verbündeten. Baker hat für das spätere Zwei-plus-vier-Format in London geworben, in Paris, aber auch in Moskau.
SPIEGEL: Drei der vier Alliierten wollten die Einheit nicht oder zumindest nicht sofort. Meinungsumfragen zufolge hätten auch viele Westdeutsche vorgezogen, dass die Ostdeutschen in der DDR blieben. Wieso waren Sie trotzdem erfolgreich?
Kastrup: Spätestens seit dem Fall der Mauer hatten wir es mit einer Entwicklung zu tun, deren Dynamik kaum noch kontrollierbar war – und durch Regierungshandeln nur begrenzt steuerbar. Die Leute gingen auf die Straße. Und aus ihrem "Wir sind das Volk" wurde schnell "Wir sind ein Volk". Der Druck von unten hat letztlich den Ausschlag gegeben.
SPIEGEL: Gab es Alternativen zum Zwei-plus-vier-Format?
Kastrup: Man hätte an den Kreis der KSZE-Staaten denken können. Dann wären wir damals 35 gewesen. Regeln Sie mal ein solches Problem mit 35! Im Übrigen: Was wäre der Anspruch einiger Staaten gewesen, mit am Verhandlungstisch zu sitzen?
SPIEGEL: Kriegsgegner der Deutschen gewesen zu sein?
Kastrup: Das wären dann 53 gewesen, also auch völlig unpraktikabel. Zumal das auf einen Friedensvertrag hinausgelaufen wäre – inklusive Reparationen. Das wollten wir nicht.
SPIEGEL: Haben sich Länder beschwert, weil sie bei Zwei-plus-vier nicht dabei waren?
Kastrup: Die Holländer und die Italiener meldeten sich. Genscher hat sie in unmissverständlicher Form – you are not part of the game! – zurückgewiesen. Es gab aber ein Land, wo wir berechtigte Ansprüche sahen: Polen. Und so haben wir Warschau zu jenen Gesprächen geladen, in denen die Grenzfrage behandelt wurde.
SPIEGEL: Wie haben Sie sich auf die erste Runde der Zwei-plus-vier-Verhandlungen am 14. März in Bonn vorbereitet?
Kastrup: Wir waren nicht in der glücklichen Lage, in die Schreibtischschublade zu greifen und eine Blaupause hervorzuholen. Wir haben überlegt, welche Fragen zu regeln sind – und kamen auf vier Hauptpunkte: 1. Die Viermächterechte und -verantwortlichkeiten sollten abgelöst werden. 2. Die besonderen Berlin-Probleme. 3. Die Grenzfrage. 4. Der militärische Status für das Gebiet der DDR. Darüber hinaus hatten die Sowjets eine lange Liste von Wünschen, etwa die Entschädigung von Zwangsarbeitern, die Frage, was geschieht mit den sowjetischen Kriegsdenkmälern auf deutschem Boden, oder das Nichtrückgängigmachen der Enteignungen zwischen 1945 und 1949. Das konnten wir alles aus dem Vertrag heraushalten.
SPIEGEL: Es gab insgesamt 13 Verhandlungsrunden, neun auf Beamtenebene und vier auf Ministerebene. Erlebten Sie Überraschungen?
Kastrup: Es gab retardierende Momente, insbesondere das zweite Ministertreffen im Juni in Berlin, als die Sowjets einen Vertragsentwurf vorlegten, der die Handschrift der Hardliner in Moskau trug.
SPIEGEL: Was stand drin?
Kastrup: Insbesondere wollten die Sowjets die Viermächterechte für unabsehbare Zeit behalten und dadurch die Dinge in Deutschland kontrollieren.
SPIEGEL: Kohl und Genscher sollen damals gestritten haben wie die Kesselflicker.
Kastrup: Es gab Meinungsunterschiede zwischen Bundeskanzler und Außenminister.
SPIEGEL: Worum ging es?
Kastrup: Um die deutsch-polnische Grenze. Das ist auf unserer Seite nicht gut gelaufen, weil Kohl und Genscher nicht übereinstimmten. Die Polen wollten einen Grenzvertrag verhandeln und den Zwei-plus-vier-Ministern vorlegen. Juristisch hätte dem nichts im Wege gestanden, der Vertrag hätte später vom Parlament des vereinten Deutschland angenommen werden können. Der Bundeskanzler stoppte die Verhandlungen jedoch mit dem Argument, erst ein vereintes Deutschland dürfe einen Grenzvertrag abschließen. Das hat das Misstrauen auf polnischer Seite nicht gerade gemindert.
SPIEGEL: Wie wurde Polen eingefangen?
Kastrup: Genscher ist das in sehr geduldigen Gesprächen mit dem polnischen Außenminister Skubiszewski gelungen. Polen hat dann einer Regelung zugestimmt, in der Warschaus Belangen in fünffacher Weise Rechnung getragen wurde. Das war sachlich nicht notwendig, aber psychologisch wichtig.
SPIEGEL: Wie schaffte es Genscher, in so einer Situation die Wogen zu glätten? Von Kohl weiß man, dass er gern von seiner Heimat erzählt, seinen Eltern ...
Kastrup: ... nein, auf die sentimentale Tour lief das bei Genscher nicht. Er ging als Advokat an die Sache ran. Er hat versucht, sich in die Situation des anderen hineinzudenken, wo sind seine Interessen? Welchen innenpolitischen Beschränkungen ist mein Gegenüber unterworfen? Er hat sich auch gern kundig gemacht über die Lebensumstände des anderen, woher er kam etc.
SPIEGEL: Kann Genscher etwas, was andere Verhandler nicht können?
Kastrup: Von anderen Qualitäten abgesehen: Genscher ist ein begabter Witzeerzähler. Er konnte sich kugeln vor Lachen. In den unmöglichsten Situationen fiel ihm das Richtige ein.
SPIEGEL: Die Amerikaner haben über die DDR-Delegation geklagt, sie sei nicht sehr hilfreich. Teilen Sie die Einschätzung?
Kastrup: DDR-Außenminister Markus Meckel war in einer schwierigen Situation. Er hatte selbst keine außenpolitische Erfahrung, woher auch? Und musste mit einem Ministerium arbeiten, das auf die SED eingeschworen war. Unser Angebot, ihm Personal zur Verfügung zu stellen, nahm er nicht an, sondern er holte sich Freunde aus der westdeutschen Friedensbewegung, die keine Kenntnisse von internationaler Diplomatie mitbrachten.
SPIEGEL: Während Michail Gorbatschows Unterhändler den Widerstand probten, stimmte er persönlich den bundesdeutschen Wünschen zu, sogar das Territorium der ehemaligen DDR durfte Nato-Land werden. Haben Sie Gorbatschow verstanden im Jahr 1990?
Kastrup: Er wollte sein Land reformieren. Er hatte erkannt, dass die Stagnation der Sowjetunion überwunden werden musste, wenn es im internationalen Wettbewerb bestehen und den Anschluss an die wissenschaftlich-technische Revolution nicht verlieren wollte. Und er wollte sich von der Last befreien, die Bruderstaaten zu unterstützen – was dazu führte, dass es jedem Land des Warschauer Pakts erlaubt war, seinen eigenen Weg zu gehen. Aber dann sind ihm die Dinge entglitten. Es war wie in Goethes Zauberlehrling: Gorbatschow wurde die Geister, die er gerufen hatte, nicht mehr los.
SPIEGEL: Welche Strategie verfolgten die Sowjets?
Kastrup: Ihre Position war nicht immer durch Klarheit gekennzeichnet. Im Außenministerium saßen Betonköpfe, hochintelligente Leute, der deutschen Sprache perfekt mächtig, die in der deutschen Teilung die endgültige Antwort der Geschichte auf den Zweiten Weltkrieg sahen. Und zugleich sind Vorschläge auf den Tisch gekommen, die man schlicht bizarr nennen kann. So sollten beide deutschen Staaten vorübergehend beiden Bündnissen angehören. Dann konnte sich Gorbatschow vorstellen, dass auch die Sowjetunion der Nato beiträte. Was den Ausschlag gegeben hat, dass er in der Nato-Frage nachgegeben hat, kann ich Ihnen nicht sagen. Ich rechne uns schon zu, dass wir nicht unerheblich dazu beigetragen haben, diese psychologische Hürde, die sie sich selbst aufgebaut hatten, dann auch zu überwinden.
SPIEGEL: Welche Hürde?
Kastrup: Die Sowjets hatten über Jahrzehnte ihrer Bevölkerung die Nato als die Verkörperung alles Bösen vor Augen geführt. Wir mussten also versuchen, die Nato zu entdämonisieren. Und dem dienten die fast im Wochentakt stattfindenden Gespräche zwischen Genscher und Außenminister Eduard Schewardnadse.
SPIEGEL: Wie entdämonisiert man ein mit Atomwaffen gespicktes Militärbündnis?
Kastrup: Bei einem Nato-Außenministertreffen im schottischen Turnberry haben wir erklärt, die Sowjetunion nicht länger als Gegner oder gar als Feinde zu betrachten: Wir sind bereit, mit euch zusammenzuarbeiten, wir strecken die Hand der Freundschaft aus. Die Nato hat dann ihre Militärdoktrin revidiert, und es wurde umfassend abgerüstet.
SPIEGEL: Kohl und seine Entourage verbreiten die Lesart, die entscheidenden Weichenstellungen seien im Juli 1990 im Kaukasus erfolgt. Die Bilder mit Gorbatschow im Pullover und Kohl mit Strickjacke haben ikonografischen Status ...
Kastrup: ... im Kaukasus sind wichtige Entscheidungen getroffen worden. Aber die konzeptionelle Arbeit, die dorthin führte, ist im Auswärtigen Amt geleistet worden, mit aller Bescheidenheit. Und das vertrauensvolle Verhältnis zwischen Genscher und Schewardnadse, das sich entwickelte, trug wesentlich zur Lösung bei. Also, ich lasse mich ungern darauf ein, Kanzleramt und Auswärtiges Amt zu entzweien. Hier hat die Bundesregierung als Einheit gehandelt. Trotz der Meinungsunterschiede.
SPIEGEL: 55 Milliarden Deutsche Mark hat die Bundesrepublik für die Einheit Richtung Sowjetunion transferiert. Haben Sie gut verhandelt?
Kastrup: Ich denke, ja. Wie die Amerikaner sagen: Es gab ein window of opportunity – eine einmalige Gelegenheit. Drei Dinge kamen zusammen: die Reformpolitik Gorbatschows, die Reformen in Ungarn und Polen und schließlich die Freiheitsbewegung in der DDR. Wir hatten also eine große Portion Glück.
SPIEGEL: Hätte Gorbatschow mehr als 55 Milliarden D-Mark herausholen können?
Kastrup: (lacht) In der Geschichte die Frage zu stellen, was wäre gewesen, wenn, sollte man sich abgewöhnen.
SPIEGEL: Am Ende wurde es noch mal eng. Der Zwei-plus-vier-Vertrag sollte am 12. September im Moskauer Hotel Oktober unterschrieben werden, doch Minuten vor Beginn der Zeremonie waren die Dokumente nicht gebunden. Was war passiert?
Kastrup: Wir saßen mit den politischen Direktoren am Vorabend zusammen, eine Frage war noch ungelöst. Die Briten bestanden darauf, auf DDR-Territorium auch nach der Einheit Manöver abhalten zu dürfen. Fragen Sie mich bitte nicht, warum. Ich weiß auch nicht, ob Thatcher, wie einige berichten, direkt bei meinem britischen Kollegen interveniert hat, um in letzter Minute Knüppel in die Speichen zu werfen. Wir gingen gegen halb elf auseinander, ohne diese Frage gelöst zu haben.
SPIEGEL: Wer war gegen die britische Position?
Kastrup: Die Russen. Und insbesondere ich.
SPIEGEL: Warum?
Kastrup: Mein Verständnis damals wie heute war, dass Deutschland entscheidet, ob ein Manöver auf unserem Boden stattfindet oder nicht. Wir gingen also in unser Hotel zurück, und kurz darauf rief mich mein russischer Kollege an und sagte, Schewardnadse habe entschieden, die morgige Unterzeichnung könne nicht stattfinden – wegen dieser offenen Frage. Als ich das Genscher vortrug, entschied er: Ich muss Baker sprechen, sofort. Von dem erhoffte er sich, die Briten auf Linie zu bringen. Ein Anruf im amerikanischen Delegationsbüro ergab, dass sich der Außenminister schon schlafen gelegt habe und nicht gestört werden könne. Und ob ich ihn spreche, war die Antwort von Genscher. Daraufhin sind wir durch das nächtliche Moskau in das Delegationsbüro der Amerikaner gefahren.
SPIEGEL: Sie haben Baker geweckt?
Kastrup: Das Gespräch fand in Bakers Hotelzimmer statt. Er im Bademantel und Pyjama. Genscher hat die Lage geschildert, und dann haben wir eine Formel entwickelt, von der wir am nächsten Morgen die Briten und die Franzosen und anschließend Schewardnadse überzeugt haben. Es sollte dem Vertrag eine Protokollnotiz beigefügt werden.
SPIEGEL: Ja, und?
Kastrup: Die Notiz musste in die vier Vertragssprachen übersetzt werden, und dann fiel der Drucker in unserem Delegationsbüro aus. Nun war das vor 25 Jahren verglichen mit heute alles noch Steinzeit. Es musste also ein Kollege mit der Diskette in die Botschaft fahren, um da den deutschen Vertragstext ausdrucken zu lassen. Auf dem Rückweg blieb er im Moskauer Mittagsverkehr stecken. Gorbatschow erschien zur feierlichen Unterzeichnung, die anderen begaben sich schon auf ihre Plätze – und unser Vertragstext war nicht da. Der kam erst in letzter Minute, mit einem hechelnden Kollegen.
SPIEGEL: Herr Kastrup, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
"Gorbatschow erschien zur feierlichen Unterzeichnung – und unser Vertragstext war nicht da."
Lesen Sie mehr zum Thema:
Alfred Weinzierl, Klaus Wiegrefe (Hg.): "Acht Tage, die die Welt veränderten". DVA, München; 368 Seiten; 19,99 Euro.
* Klaus Wiegrefe und Alfred Weinzierl in Berlin.
Von Klaus Wiegrefe und Alfred Weinzierl

DER SPIEGEL 40/2015
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