02.10.2015

DebatteDer letzte Deutsche

Uns wird die Souveränität geraubt, dagegen zu sein. Eine Glosse von Botho Strauß
1993 veröffentlichte der Schriftsteller und Dramatiker Botho Strauß, 70, im SPIEGEL seinen berühmten Essay "Anschwellender Bocksgesang" . Die Euphorie des Mauerfalls war verflogen, im Osten brannten die Unterkünfte für Asylbewerber. Strauß schrieb: "Wir werden herausgefordert, uns Heerscharen von Vertriebenen und heimatlos Gewordenen gegenüber mitleidvoll und hilfsbereit zu verhalten, wir sind per Gesetz zur Güte verpflichtet." Wir Deutsche, so Strauß damals, würden nicht "durch feindliche Eroberer herausgefordert", sondern kämpften "nach innen um das Unsere". Und er schrieb auch: "Zuweilen sollte man prüfen, was an der eigenen Toleranz echt und selbstständig ist und was sich davon dem verklemmten deutschen Selbsthass verdankt, der die Fremden willkommen heißt, damit hier, in seinem verhassten Vaterland, sich die Verhältnisse endlich zu jener berühmten ('faschistoiden') Kenntlichkeit entpuppen, wie es einst (und heimlich wohl bleibend) in der Verbrecher-Dialektik des linken Terrors hieß." Kaum ein Text in der Publizistik des wiedervereinten Deutschlands sorgte für mehr Empörung und Diskussionen, von seinen Gegnern wurde Strauß zum Vordenker eines neuen rechten Deutschlands erklärt. Vor zwei Wochen noch setzte sich der SPIEGEL-Redakteur Cordt Schnibben in einem Text über seine Erlebnisse als Helfer in den Hamburger Messehallen, wo mehr als 1000 Flüchtlinge untergebracht waren, kritisch mit den umstrittenen Thesen des Schriftstellers auseinander. Nun beschäftigt sich Strauß, der zurückgezogen in der Uckermark lebt, aus Anlass der Flüchtlingskrise ein zweites Mal mit dem Thema.

Manchmal habe ich das Gefühl, nur bei den Ahnen noch unter Deutschen zu sein. Ja, es ist mir, als wäre ich der letzte Deutsche. Einer, der wie der entrückte Mönch von Heisterbach oder wie ein Deserteur sechzig Jahre nach Kriegsende sein Versteck verlässt und in ein Land zurückkehrt, das immer noch Deutschland heißt – zu seinem bitteren Erstaunen. Ich glaube, ich bin der letzte Deutsche. Ein Strolch, ein in heiligen Resten wühlender Stadt-, Land- und Geiststreicher. Ein Obdachloser."
Das Selbstzitat aus dem Buch "Die Unbeholfenen" verhehlt nicht, dass sich der Autor als dieser Letzte sah. Man soll's darin nicht übertreiben, immer von irgendwas ein Letzter sein zu wollen – doch der Posten schien mir unbesetzt, und die Fiktion ließ mich nicht los, ein Fortsetzer von Empfindungs- und Sinnierweisen zu sein, die seit der Romantik eine spezifisch deutsche Literatur hervorbrachten. Etwas davon wieder aufleben zu lassen war mein Leben. Bei zahllosen schöpferischen Geistern war ich zu Gast, ich konspirierte. Zum Dank hinterließ ich ein paar Aufmerksamkeiten, geringe Gegengeschenke, die aber nicht weiter beachtet wurden, wie immer auf großen Festen.
Was ist mir nicht alles zum Roman geworden! Nicht aus Lebensgeschichten gemischt, sondern aus Geist-Stimmen komponiert. Oft aus Stimmen von Autoren, die gar nicht als Romanciers hervortraten, Franz Blei, Hugo Ball, Leopold Ziegler, Rudolf Kassner, Konrad Weiss, um unter meinen Favoriten nur die weniger bekannten, zu Unrecht vernachlässigten zu nennen.
Ich meine Roman in dem alt-amourösen Sinn: Er hatte nämlich einen Roman mit ihr ... Denn ich hatte mit der einen oder anderen Stimme wohl einen Roman ... Man bedenke die tiefen Lieben und Anhänglichkeiten, die unter diesen Geistern wirksam sind ...
Ich möchte lieber in einem aussterbenden Volk leben als in einem, das aus vorwiegend ökonomisch-demografischen Spekulationen mit fremden Völkern aufgemischt, verjüngt wird, einem vitalen.
Noch vor nicht allzu langer Zeit fand sich eine linkskritische Intellektualität, die sich gegen die Hegemonie des Ökonomischen über unsere Lebenswelt auflehnte. Mittlerweile sind deren Geistesverwandte selbst die führenden Ökonomen der Gegenwart – Piketty, Stiglitz, Krugman – und betreiben unter linkem Vorzeichen eine nächste Hegemonie der Ökonomie, nun der angeblich sozialverträglichen, aber auch sie bieten keinen Geistesfunken außerhalb von Wirtschafts- oder Geldpolitik.
Der letzte Deutsche, dessen Empfinden und Gedenken verwurzelt ist in der geistigen Heroengeschichte von Hamann bis Jünger, von Jakob Böhme bis Nietzsche, von Klopstock bis Celan. Wer davon frei ist, wie die meisten ansässigen Deutschen, die Sozial-Deutschen, die nicht weniger entwurzelt sind als die Millionen Entwurzelten, die sich nun zu ihnen gesellen, der weiß nicht, was kultureller Schmerz sein kann. Ich bin ein Subjekt der Überlieferung, und außerhalb ihrer kann ich nicht existieren. Sie besteht im Übrigen jenseits von Fürstenstaat, Nation, Reichsgründung, Weltkrieg und Vernichtungslager, nichts davon ist in ihr ein- oder vorgegeben, weder Heil noch Unheil trägt sie in sich, um es auszutragen. Zum Missbrauch kann so gut wie alles dienen.

Der letzte Deutsche liest vielleicht Conrad Ferdinand Meyer oder den "Zauberberg" zum dritten Mal in seinem Leben. Er ist süchtig nach deutscher Dichtersprache. "Die Dichtung hat die Aufgabe, die Sprache einer Nation in einigen vollendeten Anwendungen zu zeigen." (Paul Valéry)
Uns wird geraubt die Souveränität, dagegen zu sein. Gegen die immer herrschsüchtiger werdenden politisch-moralischen Konformitäten. Ihre Farbe scheinen parlamentarische Parteien heute ausschließlich in der Causa Schwulenehe zu bekennen. Es ist, als gäbe man mit jeder libertären Bekundung, jeder Weisung politischer Korrektheit Verhaltensbefehle aus, denen die meisten Einwanderer nur nachkommen können, wenn sie sich von ihrem Glauben und Sittengesetz verabschieden und also eine weitere Entwurzelung hinnehmen müssen. Die Überprofilierung von Freiheit, von Zulassen und Gewähren enthält unausgesprochen die Drohung, der Willkommene habe sich säkularisiert zu verhalten oder wenig Chancen, ein integrierter Bürger dieses Landes zu werden.
Umgekehrt bereiten aus der Sicht nicht nur von Heiligen Kriegern die Ungläubigen immerzu alles zu ihrer Verurteilung vor. Sie verzichten auf jede Verteidigung. Als ob ein geheimes Verlangen sie antriebe, das gesamte Ancien Régime der Nüchternheit, der Aufklärung und Emanzipation bald stürzen zu sehen.
Das Gutheißen und Willkommen geschieht derart forciert, dass selbst dem Einfältigsten darin eine Umbenennung, Euphemisierung von Furcht, etwas magisch Unheilabwendendes auffallen muss.
Nun, was kann den Deutschen Besseres passieren, als in ihrem Land eine kräftige Minderheit zu werden?
Oft bringt erst eine intolerante Fremdherrschaft ein Volk zur Selbstbesinnung. Dann erst wird Identität wirklich gebraucht.
Der Irrtum der Rechten: als gäbe es noch Deutsche und Deutsches außerhalb der oberflächlichsten sozialen Bestimmungen. Jenen Raum der Überlieferung von Herder bis Musil wollte noch niemand retten.
Dass Reiche untergehen, zerbrechen, ist unwahrscheinlich geworden; eine Art Fließgleichgewicht der Erde im Sinne kultureller Globalität verhindert es weitgehend; daher verstetigt sich die Doppelansicht von Zerfall und seiner Umdeutung in Vielfalt, von Verlust als Bereicherung. Auf und Nieder sind zu beweglichem Ausgleich, einem geringen Schwanken abgeflacht.
Man hält sich, klammert sich an das Wichtigste, das man hat, hier eine Erzählung von Henry James, dort ein Film von Kubrick, schließlich ein Text vom alten Heidegger.
"Nie wieder werde ich solche Freunde haben!"
Man wird verdrängt nicht mehr von avantgardistischen Nachfolgern, sondern von grundsätzlich amusischen Andersgearteten, Islamisten, Mediasten, Netzwerkern, Begeisterten des Selbst.
Was aber Überlieferung ist, wird eine Lektion, vielleicht die wichtigste, die uns die Gehorsamen des Islam erteilen.
So bleibt dem deutschen Schriftsteller, sofern er ein Schriftsteller des Deutschen ist, nichts anderes, als sich neu zu beheimaten: Zuflucht in die ästhetische Überlieferung zum einen, zum anderen Erdulden ihrer Auslöschung. Palmyra, auch hier. Lange Zeit wird er gezwungen sein, unschlüssig zu sprechen, heteroglott, das eine wie das andere zu sagen und zu meinen. Das Unvereinbare auszuhalten, bis es der Vernunft wehtut.
Hüter und Pfleger der Nation in ihrer ideellen Gestalt zu sein: Glaube fest daran – und du wirst zur komischen Figur!
Religion ist die Furcht des Starken. Doch wer erträgt Furcht als geistige Disziplin und moralische Kraft?
Das Kopftuch sei Zeichen von religiöser Selbstverwirklichung einer Frau, so eine gütige Angehörige der Grünen. Trefflicher kann man sein verständnisvolles Unverständnis nicht in Worte fassen. Man muss eben auch den rituellen Gehorsam in die Sprache der Emanzipation übersetzen.
In islamisch theokratischen Ländern wie Iran sind es wenige (Gelehrte), die den meisten, den Massen, Weisung geben. Bei uns bestimmen Massen und Medien das Niveau der politischen Repräsentanten, die allesamt Ungelehrte in jeder Richtung sind, nicht zuletzt weil Parteizugehörigkeit zwangsläufig Wissen reguliert und im Wesentlichen kein außerdemokratisches aus der Tiefe der Zeit zulässt.
Offenbar frisst sich jede Revolution durch bis zu ihrer Entartung. Der Islamismus könnte den Islam verschlingen.
Beslan – nur eine Erinnerung, Nordossetien, 2004 Geiselnahme von Kindern, Ort der Verstümmelung von allem, was einmal Kampf, Krieg, Eroberung bedeutete. Daher muss man Begriffe schmieden für das Neue wie etwa asymmetrischer Krieg, failed state, jemanden neutralisieren etc. – die morgen schon in neuem Feuer dahinschmelzen.

Was in der Zeitung steht, macht den Anteilnehmenden immer konfuser. Ich lese vom Lynchmord an einer tief religiösen afghanischen Frau. Sie hatte den Handel mit Devotionalien als muslimischen Aberglauben geschmäht und wurde zu Unrecht der Koranverbrennung beschuldigt. Von jungen Männern angefallen, wird sie auf offener Straße geschlagen und zu Tode getreten. Die Menge steht ringsum und filmt mit dem Smartphone die Gräueltat. Hin und wieder unterbricht einer die Videoaufnahme, geht zum Opfer und tritt ihm ins Gesicht.
Wie soll ich das verkraften?
Auf der nächsten Seite wird die Verfolgung einer Bande Rechtsradikaler geschildert, die Brandanschläge gegen Flüchtlingsunterkünfte bundesweit vorbereiten.
Dies alles lesen, dem nackten Entsetzen ausgeliefert, außerstande, es mit kühlen Erwägungen bewältigen zu können. So jedenfalls ergeht es einem noch nicht durch und durch medialisierten Menschen.
Die Mörderkommandos der Assassinen, jener ismailitischen Sekte im Syrien des 12. Jahrhunderts, haben die Seite gewechselt; jetzt sind's die anderen, die radikalen Sunniten und ihr "Islamischer Staat". Ihr Kampf jedenfalls eint ihre Feinde nicht. Und mit der Vertreibung des Schreckens durch Eroberung, gleich dem Einfall der Mongolen einst, ist in unseren Tagen nicht zu rechnen.
Man muss untersuchen, was macht der Druck der Gefahr aus uns – wie verändert er langsam aber unaufhaltsam unsere Prägungen, Vorlieben und Gewohnheiten.
Bekanntlich gibt oder gab es auch in der Schia eine quietistische, mystische Richtung und dagegen eine machtergreifende, äußere. Der Innen/Außen-Streit macht universell vor keiner Lebensform halt.
Die Sorge ist, dass die Flutung des Landes mit Fremden eine Mehrzahl solcher bringt, die ihr Fremdsein auf Dauer bewahren und beschützen. Dem entgegen: Eher wird ein Syrer sich im Deutschen so gut bilden, um eines Tages Achim von Arnims "Die Kronenwächter" für sich zu entdecken, als dass ein gebildeter Deutscher noch wüsste, wer Ephraim der Syrer war. Zuletzt ist es eine Frage der persönlichen Wissbegierde, denn die üblichen Ausbildungsprogramme reichen nicht bis dorthin. Man darf annehmen, dass in puncto Wissbegierde der Syrer sich im Vorteil befindet.
Aber wie will man dem Krieg, falls er uns angetragen wird, ausweichen? Schließlich gehört nicht nur Freiheit, sondern auch Freiheitskampf zu unseren viel beschworenen Werten. Doch zuvörderst melden sich wie immer die Pazifisten zu Wort und erklären: "Deutschland wird jeden Tag weniger. Das finde ich großartig."
Das Niedrigste an diesem Schurken-Wort ist die politisierte Schmerzlosigkeit, mit der man die Selbstaufgabe befürwortet, zum Programm erhebt. Dank der Einwanderung der Entwurzelten wird endlich Schluss sein mit der Nation und einschließlich einer Nationalliteratur. Der sie liebt und ohne sie nicht leben kann, wird folglich seine Hoffnung allein auf ein wiedererstarktes, neu entstehendes "Geheimes Deutschland" richten.
Der Hass Radikaler richtet sich wohl vordergründig gegen die Flüchtlinge – er ist vor allem eine unkontrollierte Reaktion auf das Vakuumempfinden, das "die Politik", wie man heute sagt, der Bevölkerung zumutet. Verantwortliche, die das Ende nicht absehen. Die in täuschende Beschwichtigungen ausweichen. Die Schwäche zeigen. ■

Dank der Einwanderung der Entwurzelten wird endlich Schluss sein mit der Nation und einschließlich einer Nationalliteratur.
Von Strauß, Botho

DER SPIEGEL 41/2015
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