02.10.2015

ErziehungDu bist Mozart!

Ein penetranter Typus Eltern breitet sich aus. Mütter und Väter, die ihre Kinder für kleine Genies halten und deren Schwächen mithilfe von Anwälten, Ärzten und Psychologen bekämpfen. Report aus einem Milieu, in dem Kindheit zur Krankheit wird.
Der Ort, an dem sich die Ängste der Eltern bündeln, an dem all die Wut, die Liebe und der Wahn eine Aktennummer bekommen, liegt hoch über Hamburg, im 16. Stock eines Verwaltungsgebäudes. Hier ist das Büro von Andreas Gleim, 60 Jahre alt, Chefjustiziar der Hamburger Schulbehörde. Als Jurist vertritt er Schulen, die Gegner sind häufig Eltern. Er sagt: "In den letzten zehn Jahren haben sich die Fallzahlen verdoppelt."
1051-mal hat Gleims Abteilung im vergangenen Jahr eine Akte angelegt, so oft wie noch nie. Weil Eltern vor Gericht zogen, wegen Zweien, Dreien und Vieren in den Zeugnissen ihrer Kinder. Weil sie glaubten, die Schule sei nicht gut genug, um ihre Kinder zu erfolgreichen Kindern zu machen. Weil sie überzeugt waren, ihr Kind sei hochbegabt, der Lehrer habe das nur nicht erkannt.
Wenn Gleim ins Reden kommt, fallen ihm Geschichten ein, bei denen man denkt: Die Eltern sind irre.
Einmal klagte eine Familie vor Gericht gegen das Zeugnis der Tochter, einer Viertklässlerin. "Ein wunderbares Zeugnis, nur Einsen und Zweien", sagt Gleim. Aber in den Bemerkungen stand: "Du könntest dich noch mehr anstrengen im Sport." Die Eltern sind vor Gericht gezogen – nur wegen dieser Äußerung. Die Richterin hatte das persönliche Erscheinen des Mädchens angeordnet. Das saß dann mit seinen zwei Zöpfen zwischen Vater, Mutter und Anwalt. Und der Vater sagte zur Richterin: "Mit einer solchen Bemerkung im Zeugnis würde ich dieses Kind nicht in meinem Betrieb einstellen."
Gleim erzählt von einer Mutter, die klagt, weil die Schule ein Musikinstrument ersetzt haben möchte, das ihr Sohn zerstört hat.
Er spricht von einem Vater, der klagt, weil er die 60 Cent nicht bezahlen will, die die Fahrt des Sohnes von der Schule zum Schwimmunterricht kostet.
Gerade heute, sagt Gleim, sei ihm wieder so ein Fall auf den Tisch gekommen: Ein Vater zieht vor das Verwaltungsgericht, weil er, ein erwachsener Mann, unbedingt beim Klassenausflug seines Kindes dabei sein wolle. Wieder eine neue Akte.
Die Väter und Mütter, von denen Gleim erzählt, vermehren sich mit der Geschwindigkeit einer ansteckenden Krankheit. Keine Berufsgruppe, die mit Kindern zu tun hat, ist sicher vor ihnen; Erzieher kennen sie, Ärzte kennen sie, Psychologen, Busfahrer, Fußballtrainer.
Sie sind beharrlich, sie geben nicht nach. Viele Schulen haben angefangen, sich zu schützen. Sie richten sogenannte Kiss & Go-Zonen ein, weil Eltern ihre Kinder sonst bis in die Klassenzimmer verfolgen und die Lehrer daran hindern, den Unterricht rechtzeitig zu beginnen. Sie schreiben Briefe, um die Eltern davon abzubringen, während der Schulstunde am Fenster zu stehen und zu winken.
Es gibt Eltern, die Ärzte drängen, ihren Kindern Therapien zu verordnen, um sie von schlechten Schulnoten zu heilen. Es gibt Eltern, die Lateinstunden nehmen, um mit ihrem Kind die Hausaufgaben machen zu können. Es gibt Eltern, die sich beschweren, wenn das behinderte Kind aus der Klasse mehr Zeit für einen Test bekommt als das eigene, gesunde – weil das dadurch ja benachteiligt werden könnte.
Diese Eltern verschieben die Grenzen dessen, was jahrzehntelang als richtiges Maß in der Erziehung galt. Sie optimieren, wo früher gefördert wurde, sie kontrollieren, wo sie früher vertrauten, sie erobern den Raum, der früher der Kindheit vorbehalten war. Sie stellen unerfüllbare Ansprüche: sich selbst gegenüber, dem Staat gegenüber, vor allem gegenüber ihren Kindern.
Es ist kurz vor acht Uhr in Hamburg-Othmarschen, ein warmer Donnerstagmorgen, Schüler auf dem Fahrrad rollen auf das Gelände des Christianeums, Pubertierende steigen aus SUV, sie haben Rucksack, Smartphone und Hockeyschläger dabei. 1050 Schüler gehen hier zur Schule, in einen flachen Arne-Jacobsen-Bau aus den Siebzigerjahren, ein altsprachliches Traditionsgymnasium an der Elbe. In diesen Gegenden, wo mehr Geld und Erfolg sitzen als anderswo, soll es am schlimmsten sein mit den Eltern, das erzählen die, die es mit ihnen zu tun bekommen. In den großen Stadthäusern des Viertels, mit den Magnolien im Vorgarten und den Trampolinen, sollen sie leben.
Es klingelt zur ersten Stunde. In Raum 43 stehen hinter zwölf Pulten die Schüler der Klasse 8b und begrüßen ihre Lehrer, Mädchen und Jungs, 13, 14 Jahre alt, grünes Klassenbuch, Federtaschen auf den Tischen, Tintenkiller, Kapuzenpullover. Normalerweise hätten sie jetzt Englisch und dann Mathe, aber an diesem Tag soll es anders sein: Sie werden in den nächsten zwei Schulstunden über Eltern reden. Über ihre eigenen und über solche, die dem Typus entsprechen, den Justiziar Gleim beschreibt. Sie haben sich zuvor Gedanken gemacht zu Fragen, mit denen sich sonst Psychologen, Soziologen, Erziehungswissenschaftler beschäftigen:
Was passiert mit einem Kind, wenn Eltern es so extrem behüten?
"Das ist übertrieben, weil das Kind sich dann gar nicht mehr richtig bewegen kann", sagt Jonas.
"Wenn man mit 16 noch zur Schule gefahren wird, kommt man später nur schwer zurecht", sagt Fritjof.
"Das Kind hat weniger Selbstvertrauen", das sagt Mali.
Kennt ihr solche Eltern auch?
"Bei meiner kleinen Schwester an der Grundschule ist das wirklich so, dass alle Eltern immer bis nach oben in die Klasse mitkommen wollen. Da hängt jetzt auch ein Schild: Ab hier sagt bitte euren Eltern Tschüs! Und für einige ist das wirklich schwierig, weiter allein die Treppe hochzugehen", erzählt Hanna.
"Das kann ja auch peinlich für ein Kind sein, wenn immer gleich die Eltern in der Schule anrufen", sagt Mali.
"Wenn die Eltern immer gleich Schlange stehen, um für die Kinder die Probleme zu regeln, kann das Kind sie gar nicht selbst lösen. Ich finde das sehr wichtig, dass ich als Schüler meine Probleme erst mal selbst löse", sagt Petzi.
Das Kind, um das es an einem Vormittag in der Hamburger Anwaltskanzlei von Nannette Meyer-Sand geht, steht noch am Anfang seines Weges. Ein Kindergartenmädchen. Die Eltern sind gekommen, um die richtige Grundschule einzuklagen. Den ersten Schritt in Richtung Abitur. Ein nettes, besorgtes, viel beschäftigtes Ehepaar.
Vor ein paar Tagen haben sie Post bekommen. Den Schulbescheid. Er versetzte ihnen einen Schock. Denn ihr Mädchen soll auf eine andere Grundschule als die, die sie ausgesucht hatten. "Wir haben das Kind so behütet, und dann kommt das Schreiben, und man schmeißt alles in Scherben", sagt der Vater.
Für Meyer-Sand ist das ein typischer Fall, sie hat sich in gewisser Weise auf die Zukunftssorgen von Eltern spezialisiert. Vor Gericht ist sie die Gegenspielerin von Andreas Gleim aus der Schulbehörde.
Im März/April beginnt für Meyer-Sand die Hochsaison, die Schulplatzvergabe. Dann sitzt sie mit verzweifelten Eltern, einem Stadtplan und einem Lineal in ihrem Besprechungszimmer und vermisst die Entfernungen vom Kinderzimmer zur Schule, um zu prüfen, ob die Strecke unzumutbar ist.
Dann redet sie den Eltern aus, sich illegal umzumelden, um einen Platz zu bekommen, dann sucht sie nach Härtefällen, Gründen, warum ein Kind unbedingt auf eine bestimmte Schule muss, alles im Eilverfahren. Das ist der eine Teil ihrer Arbeit, der harmlose.
Der andere Teil dreht sich um eine Klientel, die in den vergangenen Jahren stark gewachsen ist. Diese Leute treten grundsätzlich aggressiv auf, auch ihr gegenüber. "Das sind nicht die Helikopter-Eltern", sagt sie, "die Eltern, die ich meine, die betreuen gar nicht. Die kommen zum Anwalt und kennen das Zeugnis ihres Kindes nicht." Sie spricht von Vätern, die 80 Stunden die Woche durch die Welt jetten und dann am Wochenende alles regeln wollen. Von Müttern, die mit Echtdaunenjacke und Golfausrüstung im Range Rover vor der Schule vorfahren, und auf dem Rücksitz schreit oft noch ein Baby. "Es sind meist die, die Geld haben, aber nicht die Zeit und die Kraft, sich um die Kinder zu kümmern." Sie versuchen, die Probleme des Kindes wegzuregeln wie einen lästigen Jobtermin.
Diese Eltern geben den Erziehungsauftrag an die Schule ab und nehmen ihre eigene Verantwortung nicht wahr, so sieht es Meyer-Sand, "sie haben eine reine Konsumentenhaltung", sagt sie. Das funktioniere so lange, bis das Kind Probleme bekommt – die Versetzung gefährdet ist, die Abiturnote schlecht. Manchmal reicht es auch, wenn der Schüler Strafen ausgesetzt ist, "Nachsitzen" nannte man das früher mal. "Dann wird der Ton sehr schnell sehr rau", sagt Meyer-Sand.
Gleichzeitig hätten diese Eltern höchste Ansprüche an das, was ihre Kinder erreichen sollen. "Die sehen immer schlechter ein, wenn ihr Kind mal nur Durchschnitt ist." Durchschnitt ist eine Kategorie, die im Lebensschema solcher Mütter und Väter fehlt. Nicht Überbehütung ist der Fehler, den sie begehen, sondern Überforderung. Sie verwechseln Einzigartigkeit mit Genie. Die Einzigartigkeit eines Kindes lässt ein Scheitern zu. Das Genie scheitert nicht, dem Genie gelingt Einzigartiges. Und wenn nicht, dann wird das Kind – aus Sicht seiner Eltern – durch äußere Einflüsse daran gehindert. Man könnte sie Amadeus-Eltern nennen.
Fragen an die Klasse 8b des Hamburger Christianeums:
Was haltet ihr von Eltern, die die Noten ihrer Kinder einklagen?
"Was soll der Anwalt denn da sagen? Wenn das Kind schlecht in der Schule ist, hat das ja nichts mit der Schule zu tun, sondern mit dem Kind. Nur das Kind kann das ändern", sagt Anna.
"Ich kenne ein Mädchen, das mit seinen Eltern vor Gericht war, um sich einen einzigen Punkt mehr auf dem Zeugnis zu erkämpfen", sagt ein anderes Mädchen.
"Wenn man einmal den Anschluss verloren hat, ist es schwierig. Die Themen bauen ja aufeinander auf, so wie in Latein. Dann bringt es ja nichts, an der Schule zu bleiben, wenn man schlecht ist und nichts versteht", sagt Clara.
"Ich finde das falsch, weil die Note ja eher überredet ist und nicht verdient. Das Kind schafft ja dann nur wegen der Eltern den Abschluss", sagt Lisa.
Nicht weit von Meyer-Sands Kanzlei sitzt der Kollege Alexander Münch. Münch und Meyer-Sand machen das Gleiche, sie sind beide Schulrechtsanwälte. Sie sind unmittelbare Nachbarn und direkte Konkurrenten. Aber sie müssen sich nichts neiden, sie haben beide genug zu tun. Bei Alexander Münch sitzt gerade ein Vater, dessen Sohn durchs Abitur gefallen ist. Münch soll nun dagegen vorgehen.
Vincent, so heißt der Junge, konnte nicht mitkommen an diesem späten Donnerstagnachmittag. Er ist mit seiner Mutter zum Tennisspielen auf Gran Canaria. Der Vater schwärmt von den Pädagogen, die er von früher kennt, die legten Wert auf harte Arbeit, Disziplin und Bewegung. Heute müssten sich die Eltern um den Erfolg der Kinder kümmern. In seinem Fall: um die drei Punkte in Chemie, die Vincent am Ende fehlten.
Vincents Vater gehört zu den Machbarkeitseltern. Er hat als Abrechnungsleiter Karriere gemacht, inzwischen ist er in Rente und verdient ausreichend mit ein paar Geschäften nebenher.
Die Klageschrift umfasst elf Seiten. Es geht darum, dass die Prüfung Bewertungs- und Verfahrensfehler enthalte, die besondere Belastung des Schülers durch seine ADHS-Erkrankung sei nicht ausreichend berücksichtigt. Außerdem hält der Vater den Lehrer für beschränkt, auch darum geht es in der Klageschrift.
Es sei an "der Prüfungsfähigkeit des Prüfers ernsthaft zu zweifeln", so heißt es. "Im hier vorliegenden Fall ist festzustellen, dass der Lehrer an Diabetes leidet. In der Prüfung selber transpirierte er sehr stark und erweckte den Eindruck, schlecht konzentriert und sehr unruhig zu sein ..."
Der Vater ist zuversichtlich, dass sie den Fall gewinnen werden. Für ihn ist alles nur eine Frage des Willens. Und des Geldes. Eine Schulplatzklage kostet 600 Euro, ein Abitur anzufechten 1500 Euro, ein erstes Staatsexamen Jura 7500 Euro. Vincents Vater sagt: "Man muss eine Strategie aufbauen. Das sollten alle Eltern verstehen: Es gibt Lösungen, auch wenn das Kind das Abitur bislang nicht bestanden hat."
Manche Eltern finden die Lösung beim Anwalt, andere bringen ihre Kinder zum Arzt. Mit einem Gutachten über ADHS oder Dyskalkulie oder Autismus bekommt ein Kind einen Nachteilsausgleich, mehr Zeit in Klausuren beispielsweise. Und mit einer Therapie, das hoffen viele Eltern, kann man die Probleme des Kindes wegbehandeln.
"Manchmal komme ich mir vor wie ein Rezeptautomat", das sagt der Kinderarzt Michael Hauch, er sitzt an seinem Esstisch in seiner Düsseldorfer Altbauwohnung und erzählt, wie Eltern ihn bedrängen. Wie sie mit einer fertigen Diagnose zu ihm kommen: "Mein Sohn braucht Logopädie", "Mein Kind hat eine Wahrnehmungsstörung", solche Dinge. Oft haben sie bereits den Termin beim Therapeuten gemacht und wollen von ihm nur noch schnell die Verordnung.
Seit 20 Jahren behandelt Hauch Kinder in seiner Praxis im Düsseldorfer Norden, seit 20 Jahren beobachtet er, wie sich die Eltern verändern. Deshalb hat Hauch ein Buch geschrieben, es heißt "Kindheit ist keine Krankheit". Hört man ihm länger zu, bekommt man den Eindruck, dass für viele Eltern das Gegenteil der Fall ist.
"Das Kind soll lieber eine Dyskalkulie haben als eine schlechte Note in Mathe, so sehen es viele Eltern", sagt Hauch. "Wenn das Kind verträumt ist, dann muss es eine Wahrnehmungsstörung haben; wenn es schlecht zuhört, eine auditive Störung." Für jedes Verhalten, das nicht exakt dem schulischen Ideal entspricht, finden sie den Namen einer Krankheit.
Mindestens zweimal in der Woche sind Eltern da und wollen eine Therapie, obwohl das Kind gesund ist. Wenn Hauch sich weigert, wechseln sie den Arzt; manchmal drohen sie auch, ihn im Internet schlecht zu bewerten.
In Hauchs Praxis spiegelt sich das Phänomen von Amadeus-Eltern auf einer anderen Ebene. Hier versuchen sie nicht, die Umgebung dem Kind anzupassen. Hier ist es das Kind selbst, das an die Umgebung angepasst wird, das besser funktionieren soll. "Viele suchen ihr Kind nach Fehlern ab, die sie dann reparieren lassen wollen wie einen defekten Scheibenwischer am Auto", so beschreibt es Hauch.
Früher kam der Nachhilfelehrer ins Haus, heute sitzt das Kind in der Therapie. Laut dem Heilmittelbericht der AOK waren 2014 fast 25 Prozent der versicherten Jungen im Alter von sechs bis neun Jahren und mehr als 15 Prozent der Mädchen in Therapie. Logopädie und Ergotherapie zur Einschulung.
Das würde bedeuten: Mehr als jeder vierte Junge und mehr als jedes sechste Mädchen sind nicht normal entwickelt. Im Vergleich zu 2003 wäre das eine Zunahme von mehr als 40 Prozent. Das kann entweder daran liegen, dass es tatsächlich mehr auffällige Kinder gibt, oder es liegt daran, dass die Eltern auffälliger werden. Und dass es Ärzte gibt, die schneller als früher Therapien verschreiben. Hauch guckt sich stattdessen das Kind an: Wie hält es den Stift, was malt es zuerst, kann es hüpfen, springen, balancieren? Was kann es richtig gut? Das dauert deutlich länger.
Eine Woche nach dem Gespräch steht in seiner Praxis ein dreijähriges Mädchen in Windeln auf der Waage, die Sprechstundenhilfe vermisst seinen Körper. 12 Kilogramm, 88 Zentimeter, 47 Zentimeter Kopfumfang. Die Mutter ist mit ihm zur Vorsorgeuntersuchung gekommen. Das Kind ist kerngesund, bewegt sich gut, spricht gut, sieht entzückend aus. Aber trotzdem hat es schon eine Reihe Therapien hinter sich, war dreimal in der Uni-Klinik, und jedes Mal stellte sich am Ende heraus, dass gar nichts Schlimmes war.
Wie kann das sein?
"Zuerst hatte sie ein KiSS-Syndrom", sagt die Mutter, eine Kopfgelenk-induzierte Symmetriestörung, so nennt man es, wenn das Baby immer auf einer Seite liegt. Die Kleine bekam Krankengymnastik und manuelle Therapie, dabei ist die Existenz so eines Syndroms bislang nur unbewiesene Hypothese. "Dann hatte sie Physiotherapie für ihr Hüftgelenk", sagt die Mutter, "dann war sie im Krankenhaus, weil wir dachten, sie sei taub."
"Viele Eltern sind zu defizitorientiert, schauen viel zu sehr in die Zukunft", sagt Hauch, "die fragen nicht: ,Was tut meinem Kind jetzt gut?', sondern es geht stets darum: Hat es später Abitur, kann es studieren?"
Natürlich hängt es auch damit zusammen, dass die Zahl der ambulanten Physiotherapiepraxen allein zwischen den Jahren 2000 und 2011 um rund 170 Prozent gestiegen ist, von 23 000 auf 63 000. Dass es Anfang des Jahrtausends nur 24 000 Logopäden, Ergo-, Musik- und Kunsttherapeuten gab und dass es elf Jahre später mehr als 58 000 waren.
Wie findet ihr es, dass Eltern zum Arzt gehen, weil ihre Kinder schlecht in der Schule sind?
"Das mit dem Arzt ist übertrieben. Das Kind muss seine Leistung selber hinkriegen. Und wenn nicht, sollten die Eltern eher sagen: Ja, okay, war halt ein Ausrutscher. Beim nächsten Mal wird es besser", sagt Anna.
Warum ist das mit dem Arzt übertrieben?
"Es ist übertrieben, das Kind hat ja nicht immer was Physisches. Vielleicht hat es ja auch nur vergessen zu lernen", sagt Anna.
"Ich finde das schon gut, dass Eltern eine Richtung vorgeben und das Kind ein Gerüst hat. Trotzdem sollten Eltern nicht zu sehr daran festhalten", sagt Catha.
Eltern nutzen heute ihre Möglichkeiten wie nie zuvor. Es geht nicht mehr darum, ihnen den Aufstieg zu ermöglichen, sondern darum, sie vor dem Abstieg zu bewahren. Früher hatten Eltern als Lebensziel: Meinem Kind soll es einmal besser gehen als mir. Heute geht es vielen Eltern so gut, dass ihre Maxime nur noch lauten kann: Meinem Kind soll es nie schlechter gehen als mir.
Väter und Mütter sind permanent von Leistungsdruck umgeben. Frauen haben heute zwei Jobs, den in der Firma und den zu Hause. Männer sollen Karriere machen wie ihre Väter. Sie wollen daneben aber auch perfekte Väter sein, sich abends und morgens um die Kinder kümmern.
Eltern hatten früher jeweils eine Rolle, heute haben sie jeweils zwei. Es ist nicht erwiesen, dass sie früher glücklicher waren, aber es ist offensichtlich, dass junge Eltern heute müde sind. Und es frustriert sie noch mehr, wenn dann alle von Freiheiten reden, die sie angeblich heute haben, Selbstverwirklichung, Wohlstand, Reisen. Dafür gibt es in ihrem Alltag keine Zeit. Was ihnen bleibt, sind Angebote, die ihnen Entlastung schaffen und Orientierung geben. Aus der Not der Eltern ist ein neuer Markt entstanden, Unternehmer entwickeln Produkte und Dienstleistungen, die den Eltern in ihrem Alltag helfen sollen, einem Alltag, der nach den Grundregeln von Computerspielen funktioniert: Hindernisse wegknallen, Bonuspunkte einsammeln. Bis ihre Kinder im nächsten Level sind.
Es ist Freitagmorgen in Hamburg-Hammerbrook, Eltern-Info-Tag auf dem Campus der Phorms-Privatschule, einer bilingualen Schule, die sich darauf spezialisiert hat, Kinder zum Erfolg zu führen und Eltern ihre Sorgen abzunehmen. Hier kann kein Schüler heimlich den Schulhof verlassen, die Tore sind zu, der Schulleiter übergibt die Schüler nach dem Unterricht persönlich an die Eltern. "Tatsächlich stehe ich auch als Doorman vor dem Tor und rangiere die Elternautos in ihre Lücken", das sagt Karl-Heinz Korsten, der Schulleiter.
Seine zukünftigen Kunden sitzen nun auf Stuhlreihen und wollen wissen, was er ihnen anzubieten hat, auch einige Familien mit Baby sind da. Korsten stellt sich als "Head of School" vor. Es gibt auch einen "Head of Hort" und einen "Head of Kita", schon mit 18 Monaten kann hier eine Kinderkarriere beginnen.
Das Angebot, das Korsten seinen Zuhörern macht, klingt wie der Traum aller gestressten Arbeitseltern, aller Optimierer. Zum Service seiner Schule gehören Early Childcare, ab 7.30 Uhr, und Late Childcare, bis 18 Uhr. Es gibt einen Schulbus, eine Alster-Route, eine Elb-Route, an denen entlang die Schüler eingesammelt werden, es gibt gegen Aufpreis sogar Ferienbetreuung – wenn die Eltern es wollen, sind die Kinder mehr in der Schule als zu Hause und bekommen alles, was sie für die spätere Berufskarriere brauchen: einen besonderen Abschluss auf College-Niveau, verschiedene Sprachen, auch Farsi, wenn sie wollen. "Unsere Kinder sind in Englisch absolute Frontrunner", sagt Korsten.
Korsten mag Kinder, das spürt man, wenn man mit ihm spricht, doch manchmal sagt er Sätze, die nicht zu einem Gespräch passen, in dem es um Kindheit geht: "Wir wollen zufriedene Kunden haben, und die sind dann zufrieden, wenn die Kinder erfolgreich sind."
Das Ehepaar Schnelle kann noch nicht wissen, wie intelligent sein Nachwuchs ist, es besichtigt gerade den Kita-Bereich, das Baby ist erst sechs Wochen alt, es hängt im Tragegurt vor dem Bauch der Mutter.
Denise Schnelle ist 37 Jahre alt, sie und ihr Mann arbeiten beide in internationalen Unternehmen, sie als Produktionsplanerin, er als Berater. Sie sagen, dass sie beide aus der Schule nur mit ihrem "Schulenglisch" hervorgegangen seien, was eigentlich zu wenig gewesen sei. Sie mussten im Anschluss noch viel nachholen für die Karriere. Da soll es ihr Kind besser haben.
Sie halten an einem Plakat mit bunten Bildern und den Namen der Kinder, die die Bilder gemalt haben: Atrissa, Valentina, Aadit, Danilo, Helia, Subhan. "Wir leben selbst in einer globalisierten Welt und wünschen uns auch für unser Kind ein entsprechend internationales Umfeld", sagt Markus Schnelle.
Die Welt ist komplexer geworden, aber viele Eltern wissen nicht, wie sie sich darin bewegen sollen, in welchem Tempo und mit welchem Maß. Kirsten Jessen hat sich darauf spezialisiert, solche Probleme zu lösen. Sie ist Eltern-Coach.
Bei Jessen kostet eine Stunde Beratung 150 Euro. In der ersten Sitzung hilft sie den Eltern, ihre Coaching-Ziele positiv zu formulieren: "Ich möchte mit den Misserfolgen meines Kindes gelassen umgehen können." Die Eltern bekommen Aufgaben, sie sollen sich fragen, was eigentlich die Bedürfnisse des Kindes sind und was die der Eltern? Wollen nur sie, dass das Kind später einmal nach Harvard geht? Oder will es auch das Kind?
Fragen an die Klasse 8b des Hamburger Christianeums:
Warum sollte ein Kind kein Projekt sein?
"Wenn die Eltern alles entscheiden, können die Kinder gar nicht selber entscheiden", sagt Anna.
"Es ist gefährlich, weil es eher darum geht, was Eltern gern hätten, und nicht, was das Kind gern hätte", sagt Lisa.
"Ich halte es für wichtig, dass Schüler ihre eigene Vorstellung von allem bilden und die Ausbildung machen, die sie wollen", sagt Janna.
Eine Kindheit, die sich nach wirtschaftlich verwertbaren Fähigkeiten ausrichtet, bringt andere Menschen hervor. Es geht viel um Zukunft und wenig um die Gegenwart, den Augenblick; um das Gefühl, das im Bauch entsteht, wenn man im Freibad vom Dreimeterturm springt; um das Gefühl, das entsteht, wenn man durch die Straßen zieht und niemand weiß, wo man ist. Für das, was Kindheit doch sein sollte, fehlt Kindern heute die Zeit.
Was macht das mit ihnen?
Manchen geht es irgendwann so wie Marie. Sie kommt in das Café vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, ein Mädchen mit einem schönen, offenen Gesicht. Sie ist freundlich und gut erzogen. Marie wuchs in einem Einfamilienhaus auf, mit großem Bruder und Eltern, die Marie, als sie in der Schule schlechter wurde, sagten: "Ist doch nicht so schlimm."
Aber Marie fand es schlimm. Sie hatte früher auf 1,6 gestanden, jetzt nur noch auf 3,1, und das ist für sie ein Albtraum, das pure Versagen. Sie ist in der Klinik, weil sie sich selbst zu viel Druck macht. Anfangs hatte sie versucht, gegen die schlechter werdenden Leistungen anzuarbeiten. Sie lernte bis drei Uhr nachts, schlief nicht, war müde, unkonzentriert und wurde immer schlechter. Irgendwann hatte sie Angst, die anderen könnten sie auslachen, sie begann, sich an den Armen zu ritzen, sie schrieb auch mal eine Zwei, aber das machte die Sache nicht besser.
Was ist so schlecht an einer Zwei?
"Es ist keine Eins. Man hat also etwas nicht verstanden."
Und was ist so schön an einer Eins?
"Sie zeigt, dass man es verstanden hat. Eine Eins haben auch nicht so viele andere. Und bei einer Eins wären meine Eltern stolz."
Warum braucht sie unbedingt Abitur?
"Es ist wichtig, weil ich nicht weiß, was ich später werden will, und mein ganzes Leben gerade davon abhängt."
In der Therapie lernte Marie, stolz auf sich zu sein und ihre Meinung zu vertreten. Im Moment lernt sie zu streiten. Neulich sagte sie zu einem Pädagogen, dass sein Gelaber sie nerve. Das war ein großer Erfolg.
Sie lernt auch, sich wieder zu konzentrieren, in kleinen Schritten. Sie lernt, zwei Minuten lang auf eine Kerze zu sehen und nur auf die Kerze. Sie lernt, einem Blatt zu folgen, das vom Baum fällt.
Wie verbreitet ist Angst bei euch?
"Ich kenne schon sehr viele, die denken: Wie soll ich das meinen Eltern beibringen? Die werden total sauer sein!", sagt Lisa.
"Die Eltern sollten schon Erwartungen haben, aber nicht zu hohe. Ich kenne auch Kinder, die kriegen so viel Druck von den Eltern, dass sie nach einem Test, der unangekündigt war und auf den sie nicht vorbereitet waren, Angst haben, nach Hause zu gehen. Weil sie denken, jetzt gibt es Ärger. Jetzt habe ich meine Eltern enttäuscht. Das sollte nicht sein", sagt Catha.
Professor Michael Schulte-Markwort, der Chef der Abteilung, in der Marie behandelt wird, spricht ständig mit Kindern, die Angst haben. Neulich hatte er einen Zehnjährigen in der Sprechstunde, der sagte, dass sein Leben gelaufen sei, wenn er das Abitur nicht schaffe.
Immer donnerstags empfängt er die Kinder, zusammen mit ihren Eltern, meistens den Müttern. Er spricht zunächst lange mit ihnen und macht dann, im zweiten Schritt der Diagnostik, einen IQ-Test, um festzustellen, ob es das Problem nur im Kopf der Eltern gibt oder ob es real ist. "Wenn sich dann herausstellt, dass ein Kind ganz normal ist, kommt es vor, dass die Eltern enttäuscht sind, weil sie denken, die Diagnose sei falsch", sagt Schulte-Markwort.
Seit einiger Zeit beobachtet er, wie eine Krankheit, die eigentlich Erwachsenen vorbehalten war, langsam auf deren Kinder übergesprungen ist. Erschöpfte Teenager. Burn-out im Kinderzimmer.
"Ich spreche von Kindern intakter Familien, das ist neu. Gute Lebensbedingungen, hoch motivierte Kinder, die aber an den Leistungsansprüchen verzweifeln. Sie nehmen Druck mit der Muttermilch auf", sagt Schulte-Markwort. "Es geht in unserer Gesellschaft immer um Wert und Gegenwert, um Leistungssteigerung." Dass ein Kind einfach nicht besonders schlau ist, ist vor allem für Väter so gut wie ausgeschlossen. Sie sind nicht eingestellt auf Grenzen in ihrem Leben.
"Die Mütter weinen eher, weil sie eh schon erledigt sind durch ihre doppelten Jobs, und abends verschwindet Papa noch in den Sportklub", sagt Schulte-Markwort. Er nennt diese Frauen "Logistikmütter". Die Kinder erzählen in der Therapie von ihnen und sagen: "Mama kann auch nicht mehr."
Im Widerspruch dazu stehen die Befunde der Statistiken. Sie sagen: Noch nie ging es Kindern so gut wie heute. Noch nie wuchsen sie so sicher auf. Noch nie wurden sie so umsorgt, waren so zufrieden, gebildet, wohlhabend, verletzten und prügelten so wenig. Man könnte also auch die Frage stellen: Wo ist das Problem?
Ein Abend im Hamburger Literaturhaus, es geht um das Thema "Angst". Der Soziologe Heinz Bude hat ein Buch zu dem Thema geschrieben, die Tickets waren vier Wochen im Voraus ausverkauft. Bude sagt, es wundere ihn eigentlich, bei dem Thema.
In seinem Buch über die Angst bezieht er sich vor allem auf die Generation der Enddreißiger, die eine Familie gegründet haben oder auch nicht, eine Generation, die laut Bude voller Ängste und Unsicherheiten steckt. So gesehen ist es kein Wunder, dass so viele Menschen zum Angst-Abend gekommen sind. Sie brauchen Hilfe.
Nach Bude sieht die klassische Familie mit Eltern um die vierzig so aus: Sie haben sich als Paar nach Erfolgsaussichten in beruflicher und ökonomischer Hinsicht ausgewählt, der Mann hat schon viel Wettbewerbe durchlaufen, die Kinder sind zwischen sechs und zwölf Jahre alt. Sie sind weit gekommen. Sie leben in Deutschland und gehören zur Generation des Erfolgs. Aber es stimmt etwas nicht mit ihnen: Sie haben Angst, nicht zu genügen, und wollen deshalb alles richtig machen. Bude schreibt ihnen eine "austernhafte Verschlossenheit" zu, eine "lähmende Optimierungshaltung", in öffentlichen Debatten scheuen sie eine Haltung, sie sagen nicht, welche Partei sie wählen, und sie wollen sich auch nicht festlegen lassen, ob sie für einen Krieg sind oder dagegen. "Es begleitet sie ein Komplex an Unklarheit über sich selbst", sagt Bude.
"Was ich wirklich nicht verstehe: Diese Generation ist bereit, sich schnell zu trennen, sie stellen den anderen zur Disposition, sobald sie mal jemand anderes kennengelernt haben. Das In-guten-wie-in- schlechten-Zeiten scheint so ein bisschen das Problem zu sein, die Enttäuschungsbereitschaft in dieser Generation ist wahnsinnig hoch, und im Grunde erwartet jeder eine Trennung vom Partner, irgendwann."
Was sich aber aus dieser ständigen Möglichkeit der Kündbarkeit von Beziehungen ergebe, sei dramatisch: "Wir entwickeln uns von einer partnerzentrierten zu einer kindzentrierten Familie." Man verzichtet lieber auf seinen Partner als auf das Kind. Es übernimmt eine Rolle, die es nicht erfüllen kann. "Das führt bei Kindern zu einer empathischen Überbeanspruchung."
Hier sind sich alle einig: der Psychiater Schulte-Markwort, der Eltern-Coach Jessen, der Kinderarzt Hauch, der Soziologe Bude: "Die Kinder sind dann so empathiebegabt, dass es kaum noch Konflikte gibt", sagt er. Der Abstand, den es früher zwischen Eltern und Kindern gab, die Rollen, die sich klar voneinander abgrenzten, haben sich aufgelöst. Die Erwachsenen erziehen kleine Erwachsene.
Vielleicht sagen auch deshalb die Kinder der 8b am Christianeum in Hamburg-Othmarschen so erwachsene Sachen wie diese:
"Ich möchte noch sagen, dass es für uns Jugendliche ziemlich wichtig ist, dass wir Regeln haben, an die wir uns auch halten müssen."
"Ich denke, dass einige Eltern überfürsorglich sind. Es gehört dazu, dass man sich verletzt, und man lernt ja auch aus seinen Fehlern."
"Ich glaube, man braucht einen Mittelweg: dass die Eltern sich nicht um alles, aber auch nicht um gar nichts kümmern."
Ein paar Flure weiter sitzen nach der zweiten Stunde auf petrolfarbenen Designersofas die Lehrer in ihrem Zimmer und bereiten sich auf ihre nächsten Stunden vor. An einem Tisch am Fenster kommen mehrere Generationen zusammen, Susanne Fricke-Heise, seit 1984 an der Schule, Klaus Henning, seit 1973 hier, und die junge Ingrid Sauerwein, sie ist erst seit vier Jahren dabei, auch die Schulleiterin Diana Amann ist da. Wenn jemand beurteilen kann, wie sich der Alltag mit den Eltern und ihren Kindern verändert hat, dann die Leute an diesem Tisch.
Lehrerin Fricke-Heise dokumentiert seit einiger Zeit die Besonderheiten der Schüler, sie führt Listen darüber, wer Lese-/ Rechtschreibschwächen hat, wem ADHS attestiert wurde, wer mit einem Asperger-Syndrom im Unterricht sitzt. Pro Klasse, schätzt Fricke-Heise, gebe es inzwischen ein bis zwei Schüler mit einer Schwäche oder Besonderheit. "Ja, das ist mehr geworden", sagt sie.
Mittlerweile trauen sie nicht mehr jedem Gutachten, mit dem die Eltern ankommen. Die Schule macht ihre eigenen Tests, in medizinischen Fragen fordert sie eine Einschätzung vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. "Schon bei der Lese-/Rechtschreibschwäche kommen wir häufig zu anderen Ergebnissen als die Eltern", sagt Fricke-Heise. Und: Schlechte Schulleistungen sind, anders als Eltern oft glauben, nur sehr selten Ausdruck einer Hochbegabung.
Trotzdem arbeitet eine Exzellenzbeauftragte an der Schule, das ist Ingrid Sauerwein, die Jüngste am Tisch. Das Christianeum bietet Exzellenzklassen an, einzelne Schüler nehmen am Juniorstudium teil, studieren Mathematik, Englisch, Literatur. Die Frage, ob es heute tatsächlich mehr Hochbegabte gibt als früher oder ob das einfach dem Wunschdenken der Eltern entspringt, ist schwer zu beantworten.
"Die Besonderheiten ändern sich auch mit der Mode", sagt Klaus Henning, "vor 20 Jahren hieß es: Mein Kind hat Dyskalkulie; heute ist es hochbegabt."
Diana Amann, die Schulleiterin, sieht die größte Veränderung darin, dass sich der Erziehungsauftrag verschoben hat. Die Eltern sind wenig präsent, aber wenn sie zu Hause sind, vermeiden sie Zoff, weil sie ja Freunde sein wollen, vielleicht auch aus schlechtem Gewissen heraus, vermutet Amann.
Manchmal, wenn sie sieht, was andere Eltern so alles für ihre Kinder regeln, fragt sich Katja Conradi, Vorsitzende des Elternrats am Christianeum und Mutter von vier Kindern: "Ist das der richtige Weg, den wir gehen?" Sie klagt keine Noten ein, macht keine Hausaufgaben mit ihren Kindern, die Kinder gehen allein zum Arzt, zum Friseur, fahren allein zur Schule, sie machen kein Auslandsjahr im Internat. Sie sind bei den Pfadfindern. "So etwas wie dem Kind den Turnbeutel hinterherzufahren, finde ich echt ein No-Go", sagt sie, "auch das zu schnelle Einmischen in Dinge, die das Kind erst mal allein regeln kann."
Conradis Kinder sind 20, 18, 14 und 12 Jahre alt, drei von ihnen am Christianeum. Der Zweitälteste sitzt gerade im Abitur. Im Grunde lebt Conradi den Gegenentwurf zur Einkindfamilie, in der beide Eltern arbeiten und nebenbei ihr Kind optimieren. Sie arbeitet als freiberufliche Kunsthistorikerin, "aber nur sporadisch", wie sie sagt. Stattdessen kümmert sie sich um die Kinder, aber eben nicht zu viel, engagiert sich ehrenamtlich als eine Art Elternlobbyistin an der Schule.
In dieser Funktion beobachtet Conradi unter den Eltern eine große Unsicherheit über die eigene Rolle. "Wir laden regelmäßig alle Elternvertreter einer Stufe ein, und es kommt immer wieder die Frage auf: Wofür bin ich als Elternteil eigentlich zuständig? Ich versuche immer zu vermitteln, dass das größte Ziel sein müsste, Selbstständigkeit zu erreichen, dass die Kinder in der Lage sind, das allein zu schaffen. Und dass die Kinder selbst Rückmeldung geben, wann sie Hilfe brauchen", sagt sie, "Ich liebe meine Kinder, aber sie sind nicht meine Freunde." Die Rollen in ihrer Familie sind klar. Das ist ihr Rezept, und es geht auf.
Hat das nun etwas damit zu tun, dass Katja Conradi nicht arbeitet? Sind die guten Mütter nun doch die, die ihre Karriere opfern und mehr als 1,38 Kinder kriegen? In vielen Fällen mag das stimmen, das Idealmodell ist es deshalb nicht. Denn ein solches ist noch immer nicht in Sicht, ein Modell, das den Druck von Familien nimmt, andere Arbeitszeitmodelle vielleicht, 32-Stunden-Wochen für Männer und Frauen, geteilte Führungspositionen, niedrigere Erwartungen – und eine Aufwertung nicht akademischer Berufe. Nicht jedes Kind muss Abitur machen, um später ein glücklicher Mensch zu sein, es gibt glückliche Tischler, glückliche Erzieher, glückliche Fahrradverkäufer.
Was sollten Eltern tun? Was rät der Kinderarzt, Dr. Hauch?
"Vertrauen Sie Ihren Gefühlen und Ihren elterlichen Kompetenzen. Vor allem: Vertrauen Sie Ihrem Kind. In einer liebevollen, geordneten und anregenden Umgebung wird es sich nach seinem Entwicklungsplan entfalten. Es wird vielleicht manchmal Umwege nehmen oder auch nicht jedes Ziel erreichen, das Sie sich erträumen. Aber es ist sein Leben."
Was rät eine Anwältin den Eltern, Frau Meyer-Sand?
"Vertrauen, Zeit, Kommunikation!"
Was sagt der Kinderpsychiater, Herr Schulte-Markwort?
"Die Kunst liegt darin, herauszufinden, wann Fürsorge gut ist und wann sie das Kind entmündigt. Mutter und Vater sollten sich fragen, wie ihre Beziehung ist."
Was raten Sie als Eltern-Coach, Frau Jessen?
"Die Eltern sollten lieber sich selbst umerziehen und nicht die Kinder. Sie sollten einfach wieder das Licht einschalten im Kopf und sagen: ,Ich kann auch loslassen.'"
Und die Lehrer?
"Ich wünsche mir, dass die Kinder mehr Entspannung erleben. Dass die Eltern sie spielen lassen und sich fragen: ,Was macht mein Kind wirklich glücklich?'", sagt Ingrid Sauerwein.
"Muße! Mal gar nichts tun", sagt Klaus Henning.
Und die Kinder der 8b? Was sagen sie?
Wann sind Eltern super?
"Ich finde gut, dass sie mich selbstständig lassen und ich selbst entscheiden darf. Und dass sie nicht so hinterherjagen, ob ich nun gelernt habe oder nicht. Trotzdem sind sie immer bereit, wenn ich Hilfe brauche", sagt Janna.
"Ich finde gut, dass meine Eltern mich in Ruhe lassen und mir vertrauen. Und wenn ich sage, dass sie nicht helfen sollen, dann lassen sie es", sagt ein anderes Mädchen.
"Ich finde gut, dass sie mich von selber fragen, ob ich Hilfe brauche. Oder ich gehe auf sie zu. Sie sind nicht so aufdringlich", sagt Lisa.
"Es ist gut, wenn die Eltern da sind, wenn man sie braucht, aber ich finde nicht, dass sie dauernd um einen herumlaufen müssen", sagt Marie.
Also, es ist ganz einfach: Liebt eure Kinder und lasst sie in Ruhe!
"Das Kind soll lieber eine Dyskalkulie haben als eine schlechte Note in Mathematik."
Was ist schlecht an einer Zwei? "Es ist keine Eins. Man hat also etwas nicht verstanden."
Der Abstand zwischen Eltern und Kindern hat sich aufgelöst. Erwachsene erziehen kleine Erwachsene.
"Die Kunst liegt darin, herauszufinden, wann Fürsorge gut ist und wann sie das Kind entmündigt."
Von Hardinghaus, Barbara, Neufeld, Dialika

DER SPIEGEL 41/2015
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