26.09.2015

Der bessere Kreis

Die New Yorker Schriftstellerin Carol Felt hat den lang ersehnten Roman über die digitale Welt geschrieben. Von Sascha Lobo
LOBO, 40, ist Blogger und Schriftsteller und veröffentlicht wöchentlich eine Kolumne auf SPIEGEL ONLINE.

Man kann jetzt schon eine Wette abschließen: In ausnahmslos jeder Rezension von Cybris. Das letzte Versprechen wird in diesem Herbst ein Verweis auf The Circle zu finden sein. Der Grund dafür ist auf traurige Weise simpel. Es gibt bisher keinen Roman, eigentlich gar kein Buch, das unseren noch immer andauernden Sturz in die digitale Realität treffend vermittelt. Dass es überhaupt ein solches geben muss, hat wenig mit dem Internet zu tun, aber umso mehr mit Büchern selbst.
Die Literaturwelt ist da merkwürdig. Ungefähr wie jemand mit einem Hammer in allen Problemen einen Nagel sieht, möchten Buchleute unbedingt ein Buch, das ihnen die Welt erklärt. Zehntausend kluge, erkenntnissatte, sogar unterhaltsame Artikel reichen nicht, es muss ein Buch sein. Und zwar möglichst ein erzählender Roman und kein schnöde analysierendes Sachbuch. Sterne beobachtet man ja auch am besten, indem man knapp danebenschaut.
Es ist völlig klar, dass wir von der digitalen Sphäre bisher kaum etwas verstehen. Bloß ein instrumenteller Spiegel der Gesellschaft? Eine erzverschiedene Welt für sich? Oder eine echte Extension of Man, nur anders? Die meisten können ein paar Schlagworte zu sinnvoll scheinenden Sätzen verbinden, um sich das Nicken der restlichen Ahnungsloseria abzuholen. Aber ein tieferes Verständnis dafür, was zur Hölle eigentlich passiert, fehlt. Und zwar wahrscheinlich allen, jedenfalls allen, die sich öffentlich äußern (mir wohl auch).
Dadurch ist ein schmerzendes Vakuum entstanden, eine Digitalunsicherheit, die jeder spürt und manche bloß besser überspielen können, auch vor sich selbst. Die Sogkraft dieses Vakuums konnte man – und hier schließt sich der, haha, Kreis – beim Roman The Circle von Dave Eggers beobachten. Die Buchwelt wollte einfach un-be-dingt, dass irgendjemand endlich den großen Digitalroman schreibt. Und Eggers stand gerade günstig in der Gegend rum. So wie Ende der Neunzigerjahre der Wunsch nach dem großen Wende-Roman so übermächtig wurde, dass jedes nächstbeste Buch mit ein bisschen DDR, Weltschmerz und Spurenelementen von Helmut Kohl dazu erklärt wurde.
Als ich The Circle las, erkannte ich darin zwar den interessanten Ansatz, um gegenwärtige und kommende Technologien herum eine Geschichte zu erzählen. Leider aber bestand der Roman nur aus ein paar zitierfähigen Anknüpfungspunkten für die skeptische Digitaldebatte, mit etwas Dämonisierungsaroma im Abgang. Beinahe hätte ich mich zu der Dummheit hinreißen lassen, die ich erst jetzt als Dummheit erkannt habe, nämlich öffentlich zu behaupten, dass man den großen Digitalroman gar nicht schreiben könne. Jedenfalls nicht als Roman. Um ein Haar hätte ich behauptet, dass irgendwann sicherlich ein Computerspiel herauskäme, "GTA 12 Detroit" oder so, das irgendwie alles begreifbar machen könne – aber doch kein Roman. Zum Glück habe ich das damals nicht öffentlich behauptet, vielleicht auch, weil man ja immer miteinkalkulieren muss, dass das gegenwärtige Ich, das man stets für das klügste und erfahrenste halten möchte, eigentlich noch ein Idiot ist. Jedenfalls ein Partikularidiot. Jetzt nämlich ist der große Digitalroman da, einfach so, als Roman, nur ganz anders als man denkt. Natürlich ganz anders.
Auftritt Carol Felt. Eine Frau, die schon als Person unwahrscheinlich erscheint. Weil ihre Vita derart taumelt zwischen Klischee und Absurdität, dass sie in jeden Ingeborg-Bachmann-Bewerb hineinpassen würde. Autodidaktische Programmierin, Studium Meeresbiologie nach einer kurzen Eskapade als Theaterjournalistin für ein durchaus renommiertes Magazin, LSBTTIQ-Aktivistin, Kurzzeitehe mit einer Person, die sich nur weigert, ein Geschlecht anzugeben, dazu Trägerin irgendeines nur mit Mühe googlebaren Stipendiums für Digitalliteratur. Sie twittert unter @ carol _ felt  1 wie eine Gestörte, die so tut, als würde sie die Gestörte nur spielen. Wer soll das alles glauben?
Ausgerechnet diese Frau hat fast 600 Seiten rausgeprügelt, die zum Gleißendsten gehören, was über das Netz je geschrieben worden ist. Auf jeder Seite spürt man den Kraftakt, die Geburtsschmerzen dieses buchgewordenen Kindes von Carol Felt.
Die Handlung lässt sich kaum verkürzt wiedergeben, einen Versuch unternehme ich trotzdem: Die icherzählende Person (keine Anhaltspunkte für eine Geschlechtsbestimmung) namens Chris stößt auf eine Art künstliches Onlineuniversum, das der realen Welt bis aufs Haar gleicht, ein digitales Realitätsmimikry. Die verstörende Parallele geht so weit, dass innerhalb dieser gepixelten Internetwelt in gepixelten Büros Computer stehen, mit denen der Avatar seinerseits in eine Internetwelt hineingelangt, wo sich wiederum Computer finden, wo dann der Avatar-Avatar – und so fort. Ein bisschen, als hätte M.C. Escher "Und täglich grüßt das Murmeltier" in einem Spiegelkabinett neu verfilmt.
Chris beginnt, eine ihr selbst nachempfundene Figur aufzubauen und den Kontakt zu anderen Teilnehmern und wohl auch den Leuten dahinter zu vertiefen. Nach und nach entsteht eine Wechselwirkung zwischen Chris und ihrem Avatar. Unbekannte scheinen in Chris' Abwesenheit an ihrer Figur herumzufuhrwerken. Elemente des Verfolgungswahns mischen sich mit künstlicher Intelligenz, und schließlich findet in verborgenen Zirkeln des Onlineuniversums trotz der Totalüberwachung die Planung für einen digitalen Terroranschlag statt. Natürlich bleibt zunächst unklar, ob er sich auf die virtuelle virtuelle oder die dingliche virtuelle Welt bezieht. Und das ist nur die Rahmenhandlung. Denn eigentlich geht es um vorgetäuschte Liebe und echten Verrat, um Schmerz und wie man ihn aushält, vor allem aber um das innerste Wesen des Internet, das wir nicht betrachten, sondern sind.
Felt macht nicht den Fehler von The Circle, im Roman genau die digitalplakative Welt zu erschaffen, von deren Existenz man als Skeptiker ohnehin immer ausging, weil man schlicht die gegenwärtigen Katastrophen und Technologien linear extrapoliert hat. Im Gegenteil, in Cybris ist das einzig Platte der Titel, eine schlichte Mischung aus "Cyber" und "Hybris". Alles andere jedoch ist ein digitales Fest der Uneindeutigkeit im Reich der Nullen und Einsen, das eigentlich geschaffen wurde aus den beiden eindeutigsten Polaritäten, die man so findet. An dieser Stelle ist der Übersetzer Alexander Vollman zu erwähnen, dessen radikaler, aber behutsamer Stil nirgendwo besser passen könnte als hier. Für den Begriff "chutzpah" etwa einfach "Chutzpah" zu schreiben und damit auf die feine Nuancierung zwischen dem glatten deutschen "Chuzpe" und dem jiddischen Original hinzuweisen, das ist nichts weniger als kongenial.
Natürlich ist Rainer Werner Fassbinders Film "Welt am Draht" ebenso in Cybris hineingemischt wie Don Quixote, Morus' Utopia und die üblichen Geschichten von Borges. Natürlich finden sich Anleihen an Felix Krull, an Don DeLillo, den Felt mit "leider eine Art Vorbild" beschreibt. Das alles ist so leicht zu decodieren, dass man sich fast schämen möchte, es als "Erkenntnis" aufzuschreiben. Und natürlich muss man sofort auch an "Matrix", den nervigsten Stoff der jüngeren Filmgeschichte, denken, dessen Grauenvölligkeit nur untertroffen wird von der Leistung, zwei noch schlechtere Fortsetzungen erschaffen zu haben.
So ausgiebig und teilweise wortgleich sich Carol Felt bei den Vorbildern und Zitate-quellen bedient, so grausam vernichtet sie diese wieder im Laufe des Buches. Dieser exzessive Meuchelmord an eben noch qua Kopie und Remix geadelten Vorbildern ist genau die literarische Qualität des Romans.
Und wie Michael Maar bei Herrndorfs Sand seinerzeit im "Merkur" nachwies, dass anders als von weiten Teilen der Kritik behauptet, kein einziger "Faden" der Handlung unverknüpft bleibt, genauso könnte man das mit Cybr is tun: Felt tötet ausnahmslos jedes einzelne Zitat. Das geht so weit, dass sogar die kleine, kluge Andeutung, alle möglichen Figuren genau die Sektmarke von Felix Krulls Eltern (Loreley Extra Cuvée) trinken zu lassen, plastisch endet, indem eine Kiste davon auf den Terrazzoboden fallen gelassen wird. Eine Kiste mit sechs Flaschen, nachdem bis dahin dieser Sekt im Buch exakt sechsmal getrunken wurde.
Was übrig bleibt von diesem netztypischen Wechsel aus Konstruktion und Dekonstruktion ist eine simple, aber oft verspielte Sprache, eine wirre, aber präzise inszenierte Story und ein knapp formuliertes Parataxengewitter, das jedem Leser ein besseres Gespür für die digitale Welt vermitteln dürfte, als ein Jahr in einem Google-Server zu wohnen.
Felt hat ein Buch geschrieben über die wahre Bedeutung der Virtualität, die tatsächliche Beziehung zwischen der Welt und ihrem digitalen Abbild, über sich selbst und damit über alle. Ihre tiefe Verzweiflung, ihre pulsierende Euphorie, ihre Furcht davor, auf einen gigantischen, digitalen Riesen-Fake hereinzufallen, das alles hat sie in einen Roman hineingebraten, den man schreiben müsste, wenn es ihn nicht gäbe. Aber selbst wenn man es versuchte, man würde wohl scheitern.

Carol Felt: Cybris. Das letzte Versprechen. Aus dem amerikanischen Englisch von Alexander Vollman. Verlag der Illusionen Wien, 588 Seiten, 29,90 Euro. Erscheint am 16. Oktober.
Von Sascha Lobo

DER SPIEGEL 40/2015
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