05.07.1999

Der nackte Untertan

Satelliten schauen in Vorgärten, Mikrokameras beäugen Kassiererinnen, Computer belauschen Telefonate, Marktforscher durchleuchten Wohnhäuser, Voyeure schnüffeln im Internet - Little Brother is watching you. Wie harmlos ist die digitale Gesellschaft? Von Uwe Buse und Cordt Schnibben
Als die englische Polizei den Mann suchte, der in London drei Nagelbomben detonieren ließ, fand sie den mutmaßlichen Täter auf den Bändern einer Überwachungskamera.
Als die Nato-Staaten während des Krieges Bilder brauchten von den Massengräbern im Kosovo, lieferten Satelliten metergenaue Fotos.
Als der Sonderermittler Kenneth Starr Beweise suchte für die Verlogenheit des US-Präsidenten, hoffte er sie in den illegal mitgeschnittenen Gesprächen zwischen einer Praktikantin und ihrer Freundin zu finden.
Weil der ostfriesische Windkraftanlagenhersteller Enercon amerikanischen Konkurrenzunternehmen unbequem wurde, lieferte ein US-Geheimdienst abgehörte Firmengeheimnisse.
Weil ein amerikanisches Ehepaar in Connecticut dem Kindermädchen mißtraute, filmte eine versteckte Kamera die Prügel für das Baby.
Weil sich die Lübeckerin Patricia Christoph vor dem Arbeitsgericht über ihre Entlassung wunderte, präsentierte ihr Chef private E-Mails aus ihrem Computer.
Weil der Wirt einer Gaststätte im Kreis Mettmann die Genitalien seiner Gäste so reizvoll fand, klemmte er Mini-Kameras an seine Kloschüsseln und verbreitete die Bilder weltweit im Internet.
In seinem Zukunftsroman "1984" hat George Orwell eine Gesellschaft vorhergesehen, in der "Big Brother" die Untertanen Tag und Nacht nicht aus den Augen läßt. Der Mann hat sich geirrt: Nicht ein großer Bruder wacht über die Menschheit, sondern viele kleine Brüder wachen; nicht zu Überwachungsstaaten entwickeln sich die modernen Gesellschaften, sondern zu Überwachungsgesellschaften - der Ladenbesitzer filmt seine Kassiererinnen, der Fabrikbesitzer überwacht die Umkleidekabinen seiner Arbeiter, Adressenhändler filmen jedes Haus in Großstädten.
Was von Militärforschern in die Welt gesetzt wurde, um potentielle Kriegsgegner auszuschalten, ist nach dem Ende des Kalten Krieges im Elektroladen und per Internet zu bestellen. Mikrokameras in Teddybären beäugen jetzt lieblose Babysitter; das Ortungssystem GPS, entwickelt, um Bodentruppen an die richtigen Kriegsziele zu bringen, dient nun Trekkingtouristen als Navigator; mit Laserabhörsystemen lassen vermögende und mißtrauische Ehemänner ihre Frauen bespitzeln; dank des weltweiten Abhörnetzes Echelon, eingerichtet, um wichtige militärische Entscheidungen zu belauschen, erfahren Unternehmen von Faxen und Telefonaten der Konkurrenzfirmen; um Kreditkartendiebe zu fangen, nutzen Banken die gleiche Computertechnik, die in Waffensystemen eingesetzt wird, um feindliche Ziele aufzuspüren und zu zerstören.
Orwells Schreckensvision mußte in den vergangenen Jahrzehnten immer herhalten, wenn es darum ging, vor Volkszählungen und Überwachungskameras an Straßenkreuzungen, vor Kreditkarten und Scannerkassen in Supermärkten zu warnen. In der erfundenen Welt von "1984" gab es keine Intimsphäre mehr, und es interessierte "nicht Reichtum oder Luxus oder langes Leben oder Glück: nur Macht, reine Macht". Irrtum: In der Welt von 1999 geht es um Reichtum und Luxus und langes Leben und Glück; der Mensch wird von Kameras bewacht, damit er länger leben soll; die Konsumforscher spionieren ihn aus, damit er den Luxus bekommt, den er will; und nicht Machtstreben, sondern Gewinnstreben macht aus der Privatsphäre ein Objekt der Begierde für große Augen und große Ohren.
Deutschlands größte Elektronikhändler, die Conrads aus Hirschau, melden in diesem Jahr "einen erfreulichen Anstieg beim Vertrieb von Überwachungsanlagen"; der Bundesverband Deutscher Wach- und Sicherheitsunternehmen spricht von einem "Boom"; und auch ein Kleinhändler wie Stefan Gmyrek verdient gutes Geld mit dem Wunsch seiner Mitmenschen nach umfassender Kontrolle über das eigene Leben und über das anderer.
Gmyrek verschickt aus seiner Leipziger Wohnung Minikameras, Wanzen, Wanzenaufspürgeräte und Wanzenstörgeräte. Mit seiner eigenen Minikamera hat der 31jährige in Tschechien über Menschenschmuggler triumphiert und sie heimlich gefilmt, er hat Mikrofone in fremden Wohnungen installiert, die monatelang problemlos sendeten.
Die Kameras kosten ein paar hundert Mark, nehmen noch durchs Knopfloch auf, senden drahtlos und in Farbe. Ein Körperschallsender kostet 1549 Mark. Für 25 000 Mark gibt es Laser, die Schwingungen von Fensterscheiben benutzen, um Gespräche in einem Zimmer aufzuzeichnen. Und wenn der zu bespitzelnde Raum am anderen Ende der Welt liegt, kauft man für 149 Mark eine Webcam, klemmt ein Modem dran, wählt sich ins Internet ein, und schon kann man am Computer sehen, was der Hausmeister nachts in der Ferienwohnung in der Karibik treibt.
Über tausend Webcams beliefern inzwischen Internet-Voyeure mit Bildern aus Schlafzimmern und Küchen; und Dutzende Minikameras füttern das Internet mit Bildern aus Kloschüsseln rund um den Globus.
In den Zimmern eines Hamburger Bordells entdeckte die Polizei versteckte Minikameras. Sie klebten hinter Bildern an der Wand und filmten durch ein millimetergroßes Loch in der Leinwand. Im Keller des Puffs stand die Überwachungszentrale.
Über die Hälfte der 16 600 deutschen Tankstellen ist mit Videokameras ausgerüstet, jede Bank und jede Sparkasse hat mehrere, im Frankfurter Hauptbahnhof kontrollieren rund 120 Kameras die Wartenden.
Bereits 300 000 Überwachungskameras sollen in Deutschland ein Auge auf die Deutschen haben. Vielleicht sind es auch 400 000. Sie hängen in Banken, in Rathäusern, Gerichten, in Casinos, Spielhallen, Tankstellen, Fabriken, Büros, Supermärkten und Polizeiwachen.
"Diskrete Überwachung" nennt Horst Piechowiak die Vergesellschaftung der Privatsphäre, und er ist stolz auf diesen Begriff: "Den hab'' ich mir sogar schützen lassen." Der Hamburger Unternehmer verdient sein Geld mit dem Verstecken von Kameras in Umkleidekabinen, über Ladenkassen und sonstwo, vor allem im Auftrag von Firmen. Der Hamburger Datenschutzbeauftragte Hans-Hermann Schrader nennt das gesetzwidrig. Piechowiak nennt es freie Marktwirtschaft: "Sollen doch die klagen, die beim Griff in die Kasse erwischt werden."
Was die versteckten Kameras filmen, ist peinlich für die Opfer und amüsant für die Fernsehzuschauer, denen die Fundstücke in Shows wie "Life! Total verrückt" gelegentlich präsentiert werden: Von Überwachungskameras gefilmt wurde der Angestellte, der seinem Boß in den Kaffee pinkelt, der Schlachter, der ins Hackfleisch spuckt, und die Sekretärin, die ihren nackten Hintern kopiert.
Inzwischen leben Menschen davon, sich Tag und Nacht filmen zu lassen und die Bilder übers Internet zu verbreiten. Die Frauen im Watchcam-Haus bei Orlando (Florida) lassen sich sogar von mehr als 20 Kameras beobachten.
Nirgendwo registrieren mehr Kameras mehr Unappetitliches, mehr Peinliches und mehr Kriminelle als in Großbritannien (siehe Seite 122). Kein Land der Welt besitzt eine höhere Kameradichte pro Kopf, in keinem anderen Land nutzen Verbrechensbekämpfer Videoaufnahmen so regelmäßig und so erfolgreich. Schon 1993 wurden die minderjährigen Mörder eines Zweijährigen in Liverpool durch Überwachungskameras identifiziert.
In Deutschland fahren seit dem vergangenen Jahr Busse der niedersächsischen Firma Tele-Info durch die Straßen deutscher Städte, 8 Kameras auf jedem Dach, jede schießt 50 Bilder pro Sekunde. Zusammen mit dem Grünflächenkataster, dem Straßenkataster, dem Liegenschaftsregister, Flächennutzungsplänen und Bebauungsplänen landen die Aufnahmen der Häuser im "City-Server", einer Datenbank, die Tele-Info auf der Cebit in Hannover vorstellte. Joachim Jacob, der Bundesbeauftragte für den Datenschutz, hält das Projekt für "gesetzwidrig". Die Firma, die unter Datenschützern als "extrem klagefreudig" bekannt ist, zog vor Gericht und verbot Jacob den Mund.
Die Gründer von Tele-Info sind nicht Gesandte von Außerirdischen, sie sind auch keine Handlanger von Terroristen oder Kidnappern. Sie sind Unternehmer, die begriffen haben, daß Daten eine einträgliche Ware sind, ein Rohstoff wie Öl oder Kokain. Und Daten über Konsumenten sind wie Gold: Bis zu 15 Mark kostet eine Konsumentenadresse, wenn ein Unternehmen bei einem Adressenhändler Dateien von Hundefutterkäufern, Alarmanlageninteressenten oder Porno-Liebhabern erwerben will.
60 Millionen Adressen mit einer Milliarde Daten hat Deutschlands größer privater Datensammler in seinen Rechnern. Sie stehen in der Kleinstadt Ditzingen bei Stuttgart, von hier regiert Arnold Steinke sein Konsumentenimperium. Für Verbraucherschützer ist er so etwas wie das personifizierte Böse. Steinke ist Geschäftsführer der Schober Direktmarketing GmbH, Interviews gibt er selten. Wenn doch, sitzt er hinter seinem beige Konferenztisch, lächelt unverbindlich und sagt zur Begrüßung, "daß man uns ja doch nur mißverstehen will". Mit "uns" meint Steinke die 1300 registrierten Adressenhändler Deutschlands, die viele für die Wegelagerer der digitalen Gesellschaft halten. Steinke und die anderen Adressenhändler arbeiten mit Hochdruck an einer digitalen Karte der Konsumgesellschaft im Maßstab eins zu eins.
Schon heute kennt Steinke 90 Prozent der Deutschen. Er weiß, wer ein Garagenparker ist, wer lieber für die Deutsche Kriegsgräberfürsorge spendet statt für Greenpeace, er weiß, wer in der Familie die Hosen anhat, wer geizig ist oder arm genug, um mit Frau und Kindern eine Nacht in einer Jugendherberge zu schlafen; er kann sehen, wer seinen Mercedes bar bezahlt und wer sich für den Stern auf der Haube ruiniert. Doch Steinke möchte mehr wissen. Steinke will jeden kaufkräftigen Deutschen kennen und auch jeden armen Schlucker, "denn für jeden gibt es ein Produkt".
Aus diesem Grund schickt Steinke seine Völkerkundler aus, die alles plündern, was Information verspricht. Telefonbücher, Zeitungsanzeigen, Aushänge in Behörden, Messekataloge, Einwohnermeldeämter, repräsentative Umfragen, Luftbilder. Und wenn er nicht weiterkommt, schickt er den Leuten Fragebögen ins Haus, verspricht ihnen den Hauptgewinn im Preisausschreiben und läßt sie 125 Fragen über ihre Konsumgewohnheiten und Kaufabsichten beantworten.
1,5 Millionen antworteten bisher und gestatten Steinke nun, ein wenig tiefer in die Seele des deutschen Konsumenten zu blicken. Als die Verbraucherzentralen von der Umfrage erfuhren, schrien sie laut auf, aber alles, was sie zu hören bekamen, war ein lapidarer Satz des Geschäftsführers von Schober: "Wir wollten die Schmerzgrenze der Deutschen testen." An dieser Grenze patrouilliert Steinke mit seinen Hundertschaften weiter, um am Ende das große Ziel zu erreichen: jeden Deutschen, jede Deutsche in eine eigene Zelle zu sperren.
"Eine Zelle ist von einer homogenen Gruppe bevölkert", erklärt Steinke. Zum Beispiel ein Haus voller Pamperskäufer. Das ist eine genau umrissene Gruppe, die sich sehr gut "bewerben läßt". Aber noch genauer trifft Werbung, wenn man jedes Mitglied der Gruppe, jeden Pamperskäufer kennt. Weiß Steinke, ob er ein Frühkäufer ist, einer, der eine neue Pampers mit perfekterem Auslaufschutz sofort nach der Markteinführung kauft, kann er ihn in seine eigene Zelle stecken und vor der Markteinführung der Windelvariante mit Werbung eindecken. Kauft der Mann oder die Frau ein neues Produkt erst, wenn der Nachbar es ausprobiert hat, schenkt sich Steinke die Frühwerbung und attackiert erst nach ein paar Monaten.
Wie eng die Zellen der Deutschen zur Zeit sind, mag Steinke nicht sagen. Datenschützer schätzen, daß es zumindest einzelne Blocks sind, die in den nächsten fünf oder zehn Jahren in Isolationszellen aufgeteilt werden. "Neuronale Netze sind wirklich eine tolle Sache", schwärmt Steinke.
Neuronale Netze sind Computerprogramme, die so tun, als wären sie ein Gehirn: Sie sind das mächtigste Werkzeug der Datenhändler. "Man kippt einfach jede Menge Fakten in den Rechner und wartet, was am Ende rauskommt." Was das ist, kann keiner bei Schober voraussagen. "Die Maschinen sind so leistungsfähig, sie stellen Zusammenhänge her, wo eigentlich keine sind", freut sich Steinke. In seinem Unternehmen steht ein digitales Perpetuum mobile, ein Computer, der aus Daten neue Daten gewinnt. "Data-mining nennen das die Amerikaner", sagt Steinke und fügt neidisch hinzu: "Die sind sowieso viel weiter als wir hier." Für amerikanische Dataminer ist Deutschland nur ein Entwicklungsland mit tollen ISDN-Leitungen. Deutschland steckt in einer Art digitalem Mittelalter fest, in dem Aberglaube und böse Geister herrschen.
Vor allem große Handelskonzerne und Dienstleistungsunternehmen arbeiten emsig an der Modernisierung: Sie geben Kundenkarten aus, um dem anonymen Heer ihrer Konsumenten Gesichter und Datenprofile zu geben. Karstadt, Ikea, Görtz und andere Firmen sammeln von inzwischen über acht Millionen Deutschen Daten über deren Kaufverhalten. "Auch wenn es keiner ausspricht", sagt der Geschäftsführer der Software-Firma SqribeTechnologies, die Programme zur Aufbereitung der Konsumentendatenflut entwickelt hat, "das Ziel ist der gläserne Kunde, dessen Bedarf, Finanzkraft und Einkaufsgewohnheiten die Anbieter möglichst genau kennenlernen wollen".
Der Konkurrenzkampf zwingt die Unternehmen, immer mehr Daten über die Staatsbürger und ihre Vorlieben zu sammeln. Fluggesellschaften speichern Informationen über ihre Passagiere, um sie durch Vielfliegerprogramme an sich zu binden; das "Computer-Assisted Passenger Screening" prüft seit Anfang vergangenen Jahres in den USA allerdings auch, ob ein Kunde oft in arabische Länder fliegt - dann besteht Terrorismusverdacht, und die Gepäckkontrolle fällt zukünftig bei ihm besonders gründlich aus.
Die Buchungsinformationen des internationalen Luftverkehrs werden zu Bewegungsprofilen aller möglichen Personen verarbeitet. Schon vor zehn Jahren wollte das FBI den Zugriff auf alle staatlichen und privaten Datenbanken der USA gesetzlich durchdrücken; der Kongreß lehnte ab. Weil seitdem jedoch immer mehr Behörden aus Geldknappheit Datenpakete an Unternehmen und Datenhändler verkaufen, kann das FBI diese damals verweigerten Einblicke inzwischen mühelos zusammenkaufen.
Jeder kann es: Für eine Gebühr von 9 Dollar besorgen US-Firmen wie "Informus" die Schulzeugnisse jeder gewünschten Person, für 10 Dollar gibt es eine Übersicht über die Finanzlage des Chefs, inklusive des Kredits fürs Auto und der Höhe seiner monatlichen Raten. 11 Dollar verlangt Informus für die Beurteilungen früherer Arbeitgeber, 160 Dollar kostet eine fünfseitige Akte, die ein ganzes Leben von der Geburt bis zur Gegenwart umfaßt, Straftaten eingeschlossen. Geliefert und abgerechnet wird online. Auskunft gibt Informus allen, die vorgeben, ein Geschäft zu besitzen, eine Adresse, einen Internetanschluß und eine Kreditkarte.
So weit ist es heute noch nicht in Deutschland. Heute führt die "Gesellschaft für Zahlungssysteme" nur Schattenkonten für Kreditkartenbesitzer und läßt Polizisten da reinschauen, wenn es sein muß. Heute legen Detekteien in ganz Deutschland Datenbanken an, in denen sie speichern, wer betrogen, geschlagen, mißbraucht wurde und wer angeblich betrogen, geschlagen, mißbraucht hat. "Früher fand die Polizei in Detekteien einen Block voller Notizen", erinnert sich Helmut Bäumler, Datenschutzbeauftragter von Schleswig-Holstein, "heute kann sie sich über ganze Dossiers freuen, säuberlich gespeichert, die ihr eine Menge Arbeit ersparen."
Die Liste der öffentlichen und privaten Datenbanken, in denen ein Deutscher von Geburt an Spuren hinterläßt, ist schwindelerregend lang: Die Ankunft eines neuen Konsumenten und Staatsbürgers registrieren Kindernahrungshersteller ebenso wie Meldeämter; Daten über Wohnsitz, Schulleistungen, Führerschein, Paß, Sozialversicherung, Vorstrafen, Steuerzahlungen, Familienstand und Rentenansprüche sammeln sich in öffentlicher Hand; Daten über Bankkonten, Kreditkarten, Versicherungen, Arbeitsstellen, Wohnverhältnisse, Konsumverhalten, Eigentum, Reisen und Krankheiten türmen sich in privaten Datenbanken. Jeder Bundesbürger über 18 Jahre ist durchschnittlich in 52 kommerziellen Datenbanken erfaßt.
Ein Drittel aller Deutschen geht davon aus, daß ihre persönlichen Daten einmal oder mehrmals mißbraucht worden sind. 60 Prozent glauben, daß sie von Adreßhändlern erfaßt sind, weil sie plötzlich ihre persönliche "Millionärskarte mit der Chance zur Verdopplung des Super-Gewinns" im Briefkasten finden oder ihnen eine monatliche Zusatzrente von 5100 Mark versprochen wird.
Solange die Datenbanken hübsch getrennt bleiben und die Datenschutzgesetze beachtet werden, hat keiner Grund zur Besorgnis. Menschengruppen allerdings, die unter Sonderbeobachtung des Staates stehen, wie Sozialhilfeempfänger, Asylbewerber, Prostituierte, Vorbestrafte und Extremisten, müssen damit rechnen, daß ihre Daten vernetzt werden. Und da kann es schon mal Probleme geben.
In Hessen wurden Verfassungsschützer gerügt, weil sie Daten zu lange speicherten. In Bayern steht jeder zehnte Bürger in den elektronischen Akten der Verbrechensbekämpfer, jeder hundertste landet dort, nach einer Stichprobe des Landesdatenschutzbeauftragten, ohne Tatverdacht. Bei dem Rest finden sich häufig seltsame Kürzel wie ANST für Ansteckungsgefahr oder GEKR für geisteskrank. Eine Frau geriet auf die Festplatte des Polizeicomputers, weil sie eine "auffällige Person" war, "die im Rahmen der vorbeugenden Verbrechensbekämpfung ohne konkreten Tatverdacht" gespeichert wurde. Die Auffälligkeit, die Beamte eine Gefahr wittern ließ, war ein Schwächeanfall, hervorgerufen durch eine entzündete Bauchspeicheldrüse.
Das prominenteste Opfer bayerischer Datensammler ist die Sozialministerin des Freistaates. Im Herbst 1997 wurde bekannt, daß Barbara Stamm seit 1991 wegen angeblicher Rechtsbeugung in den Computern gespeichert war. Die Ministerin dementierte empört. Es stellte sich heraus, daß sie sechs Jahre lang ohne Tatverdacht in den digitalen Akten geführt worden war. Innenminister Günther Beckstein mußte sich entschuldigen und ließ seinen Sprecher eine "polizeiliche Todsünde" eingestehen.
Der hessische Datenschutzbeauftragte Rainer Hamm kritisiert, daß sich die Strafprozeßordnung zu einem "Warenkatalog für Eingriffsbefugnisse" entwickelt habe. Innerhalb eines Jahres, von 1995 bis 1996, stieg die Zahl der Telefonüberwachungen allein im Netz der Telekom von 3667 auf 4674. Von 1996 auf 1997 stieg die Zahl aller Telefonüberwachungen um weitere 10,7 Prozent. Wie viele Telefonate abgehört wurden, steht in keiner Statistik.
Mitschuld an dieser Situation tragen die Richter, die den Fahndern das Abhören fast immer erlauben, weil sie die Fälle in der Regel kaum kennen, sie auch kaum wieder auf den Tisch bekommen und eher mit Staatsanwälten sympathisieren als mit Verdächtigen. Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin ist das mittlerweile zuviel. Sie verlangt, "daß das strafprozessuale Abhören wieder auf ein rechtsstaatlich vertretbares Maß zurückgeführt" werden müsse.
Auf Beschluß der Länder hin wurde auf "eine systematische Erhebung des Erfolges" von Abhörmaßnahmen verzichtet, weil das zu "rechtspolitisch unerwünschten Konsequenzen" führen würde. Auf deutsch: Wenn belegt werden müsse, wie erfolgreich oder erfolglos die Überwachungen sind, ließen sich neue Befugnisse nur schwer durchsetzen.
Das digitalisierte Telefonnetz der Bundesrepublik erleichtert die Schnüffelei: Rechner prüfen in ein paar Stunden die Gespräche der letzten Tage und präsentieren dann die Nummern der Telefone und die Länge der Gespräche.
Möglich wird das großflächige Abhören und das Katalogisieren ganzer Nationen durch die Digitalisierung der Welt. Was 1941 in einer Berliner Wohnung begann und verständnislos belächelt wurde, beherrscht heute immer größere Teile des gesellschaftlichen und privaten Lebens. Wer telefoniert, faxt, telext, wer sich sein Geld am Automaten zieht, wer im Internet surft, E-Mail schreibt und chattet, wer an Preisausschreiben teilnimmt, wer eine Flugreise bucht und Grenzen überschreitet, wer eine Zeitschrift abonniert, sich vom Arzt eine Salbe verschreiben läßt, wer zu schnell fährt oder falsch parkt, wer einfach nur in seiner Wohnung wohnt, hinterläßt ein paar unscheinbare Bits in einer Datenbank.
Auf vielen Festplatten sammelt sich eine ganz neue Generation von Daten. Körpereigene Merkmale, gespeichert als biometrische Daten, gelten als Schlüssel für sicheren elektronischen Handel. Statt ein Paßwort einzutippen, gewährt das eigene Gesicht oder der Scan der Iris oder ein elektronischer Fingerabdruck Zugang zum Bankkonto oder zu Sicherheitszonen. Die Marktforscher von Frost & Sullivan rechnen in Europa mit einer jährlichen Wachstumsrate des Biometrie-Marktes von zehn Prozent. Und Microsoft-Boß Bill Gates ist überzeugt, daß "Biometrie die wichtigste Computer-Innovation in den nächsten Jahren sein wird".
Weil immer mehr Menschen immer mehr Bausteine ihres Lebens auf immer mehr Computern hinterlassen, werden auf allen Kontinenten Informationsgebirge aufgeschüttet, die von Unternehmern und Regierenden kartographiert und ausgebeutet werden.
Das alles ist ungefährlich und höchstens lästig, solange die Datenbanken nur benutzt werden, um den Menschen die Briefkästen mit Werbebriefen vollzustopfen, um ihnen Freiflüge zu schenken und um sie vor Terroristen zu schützen. Doch seit Orwell der Menschheit prophezeit hat, die Überwachungstechnik werde sich gegen sie wenden, sind es besonders Schriftsteller und Filmemacher, die immer wieder die Angst vor der totalen Überwachung in Szene setzen.
Hollywood weiß, wovor sich Menschen fürchten, und hat deshalb in den letzten Jahren Millionen Kinobesucher immer wieder vor der Hauptgefahr der modernen Zivilisation gewarnt: Böse Mächte nutzen die Möglichkeiten der digitalisierten Welt, um reich zu werden und Tod und Verbrechen zu verbreiten. In "Matrix", seit dem 17. Juni auf deutschen Kinoleinwänden zu sehen, ist es ein weltumspannendes Computersystem, das die Menschen so perfekt versklavt, täuscht und überwacht, daß sie glücklich und ahnungslos leben. Sie genießen die Freuden der schönen neuen Technik, und nur eine Handvoll von Schlaumeiern durchschaut den digitalen Totalitarismus.
In "Das Netz" wird Sandra Bullock durch die Manipulation von Datenbanken ihre Persönlichkeit geraubt, weil sie der Computermafia auf der Spur ist; in der "Truman Show" ist Jim Carrey den allgegenwärtigen Überwachungskameras eines Big Brother ausgeliefert, weil der sein Leben weltweit als Soap-Opera vermarktet; in "Staatsfeind Nr. 1" gerät Will Smith als Rechtsanwalt in das Visier einer Organisation, die all das an Überwachungstechnik gegen ihn einsetzt, was die moderne Welt zu bieten hat: Satelliten verfolgen jeden seiner Schritte; Mikrokameras beäugen jedes Zimmer seines Hauses; Überwachungskameras in Läden, Tankstellen und Straßentunneln liefern Bilder von seinen Begegnungen mit Bekannten und seiner Geliebten; und Manipulationen an diversen Datenbanken machen den vermögenden Familienvater zu einem armen, einsamen Mann, der keinen Job mehr hat, keine Frau und keine Kreditkarten.
Die allmächtige bitterböse Organisation, die im Film hinter dieser digitalen Vernichtungsaktion steckt, heißt "National Security Agency" (NSA) und ist im wahren Leben der geheimnisvollste Geheimdienst der USA. Lange Zeit war über die NSA nicht mehr bekannt, als daß der Dienst keiner parlamentarischen Kontrolle unterliegt, daß er keinen anständigen Haushalt besitzt, aber trotzdem 27 Milliarden Mark im Jahr ausgibt, daß er jährlich 24 000 Tonnen streng geheime Akten produziert und daß er jeden Tag 40 Tonnen Akten schreddert.
Heute ist bekannt, daß die NSA die Welt belauscht. 1996 veröffentlichte der neuseeländische Journalist Nicky Hager sein Buch "Secret Power", in dem Angestellte der NSA anonym Auskunft gaben über die Möglichkeiten des Dienstes, weil sie Angst hatten vor dem Mißbrauch der Macht und des Wissens, das auf dem 400 Hektar großen Gelände in Fort Meade, Maryland, gesammelt wird.
Unter dem Codenamen Echelon scannt die NSA seit Anfang der achtziger Jahre alle Telefonate, alle Faxe, alle E-Mails, alle Telexe, die über internationale Telekommunikationssatelliten, regionale Satelliten, Kabel und Mikrowellentürme gesendet werden. Computerprogramme durchkämmen die Datenschwemme nach verdächtigen Begriffen, Namen und Nummern und sortieren aus dem Weltlärm die Gespräche aus, die für Geheimdienste, Polizeibehörden und Regierungsstellen von Bedeutung sein können.
Eine der Abhörstationen steht im bayerischen Bad Aibling und hört geostationäre Sigint-Satelliten ab, die auf Radarsignale spezialisiert sind. Was genau in Bad Aibling passiert, weiß nicht einmal der Bundesnachrichtendienst. Insider sagen, daß die Überwachungsanlagen nicht mehr nach Osten, sondern ins europäische Inland zielen, um dort die Wirtschaft auszuspionieren (SPIEGEL 13/1999).
Wem Hollywood-Filme zu verschwörerisch und zu unglaubwürdig erscheinen, der kann im Buch des kanadischen Politologen Reg Whitaker, "Das Ende der Privatheit", nachlesen, was in Filmen wie "Staatsfeind Nr. 1" Fiktion ist und was Wirklichkeit*. Whitaker hat all das zusammengetragen, was sich inzwischen zum globalen Netz der Überwachung verknüpft hat. Sein Ergebnis: "Unsere Datenprofile entziehen sich weitgehend unserer Kontrolle, doch sie können unsere wahre Persönlichkeit überschatten und unterdrücken." Seine Frage: "Warum erhebt die Öffentlichkeit so relativ wenig Einspruch gegen das Vordringen der neuen Überwachungstechnologien in die Privatsphäre des einzelnen?"
Eine Antwort darauf hat der Amerikaner Bronti Kelly nicht, aber er weiß, wie es ist, wenn der eigene Datenschatten mächtiger wird als man selbst. Er stand an der Theke eines Comedy-Clubs in Los Angeles und lachte, als sein Datenschatten sich davonmachte: Kelly sah nicht, wie jemand seine Brieftasche von der Theke nahm, er merkte es nicht, bis er sein Bier bezahlen wollte, und er ahnte nicht, daß der Verlust von vier Dollar in Scheinen, des Führerscheins und des Sozialversicherungsausweises in einer digitalen Gesellschaft lebensgefährlich ist. Er zeigte den Diebstahl an, kaufte sich ein neues Portemonnaie und vergaß die ganze Angelegenheit. Zwei Monate später begann der Alptraum.
Erst verlor er den Job, dann seine Wohnung. Bronti Kelly, Ex-Mitglied der amerikanischen Streitkräfte, Ex-"Angestellter des Monats" des May Department Stores
* Aus dem Englischen von Inge Leipold. Antje Kunstmann Verlag; 260 Seiten; 38 Mark.
in Riverside, Kalifornien, wurde obdachlos. Aber das war nicht das Schlimmste. "Das Schlimmste war, daß ich keine Ahnung hatte, wieso das alles passierte."
Die letzte klare Antwort, die Kelly vor seinem Absturz gegeben wurde, stammte von seiner Chefin im May Department Store: "Sie sind fristlos entlassen, weil sie in einer anderen Filiale beim Klauen erwischt wurden." Kelly gab ihr eine Erklärung der US-Luftstreitkräfte, die ihn freisprach. An dem Tag, zu der Stunde, als er angeblich als Dieb festgenommen worden war, hatte er auf der March Air Force Base in Riverside eine KC-10 aufgetankt. Seine Chefin blieb bei ihrer Entscheidung.
Nach drei Jahren in den Straßen von Los Angeles und vielen erfolglosen Bewerbungen erfuhr Kelly von einem netten Arbeitgeber, der ihn mal wieder nicht einstellen wollte, was los war: Bei einer Firma namens "Stores Protective Association" war "Bronti Kelly" als Ladendieb gespeichert, und die SPA hatte diese Information an alle Arbeitgeber weitergegeben, die sich bei ihr nach Kelly erkundigt hatten.
Aber Kelly war kein Ladendieb. Der Mann, der ihm im "Comedy-Store" in Los Angeles die Brieftasche gestohlen hatte, war der Dieb und hatte nach seiner Festnahme Kellys Namen und Geburtsdatum angegeben. Die Polizei hatte die Information ungeprüft gespeichert, die SPA hatte sie ungeprüft weitergegeben.
Kelly verlangte, daß die Einträge gelöscht werden. Die Antwort der Polizei in Riverside: "Das ist unmöglich. Falls der Täter noch einmal Ihren Namen benutzt, brauchen wir diese Angaben." Kelly wollte den Dieb verklagen. Die Polizei: "Das können Sie nicht. Das einzige Vergehen des Diebes ist, einen Cop angelogen zu haben." Dann gab ein Polizist Kelly ein Formular, das bestätigte, daß er nicht vorbestraft sei. "Wie lange muß ich das bei mir tragen?" Die Antwort des Polizisten: "Für den Rest Ihres Lebens."
Bronti Kelly hat seinen Namen geändert. Er ist immer noch arbeitslos.
Die Digitalisierung der Gesellschaft begann als großes Versprechen. Sie sollte das Leben bequemer machen, die Welt gerechter und den Alltag transparenter. Aber wer liest schon die Gebrauchsanweisung seines neuen Anrufbeantworters so genau, um zu erfahren, daß er sich zur Raumüberwachung eignet; wer mag sich nach Feierabend durch alle Paragraphen des Telekommunikationsgesetzes quälen, um zu erfahren, was der Staat mit jedem privaten Telefonanschluß alles treiben darf; wem fällt schon ein, daß er den Kreditkartenbeleg zerknüllt im Ascher der Pizzeria hat liegenlassen und deswegen auf seiner Monatsabrechnung obskure Firmen auftauchen. Wer hat schon die Lust und die Zeit, sich mit diesem ganzen Kram zu beschäftigen?
Der Brite Steve Wright tat es im Auftrag der EU. Er fand in Forschungslaboren Kakerlaken mit implantierten Mikroprozessoren, er lernte die Funktionsweise von Geruchsidentifizierungsgeräten, von Netzhaut, Finger- und Gesichtsscans, er verbrachte Zeit mit Memex, einem Programm, das Zugriff auf Hunderte öffentlicher Datenbanken hat und das Leben eines Menschen in Minuten rekonstruiert. Wright kam zu dem Schluß, daß es angesichts der gefährdeten Bürgerrechte dringend notwendig ist, innerhalb der EU die Entwicklung der Gesetze der Entwicklung der Überwachungsgeräte anzupassen.
Sie könnten nur warnen und empfehlen, antworten die hauptberuflichen Datenschützer der Länder und des Bundes auf diese Forderung. Sie müssen sich schon freuen, wenn es ihnen gelingt, das Speichern von Daten von fünf auf drei Jahre zu senken.
Gegen die Übergriffe staatlicher Datenjunkies können sie wenigstens etwas tun, gegen die Sammelwut privater Datenjäger schon weniger. Private Datenbanken entwickelten sich "wildwüchsig", kritisierten die Datenschutzbeauftragten von Berlin, Nordrhein-Westfalen, Bremen, Schleswig-Holstein und Brandenburg im November letzten Jahres in einer Zehn-Punkte-Liste "zum wirksameren Schutz der Privatsphäre". Der Bundesbeauftragte Joachim Jacob fordert in seinem jüngsten Jahresbericht, wenigstens den Adressenhandel und die Verwendung von Videobildern durch private Überwachungskameras gesetzlich zu regeln. Und er sorgt sich, wie sein hessischer Kollege, um die zunehmende Rolle von privaten Sicherheitsdiensten, die Personendossiers anlegen, verdeckte Ermittlungen betreiben und Videoaufnahmen archivieren.
Vor sich selbst, sagt Jacob, könne man den Bürger allerdings nicht schützen, und meint damit die Leichtfertigkeit, mit der sich viele Deutsche selbst entblößen. Wer Auskunft darüber gibt, ob er sich eine Alarmanlage anschaffen will und welchen Möbelstil er bevorzugt, um vielleicht einen Videorecorder zu gewinnen, beweist sein Urvertrauen in das Gute im Menschen.
Ein sicherer Weg, das eigene Leben zu ruinieren, ist der unverschlüsselte Online-Kauf mit der Kreditkarte. "Wer das tut, kann gleich Blankoschecks in der Fußgängerzone verteilen", urteilt Stefan Kelm vom Deutschen Forschungs-Netzwerk in Hamburg.
Das Internet, einst entwickelt als dezentrales Kommunikationsnetz, ist zum Guckloch in die Privatsphäre von Millionen Computernutzern geworden. Wofür man sonst Wanzen und Detektive brauchte, reichen nun Tastatur und Mausklick: Die Suchprogramme liefern E-Mail-Adressen, Kleinanzeigen und Diskussionsbeiträge von fast jedem ahnungslosen Internet-Bürger.
Der Internet-Service Dejanews beispielsweise durchstöbert seit 1995 alle Wortmeldungen in mehr als 50 000 Debattierclubs des Internets und spuckt auf Knopfdruck eine Liste mit allen Beiträgen des Opfers aus, geordnet nach Themen. Jeder kann so erfahren, daß Robert Dreher (Name geändert) die Spice Girls liebt, seinen Golf verkaufen will, einen neuen Job sucht und seinen Chef haßt.
Jeder kann einen Nachsendeantrag für jedermann bei der Post stellen, man muß nur einen Brief mit der neuen Adresse hinterlegen. Und kurze Zeit später liegt die Kreditkartenabrechnung nicht mehr im Briefkasten von Dreher, sondern auf dem Tisch des Identitätsdiebs. Der bucht im Internet ein Jahresabo im Voyeur-Club und kauft schöne und teure Computerprogramme. Bezahlt wird online, mit der Nummer von der Kreditkartenabrechnung, eine Unterschrift ist nicht nötig, ein Foto auch nicht. Und der Chef bekommt eine anonyme E-Mail, die ihm mitteilt, daß Robert Dreher ihn für einen "alten Sack" hält.
Weil es so ertragreich ist, per Internet in der Privatsphäre der Bürger herumzuschnüffeln, bieten Firmen wie "CPS Krohn" Fahndungen im weltumspannenden Netz an. Sortiert nach Kategorien wie "Betrug", "Diebstahl", "Brandstiftung" und "Tötung", hilft das "Europäische Sicherheits-Informations-System" bei der Fahndung nach Personen und Diebesgut. Bereits im November 1996 hat eine internationale Arbeitsgruppe der Datenschützer die datenrechtliche Kontrolle des Internet als "unzureichend" kritisiert. Ohne Folgen.
Nicht nur Privatpersonen sind Opfer ihrer Computerpost. Microsoft-Boß Bill Gates kämpft seit Monaten vor Gericht gegen die Zerschlagung seines Konzerns, nachdem die Ankläger Dutzende belastender Memos auf den Festplatten der Firmenrechner fanden. Oberstleutnant Oliver North und anderen Beamten der Reagan-Administration wurde in der Iran-Contra-Affäre die gespeicherte E-Mail-Korrespondenz zum Verhängnis. Und im Kosovo-Krieg entdeckten die US-Militärs mit Schrecken Sicherheitslecks auf sechs Kriegsschiffen, die im Mittelmeer kreuzten.
Die Besatzungen waren per E-Mail erreichbar, serbische Sympathisanten schrieben ihnen unter falschen Identitäten elektronische Briefe und erhielten Informationen, die nicht für sie bestimmt waren. Der Kapitän des Landungsschiffes USS Nashville kappte verstört die Leitungen: "In der gegenwärtigen Situation hat es mehrfach Verstöße gegen Sicherheitsbestimmungen gegeben. Deshalb ist der E-Mail-Verkehr jetzt auf eingehende Nachrichten beschränkt."
Schon seit einiger Zeit beunruhigt das US-Verteidigungsministerium die Sorge, durch "Data-mining" könnten feindliche Experten aus den vielen nicht geheimen Informationen auf den vielen Web-Sites der Militärs gefährliche Rückschlüsse ziehen. Es sei ein Fehler gewesen, gab der stellvertretende US-Verteidigungsminister John Hamre zu bedenken, die Veröffentlichungen der Militärs im Internet PR-Leuten überlassen und Sicherheitsrisiken unterschätzt zu haben. Noch gefährlicher sei allerdings der unkontrollierte Verkauf von Software, mit der man mühelos in militärisch empfindliche Systeme vordringen könne. Hamre: "Die beste Möglichkeit, die USA anzugreifen, ist, bei jemandem Kunde zu werden."
Daß Daten im Krieg zu Waffen werden und man dumm dasteht, wenn man keine eigenen hat, ist den europäischen Nato-Ländern in den Wochen des Kosovo-Krieges besonders bewußt geworden. Die in Jahrzehnten perfektionierte Überwachungstechnik macht die USA zum Big Brother der Kampfgemeinschaft, die anderen 18 Staaten sind politisch und militärisch davon abhängig, welche geheimen Informationen die US-Militärs ihnen gnädigerweise geben. "Die Amis zeigen uns längst nicht alles, was sie haben", beklagte sich kurz nach Kriegsbeginn ein Bundeswehrgeneral.
Nicht nur über die Kriegsbilder, aufgenommen während der Bombenabwürfe, bestimmen die US-Generäle, auch die Geheiminformationen über Taten und Pläne des Kriegsgegners monopolisieren die Amerikaner.
Wann Milosevic weitere Vertreibungen plante, ob er Giftgas gegen Bodentruppen einsetzen wollte, wie viele serbische Panzer im Kosovo waren, wie erfolgreich die nächtlichen Luftschläge waren - Informationen dieser Art liefert das Überwachungsnetz vor allem den USA, diese Daten bestimmen aber die Strategie aller Nato-Staaten.
Ob Saddam Hussein neue Giftgasfabriken hat, ob Gaddafi wieder Terroristencamps im Land duldet, ob im indonesischen Dschungel Minderheiten in Massengräbern verschwinden - all diese Informationen sammelt Big Brother im Pentagon, definiert so, je nach Bedarf, den jeweiligen Hauptfeind der Menschheit und damit das Böse, gegen das die Gemeinschaft der 19 Staaten gemäß der neuen Nato-Strategie mit Bomben und Waffen vorgehen soll.
Ein eigenes Satellitensystem bräuchten die Europäer, hat Verteidigungsminister Rudolf Scharping erneut gefordert, nachdem sein amerikanischer Kollege abgelehnt hatte, freizügiger mit Satellitenbildern umzugehen. Ein eigenes GPS-Navigationssystem unter dem Namen "Galileo" könnte 2008 einsatzbereit sein und das Monopol der Amerikaner beenden. Ein eigenes Abhörnetz soll schon bald funktionieren: Die europäischen Justiz- und Innenminister wollen den Großangriff über den Enfopol-Ratsbeschluß abstimmen. Kommt er durch, kann jede elektronische Kommunikation, also Telefon, E-Mail, Fax, Telex, Handy von europäischen Polizeibehörden abgehört werden.
Um an Satellitenbilder von US-Qualität zu kommen, reicht den Europäern bald eine Kreditkarte: Am 27. April startete von der Vandenberg Air Force Base in Kalifornien eine Athena-Rakete. Im Laderaum "Ikonos 1", der erste kommerzielle Satellit, der jeden Besitzer einer Kreditkarte in ein nationales Risiko verwandelt.
Ikonos erlaubt jedem Voyeur einen Blick in Pamela Andersons Pool und Kriegsherren einen sehr genauen Blick auf die Truppen des Feindes. Ikonos liefert Bilder mit einer Auflösung von einem Meter und ist fast so scharfäugig wie die besten US-Spionagesatelliten. Space Imaging, die Betreiberfirma, weiß, mit welchen Bildern Geld zu verdienen ist. Im Internet wirbt das Unternehmen, das von dem hochklassigen Ex-Spion Jeffrey Harris geleitet wird, für seine Kosovo- und Bagdad-Bilder und verspricht, prompt zu liefern, sollten Tornados einige US-Bundesstaaten mal wieder in Trümmer legen.
"O ja, ich gehe davon aus, daß Diktatoren versuchen werden, an die Bilder von Ikonos zu gelangen." Der Mann, der das sagt, heißt John Pike, ist Militärexperte der angesehenen "Federation of American Scientists" und gilt als einer der bestinformierten Satelliten-Experten außerhalb des Pentagons. "Und sie werden sie wohl auch bekommen." Sie brauchen nur ein paar Freunde mit Kreditkarten, die für sie die Bilder bestellen.
Der freie Blick aus dem All für jedermann ist die bisher letzte Erfindung der Überwachungswelt. In Orwells "1984" ist klar, wer die Menschheit überwacht; in der Welt von 1999 ist nicht mehr klar, wer wen wann warum überwacht; klar ist nur, daß die Überwachung heute totaler ist, als Orwell sie sich Ende der vierziger Jahre ausmalen konnte.
Die Staatsdiener haben ihr Überwachungsmonopol verloren und konkurrieren mit Unternehmern und Gangstern, mit Terroristen und Spannnern um den besten Blick durchs Schlüsselloch. Nicht ein Auge, nicht tausend Augen, Hunderttausende Augen bewachen die Menschheit. Das beunruhigt die einen und beruhigt die anderen.
Der ungetrübte Blick aus dem All läßt allerdings noch ein wenig auf sich warten: Acht Minuten nach dem Start stürzte Ikonos 1 ab. Ikonos 2 soll noch in diesem Jahr starten.
Israel protestiert heftig gegen den ungebetenen Zuschauer aus dem Weltraum. Und auch die US-Regierung beansprucht das Recht, Aufnahmen aus bestimmten Regionen zu verbieten. Ein weltliches Gericht muß nun klären, ob die Macht des Großen Bruders bis ins All reicht - und ob sie größer ist als die Macht des Geldes.
* Aus dem Englischen von Inge Leipold. Antje Kunstmann Verlag; 260 Seiten; 38 Mark.
Von Uwe Buse und Cordt Schnibben

DER SPIEGEL 27/1999
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