02.10.2015

SPIEGEL-Gespräch„Ö-hö-hö-hö-hö-hö“

Jane Goodall beobachtete jahrelang wilde Schimpansen. Sie entdeckte, dass die Tiere morden und Krieg führen. Als Ökoaktivistin hat die Britin inzwischen mehr mit Menschen zu tun – und glaubt immer noch an das Gute in uns.
Als Kind las Goodall gern die Geschichten über den Arzt Doktor Dolittle; sie entfachten ihre Liebe zur wilden Kreatur. Mit 23 brach sie nach Afrika auf, lernte dort den Paläoanthropologen Louis Leakey kennen und studierte in dessen Auftrag die Schimpansen des Gombe-Stream-Schutzgebiets in Tansania. Goodall beobachtete erstmals Werkzeuggebrauch und Kriegsführung bei den engsten Menschenverwandten und wurde dadurch zur berühmtesten Primatenforscherin der Welt. 1986 veröffentlichte sie ihr Hauptwerk, "The Chimpanzees of Gombe. Patterns of Behavior". Kurz darauf ließ sie die Forschung hinter sich, um ihr Leben ganz dem Schutz der Schimpansen und der Erhaltung der Natur zu widmen. Als Öko-Kämpferin zieht Goodall heute an 300 Tagen im Jahr um den Globus. Das Jugendprogramm "Roots & Shoots" des Jane Goodall Institute findet in mehr als 130 Ländern statt. Die 81-jährige Britin ist Friedensbotschafterin der Vereinten Nationen und trägt den Orden "Dame Commander of the Order of the British Empire". Seit mehr als 20 Jahren, sagt sie, habe sie nicht länger als drei Wochen im selben Bett geschlafen.

SPIEGEL: Dr. Goodall, in der ersten Hälfte Ihres beruflichen Lebens befassten Sie sich mit Schimpansen, in der zweiten mit Menschen. Hat Ihnen Ihr Wissen über die einen beim Umgang mit den anderen geholfen?
Goodall: Ich glaube schon. Bei den Schimpansen habe ich viel über nonverbale Kommunikation gelernt. Was uns von ihnen unterscheidet, ist nämlich vor allem, dass sie keine Wörter kennen. Alles andere ist fast gleich: Küssen, Umarmen, Prahlen, Fäusteschütteln. All das habe ich bei den Schimpansen studiert – was mich befähigt, auch Menschen gut zu verstehen. Wenn Sie zum Beispiel jemanden ertappen, wie er einen Fehler macht, zuckt er zusammen und windet sich. Er wird Ihnen dann nicht mehr zuhören, sondern nur überlegen, wie er zum Gegenangriff übergehen kann. Um jemanden wirklich zu überzeugen, müssen Sie sein Herz erreichen.
SPIEGEL: Wie das?
Goodall: Ich erinnere mich zum Beispiel an ein Treffen mit dem chinesischen Umweltminister. Ich wollte ihn dazu bringen, unser Jugendprogramm Roots & Shoots in chinesischen Schulen zuzulassen. Aber er sprach kein Englisch, und so saßen wir da, zwischen uns ein Übersetzer, und ich hatte nur zehn Minuten Zeit. Also nahm ich all meinen Mut zusammen und sagte: "Wäre ich ein weiblicher Schimpanse, dann wäre ich sehr töricht, wenn ich ein hochrangiges Männchen nicht untertänig begrüßen würde", und ich machte unterwürfig: "Ö-hö-hö-hö-hö-hö." Das Männchen, so sagte ich weiter, müsse nun das Weibchen großmütig streicheln, und dabei nahm ich seine Hand. Ich merkte, wie sie sich verkrampfte, aber ich gab nicht auf und führte seine Hand auf meinen Kopf. Erst war es totenstill, aber dann begann er zu lachen. Am Ende redeten wir anderthalb Stunden lang, und seither gibt es Roots & Shoots an chinesischen Schulen.
SPIEGEL: Sie sind hier in New York, um auf dem Nachhaltigkeitsgipfel der Uno aufzutreten. Was geschieht, wenn so viele hochrangige Männchen zusammenkommen?
Goodall: Vor allem: zu viel Gerede. Ich will nicht behaupten, solche Gipfel seien pure Zeitverschwendung, aber ihre Ergebnisse sind meist enttäuschend.
SPIEGEL: Vielleicht ist der Mensch, von Natur aus eigennützig und auf kurzfristigen Nutzen bedacht, nicht geschaffen, um die Probleme des Planeten zu lösen?
Goodall: Das müssen wir aber. Wir haben uns von der Natur abgewandt. Stattdessen geht es nur um Geld und Macht. Wir müssen wieder zurück zur Natur finden, um diesen Planeten zu retten.
SPIEGEL: Wenn die Idee der Nachhaltigkeit aber unserer Natur zuwiderläuft?
Goodall: Das tut sie ja gar nicht. Selbst Schimpansen verstehen diese Idee. In einem Baum voller Früchte pflücken sie nur diejenigen, die reif sind. Die anderen lassen sie hängen. Das ist nichts anderes als Nachhaltigkeit.
SPIEGEL: Ein anderes politisches Thema, das uns derzeit in Europa umtreibt, ist die Flüchtlingskrise. Was sagen Sie als Primatologin: Liegt es in unserer Natur, Fremde willkommen zu heißen?
Goodall: Nein. Primaten sind sehr territorial. Es entspricht ihrer Natur, ihre Nahrungsressourcen, Weibchen und Jungtiere zu
schützen. Das erklärt das Verhalten beider Seiten: Die Flüchtlinge fliehen, um ihre Familien vor der Gewalt zu schützen; die Europäer dagegen fürchten um ihre Jobs, die sie brauchen, um ihre Familien zu ernähren.
SPIEGEL: In Deutschland werden die Flüchtlinge vielerorts sehr herzlich empfangen.
Goodall: Sicher. Wir Menschen haben ein Gefühl für soziale Verantwortung entwickelt. Wir sind damit über unsere Instinkte hinausgegangen. Dass wir dazu fähig sind, unterscheidet uns von den Schimpansen. Schimpansen sind sehr brutal. Sie würden sogar ihren Nachbarn umbringen, es sei denn, es handelt sich um ein knackiges Weibchen, das noch kein Baby hat.
SPIEGEL: Seit 55 Jahren widmen Sie Ihr Leben den Schimpansen. Was hat ursprünglich Ihr Interesse an der Tierwelt geweckt?
Goodall: Bücher. Besonders "Tarzan" und "Doktor Dolittle". Als Kind klang der afrikanische Urwald wie ein großer Traum für mich, weil er voller wilder Tiere war.
SPIEGEL: Wann erkoren Sie dann die Schimpansen zu Ihren Lieblingstieren?
Goodall: Das sind sie gar nicht. Schimpansen sind zu menschenähnlich, als dass sie meine Lieblingstiere sein könnten. Nein, am liebsten mag ich Hunde. Schon als kleines Mädchen hatte ich einen Spaniel, Rusty, und er hat mich etwas sehr Wichtiges gelehrt. Als ich nämlich viel später, nachdem ich zwei Jahre lang bei den Schimpansen im Urwald gelebt hatte, nach Cambridge kam, sagten mir die Professoren, ich hätte alles falsch gemacht. Ich hätte den Schimpansen keine Namen geben dürfen. Und ich dürfe nicht von ihnen sprechen, als hätten sie eine Persönlichkeit oder gar Gefühle. Ich aber wusste, Rusty sei Dank, dass diese Professoren unrecht hatten: Natürlich haben Tiere eine Persönlichkeit und Gefühle.
SPIEGEL: Wenn Schimpansen gar nicht Ihre Lieblingstiere sind, warum haben Sie sich dann dafür entschieden, sie zu studieren?
Goodall: Das hat Louis Leakey entschieden. Er war überzeugt davon, dass vor sechs Millionen Jahren ein gemeinsamer Vorfahr von Mensch und Menschenaffe in Afrika gelebt hat. Er wollte wissen, was für ein Wesen dieser Vorfahr war. Und wenn ich Verhaltensweisen entdecken würde, die Mensch und Schimpanse gemein sind, dann war es höchst wahrscheinlich, dass sie auch diesem Vorfahr zu eigen waren. Deshalb hat Leakey mich in den Urwald geschickt.
SPIEGEL: Er hat auch noch andere Frauen ausgesandt: Dian Fossey sollte für ihn Gorillas erforschen und Biruté Galdikas die Orang-Utans besuchen. War Leakey scharf auf junge Frauen?
Goodall: Ja, das war er. Aber ich glaube nicht, dass das der Grund dafür war, dass er uns ausgewählt hat. Er glaubte vielmehr, dass Frauen bessere Beobachter seien und Tiere besser verstehen könnten. Und vielleicht hatte er recht damit. Mütterliche Instinkte helfen, wenn Sie es mit nichtverbalen Kreaturen zu tun haben.
SPIEGEL: Nach einiger Zeit begann dann der erste Schimpanse, Kontakt zu Ihnen aufzunehmen. Sie tauften ihn David Greybeard. Wie baut man eine Beziehung zu einem Schimpansen auf?
Goodall: Indem man geduldig ist. Ich trug jeden Tag die gleichen Kleider. Ich saß, wo er mich sehen konnte, und ich bewegte mich nicht, wenn er da war.
SPIEGEL: Er war neugierig?
Goodall: Sagen wir: weniger ängstlich als die anderen. Eines Tages kam er dann ins Camp und nahm eine der Bananen, die wir ihm anboten. Ein paar Tage später kam er wieder, diesmal mit einem Kumpel.
SPIEGEL: Der Beginn einer Freundschaft?
Goodall: Nein, nicht wirklich. Unsere Beziehung war aber durchaus von tiefem wechselseitigem Vertrauen geprägt.
SPIEGEL: Später wurde Ihnen vorgeworfen, Sie hätten zu sehr ins Leben dieser Tiere eingegriffen. Sie haben sie mit Bananen gefüttert. Sie haben sie angefasst. Würden Sie das heute anders machen?
Goodall: Ja, schon. Aber es waren andere Zeiten. Indem ich ihnen Bananen gab, habe ich schneller Informationen über ihr Verhalten bekommen. Außerdem hätte mein damaliger Mann, Hugo van Lawick, seinen Film sonst nicht machen können. Und ohne gute Aufnahmen hätte die National Geographic Society das Interesse verloren, und unserem Projekt wäre das Geld ausgegangen.
SPIEGEL: Was halten Sie für Ihre wichtigste Entdeckung?
Goodall: Damals war natürlich vor allem der Nachweis von Werkzeuggebrauch ein großes Ding. Ich beobachtete David Greybeard dabei, wie er Termiten mit einem zurechtgemachten Stöckchen aus ihrem Bau fischte. Aber im Rückblick scheint mir das gar nicht so bedeutsam. Wir wissen inzwischen, dass auch andere Tiere Werkzeuge herstellen. Ich finde es zum Beispiel viel faszinierender, dass es gute und schlechte Mütter unter den Schimpansen gibt und dass sich das enorm auf die Entwicklung der Babys auswirkt.
SPIEGEL: Herrscht bei Schimpansen das gutmütige oder das aggressive Wesen vor?
Goodall: Die meisten ihrer Beziehungen sind durchaus entspannt. Sie pflegen sich gegenseitig ausgiebig das Fell, und einige sind richtige Freunde. Vor allem die Familienbeziehungen sind sehr dauerhaft. Wenn zum Beispiel eine Mutter stirbt, dann kümmert sich ein älteres Geschwister um die kleinen Waisen. In einem Fall haben wir sogar beobachtet, wie ein zwölf-
jähriger Schimpanse einen dreijährigen Waisen, mit dem er gar nicht verwandt war, adoptiert hat. Er ließ dieses Kind nicht nur auf seinem Rücken reiten, er hat auch sein Futter mit ihm geteilt und nachts am Rand seines Nestes gesessen. In einem anderen Fall haben Wilderer ein Weibchen erschossen, um dessen Baby zu fangen und an Tierhändler zu verkaufen. Als diese Jäger das Jungtier gerade in einen Sack stecken wollten, griff ein männlicher Schimpanse an. Er skalpierte einen der beiden Männer und stieß den anderen weg. Dann packte er das Baby und lief zurück in den Wald. Erfahren haben wir davon nur, weil die Männer im Krankenhaus landeten. Mit Schimpansen ist nicht zu spaßen. Sie sind viel stärker als Menschen.
SPIEGEL: Sind Sie selbst auch einmal angegriffen worden?
Goodall: Ich nicht. Aber ein Schweizer Kollege, der zu uns nach Gombe kam. Eines der halbstarken Männchen, Frodo, begann, Steine nach ihm zu werfen. Und dieser Wissenschaftler verteidigte sich mit Karate. Erst ist nichts passiert. Aber zwei Tage später tauchte Frodo plötzlich hinter ihm auf, packte ihn und warf ihn zu Boden. Drei Tage lang lag der Kollege mit Rückenschmerzen im Bett. Ich sagte nur: recht geschehen.
SPIEGEL: Schimpansen haben auch eine sehr dunkle Seite. War das ein Schock für Sie?
Goodall: Und wie! Es war entsetzlich. Als Erstes beobachteten wir die Attacke auf ein Weibchen, die damit endete, dass dessen Baby getötet wurde. Schimpansen sind brutal, und zwar auch vorsätzlich. Die Männchen brechen auf an die Grenze ihres Territoriums. Dort schleichen sie umher und versuchen, nur ja kein Geräusch zu machen. Stundenlang starren sie stumm aufs gegnerische Terrain und warten auf eine gute Gelegenheit. Dann greifen sie an.
SPIEGEL: Also richtig Krieg?
Goodall: Ja. Eine Auseinandersetzung haben wir den vierjährigen Krieg genannt. Er begann damit, dass sich eine große Gruppe von Schimpansen aufgespalten hat. Ungefähr sieben Männchen verließen die Gruppe, mitsamt einigen Weibchen und Jungtieren. Aber sie zogen nicht ganz von dannen, sondern blieben im südlichen Teil des gemeinsamen Gebiets. Erst haben sich die Beziehungen beider Gruppen immer weiter abgekühlt, dann begann die ursprüngliche Gruppe, ihr altes Territorium systematisch zurückzuerobern.
SPIEGEL: Indem sie die anderen tötete?
Goodall: Jeden Einzelnen von ihnen. Wir haben sechs Morde beobachtet und mussten aus den Indizien schließen, dass dasselbe auch dem siebten widerfahren war. Es war fürchterlich.
SPIEGEL: Sind die Tiere auch grausam? In dem Sinne, dass sie Schmerz zufügen wollen?
Goodall: Ich habe viel darüber nachgedacht. Aber ich glaube, nur Menschen sind fähig, wirklich böse zu sein. Schimpansen würden einander nicht die Nägel herausziehen. Ihre Aggression ist schnell und heftig, ähnlich wie Angriffe unter Straßengangs.
SPIEGEL: Glauben Sie, dass Schimpansen ähnlich fühlen wie wir?
Goodall: In vielfacher Hinsicht ja. Nehmen Sie Glück: Gutes Futter zum Beispiel macht sie wirklich selig. Dann stoßen sie Freudenschreie aus und umarmen einander. Sie spielen. Sie kitzeln sich. Und sie lachen.
SPIEGEL: Empfinden sie Eifersucht?
Goodall: Unbedingt. Oder Peinlichkeit. Das beste Beispiel ist Frodo, als er ungefähr sechs Jahre alt war. Seine Mutter säuberte gerade das Fell seines Bruders, und Frodo wippte auf einem Ast gegenüber, bestrebt, auf die anderen Eindruck zu machen. Plötzlich brach der Ast, und Frodo plumpste zu Boden. Einen Moment später lugte sein kleines Gesicht aus dem Gras, und man sah förmlich, wie er dachte: "Hoffentlich hat mich keiner gesehen."
SPIEGEL: Sie haben behauptet, selbst das Gefühl von Ehrfurcht sei Schimpansen nicht fremd.
Goodall: Ah, Sie meinen den Tanz, den sie im Angesicht eines Wasserfalls aufführen. Das ist in der Tat sehr faszinierend. Wenn sie sich dem herabrauschenden Wasser nähern, richten sie sich in großer Erregung auf. Von einem Fuß auf den anderen wankend, nähern sie sich, sie stampfen ins Wasser und schmeißen Steine hinein. Und später kann man dann sehen, wie sie auf irgendeinem Felsen sitzen, den Blick starr auf den Wasserfall gerichtet. Natürlich weiß ich nicht, ob sie Ehrfurcht empfinden, aber jedenfalls bewegt es sie tief.
SPIEGEL: Sie halten dies für eine Art Anbetung der Natur?
Goodall: Ich glaube, dass aus dieser Art von Gefühl frühe animistische Religionen hervorgegangen sein könnten. Das Problem der Schimpansen ist, dass sie nur sitzen und schauen, nicht aber über ihre Gefühle sprechen können; die Gedanken sind im Innern eines jeden von ihnen gefangen.
SPIEGEL: War demnach die Entwicklung der Sprache der entscheidende Schritt hin zum Menschen?
Goodall: Ja. Die Sprache erlaubt es uns, über die Vergangenheit zu sprechen und die Zukunft zu planen. Wir können Kinder Dinge lehren, die sie nicht vor Augen haben. Und vor allem: Wir können Menschen mit unterschiedlicher Herkunft und unterschiedlichem Wissen zusammenbringen, um unsere Probleme zu diskutieren. Das gibt mir Hoffnung. Ich bin überzeugt davon, dass wir zu klug sind, um unsere Heimat, den Planeten Erde, zu zerstören.
SPIEGEL: An einem Punkt Ihres Lebens haben Sie beschlossen, fortan als Öko- und Friedensaktivistin durch die Welt zu ziehen. Warum haben Sie die Feldarbeit mit den Tieren aufgegeben?
Goodall: Weil ich so in Sorge war um sie. Im Jahr 1986 gab es eine Tagung in Chicago. Alle Schimpansenforscher hatten sich versammelt, und in einer Sitzung befassten sie sich mit dem Naturschutz. Das Bild, das sie malten, war düster: Die Wälder schwanden, das Geschäft mit dem Buschfleisch florierte. Die Anzahl der Schimpansen schrumpfte. Und dann, das werde ich nie vergessen, sah ich einen heimlich aufgenommenen Film, der Schimpansen in der medizinischen Forschung zeigte. Da wusste ich, dass ich handeln muss.
SPIEGEL: Sie gründeten das Jane Goodall Institute, das den Schutz von Schimpansen finanziert, und Sie reisen als Botschafterin für Naturschutz um die Welt. Haben Sie etwas erreicht?
Goodall: Als ich 1960 in Gombe ankam, erstreckte sich der Wald entlang der gesamten Ostküste des Tanganjika-Sees. Als ich 1992 wieder über dieses Gebiet flog, sah ich nichts als nackte Hügel. Da wurde mir klar, dass es nicht reicht, die Schimpansen zu schützen. Man muss auch den Menschen, die dort leben, helfen. Wir haben angefangen mit zwölf Dörfern rund um den dortigen Nationalpark. Wir haben die Gesundheitsversorgung und die Schulen verbessert, und wir haben versucht, die Böden wieder fruchtbar zu machen. Als die Menschen uns langsam vertrauten, begannen wir mit der Wiederaufforstung. Heute sehen Sie vom Flugzeug aus wieder grüne Hügel. Die Schimpansen haben dreimal mehr Wald als früher. Ohne unsere Arbeit gäbe es Gombe nicht mehr.
SPIEGEL: Inzwischen kämpfen Sie auch gegen Gentechnik und den Klimawandel – haben wir etwas vergessen?
Goodall: Sehen Sie, wir haben nicht mehr viel Zeit, bis wir auf einen Weg geraten, auf dem es kein Zurück mehr gibt. Um das zu verhindern, hat jeder Einzelne jeden Tag die Möglichkeit, seinen Teil beizutragen, indem er bewusste Entscheidungen trifft. Brauche ich wirklich alles, was ich kaufe, oder kann ich auf einiges verzichten? Was esse ich, was ziehe ich an? Wie beeinflussen meine Entscheidungen Umwelt, Tiere und andere Menschen? Dafür will ich die Leute sensibilisieren.
SPIEGEL: Sie sagten einmal, Sie könnten erst in den Ruhestand gehen, wenn die Welt gerettet sei ...
Goodall: ... was bedeutet, dass ich mich nie zur Ruhe setze.
SPIEGEL: Wirklich?
Goodall: Irgendwann wird mir wohl nichts anderes übrig bleiben, als aufzuhören. Irgendwann wird mein Körper nicht mehr mitmachen. Aber ich hoffe, dass mich mein Hirn dann nicht auch im Stich lässt, sodass ich weiter schreiben kann.
SPIEGEL: Dr. Goodall, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.


* Im Gombe-Stream-Nationalpark in Tansania 1977.
* Mit ihrem ersten Ehemann, dem Filmemacher Hugo van Lawick, und Sohn Hugo, genannt "Grub", Anfang der Siebzigerjahre in Afrika.
* Philip Bethge und Johann Grolle in New York.
Von Philip Bethge und Johann Grolle

DER SPIEGEL 41/2015
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