10.10.2015

Presse„Es muss ja was los sein“

Georg Löwisch, 41, neuer Chefredakteur der „taz“, über die Zukunft seiner Zeitung und die Frauenquote in seinem Haus
SPIEGEL: Herr Löwisch, für wie links halten Sie sich eigentlich?
Löwisch: Ich habe in den letzten Jahren gelernt, dass ich linker bin, als ich selbst gedacht hätte. Manchmal hilft ein Kontrastmittel.
SPIEGEL: Sie kommen von der "taz", waren aber zuletzt drei Jahre beim politisch konservativen Magazin "Cicero". Wie passt das zusammen?
Löwisch: Natürlich ist es gemütlicher, wenn alle am Redaktionstisch einer Meinung sind. Aber ich mag auch harte Debatten. Die haben wir bei "Cicero" geführt, und wir führen sie heute bei der "taz". Am Konferenztisch von "Cicero" saß ich links, und das sehr gern. Jetzt freue ich mich, wieder zurück zu sein.
SPIEGEL: Mit Ihnen wird nach 16 Jahren erstmals wieder ein Mann alleiniger Chefredakteur der "taz" – ausgerechnet in Zeiten, in denen andere Redaktionen versuchen, mehr Frauen in Führungspositionen zu bringen.
Löwisch: Ich bin nicht Chefredakteur geworden, weil ich ein Mann bin, sondern obwohl ich ein Mann bin. Aber es geht nicht nur um die Chefredaktion. Auch bei uns gibt es noch viel zu tun. Die Ressortleiterrunde besteht aus 14 Männern und 5 Frauen.
SPIEGEL: Was also wollen Sie tun?
Löwisch: Für mich ist völlig klar: Auch in der "taz" müssen wir noch stärker als bisher auf Frauen setzen. Da können wir ehrgeiziger und systematischer vorgehen, und das werde ich tun. Ein Vorteil ist ja, dass die "taz" immer schon attraktiv für hoch qualifizierte Frauen war.
SPIEGEL: Wie wollen Sie die "taz" politisch aufstellen?
Löwisch: Gar nicht. Wir sind kein Linienblatt, und ich bin kein Linienlinker. Bei der "taz" gibt es die Tendenz, intern sehr präzise und sehr kontrovers zu diskutieren. Das darf sich mehr im Blatt wiederfinden. Es muss ja was los sein in einer Zeitung, sonst ist sie uninteressant.
SPIEGEL: Ist die "taz" in den vergangenen Jahren zu zahm geworden?
Löwisch: Zahm? Unser Justiziar ist gut beschäftigt. Und gerade habe ich einem Kollegen geraten, er solle in einem Kommentar ein bisschen seltener Worte wie "widerwärtig" oder "widerlich" benutzen. Hat er trotzdem gemacht, was völlig in Ordnung ist.
SPIEGEL: Manchen fehlt auch der frühere Wortwitz auf dem Titel.
Löwisch: Ich finde uns da ziemlich gut.
SPIEGEL: Im Februar hatte ein Mitarbeiter der "taz" Redaktionskollegen mithilfe eines Keyloggers ausspioniert. Wie konnte das ausgerechnet bei der "taz" passieren?
Löwisch: Über die Motive des daraufhin gekündigten Mitarbeiters kann ich nichts sagen. Ich kenne den Kollegen, aber sein Handeln kann sich niemand erklären. Wir achten jetzt genauer auf unsere Computer, die EDV hat einiges geändert. Was ich aber interessant finde: Der Kollege hat die Redaktion reingelegt, doch anstatt ausschließlich sauer zu sein, hat man sich bei der "taz" auch Sorgen um ihn gemacht.
SPIEGEL: Hat sich "taz"-Mitanteilseigner Kai Diekmann, Chefredakteur der "Bild"-Zeitung, schon vorgestellt?
Löwisch: Nein. Ich bin da aber auch leidenschaftslos. Wir sind ja Nachbarn in der Rudi-Dutschke-Straße. Trotzdem muss man jetzt nicht ständig einen neckischen Umgang miteinander pflegen.
SPIEGEL: Obwohl er Anlass hätte, Ihnen zu gratulieren. Der "taz" geht es wirtschaftlich nicht schlecht.
Löwisch: Wir können sogar in unsere Zukunft investieren und ein neues Haus in der Berliner Friedrichstraße für 22 Millionen Euro bauen, auch als Geldanlage. Vor allem das freiwillige Bezahlangebot ",taz' zahl ich" läuft gut. Mehr als 5000 Nutzer geben jeden Monat online Geld. Bei den Papier-Abos unter der Woche müssen wir kämpfen. Aber das Wochenend-Abo läuft gut, die Digital-Abos entwickeln sich ebenfalls.
SPIEGEL: Liegt die Zukunft der "taz" im Digitalen?
Löwisch: Ja, aber nicht nur. Viele Mitglieder der "taz"-Genossenschaft sagen mir, dass sie das Rascheln lieben und auch weiterhin am Frühstückstisch Teile der Zeitung hin und her reichen wollen. Papier oder digital ist aber nur eine Frage. Wir wollen vor allem Journalismus machen, der nicht gefallsüchtig ist. Ich finde Start-ups wie Blendle, bei dem man einzelne Artikel kaufen kann, zwar gut. Man kauft nur das, was einem gefällt. Gefällt es nicht, muss man dort noch nicht mal bezahlen. Wir wollen aber nicht gefällig sein.
SPIEGEL: Die "taz" passt also nicht in die Like-und-Share-Kultur?
Löwisch: Doch. Und zwar mit unserer solidarischen Methode. Like: Unabhängigkeit. Share: 15 000 Genossenschaftsanteile. Diese 15 000 Leute finden es gut, dass wir uns nicht permanent einschleimen wollen. Ich bin froh, dass wir weder einem Verleger noch einem Konzern gefallen müssen.

Interview: Martin U. Müller

Twitter: @MartinUMueller

Von Martin U. Müller

DER SPIEGEL 42/2015
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