17.10.2015

WM 2006Sommer, Sonne, Schwarzgeld

Seit Jahren stehen die Deutschen im Verdacht, ihre Fußball-WM gekauft zu haben. Nun kommt heraus: Der damalige Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus füllte ihnen eine schwarze Kasse mit über zehn Millionen Schweizer Franken.
Im Juni fand Wolfgang Niersbach, dass er lange genug den Mund gehalten hatte. Die Zeit war reif für ein Wort an die Nation. Ein Wort über das Gute und das Böse im Fußball. Gerade hatte das Böse, Fifa-Chef Sepp Blatter, seinen Abgang angekündigt. Der gute Herr Niersbach, den es 2012 an die DFB-Spitze hochgewirbelt hatte, wie das manchmal so passiert mit einem Blatt im Wind, konnte sich nun gefahrlos vorwagen. Er schrieb einen offenen Brief an die Fußballvereine im Land. Und Niersbach sagte, was Niersbach meist sagt: das, was alle hören wollen.
Diese schlimmen Korruptionsvorwürfe bei der Fifa. Das alles mache ihn einfach "fassungslos". Aber wirklich traurig sei auch, wie jetzt wegen der "fehlenden Moral einiger weniger" alles unter Generalverdacht falle, sogar "unser wunderbares Sommermärchen", Deutschlands tolle WM 2006, die Geburt einer Nation als friedlich-fröhliches Partyland. Aber "liebe Freunde des Fußballs", keine Sorge: "Wir haben bei unserer Bewerbung nicht mit unlauteren Methoden agiert, vielmehr bekam Deutschland nach acht Jahren akribischer Arbeit 2000 in einem sauberen Verfahren den Zuschlag."
Wer, wenn nicht er, wüsste das ganz genau, hatte Niersbach vorher schon beteuert. Schließlich sei er vom "ersten Tag bis zur Entscheidung am 6. Juli 2000" dabei gewesen, im Bewerbungskomitee. Keine Frage, er habe da ein "absolut reines Gewissen".
Der Herr Niersbach.
Dies ist die andere Geschichte des deutschen Sommermärchens, die dunkle Seite. Die helle, das ist jener Vier-Wochen-Rausch, mit dem sich 2006 das Bild vom hässlichen Deutschen auflöste in Tausende Bilder begeisterter Menschen in Schwarz-Rot-Gold. Eine Nation, aber ohne Nationalismus, weltoffen, lebensfroh, so wie sie sich seitdem gern sieht.
Die andere Geschichte ist eine Rufschädigung. Sie beschädigt den Ruf einiger der größten Namen im deutschen Fußball. Beckenbauer, Netzer, Niersbach. Aber wie sich nun zeigt, haben sie selbst den Ruf des deutschen Fußballs beschädigt. Am Ende dieser Geschichte könnte der Satz vom "absolut reinen Gewissen" des Wolfgang Niersbach in einer Reihe mit dem Lügen-Ehrenwort eines Uwe Barschel stehen. Niersbach wird dann kaum noch DFB-Präsident bleiben und erst recht nicht Uefa-Chef werden können, das ist das vermutlich nächste Karriereziel. Denn wer wüsste besser als er, dass es in Wahrheit wohl doch ganz anders gewesen ist. Dass das Sommermärchen eine schwarze Kasse hatte.
Es gibt ein Geheimpapier vom 23. November 2004. Es geht darin um eine geplante Geldüberweisung, und rechts am Rand steht eine Notiz – in der Handschrift Niersbachs. Er liefert damit eine Begründung, warum das deutsche WM-Organisationskomitee (OK) Millionen zahlen soll. Dabei handele es sich, so Niersbach, um "das vereinbarte Honorar für RLD".
RLD? Drei Buchstaben, die elektrisieren, drei Buchstaben, die für die Initialen von Robert Louis-Dreyfus stehen. Im Jahr 2000, als die WM vergeben wurde, war er der Vorstandschef von Adidas, Ausrüster der Nationalelf. Ein Mann mit vielen Interessen, geschäftlichen, privaten, aber vor allem: gut getarnten, wie sich kürzlich herausstellte. Obwohl er schon 2009 gestorben war, stieg er 2013 zum bekanntesten Turnschuhhändler der Republik auf, zum Schattenmann in einem der spektakulärsten Steuerskandale: Es war Louis-Dreyfus, der Bayern-Manager Uli Hoeneß im Jahr 2000 heimlich 20 Millionen Mark zur Verfügung gestellt hatte, angeblich rein privat, angeblich zum Zocken an der Börse.
Und derselbe RLD lieh dem deutschen Bewerbungskomitee vor der WM-Vergabe 10,3 Millionen Schweizer Franken, damals 13 Millionen Mark. Wieder als Privatmann. Im offiziellen 20-Millionen-Mark-Haushalt des Komitees tauchte das Geld nicht auf, eine schwarze Kasse, die Spur des Geldes verlor sich. Als aber Louis-Dreyfus die Summe Jahre später zurückwollte und Niersbach seine Notiz schrieb, waren die deutschen WM-Macher in der Klemme. Woher das Geld nehmen, 6,7 Millionen Euro, und vor allem: mit welcher Legende zurückzahlen? "Honorar für RLD" – selbst diese Randnotiz von Niersbach war ganz offensichtlich eine Tarnung.
Wofür hätte Louis-Dreyfus ein Honorar bekommen sollen? Was er hatte, war ein Schuldschein für seinen Millionenkredit. Und darauf soll der bekannteste Name des deutschen Fußballs gestanden haben: Franz Beckenbauer. Der Chef des Bewerbungskomitees, der das Sommermärchen nach Deutschland holen sollte. Wofür aber brauchte das Komitee so viel Geld, so kurzfristig, so heimlich? Und welche Rolle spielte die Fifa, die anscheinend eingeweiht war? Das Geld zahlte das deutsche Organisationskomitee 2005 nämlich nicht etwa direkt an Louis-Dreyfus zurück. Es lief über ein diskretes Fifa-Konto. So diskret, dass die Fifa-Macher es nicht bei ihrer Hausbank eingerichtet hatten, sondern bei einem anderen Schweizer Geldhaus.
Seit 15 Jahren liegt diese Bombe im deutschen Fußball, tief vergraben. Sie stammt aus einer Zeit, als der Weltfußball jede Menge Bomben produzierte, sich alle Funktionäre aber sicher waren, dass keine davon je hochgehen würde. Weil jeder genug über den anderen wusste und am Ende für jeden genug abfiel. Posten, Prestige, Schmiergelder, Ticketkontingente, Fernsehrechte. All die Macht und die Möglichkeiten, die ein Weltverband bereithielt, der sich Fifa nannte und als Mafia funktionierte.
Diese Mafia kontrollierte das Spiel. Sie dealte mit einem Stoff, aus dem die Träume von Milliarden Fans sind. Sie beherrschte das Ziel aller Träume, die Weltmeisterschaft. Und sie herrschte damit: Es gab nur einen Weltverband, nur einen Weltpokal, wer hier nicht mitspielte, spielte gar nicht. Der Monopolist Fifa: unangreifbar.
Jetzt aber explodiert das alles. US-Ermittler und Schweizer Bundesanwälte suchen nach Hochexplosivem, finden es, lassen es platzen, ohne Rücksicht auf Namen. Sie nehmen sich die dubiosen WM-Fernsehverträge für Mittel- und Südamerika vor. Die anrüchigen Deals mit Eintrittskarten für WM-Spiele. Die sehr wahrscheinlich gekauften WM-Entscheidungen für Russland 2018 und Katar 2022. Sie wühlen sich durch den Schmutz aus Jahrzehnten, der sich so hoch türmt, dass die Amerikaner die Fifa für eine "Rico" halten, eine "Racketeer Influenced and Corrupt Organization" – eine Mafia eben. Und bei jeder Bombe, die hochgeht, spürt man die Erschütterung auch in Deutschland. Das Zittern wird stärker. 2006, die WM, war da etwas?
Juristisch gilt die Unschuldsvermutung, nach den Gesetzen der Logik fällt es schwer, etwas anderes als Schuld zu vermuten. So verdorben ist die Fifa, dass die logische Frage schon seit Längerem lautet: Warum sollte da nichts gewesen sein? Warum sollten die Deutschen die einzigen Koi-Karpfen in diesem Dreckstümpel gewesen sein? Empfindlich, scheu, allergisch gegen jede Eintrübung von Moral und Gewissen? Wären sie das tatsächlich gewesen, wie hätten sie überlebt? Und umgekehrt: Weil sie überlebt haben, erfolgreich waren, die WM nach Deutschland holten, können sie selbst wohl kaum so sauber gewesen sein, wie sie gern behaupten.
So weit die Logik. Mit Logik musste man Fußballfunktionären bisher allerdings nicht kommen, höchstens mit der Logik von Geben und Nehmen. Jahrzehntelang ließ die Fifa stoisch alle Vorwürfe abtropfen, gern mit aufreizend unglaubwürdigen Begründungen. Es galt der Dreisatz Abstreiten, Ausweichen, Aussitzen. Auch der Deutsche Fußball-Bund (DFB) machte sich all die Jahre die Welt, wie sie Fifa-Chef Blatter gefällt. Bunt und schön, sportlich und fair, ein Sommermärchen eben.
Mit Logik kommt man solchen Märchen nicht wirklich bei; Mythen sind zu stark, als dass man sie mit Wahrscheinlichkeiten entlarven könnte. Aber mit Tatsachen geht das. Jetzt, da die Tatsachen im Weltfußball endlich etwas zählen.
Flughafen Frankfurt am Main, Juli 2013, das Airport Conference Center: Theo Zwanziger, der frühere DFB-Präsident, hat um ein Treffen gebeten, es wird ein Krisentreffen. Franz Beckenbauer ist gekommen. Niersbach, der 2012 das Amt von Zwanziger übernommen hat. DFB-Finanzchef Horst R. Schmidt. Und Beckenbauers bester Buddy, Fedor Radmann – ein Mann für Dinge, die ein Kaiser nicht selbst macht. Sie waren die Köpfe des Bewerbungskomitees für 2006, das "Rat Pack", das im Jahr 2000 die WM nach Deutschland geholt hatte. Genau das ist der Grund, warum sie jetzt hier sitzen.
Denn Zwanziger, der erst 2003 als DFB-Schatzmeister zum Organisationskomitee gestoßen war, drückt eine Altlast, die er ordentlich entsorgen will. Eine Geschichte, die sie jetzt alle einholen könnte, aus den Jahren 2000 und 2005. Die den deutschen Fußball erschüttern würde wie keine andere seit dem Bundesliga-Bestechungsskandal der Siebzigerjahre. Zwanziger sagt angeblich: "Klärt das, sonst sind wir die Gejagten."
Zwanziger glaubt damals offenbar, dass sie nicht mehr viel Zeit hätten, denn kurz vorher hatte die Ethikkommission der Fifa eine Untersuchung beendet. Dabei war es um die krachende Pleite ihres langjährigen Rechtevermarkters in der Schweiz gegangen. Mit dem Konkurs dieser ISL war ans Licht gekommen, dass die Firma sich nicht nur am eigenen Größenwahn verschluckt hatte, mit immer neuen Verträgen in allen möglichen Sportarten. Die ISL hatte auch extrem hohe Schmiergelder gezahlt. 142 Millionen Schweizer Franken waren allein von 1989 bis 2001 bei Fußball- und Olympiafunktionären in aller Welt gelandet, damit diese den ISL-Leuten günstig Marketingrechte zuschusterten. Auch der langjährige Fifa-Chef João Havelange, Blatters Vorgänger, hatte sich bestechen lassen.
Es war zwar nicht so, dass die Fifa-Ethikkommission die Causa nun brutal aufgeklärt hätte. Dass sie mit allen Einzelheiten an die Öffentlichkeit gegangen wäre oder sogar Blatter, der in Erklärungsnot geriet, an den Kragen. Aber Zwanziger fragte sich, wohin das noch führen würde. Auch zur deutschen WM 2006?
Zwanziger kommt im Airport Conference Center mit der Idee, beim DFB eine Kommission einzurichten, die alles aufklärt, bevor andere das tun. Denn da gibt es ja die alte Geschichte, von der sie alle am Tisch wissen – Zwanziger spricht sie offen an: diese Überweisung von 6,7 Millionen Euro im Jahr 2005. Ob die etwas mit Stimmenkauf zu tun hatte?
Wie es heißt, hatte Zwanziger schon seit Jahren ein schlechtes Gefühl damit. Vor ein paar Monaten war aus dem schlechten Gefühl aber beinahe Gewissheit geworden. Ein hoher DFB-Funktionär soll Günter Netzer gefragt haben, was mit den 6,7 Millionen damals eigentlich passiert sei. Netzer, der als WM-Botschafter für das Bewerbungskomitee gearbeitet hatte, antwortete angeblich verblüffend offen: "Damit haben wir die vier Asiaten bezahlt." Die vier Fifa-Funktionäre aus Asien, die für die WM in Deutschland gestimmt hatten. Netzer bestreitet heute auf Anfrage vehement, jemals so etwas gesagt zu haben, selbst andeutungsweise.
Zwanzigers Runde im Airport Center ist jedenfalls nicht nach Reden zumute. Es kommt nichts Konkretes, nichts Genaues, eigentlich: gar nichts. Zwanziger hakt nach, ob das nicht ein Thema für eine Aufklärungskommission beim DFB wäre. Aber die Idee wird nie umgesetzt.
Es ist ein Treffen, das die fünf Männer auf eine Reise zwingt, zurück in die Vergangenheit: zuerst in das Jahr 2005, als man sich kurz vor der WM auf keinen Fall einen Skandal leisten konnte; dann in die Zeit der WM-Entscheidung 2000, als es so aussah, als hätte Deutschland gegen Südafrika schlechte Chancen. Und in Wahrheit führt die Zeitreise für zwei der fünf Männer am Tisch noch viel weiter zurück: für Beckenbauer und Radmann.
1964 begann die größte Karriere im deutschen Fußball: vom Sohn eines Postobersekretärs zum Kaiser. Franz Beckenbauer debütierte mit 18 bei Bayern München, er erfand in den Jahren danach den Libero, der aus der Abwehr heraus das Spiel dirigierte. Beckenbauer hatte den Blick für den freien Raum, der Blick ging geradeaus, während der Ball unten am Fuß klebte, das sicherte ihm die Hoheit über das Spiel und machte ihn zur Hoheit des Spiels. Zum Kaiser Franz. Weltmeister 1974, Weltmeister-Trainer 1990. Eine Legende.
Als einer der Ersten, schon in den Sechzigern, gewann er aber auch die Hoheit über das, was der Fußball damals noch kaum war: das Geschäft. Beckenbauer dachte früh ans Geld, sammelte die höchsten Werbeverträge ein. Einer der dicksten kam von Adidas und hält bis heute. Herangeschafft wurden die Kunden von Robert Schwan, einem ehemaligen Gemüsehändler, der wie der Kaiser auf dem Platz eine neue Rolle neben dem Platz erfand: den Sportmanager. Die Verträge ließen beide über ihre Firma Rofa in der Schweiz laufen.
Rofa – den Namen sollte man sich merken. Denn Jahre später wurde diese Rofa zum Vehikel für einen anderen Pionier, der Sport für Millionen in Millionen für sich verwandeln wollte: Horst Dassler von Adidas. Vater Adolf hatte 1954 den deutschen Weltmeistern sein neuestes Produkt, den Schraubstollen, in die Schuhe gedreht. Der Sohn drehte an größeren Dingen. Aus dem Elsass, wo Adidas seinen Frankreich-Sitz hatte, baute er eine Vermarktungsmaschine auf, wie sie die Sportwelt noch nicht gesehen hatte. Er schloss Ausrüstungsverträge mit Stars, Vereinen, Verbänden, er kaufte das Spiel, um es zu verkaufen.
Dassler hatte eine Vision, Sport als Big Business, und es gab nichts, wovon er sich aufhalten ließ. Schon gar nicht Skrupel. Das half beim Schmieren. Legendär seine Datenbank mit Vorlieben und Abneigungen von Funktionären, die in den wichtigen Gremien saßen. Und ebenso berühmt-berüchtigt das Talent, seine Vertrauten in Schlüsselpositionen zu hieven. 1975 quartierte er bei Adidas im Elsass einen jungen Fifa-Direktor ein. Wie es heißt, ließ sich der Untermieter anfangs von Dassler bezahlen, weil die Fifa kein Geld hatte. Sein Name: Joseph "Sepp" Blatter.
Dass Dassler 1982 eine Firma aufbaute, die sich im großen Stil um Marken-, später um Fernsehrechte kümmerte, war nur logisch. Sie ging – so hängt das alles zusammen – aus jener Rofa von Beckenbauer und Schwan hervor. So entstand die International Sport and Leisure. Kurz ISL. Ebenjene Firma, die ab 2001 als größte Schmiergeldmaschine der Fifa auffliegen sollte.
Bei der ISL landete zeitweilig auch ein Jungmanager aus Berchtesgaden: Fedor Radmann. Er wurde dort Deutschland-Chef. Zu seinen größten Talenten gehörte es, dass man von seiner Arbeit nicht viel mitbekam. Die Branche verpasste ihm den Spitznamen "Schiebor". Radmann war Profi auf einem Feld, auf dem sich Freundschaft und Geschäft verketten, verkletten. Man kennt sich, traut sich, nützt sich, man gibt und nimmt und schweigt. Und besonders eng verklettet war Radmann bald mit Adidas-Ikone Beckenbauer. Der Kaiser war sein Trauzeuge, nannte Radmann einen seiner drei engsten Berater. Wenn Beckenbauer redet, hat Radmann schon für ihn gedacht und gemacht.
1998 bekamen Beckenbauer und Radmann vom DFB den Auftrag, die WM-Bewerbung auf die Beine zu stellen. Die deutschen Hoffnungen lagen damit in den Händen zweier Männer, die wussten, wie es im Weltfußball wirklich lief.
Beide kannten die Fifa, die Gier ihrer Funktionäre, sie wussten, wie man mit dieser Gier Politik macht, die nötigen Mehrheiten gewinnt.
Sie kannten die Interessen von Adidas, beide hatten einen Vertrag mit der Firma, Beckenbauer offiziell, Radmann heimlich.
Sie kannten die ISL, die 1996 den Zuschlag bekam, die Fifa-Fernsehrechte für die Weltmeisterschaften 2002 und 2006 zu vermarkten. Auch dafür hatte die ISL vor ihrer Pleite Schmiergeld gezahlt.
Und sie kannten den Münchner TV-Tycoon Leo Kirch, der die Europa-Rechte für beide Turniere übernommen hatte. Beckenbauer kommentierte auf Kirchs Sendern Fußballspiele und kassierte dafür gut. Radmann wiederum hatte einen Beratervertrag mit Kirch, nur dass davon nicht jeder wissen sollte. Kirchs Agenda war klar: Er wollte die WM 2006 unbedingt in Deutschland sehen – nach seinen Berechnungen würde ihm das 250 Millionen Schweizer Franken mehr einbringen als eine WM in Afrika.
Beckenbauer wurde also 1998 Chef der Bewerbungsmannschaft, Radmann seine rechte Hand. Hinzu kam DFB-Pressechef Niersbach, um den sich die anderen aber keine Sorgen machen mussten. Der Düsseldorfer, der jahrelang für den Sport-Informations-Dienst die Nationalelf begleitet hatte, war selten durch Kritik und Courage aufgefallen. Eine wandelnde Wellness-Oase, wie geschaffen dafür, dass sich die DFB-Mächtigen bei ihm wohlfühlten und Freund Niersbach schließlich einstellten. Und dann war da noch Horst R. Schmidt, Generalsekretär des Verbands. Ein wackerer DFB-Bürokrat, aber auch nicht geboren als Neinsager.
Beckenbauer und Radmann waren die entscheidenden Männer. Sie waren Fleisch vom Fleisch eines Systems, in dem sich Sauberkeit nicht auszahlt und der Ehrliche deshalb der Dumme ist. Dumm, gar naiv waren die beiden nicht. Mit das Erste, was Beckenbauer als Bewerbungschef abräumte, war die Hoffnung, man könnte die 24 Herren im Fifa-Exekutivkomitee, auf die es ankam, mit Pathos beeindrucken. Der damalige DFB-Chef Egidius Braun hatte vorgeschlagen, mit der Strahlkraft der deutschen Wiedervereinigung um ihre Stimmen zu werben. "Interessiert keinen Menschen", wusste Beckenbauer.
Stattdessen flog er mit Radmann zu jedem Mitglied des Exekutivkomitees. In die Karibik, in die Südsee, wo auch immer er einen der 24 treffen konnte, um ihn zu umgarnen, zu umschmeicheln und sich notfalls als Zeichen gegenseitiger Hochschätzung einen lebenden Hammel schenken zu lassen. Beckenbauer, weltmännisch, nonchalant, das Beste, was Deutschland an Menschenfänger zu bieten hatte, charmierte und antichambrierte. Aber so wie es aussah, würde all das nicht ausreichen.
Von den 24 Stimmen hatte Deutschland nur die der Europäer für die geheime Wahl ziemlich sicher. Acht, vielleicht aber doch nur sieben. Joseph Mifsud, der Malteser, galt als Wackelkandidat.
Um zu gewinnen, brauchte Deutschland, so die Rechnung, 13 Stimmen. Denn bei einem Remis mit Südafrika im letzten Wahlgang, 12:12, würde Fifa-Chef Blatter mit seinem doppelten Stimmrecht vermutlich für Südafrika entscheiden. So hatte er es versprochen. Geben und Nehmen: Blatter war den Afrikanern seit 1998 noch etwas schuldig, für ihre Unterstützung bei seiner Wahl zum Präsidenten gegen den Europa-Verbandschef Lennart Johansson.
Sieben Europäer sicher. Um den Malteser müsste man sich kümmern. Dazu noch eine Stimme irgendwoher. Und dann die vier Stimmen aus Asien, das würde genügen. Aber wer sich mit den Gegebenheiten in der Fifa auskannte, mit der Mentalität der Funktionäre, der musste wissen, dass Charme allein nicht genug war. Nicht mal, wenn man Bundeskanzler Gerhard Schröder und Topmodel Claudia Schiffer einspannte. Womit man weiterkommen konnte, war Geld.
Da gab es zum Beispiel Jack Warner, Chef des Fußballverbandes Concacaf für Nordamerika, Zentralamerika und die Karibik – heute lebenslang gesperrt, weil er angeblich noch im Schlaf die Hand aufhielt. Oder Ricardo Teixeira, der es als Schwiegersohn von Ex-Fifa-Präsident João Havelange bis an die Spitze des brasilianischen Verbands gebracht hatte und der sich, wie heute feststeht, von der ISL schmieren ließ. Oder Mohamed Bin Hammam, den Katarer. Auch er ist inzwischen lebenslang gesperrt, allerdings weil er offenbar selbst geschmiert hat – 2010 etwa, als die WM 2022 nach Katar ging. Aber möglicherweise hatte so einer dann auch Verständnis für das Bestochenwerden, rein habituell, als Frage der Ehre, ob man gefragt wird oder nicht.
Eines allerdings fehlte den Deutschen offenbar: Geld, genauer: Schwarzgeld. Denn aus dem offiziellen WM-Haushalt ließ sich nichts abzweigen, ohne dass es Nachfragen hätte geben können. Was tun?
So wie es aussieht, half schon mal Medienmogul Kirch aus. Dafür spricht ein Schreiben, das noch vor dem Turnier ans Licht kam und die schöne heile Welt der deutschen WM-Macher erstmals ankratzte. Am 6. Juni 2000, genau einen Monat vor der Entscheidung des Exekutivkomitees, berichtete darin ein Kirch-Anwalt "persönlich vertraulich" an Dieter Hahn, die Nummer zwei bei Kirch. Der Hausjurist fasste die Ergebnisse eines Treffens zusammen, das er kurz vorher mit WM-Werber Radmann gehabt hatte. In dem Papier listete er sechs Verträge und Vereinbarungen auf, die offenbar nur einem Ziel dienten: direkt oder auf Umwegen Stimm-Männer für die deutsche Sache einzunehmen. Einzukaufen?
Der erste Deal: ein Beratervertrag der Kirch-Gruppe mit Elias Zaccour, einem Libanesen, der seit Jahrzehnten in den Dunst- und Gunstzonen der Fifa zu Hause war. Nie ein Amt, aber immer da und bestens vernetzt, vor allem mit dem südamerikanischen Kontinentalverband. Zaccour lebte in Rio und hatte sich schon früh als Berater, Stimmenfänger, Kofferträger für den Brasilianer Havelange unentbehrlich gemacht. Jetzt galt er als Vertrauter von Havelange-Zögling Teixeira, der in Zürich einen Monat später mitentscheiden durfte. Und auch als engster Spezi des Katarers Bin Hammam, des führenden Asiaten im Exekutivkomitee.
Eine Million Dollar von Kirch sollte Zaccour als Berater kassieren. Wie es im Brief des Kirch-Anwalts hieß, sollte der Vertrag noch am 6. Juni unterschrieben werden. Dann könne Radmann das Papier Zaccour schon am nächsten Tag persönlich in München in die Hand drücken. Auch die erste Rate, 250 000 Dollar, solle "auf Bitte von Herrn Radmann" sofort auf ein Konto Zaccours in Luxemburg gehen. Dafür werde Zaccour, so steht es im Vertrag, als Experte für Filmverwertung und Filmlizenzen zur Verfügung stehen.
Das war natürlich Humbug. Wenn sich Kirch mit einem gut auskannte, dann mit Filmrechten. Und wenn sich Zaccour mit etwas gut auskannte, dann mit Fußball und Pferden. Dass Radmann, der WM-Werber, den Vertrag möglichst schnell unterschrieben sehen wollte, konnte deshalb nur mit Zaccours Verbindungen im Fußball zu tun haben. Sollte er mit dem Geld die Südamerikaner schmieren, die Südafrika unterstützten? Sicher ist: Bis zur Kirch-Pleite floss tatsächlich eine halbe Million Dollar an Zaccour, der Insolvenzverwalter fand nie heraus, wofür; an Zaccour war nicht heranzukommen.
Die anderen Deals, die der Kirch-Anwalt in dem Papier nennt, waren auf den ersten Blick genauso absurd – nicht aber auf den zweiten: dann nämlich, wenn sie helfen sollten, Stimmen für Deutschland zu gewinnen. Es ging um Freundschaftsspiele von Bayern München auf Malta, in Tunesien, in Thailand und in Trinidad oder Costa Rica. In Ländern also, in denen es für eine Mannschaft wie die Bayern keine ernsthaften Gegner gab. Allerdings hieß der Präsident von Bayern München damals Franz Beckenbauer. Und vier Stimmen im Fifa-Exekutivkomitee kamen aus: Malta, Thailand, Tunesien und Trinidad.
Für jedes dieser Spiele sollte demnach Geld an die Gastgeber fließen; Geld für Fernsehrechte. Die Verhandlungspartner aufseiten der Gastgeber waren laut Papier: Joseph Mifsud, der Wackelkandidat aus Malta. Worawi Makudi, der Thailänder im Komitee, Jack Warner, der notorische Handaufhalter aus Trinidad. Und ein "Mr. Chiboub" aus Tunesien. Der entschied zwar nicht über die WM, war aber der Schwiegersohn des Staatspräsidenten. Sollte Chiboub dafür sorgen, dass der tunesische Wahlmann Slim Aloulou für Deutschland stimmte?
Blieb ein Problem: Wer zahlte Fernsehgelder für Spiele gegen Gegner, die kaum einer sehen wollte? Auch das wurde mit dem Protokoll des Treffens zwischen Radmann und dem Kirch-Anwalt aufgeklärt: die CWL, ein Sportrechtevermarkter, den Kirch ein Jahr vorher gekauft hatte. Geführt wurde die CWL von einem anderen deutschen Fußball-Prominenten, Günter Netzer, praktischerweise WM-Botschafter des Bewerbungskomitees.
Netzer müsse noch den Vertrag mit dem Tunesier Chiboub unterschreiben, hieß es im Gesprächsprotokoll; danach seien 300 000 Dollar fällig. Die Verträge mit Jack Warner seien schon unter Dach und Fach. Das Geld müsse auf ein Treuhandkonto gehen, ebenso das für den Malteser Mifsud, der auch schon unterschrieben habe. Warum die CWL die Fernsehgelder auf Treuhandkonten schicken sollte, wurde nicht weiter erklärt, offenbar wussten alle Bescheid. Noch merkwürdiger: Das vierte Spiel, in Thailand, hatte schon stattgefunden. Trotzdem sollte Netzer jetzt einen Vertrag unterzeichnen und "so schnell als möglich" zahlen.
Tatsächlich floss Geld. Die Bayern spielten auch nicht nur in Thailand, sondern noch auf Malta und in Tunesien. Nur der Trip nach Trinidad blieb ihnen am Ende erspart; dafür zahlte also auch die CWL wohl nichts. Von den Partien bekam die Fernsehnation allerdings kaum etwas mit. Die Begegnung in Bangkok lief erst gar nicht im TV; die beiden anderen Spiele wurden in Kirchs Spartenkanal DSF vor kleinem Publikum versendet. Im Fall des Malta-Funktionärs Mifsud landeten 250 000 Dollar erst mit vier Monaten Verspätung bei seinem Verband. Wo das Geld vorher war, blieb unklar; die Frage beschäftigt bis heute Gerichte. Ebenso, ob das die ganze Summe war, die CWL zahlte, oder ob nicht ein Teil bei Mifsud versickerte.
Die CWL behauptete damals, alle Gelder seien an die Verbände gegangen, nicht an Privatpersonen. Auch Mifsud bestritt, persönlich von dem Geld profitiert zu haben. Von Warner, Makudi und Chiboub war weder damals noch heute eine Stellungnahme zu dem Vorgang zu erhalten.
Das alles roch immerhin nach einem versuchten Stimmenkauf kurz vor der WM-Entscheidung. Doch als das "manager magazin" das Papier 2003 bekannt machte, blaffte Beckenbauer in der "Bild am Sonntag": "Wer meint, dass man mit Freundschaftsspielen eine WM bekommt, hat keine Ahnung." Und Radmann behauptete: "Wer mit dicken Kuverts herummarschiert, hat schon verloren." Freundschaftsspiele, um Entscheider "positiv zu stimmen", seien allerdings "international üblich".
Damals kamen Radmann und Beckenbauer damit durch. Aber nur, weil ihr größtes Geheimnis nicht aufflog. Weil nur ein kleiner Kreis wusste, dass sich die deutschen WM-Werber kurz vor der Entscheidung einen riesigen Schwarzgeldschatz besorgt hatten. Die Millionen von RLD.
Wann genau Robert Louis-Dreyfus dem deutschen Bewerbungsteam 10,3 Millionen Schweizer Franken lieh, ist nicht bekannt. Viel spricht für das Frühjahr 2000, als sich abzeichnete, dass Deutschland nicht auf die nötigen Stimmen kommen würde. Aber dass Louis-Dreyfus der Mann für unkonventionelle, auch unerlaubte Wege war, wusste damals schon jeder, der seine Vita gelesen hatte. Er hatte das Geld, er liebte den Erfolg, er hielt sich nicht gern an Regeln. Er war: der Chef von Adidas.
Louis-Dreyfus stammte aus einer alten, reichen Handelsfamilie, aber sein Harvard-Studium hatte er sich als Pokerspieler und mit dem Verkauf von Bibeln finanziert. Und als er in der Familienfirma nicht schnell genug Chef werden konnte, kaufte er sich lieber bei einem US-Unternehmen ein. Beim Abschied von RLD war die Firma siebenmal mehr wert, doch vor seinem Ausstieg gab er noch Insider-Tipps weiter und kassierte deshalb eine Geldbuße. Nicht die letzte Verurteilung: Ende der Neunziger, als Eigner von Olympique Marseille, war er bei Spielertransfers in illegale Zahlungen verwickelt; dafür gab es sogar zehn Monate Gefängnis auf Bewährung.
1993 kaufte er 15 Prozent von Adidas, sein nächster Geniestreich als Unternehmer: Er holte den kriselnden Konzern aus den roten Zahlen, setzte auf Marketing, große Sportlernamen, große Vereine, große Verträge, er machte Adidas wieder zur In-Marke, zum Liebling der Spieler, der Rapper, der Börse. "Europa gehört uns. Hier sind wir. Überall", mit diesen Worten steckte er 1997 das Terrain gegen den US-Konkurrenten Nike ab. Ob er da die Fußball-WM nach Deutschland holen wollte? Na klar, was sonst?
Louis-Dreyfus war nicht nur der starke Mann bei Adidas. Er war wie Adidas – hatte dieselbe DNA: Es gibt immer einen Weg zum Ziel, und dieser Weg geht über gute Beziehungen. Genauso wie bei seinem Vorgänger Horst Dassler, der 1987 an Krebs gestorben war. Was privat, was geschäftlich war, ließ sich auch bei dem Franzosen nur schwer unterscheiden, es war ja auch kein Widerspruch: Im September 2000 lieh Louis-Dreyfus seinem Freund und Bayern-Manager Uli Hoeneß heimlich 5 Millionen Mark und stand für weitere 15 Millionen gerade. Angeblich, damit Hoeneß an der Börse sein Glück versuchen konnte.
Ein Jahr später schloss Bayern München mit Adidas einen neuen Ausrüstervertrag ab, obwohl Nike mehr geboten hatte. Und dann kündigte Adidas auch noch an, mit zehn Prozent bei den Bayern einzusteigen. Was das alles mit dem Louis-Dreyfus-Kredit für Hoeneß zu tun hatte? Wenn man den Bayern glaubt, nicht das Geringste.
Aber man kannte sich, man half sich, nun also half RLD auch Bayern-Präsident Franz Beckenbauer und seiner WM-Bewerbung, die zu scheitern schien. Und dann wundersamerweise doch nicht scheiterte.
Am 6. Juli 2000 in Zürich hatte Deutschland im zweiten Wahlgang elf Stimmen bekommen, genauso viele wie Südafrika. Zwei Stimmen waren an England gegangen, damit waren die Engländer wie vorher die Marokkaner ausgeschieden. Jetzt kam es darauf an, wohin diese beiden Stimmen im letzten Durchgang wandern würden. Eine ging nach Deutschland, die vom Schotten David Will. 12:11. Was aber würde Charles Dempsey machen, der 79-jährige Neuseeländer, dessen Verband ihn angewiesen hatte, für Südafrika zu stimmen? Den letzten Wahlgang schwänzte er und setzte sich in einen Flieger nach Hause. 12:11, Deutschland hatte gewonnen.
Was den greisen Dempsey trieb, ist seitdem ein Rätsel geblieben – und Gegenstand wilder Spekulationen. Bis zu seinem Tod 2008 blieb er dabei, er habe sich durch Telefonterror von allen Seiten in der Nacht vor der Wahl so unter Druck gefühlt, dass er es nicht mehr ausgehalten habe. Eines geriet in der ganzen Aufregung darüber aber bald aus dem Blick: der Block der Asiaten. Alle vier Stimmen aus Asien gingen an Deutschland. Ohne ihre Stimmen wäre Deutschland verloren gewesen.
"Die Asiaten hätten mehr als jeder andere verstehen müssen, was die WM für Afrika bedeutet", klagte gleich danach ein verbitterter Raymond Hack, Generalsekretär des südafrikanischen Verbands. "Sie haben uns total betrogen." Weil Deutschland geschmiert hatte? Es gibt dafür bisher keinen Beweis, Beckenbauer und Radmann haben so etwas stets zurückgewiesen. Aber es gibt Verdachtsmomente dafür, dass die zehn Millionen Franken von RLD, die im Nichts verschwanden, in den richtigen Taschen wieder aufgetaucht sind.
Denn da ist nicht nur der angebliche, von Günter Netzer bestrittene Satz im Gespräch mit einem DFB-Mann – "damit haben wir die vier Asiaten bezahlt". Neun Jahre später schrieb der Katarer Mohamed Bin Hammam, einer der vier, eine Mail. Er bat Beckenbauer, inzwischen selbst Exko-Mitglied, um Unterstützung für die WM 2022 in Katar. Bei der Gelegenheit erinnerte Bin Hammam daran, dass er "geholfen habe, die asiatischen Stimmen für Deutschland zu sichern".
Und im Oktober 2009 flog Beckenbauer mit Freund Radmann nach Doha. Dort empfing sie der Emir, um Beckenbauer auf Katar-Kurs zu bringen. Wie die "Sunday Times"-Autoren Heidi Blake und Jonathan Calvert in ihrem Buch "The Ugly Game" über die mutmaßlich gekaufte Katar-WM schreiben, ließ der Emir die Deutschen nicht aus der Pflicht: Katar habe Deutschland die Stimmen besorgt, nun müsse Deutschland Katar helfen.
Ob und wie viel Geld aus Deutschland nach Asien ging – unklar. Zumindest Bin Hammam, der Südkoreaner Chung Mong Joon aus der Autodynastie Hyundai und Abdullah al-Dabal aus der saudischen Königsfamilie waren so reich, dass Geld für sie kein Motiv sein sollte; es sei denn, Geld wäre immer ein Motiv, und Korruption gehörte schlicht zum Geschäft. Außerdem könnten andere Dinge sie überzeugt haben: Kurz vor der Entscheidung fällte der Bundessicherheitsrat den Beschluss, Saudi-Arabien 1200 Panzerfäuste zu liefern. DaimlerChrysler, über die Marke Mercedes Hauptsponsor des DFB, stieg für 428 Millionen Dollar bei Hyundai ein.
Der vierte Asiate, der Thailänder Makudi, Spitzname "Mister 10 Prozent", steht dagegen schon seit Jahren ständig unter Korruptionsverdacht. Er soll sich an Geldern aus dem Fifa-Entwicklungshilfe-Programm Goal bereichert haben. Und er hat angeblich von einem Gasdeal der Katarer profitiert, weil er für die WM 2022 in Katar gestimmt hatte. In dieser Woche wurde er nun von der Fifa-Ethikkommission 90 Tage lang für alle Ämter gesperrt, kündigte aber Einspruch an und behauptete, er habe "nichts falsch gemacht. Was ich getan habe, war absolut legal".
Makudi und der Katarer Bin Hammam ließen Anfragen des SPIEGEL zu ihrem Stimmverhalten im Juli 2000 unbeantwortet; neben dem Neuseeländer Dempsey ist auch der Saudi al-Dabal tot. Der Südkoreaner Chung wiederum meinte, die SPIEGEL-Fragen seien es nicht wert, beantwortet zu werden.
Doch wo auch immer die Millionen von Louis-Dreyfus geblieben waren, beim DFB tauchten sie 2004 wieder auf. Nicht mehr in Scheinen, sondern als Schreckgespenst. Denn womit offenbar keiner gerechnet hatte: Louis-Dreyfus wollte sein Geld zurück.
Im Januar 2005 informierte der Vizepräsident des Organisationskomitees, Horst R. Schmidt, die DFB-Spitze höchst vertraulich über Altschulden, wie er das nannte. Es handle sich um einen Posten, der im Zusammenhang mit der WM-Bewerbung entstanden sei.
Im Jahr vor der WM führten zwei Präsidenten den Verband, Gerhard Mayer-Vorfelder und Theo Zwanziger. Schmidt beichtete ihnen, dass sich das Bewerbungskomitee vor der WM-Vergabe 10,3 Millionen Schweizer Franken geliehen habe, 6,7 Millionen Euro. Jetzt müsse das Geld zurück; die Sache sei dringend. Zwanziger, auch Vize im Organisationskomitee, müsse tun, was zu tun sei.
Mayer-Vorfelder und Zwanziger sollen geschockt, perplex, fassungslos gewesen sein. Das Geld war nie im Haushalt des Bewerbungskomitees aufgetaucht. Und nach dem Zuschlag für Deutschland auch nicht im Haushalt des Organisationskomitees. Wie sollte Geld aus einer schwarzen Kasse, das es offiziell nie gegeben hatte, jetzt aus einem offiziellen Geldkreislauf zurückgezahlt werden?
In ihrer Not fuhren Zwanziger, Schmidt und auch Netzer, der Louis-Dreyfus gut kannte, zum Franzosen. Eine Betteltour; Louis-Dreyfus sollte auf die Rückzahlung verzichten. Aber der ließ sie ausgesucht höflich abblitzen. Als Geschäftsmann habe er nun mal nichts zu verschenken, und die Deutschen sollten sich freuen, dass es mit der WM geklappt habe. Da komme doch auch sicherlich einiges an Geld herein.
Ein Desaster. Was nun?
Die Anleitung dafür findet sich in zwei Papieren, die an einen offiziellen Beschluss des deutschen Organisationskomitees aus dem April 2005 getackert sind. Der offizielle Beschluss besagte, dass die Deutschen rund sieben Millionen Euro an die Fifa zahlen wollten; Begründung: "Beitrag Kultur-Programm Fifa". Die Schmuddelpapiere im Anhang aber erzählen die Wahrheit, eine Regieanweisung, wie RLD auf diesem Weg sein Geld zurückerhalten sollte.
Kultur-Programm der Fifa? Tatsächlich plante der Österreicher André Heller damals eine große Gala im Berliner Olympiastadion. Einen Tag vor dem Eröffnungsspiel in München sollten Popstars wie Peter Gabriel und Brian Eno zusammen mit Tausenden Statisten das Gastgeberland ins beste, bunteste Licht setzen. Bezahlen wollte das Spektakel die Fifa; die voraussichtlichen Kosten: 22 Millionen Euro.
Für das deutsche Organisationskomitee war das offenbar der passende Deckmantel, um die 6,7 Millionen Euro unauffällig an Louis-Dreyfus zurückzuschieben. Keine einfache Operation, aber immerhin: eine mögliche. Dabei konnte es sicherlich nicht schaden, dass im Komitee Fedor Radmann als Berater für die Kultur zuständig war.
Dass der Zuschuss der Deutschen für die Fifa-Gala eine Legende war, um Geld über den Weltverband an Louis-Dreyfus zu schicken, zeigen die Anmerkungen auf den Schmuddelpapieren. Das erste ist ein Fax vom 23. November 2004 – das Schreiben mit der Niersbach-Notiz. Abgeschickt hatte es laut Fax-Kennung die Fifa in Zürich. Allerdings trägt es den Briefkopf des deutschen Organisationskomitees. Es handelt sich offenbar um einen Vorschlag, wie die Deutschen ein Schreiben an die Fifa aufsetzen sollten – ein Schreiben, mit dem sich die Rückzahlung an Louis-Dreyfus legendieren ließ. Auf dem Papier ist das Wort "Kultur-Programm" eingekreist. Von dort führt eine Linie zu jener Notiz, die in Niersbachs Handschrift am Rand steht: "das vereinbarte Honorar für RLD". An dieses Papier war dann noch ein zweites geklammert, bei dessen Lektüre jedem klar werden musste, dass es sich um die Gebrauchsanleitung für eine Geldwaschmaschine handelte. Auf Englisch hieß es dort, das Geld werde nur pro forma auf das Fifa-Konto bei der BNP Paribas in Genf überwiesen, Kontonummer 8686-6. Von dort solle die Summe gleich "zugunsten des Kontos 3136594 bei der Zürich-Filiale" weitergeleitet werden. Wem dieses Konto gehört, steht in Versalien hinter der Nummer: "RLD". Robert Louis-Dreyfus.
Die Geldanweisung an das Fifa-Konto in Genf trug die Signaturen von Zwanziger und Schmidt. Irgendwer, das war allen Beteiligten wohl klar, musste es ja tun, wenn die Deutschen nicht ein Jahr vor der WM einen Riesenskandal riskieren wollten – einen Skandal mit der Lichtgestalt des deutschen Fußballs im Zentrum. Gleich unter Niersbachs verräterischer Randnotiz hatte nämlich auch OK-Vize Horst R. Schmidt eine Anmerkung gemacht und mit seiner Paraphe versehen. "Schuldschein zurück". Es gab also eine schriftliche Schuldanerkenntnis, die man sich sofort nach der Überweisung an Louis-Dreyfus zurückholen wollte. Und die Unterschrift unter dem Schuldpapier soll die vom Chef der deutschen Bewerbung höchstpersönlich gewesen sein, Franz Beckenbauer.
Offen bleibt, aus welchem Topf das WM-Organisationskomitee schließlich die 6,7 Millionen für Louis-Dreyfus nahm. Fest steht dagegen, dass die Deutschen für den Schleichweg des Geldes zu Louis-Dreyfus einen Verbündeten beim Weltverband hatten. Einen, der den Geldfluss über die Fifa sicherstellte. Und der auch Bescheid wusste, als ein halbes Jahr vor der WM das Tarnschild der ganzen Operation wegflog, die Eröffnungsgala in Berlin. Der Weltverband sagte sie im Januar 2006 ab – angeblich, um den Rasen im Olympiastadion zu schonen. Danach hätte es zwischen Fifa und Organisationskomitee ein ziemliches Hickhack wegen des deutschen Zuschusses geben können – Fragen, die keiner brauchte. Und offenbar keiner stellte.
Angeblich war der Mann für die Deutschen bei der Fifa der damalige Generalsekretär Urs Linsi. Er soll ihnen das Konto bei der BNP Paribas in Genf genannt haben. Ein Fifa-Konto, das möglicherweise extra für diskrete Geldflüsse aller Art eingerichtet worden war. Denn die Hausbank der Fifa ist die UBS. Wollte der Weltverband mit dem Konto bei der BNP Paribas also einen weiteren Sichtschutz einziehen?
Schwer vorstellbar allerdings, dass Linsi so etwas im Alleingang gewagt hätte. Auch Blatter hätte eigentlich davon wissen müssen. Steckte das dahinter, als Blatter im Juli 2012 die aufflammende Kritik der Deutschen an ihm mit nur einem Satz so gut wie erstickte? "Gekaufte WM ... Da erinnere ich mich an die WM-Vergabe für 2006, wo im letzten Moment jemand den Raum verließ." Danach war Ruhe im deutschen Lager.
Das alles dürfte irgendwann auch noch mal die Schweizer Bundesanwälte und die US-Ermittler interessieren. Louis-Dreyfus kann zu alldem nichts mehr sagen, er starb mit 63 Jahren an Leukämie. Auch Gerhard Mayer-Vorfelder lebt nicht mehr. Beim DFB brach am Mittwochmittag Krisenstimmung aus, nachdem der SPIEGEL seine Fragen an Wolfgang Niersbach geschickt hatte. Trotz der massiven Vorwürfe gegen den Präsidenten blieb der Verband schmallippig: Auf den umfangreichen Fragenkatalog könne man "aus zeitlichen Gründen" nicht rechtzeitig anworten, "zumal unsere DFB-Spitze heute den ganzen Tag in Sitzungen der Uefa" sei. Das war alles.
Beckenbauer, Radmann und Schmidt reagierten nicht auf eine Anfrage des SPIEGEL. Netzer will von der Entstehung eines Darlehens von Louis-Dreyfus und einer Rückzahlung nichts gewusst haben. Er bestreitet insbesondere, dass er den Franzosen persönlich gebeten habe, auf die Rückzahlung zu verzichten. Ex-Fifa-General Urs Linsi verwies auf seine Geheimhaltungspflicht. Der suspendierte Fifa-Chef Blatter ließ wissen, ihm sei das Louis-Dreyfus-Darlehen nicht bekannt. Aus Fifa-Kreisen hieß es allerdings, man kenne inzwischen das Konto bei der BNP Paribas in Genf. Es sei aus "vielerlei Gründen spannend", man wisse auch, dass Geld aus Deutschland über dieses Konto geflossen sei. Womöglich habe sich Linsi von den Deutschen einspannen lassen.
Zwanziger sagt, er könne die Dinge "nur aus dem Gedächtnis zusammenfassen", weil er nicht mehr an Akten von OK oder DFB herankomme. Über die geplante Eröffnungsgala sei aber lange mit der Fifa geredet worden. Verhandlungen, die "im Wesentlichen unser Beauftragter Radmann führte", der sicher auch die Begründung für eine Zahlungsvorlage geliefert habe.
Und er bestätigte das Treffen mit Beckenbauer, Niersbach, Radmann und Schmidt im Jahr 2013 im Frankfurter Airport Conference Center. Grund dafür seien "insbesondere" die Schmiergeldzahlungen der Rechtefirma ISL gewesen. Insbesondere? Und was noch? Louis-Dreyfus? Das lässt Zwanziger auf ausdrückliche Fragen des SPIEGEL offen. Ein Dementi ist das nicht. Er habe damals "eine Überprüfung angeregt, wobei die übrigen Teilnehmer mir allerdings vermittelten, dass sie keine Erkenntnisse hätten".
15 Jahre hat es gedauert, bis die Logik und die Tatsachen nun offenbar zusammengefunden haben: Warum sollte die deutsche WM die einzig saubere gewesen sein? Sie war nicht sauber. Das verändert die Bilder jenes Sommers: Die Magie war echt, die Magier aber, die das Sommermärchen herbeigerufen haben, waren wohl doch nur Trickser. Und aus Tricksern wurden Heuchler.
Am Abend ihres Triumphes am 6. Juli 2000 trafen sich die deutschen WM-Werber in Küsnacht, im Seehotel Sonne, sie saßen draußen im Garten, ein kleiner Kreis, aber statt Champagnerlaune war die Stimmung wie auf einer Beerdigung. Still, gespenstisch. Schon um Mitternacht brachen sie auf. Als Niersbach zwei deutsche Journalisten sah, fing er an zu schreien: "Ihr! Ihr natürlich! Ihr wollt uns die WM kaputt machen." Netzer musste ihn festhalten und ihm sagen, er solle sich beruhigen.
Die Ruhe, das Schweigen, hielt danach 15 Jahre lang. Damit ist es nun vorbei. So wie mit den Illusionen. Im Weltfußball, wie ihn die Fifa erschaffen hatte, war kein Platz für Menschen mit "absolut reinem Gewissen". Nur für Mitwisser, wie Niersbach. Es gab auch kein Reservat für deutsche Lichtgestalten; die Fifa machte jeden Helden fahl und grau, selbst Beckenbauer. Wie es heute aussieht, wird die Fifa aber zusammenbrechen oder sich radikal verändern müssen. Und auch der Deutsche Fußball-Bund braucht nun mehr Licht. Mehr Gewissen.
Jürgen Dahlkamp, Gunther Latsch, Udo Ludwig, Jörg Schmitt, Jens Weinreich


Aktualisierung

Reaktion des DFB

Der Deutsche Fußball-Bund sah sich außerstande, bis Redaktionsschluss der gedruckten SPIEGEL-Ausgabe einen detaillierten Fragenkatalog des SPIEGEL zur Vergabe der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 an Deutschland zu beantworten.
Am Freitagvormittag dann gab der DFB diese Erklärung heraus.

Stand: Freitag, 17.30 Uhr
Von Dahlkamp, Jürgen, Latsch, Gunther, Ludwig, Udo, Schmitt, Jörg, Weinreich, Jens

DER SPIEGEL 43/2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 43/2015
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

WM 2006:
Sommer, Sonne, Schwarzgeld