17.10.2015

HeimatVon Mülltonnen, Arschlöchern ("Dankeschön") und Mädchen, die in Unterwäsche auf die Straße gehen

Wie fühlt sich Deutschland an? Wie sieht es aus, wie redet es, wie riecht es? Erste Eindrücke von Menschen, die es wissen müssen: Flüchtlinge.
Selfies, Schnappschüsse – die Fotos auf diesen und den folgenden Seiten wurden von Flüchtlingen mit ihren Handys gemacht. Sie zeigen, was die Ankömmlinge für typisch deutsch halten. Manche von ihnen wollten aus Angst um sich und ihre Familie anonym bleiben, andere nicht. Wir bedanken uns bei allen.

Nada, 31, war Lehrerin in Syrien und lebt seit einem Monat in der Erstaufnahmeeinrichtung im fränkischen Hardheim.

"Deutschland ist eine Mogelpackung. In Syrien hatte ich ein Haus, hier habe ich nichts. Ich dachte, sie geben einem hier Geld, eine Wohnung und Bildung. Ich habe mit anderen gesprochen, die schon in Deutschland waren, und die haben mir gesagt, dass es in Deutschland sehr gut ist. Und jetzt sind wir hier und haben kein gutes Leben. Wir essen nur und schlafen. Dafür sind wir nicht hergekommen. Es tut mir leid, dies sagen zu müssen, aber es ist wie bei Tieren. Merkel hat gesagt: Kommt her, wir haben eine Unterkunft, Geld und Schulen für euch und eure Kinder. Jetzt, wo wir hier sind, merken wir, dass andere Leute Merkel nicht mögen und etwas anderes sagen. Wir wollen uns vergnügen und etwas unternehmen und nicht nur rumsitzen. Ich habe auf der Straße, nicht bei jemandem im Garten, einen Apfel vom Baum gepflückt, und dann kam die Polizei und hat mich verwarnt. Ich musste eine hohe Geldstrafe bezahlen, für einen Apfel. Gebt mir eine Wohnung und Geld, und ich werde von niemandem etwas nehmen."

Raman, 17, Kurde aus Hasaka in Syrien, lebt seit elf Monaten in Deutschland.

SPIEGEL: Was wussten Sie von Deutschland, bevor Sie herkamen?
Raman: Ich dachte, hier ist jeden Tag Disco. Ich dachte, die Leute sind immer betrunken. Aber als ich dann hier war, habe ich schnell festgestellt: Wir sind gar nicht so unterschiedlich. Ich habe bereits die Sprache gelernt und Freunde gefunden. Die deutsche Kultur ist eigentlich wie die kurdische, finde ich. Frauen können arbeiten, Frauen können Auto fahren. Trotzdem gibt es viele Menschen in Passau, die uns nicht mögen.
SPIEGEL: Woran merken Sie das?
Raman: Als ich mal mit einem Freund bei McDonald's war, haben uns Jugendliche beschimpft: "Geh weg, blöder Ausländer." Ich glaube, sie waren betrunken, manche haben auch einfach Angst. Aber sonst geht es mir hier gut. Seit drei Wochen darf ich aufs Gymnasium, in die zehnte Klasse. Ich spiele Fußball bei Eintracht Passau. Ich war sogar in München und habe mir das Bayern-Stadion angesehen.
SPIEGEL: Was tut Deutschland für Sie?
Raman: Ich habe Glück. Weil ich unter 18 bin, hat mir das Jugendamt ein WG-Zimmer besorgt, und es bezahlt meine Schulbücher. Andere Flüchtlinge, die älter sind, müssen lange in Lagern sitzen. Die Deutschen sollten ihnen Asyl geben, finde ich.
SPIEGEL: Warum?
Raman: Weil das gut ist für ihr Land. Hier gibt es zu wenige Menschen. Und wenn ich hier später als Arzt arbeite, bekomme nicht nur ich etwas, sondern auch Deutschland. Ich zahle dann ja Steuern.

Ranem, 19, ist Syrerin, seit zwei Jahren in Deutschland und inzwischen als Flüchtling anerkannt.

In einem Café, im neunten Stock eines Passauer Hochhauses, sitzt in Röhrenjeans Ranem Bwedani und bestellt in fast akzentfreiem Deutsch einen Latte macchiato. "Für mich ist es ein Akt der Menschlichkeit, dass wir Asyl bekommen", sagt sie. Kann es auch eine Chance sein für Deutschland, dass so viele Flüchtlinge kommen? "Um ehrlich zu sein, ich glaube nicht. Es sind einfach viel zu viele."
Ranem kommt öfter in dieses Café, sie macht jetzt – bis sie studieren kann –, was man als normales Mädchen in ihrem Alter so macht: mit Freundinnen durch die Stadt bummeln, Käsekuchen essen, und "bald möchte ich mal campen gehen". Nur, dass viele sie nicht als normal ansehen, Ranem fühlt sich falsch eingeschätzt von den Deutschen. "Wir hatten ein gutes Leben, wir hatten Geld, wir sind gebildete Leute", sagt sie, "aber viele sehen uns hier als unmodern oder unterentwickelt an."
Die Leute fragen sie, ob Frauen in ihrem Land tatsächlich Auto fahren dürften oder warum sie auch Englisch und Französisch spreche. Sie fragen, ob ihr Kopftuch nicht ein Zeichen der Unterdrückung sei. "Das sind echt komische Fragen für mich", sagt Ranem. Mit ihrer Mutter lacht sie darüber, dass es blaue Mülltonnen gibt, nur für Papier. Oder darüber, dass die Menschen mehr als hundert Euro für Grabschmuck ausgeben, obwohl die Toten ihn nicht sehen können. Sie macht Fotos von diesen Dingen, dann werden sie weniger fremd.

Omara, 21, Jurastudent aus Aleppo, lebt seit dreieinhalb Monaten in einem Heim in Kellberg, nahe Passau.

"Am Anfang, als Deutschland noch besonders hart für mich war, habe ich eine Spinne in meinem Zimmer großgezogen. Ich habe einen Zettel an die Wand gehängt, auf dem stand: Wer diese Spinne tötet, ist in diesem Raum nicht willkommen. Das klingt irre, aber jeder braucht jemanden, und ich kannte niemanden hier. Eines der ersten Wörter, die ich von einem Deutschen gehört habe, war: 'Arschloch'. Ich lief durch Kellberg, da fuhr ein Typ in seinem Auto an mir vorbei und zeigte mir den Finger. Ich antwortete ihm: 'Bitte'. Das Wort hatte ich auf YouTube gelernt. Ich dachte, alle Deutschen seien so, aber als ich nach ein paar Wochen zum Passauer Bahnhof fuhr, um zu sehen, wie es den Flüchtlingen geht, die gerade erst ankommen, lernte ich, dass es auch gute Menschen gibt. Sonja zum Beispiel, eine der Ehrenamtlichen. Wir sind Freunde, sie hilft mir viel. Und ich stehe jetzt jeden Tag als Übersetzer mit am Bahnhof. Seitdem lerne ich auch mehr über die Menschen. Zum Beispiel, dass sie sich auf der Straße küssen, einfach so, dass es Mädchen gibt, die in Unterwäsche rausgehen, dass die Leute draußen Bier trinken. Freiheit ist ja gut, aber wo ist die Grenze, der Respekt vor anderen Menschen?"

Dino, 27, Rom aus Mazedonien, lebt seit einigen Monaten mit seiner Frau und seinen Kindern in Lambsheim in Rheinland-Pfalz. Er gibt als Beruf Maler, Bauarbeiter, Flaschensammler, Autowäscher und Wahrsager an.

SPIEGEL: Wonach schmeckt Deutschland?
Dino: Nach Kinder-Milch-Schnitte.
SPIEGEL: Wie riecht Deutschland?
Dino: Nach nassem Rasen.
SPIEGEL: Was ist die erste deutsche Regel, die Sie gelernt haben?
Dino: Wenn Frau Lisa mit der goldenen Glocke klingelt und "Essen" schreit, dann gibt es Essen im Lager.
SPIEGEL: Was ist das erste deutsche Wort, das Sie gelernt haben?
Dino: Essen. Hände waschen.
SPIEGEL: Warum soll Deutschland Ihnen Asyl geben?
Dino: Weil ich fünf Kinder habe, weil ich selbst erst 27 bin und Deutschland uns braucht. Weil in Deutschland mehr Menschen sterben, als geboren werden.
SPIEGEL: Sie kommen aus Mazedonien, das ist doch ein sicherer Herkunftsstaat.
Dino: Wer hat eigentlich bestimmt, dass Bomben gefährlicher sind als Hunger? Ich möchte auch endlich acht Euro die Stunde verdienen und nicht acht Euro am Tag. Gott hat uns Roma kein Land gegeben, warum? Damit wir überallhin können auf dieser Welt. Das war sein Plan, die Menschen machen ihn kaputt.
SPIEGEL: Was waren schlimme Momente, seit Sie in Deutschland sind?
Dino: Als meine Kinder Angst vor dem Wasser im Schwimmbad hatten, weil sie noch nie in einem Schwimmbad waren. Als der Heimleiter mir eines Tages sagte: "Du weißt schon, dass 99,9 Prozent von euch Roma wieder nach Hause auf den Balkan geschickt werden, oder?"
SPIEGEL: Und schöne Momente?
Dino: Als wir im Supermarkt waren und meine Familie alles in den Einkaufswagen warf, was sie haben wollte, und ich ihnen das erste Mal in meinem Leben nicht die Sachen wieder aus der Hand nehmen und sie zurücklegen musste in die Regale. Als mein kleiner Sohn freiwillig ins Bad ging, weil hier warmes Wasser aus der Leitung kommt. Als ich auf dem Sperrmüll ein Ehebett fand, es ist das erste gemeinsame Bett unserer Ehe. Als ich meiner Frau das erste Mal in zehn Jahren Ehe etwas schenken konnte. Dass wir drei Zimmer haben und Türen, die sie trennen, statt neun Quadratmeter in Mazedonien. Ich weiß nicht, ich könnte stundenlang aufzählen.

Mohammed, 25, Schiffsoffizier aus Latakia, Syrien, lebt seit einem Jahr in einer Flüchtlingsunterkunft in Bremen.

"Meine Flucht hat 22 000 Euro gekostet, deshalb musste ich meine Eltern zurücklassen in Syrien. Wir hatten nicht genug Geld für uns alle. Meine Aufgabe ist es nun, sie möglichst schnell hierherzuholen, raus aus Syrien, weg vom IS. Jeder Tag da unten kann ihr letzter sein, dieser Gedanke macht mich echt verrückt. Deshalb stört mich an Deutschland vor allem eine Sache: Es gibt nicht genug Integrationskurse, alles dauert viel zu lange. Ich muss eure Sprache lernen, und zwar schnell. Ich muss Geld verdienen. Ich darf nicht noch mehr Zeit verlieren."

Mohamed, 22, Jurastudent aus Damaskus, lebt seit einem Monat in der Landeserstaufnahmeeinrichtung (LEA) in Wertheim.

"Wenn ich einen Soldaten in Damaskus gesehen habe, bin ich schnell losgerannt. Du weißt einfach nicht, wann einer von ihnen auf dich schießt. Hier in Deutschland sehe ich Soldaten, die mit Kindern spielen. Es ist ein unbeschreibliches Gefühl zu wissen, dass du jetzt in Sicherheit bist."

Fadi, 23, aus Damaskus, lebt seit ein paar Wochen im Zeltlager in Hamburg-Ohlstedt.

Das Kostbarste, das Fadi besitzt, ist ein Schreibheft, DIN-A4 liniert, zwei Spalten auf jeder Seite. Mit Bleistift hat er wichtige deutsche Wörter hineingeschrieben, links in lateinischen Buchstaben, rechts auf Arabisch. Die Deutschen, denen er das Heft zeigt, bewundern die Schönheit der arabischen Schrift, die Syrer bestaunen die Schmucklosigkeit des Deutschen: Wasser. Hunger. Durst. Das erste deutsche Wort, das Fadi notiert hat: Esel.
Mit drei anderen Jungs in seinem Alter teilt er sich Zelt 36. Syrien, das ist für ihn das Geräusch anfliegender Flugzeuge, detonierender Bomben, das Rattattatt von Maschinengewehren. Wie Deutschland klingt? Gar nicht, sagt er. "Nach Stille."
Das Erste, was er hier lernte: wie wichtig Pünktlichkeit ist. Bisher, sagt er grinsend, habe er "nach der arabischen Uhrzeit" gelebt. Jetzt gilt: Wenn er sich für 14 Uhr verabredet, soll er am besten um fünf vor zwei da sein.
Jeden Freitag geht er zum Fußball. Duwo 08, der Ohlstedter Sportverein, hat Flüchtlinge eingeladen, gemeinsam machen sie Dehnübungen, Gymnastik, Abklatschen. Einmal hat der Trainer sie mitgenommen in die Innenstadt, Hauptbahnhof, Hafenrundfahrt, sie sollten ein Gefühl kriegen für die Stadt. Was ihn am meisten erstaunt hat? Die Häuser in Hamburg sind zwar kleiner als in Damaskus, sagt Fadi, aber aufwendiger verziert. Und, sehr seltsam: In Restaurants darf nicht geraucht werden.

Bablu, 20, kommt aus Indien, lebt in Bad Vilbel in Hessen, macht derzeit Abitur und wartet darauf, ein anerkannter Flüchtling zu werden – und Polizist.

"Ich war 16 Jahre alt, als ich in Deutschland ankam. Ich wusste gar nicht, wo ich bin. Meine Eltern hatten die Schlepper bezahlt, damit sie mich in eine ,bessere Zukunft' transportieren, so hieß es immer auf der Reise. Ich hatte noch nie von diesem Land gehört, ich wusste nicht einmal, dass Deutschland Deutschland heißt und welche Sprache hier gesprochen wird. Ich war allein und vermisste oft meine Eltern. Am ersten Tag in Deutschland wurde mir erklärt, dass es dreimal am Tag im Lager Essen gibt, um 7 Uhr, um 12.30 Uhr und 18.30 Uhr. Wenn ich die Zeiten verpasse, dann müsse ich halt hungern, sagte die Heimleitung. Ich verstand und aß oft, ohne Hunger zu haben. Wenn ich die Erstaufnahme verlassen wollte, musste ich mich immer an- und abmelden. Ich tat es, aber verstand diese deutsche Regel nie, ich hatte nichts verbrochen, ich wollte doch nicht weg aus Deutschland. Wovor hatten sie nur Angst? Ich fühlte mich oft wie im Knast. Ich habe in Deutschland gelernt, was Schnee ist. Ich war 17 Jahre alt und lebte im Lager, und auf einmal wurde alles weiß vor meinem Fenster. Dieses Bild vergesse ich nie, es machte mich so glücklich, es war so weit, so frei plötzlich. Ich bin der Erste in meiner Großfamilie, der weiß, wie Schnee sich anfühlt, ich bin stolz drauf. Ich mache Abitur, weil ich Polizist werden will, ein richtiger Beamter."

Sayid, 26, Importhändler aus Latakia, Syrien, lebt seit zwei Monaten in einem Flüchtlingsheim im Süden Hamburgs.

SPIEGEL: Sie waren in eine Massenschlägerei in Ihrem Lager verwickelt. Was war los?
Sayid: Da sind mitten in der Nacht Afghanen und welche von uns, also Syrer, aufeinander losgegangen. Ich habe das Geschrei gehört und bin aus dem Zelt gerannt. Alle sind rausgegangen, das Zelt war leer, und das haben Diebe ausgenutzt. Mir wurden 500 Euro gestohlen, meine ganzen restlichen Ersparnisse nach der Flucht. Wahrscheinlich wars ein Afghane.
SPIEGEL: Haben Sie sich auch geprügelt?
Sayid: Nein, nur zugeschaut. Freunde von mir haben allerdings mitgemacht und auch einige Schrammen davongetragen.
SPIEGEL: Wie kam es zum Streit?
Sayid: Wegen der Steckdosen. Es gibt nur 15 Steckdosen in der Halle, ich habe sie gezählt, und es leben etwa 700 Leute da, die meisten haben Mobiltelefone, die man dauernd neu aufladen muss.
SPIEGEL: Auf Ihrem Handy sind viele Bilder. Sie fotografieren Brücken?
Sayid: Ja. Ich mag deutsche Brücken. Sie sehen aus, als würden sie ewig halten.

Hamid, 32, Journalist aus Herat, Afghanistan, seit Dezember 2014 in Deutschland, lebt in Schacht-Audorf bei Rendsburg.

"Ich habe meine Heimat verlassen, weil mich die Taliban bedroht haben. Einmal haben sie die Scheiben meines Autos zertrümmert, ein andermal haben sie mich zusammengeschlagen. Ich habe das bei der Erstaufnahme erzählt. Der Mann dort hatte aber nur zwei Fragen: warum ich nicht in eine andere Stadt gezogen sei? Und wer mir geraten habe, meine Dokumente in Klarsichthüllen aufzubewahren?
Jetzt lebe ich in Schacht-Audorf, einem kleinen Ort bei Rendsburg, am Nord-Ostsee-Kanal. An meinem ersten Tag nahm mich eine Frau beiseite und erklärte mir, dass es in Deutschland Ampeln gebe. Dass man bei Rot stehen bleiben müsse.
Deutschland ist trotzdem mein Wunschland, Deutschland hat uns Afghanen sehr geholfen. Ich kenne Bayern München, Dortmund, die Nationalmannschaft. Deutschland ist Freiheit für mich. Was mich allerdings wundert: Man hört zwar Kirchenglocken, aber keinen Muezzin, obwohl es in Rendsburg eine Moschee gibt. Das ist nicht Freiheit. Das Großartige an Deutschland: Gerade für junge Menschen ist alles möglich. Wer lernen will, hat unbegrenzte Möglichkeiten. Mir gefällt, dass alle immer 'bitte' und 'bitte schön' sagen; dass alle die gleichen Rechte haben, Alte und Junge, Chefs und Untergebene. Was mir nicht gefällt: dass viele Leute flüstern, wenn ich in eine Kneipe komme oder zum Friseur: Terrorist. Achtung, Taliban."

Mariam, 23, Studentin der Pharmazie, aus Damaskus, kam vor eineinhalb Jahren in Hamburg an.

Mariam sitzt unter ein paar Hundert Flüchtlingen in einem Hörsaal an der Universität Hamburg, wo ihnen an diesem Nachmittag erklärt wird, wie und was sie in Deutschland studieren können. Es sind die Migranten, auf die die Wirtschaft hofft: jung und mit guter Grundausbildung, die künftigen "Fachkräfte". Es gibt nur wenige Frauen unter ihnen.
Mariam hat in Damaskus ein paar Semester Pharmazie studiert, damit möchte sie nun in Deutschland weitermachen oder mit Medizin beginnen, sie weiß es noch nicht. Sie trägt enge Jeans, schicke Stiefel mit Absätzen und ein T-Shirt, auf dem "You are my star" steht, während ein weißer Hidschab ihr offenes Gesicht umrahmt. Seit ein paar Monaten lernt sie Deutsch an der Volkshochschule. "Ich mag das deutsche Wort ,Dankeschön'", sagt sie auf Englisch, "ich mag die Idee, dass man ,Danke' und ,schön' in einem Wort gleichzeitig sagt."
Sie zeigt Fotos in ihrer Facebook-Chronik, eines zeigt sie bei einer Pferdekoppel im Freilichtmuseum am Kiekeberg bei Hamburg. "Pferde liebe ich sehr. In Syrien, bevor der Krieg kam, war ich manchmal reiten. Irgendwann möchte ich das auch in Deutschland tun." Sie hat viel über deutsche Frauen nachgedacht, seit sie hier ist. "Sie sind sehr frei in ihrem Denken und Verhalten, es gibt keine Grenzen für sie." Sie bewundert das und wundert sich gleichzeitig darüber. "Ich mag es, wenn ich weiß, wo meine Grenzen sind als Frau." Sie glaubt nicht, dass sie den Hidschab je ablegen wird, weil sie möchte, dass jeder sofort erkennt, dass sie Muslimin ist. Zum Heiraten, später, kommt für sie nur ein muslimischer Mann infrage.

Naman, 36, IT-Spezialist aus dem Norden Syriens, Kurde, lebt seit Juli 2014 in einem Flüchtlingsheim in Bremen.

"Deutschland scheint mir ein freundliches Land zu sein, irritierend ist aber, dass die Deutschen dauernd Kalorien zählen. In den Supermärkten sehe ich ständig Menschen, die auf Lebensmittelverpackungen starren, um herauszufinden, wie viel Fett in den Sachen steckt. Das ist bei uns anders. Wir essen einfach, was uns schmeckt. Ich glaube, das ist auch besser so, essen sollte Spaß machen. Wenn ich irgendwann mal Arbeit habe, werde ich mir einen Computer kaufen. Und eine Playstation."

Barjas, 37, Fotograf aus Idlib, Syrien, lebt seit zwei Monaten in Freital, Sachsen.

"Das erste deutsche Wort, das ich gelernt habe, war ,Pegida'. Es stand überall am Bahnhof, als ich in Dresden aus dem Zug stieg. Am Anfang dachte ich, es stehe für ,Willkommen'. Heute weiß ich, es bedeutet das Gegenteil. Hass gegen Fremde gibt es auch in Syrien. Ich verstehe, dass die Deutschen Angst haben, ihre Arbeit zu verlieren. Aber was würden sie selbst tun, wenn Bomben auf ihre Heimat fielen? Ich kann nicht glauben, dass der Krieg auch mal in Deutschland war. Alles hier wirkt so sauber und geordnet. Man sieht die Deutschen nie streiten, und nur wenige tragen Waffen. Wenn Deutschland ein Geräusch macht, dann klingt es nicht nach Explosionen, sondern wie das Rascheln von Papier. Ohne Anträge und Unterschriften geht nichts voran, aber wer sich den ganzen Tag damit beschäftigt, dem fehlt abends die Energie, Bomben zu bauen und andere zu töten. Vielleicht geht es Deutschland deshalb so gut."

Valentino, 13, Schüler aus Lezha, Albanien, lebt mit seiner Familie seit zwei Monaten im Zeltlager in Hamburg-Ohlstedt.

"Ich habe in der Nähe des Lagers frei laufende Kaninchen gesehen, hier, mitten in der Stadt! Sie hoppelten einfach herum und verschwanden wieder. In Albanien hätte sie längst jemand abgeschossen und gegessen. Es gefällt mir, dass die Deutschen gut zu Tieren sind. Ich möchte für immer hier bleiben und Ingenieur werden. Ich bin sehr gut in Mathe, in Albanien war ich der Beste meiner Klasse. Im Lager ist es für uns Albaner nicht so einfach. Im Deutschkurs darf ich nie etwas sagen, obwohl ich immer den Finger hochstrecke. Einmal sagte jemand zu mir, ich brauchte nicht Deutsch zu lernen, ich dürfe als Albaner ja sowieso nicht bleiben."

Baraa, 25, Musiker und Grafikdesigner aus Damaskus, lebt seit einem Monat in der Erstaufnahmeeinrichtung in Hardheim.

SPIEGEL: Warum sollte Deutschland Ihnen Asyl geben?
Baraa: Ich habe nie nach Syrien gehört. Ich war dort auch vor dem Krieg unglücklich. Mein Archäologiestudium wollte ich nie machen, man hat mich dazu gezwungen. Ich bin ein Musiker, der Elektrogitarre in einer Rockband spielt, so jemand wird weder von der Gemeinde noch von der Regierung akzeptiert, weil er anders ist.
In Deutschland kann ich alles werden und machen. Ich bin jetzt 25, ich hätte von Anfang an hier in Deutschland sein sollen. Ich passe viel besser nach Deutschland als nach Syrien, ich bin ein Mensch, der die Gesetze immer befolgt, aus diesem Grund schäme ich mich auch sehr, dass ich illegal nach Deutschland gekommen bin. Es gab aber keine andere Möglichkeit, ich kann nur sagen: Entschuldigung.
SPIEGEL: Was ist das erste deutsche Wort, das Sie gelernt haben?
Baraa: Entschuldigung. Man braucht es immer, um nach dem Weg zu fragen oder um etwas von den Leuten in Erfahrung zu bringen. Die Menschen hier sind sehr kultiviert. Etikette wird großgeschrieben.
SPIEGEL: Was ist die erste deutsche Regel, die Sie gelernt haben?
Baraa: Dass man zuerst seinen Nachnamen und dann seinen Vornamen nennt. Man hat mir gesagt, es sei unhöflich, nur seinen Vornamen zu nennen, so wie es bei uns in Syrien üblich ist.
Saad, 27, Medizinstudent aus Aleppo, lebt seit drei Monaten in einem Heim in Freital, Sachsen.
"In Syrien heißt es, Deutschland sei das Land der Menschlichkeit. Aber hier, im Osten, benehmen sich die Deutschen nicht wie Menschen. Sie spucken einen an und sagen, wir sollen abhauen oder unser Heim wird brennen. Wir Flüchtlinge gehen hier nur gemeinsam auf die Straße, weil wir sonst verprügelt werden. Vor ein paar Tagen wollte ich einkaufen, da haben mich drei Männer aufgehalten und mir mit einer Bierflasche auf den Kopf geschlagen. Ich kann den Hass der Leute nicht verstehen. Was haben wir ihnen getan? Wenn ich freundlich nach dem Weg frage, gehen sie weiter, als hätte ich eine Krankheit. Ich weiß, ich bin nur ein Gast hier. Aber so behandelt man keine Gäste. Früher habe ich immer von Deutschland geträumt. Ich dachte, es ist das beste Land der Welt. Ich habe in Syrien acht Jahre lang die Sprache gelernt, am Goethe-Institut. Aber jetzt, wo ich in Deutschland bin, verlerne ich alles, weil kein Deutscher mit mir spricht. Um allein zu üben, schaue ich viel Fernsehen, jeden Tag sieben Stunden, vor allem MDR und ZDF. Meine Lieblingsserie handelt von einem Arzt, der in den Bergen arbeitet. Die Welt dort ist freundlich und grün. Die Männer sind warmherzig und die Frauen schön. Ich glaube, diese Serie spielt auch in Deutschland. Aber das ist ein anderes Deutschland als hier."

Miran, 25, Architekt aus Damaskus, lebt seit sechs Wochen in einem Flüchtlingslager im Osten Hamburgs.

"Diese Zeichnung hängt auf einer Toilette beim Flüchtlingslager. Ich nehme an, dass manche Leute das Toilettenpapier auf den Boden warfen, weil sie es von zu Hause gewohnt sind, dass man Papier nicht ins Klo schmeißen darf, weil es die Abflüsse verstopft.
Bevor ich Syrien verließ, wusste ich von Deutschland nicht mehr als ein paar Stichwörter – Mercedes, BMW, Bayern München. Und natürlich die Sache mit den Nazis. Jetzt ist Deutschland für mich vor allem grün. Grüne Wiesen und Bäume waren das Erste, was ich hier sah, und selbst hier in der Stadt stehen überall Bäume. Ich bin in dieses Land gekommen, weil viele andere Flüchtlinge, die schon früher da waren, auf ihren Facebook-Seiten schrieben, dass man hier rasch einen Job kriegen kann und dass das Wetter gut ist. Ganz so einfach ist es nicht. Ich dachte, es würde schneller gehen, bis man einen Ausweis und eine Arbeitsbewilligung erhält. Ich dachte auch nicht, dass wir in Zelten schlafen würden. Es gab Leute, die mir geraten haben, nach Schweden oder Norwegen zu gehen, weil der Staat dort den Flüchtlingen mehr Geld gibt als Deutschland. Aber ich will kein Geld vom Staat, ich will arbeiten. Ich bin Architekt. Irgendwann werde ich Häuser für deutsche Familien bauen."

Ahmed, 30, Apotheker, Syrien, lebt seit September 2014 in einem Flüchtlingsheim in Bremen.

"Ich hatte viel Schlechtes gehört über das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge hier in Deutschland. Dass die Sachbearbeiter dort ungeduldig sind, unhöflich, dass viele Anträge abgelehnt werden. Deshalb war ich schon sehr nervös, als ich meinen Termin hatte. Aber mein Sachbearbeiter war ganz anders. Freundlich und nett. Ich hätte mir gar keine Sorgen machen müssen."

Jehanzaib, 19, Businessstudent aus der Kaschmir-Region in Pakistan, lebt seit einem Monat in der LEA in Wertheim.

"Wir haben so eine Frucht an einem Baum gesehen und sie gepflückt. Sie hatte Stacheln, aber man konnte die Schale aufmachen und die braune Frucht darin herausholen. Dann haben wir versucht, sie zu essen, aber sie war sehr hart, und man konnte sie nicht kauen. Heute weiß ich, dass diese Früchte Kastanien heißen.
Im Heim müssen wir immer eine Essensschlange bilden, und alle stellen sich an. In Pakistan laufen die Leute einfach kreuz und quer drauflos. Scheint eine deutsche Regel zu sein mit dem Anstellen. Man sieht das auch an den Ampeln, die hier überall stehen. Wenn die Ampeln rot sind, warten alle, bis sie grün wird, auch wenn gar kein Auto auf der Straße fährt."

Mustafa, 31, irakischer Elektroinstallateur, geflohen aus Rakka, Syrien, lebt seit zwei Monaten in Heidenau, Sachsen.

SPIEGEL: Warum soll Deutschland Ihnen Asyl gewähren?
Mustafa: Weil mir der IS sonst den Kopf abschneidet.
SPIEGEL: Wie geht es Ihnen hier?
Mustafa: In meiner Heimat hieß es, Deutschland sei ein strenges Land mit vielen Regeln. Man sagte, es gebe mehr Verkehrsschilder als Menschen, und die Leute führten Hunde wie Gefangene an Ketten. Jetzt, wo ich hier bin, finde ich die meisten Deutschen gar nicht so streng, aber sie lächeln fast nie, obwohl sie ja gute Autos und große Häuser haben.
SPIEGEL: Sie vermissen die Freude?
Mustafa: Viele Deutsche freuen sich nur dann, wenn man "Biergarten" sagt. Das ist ein Ort, wo die Menschen lachen und sich verkleiden dürfen, wie bei einem Fest für Kinder. Als Flüchtlinge bekommen wir dort keinen Zutritt, weil wir kein Geld haben und keine deutschen Lieder kennen. SPIEGEL: Haben Sie Angst vor Fremdenfeindlichkeit? Fremdenhass?
Mustafa: Gegen die Mörder im Irak ist Pegida nur ein Witz, etwas für Mädchen. Ich würde gern wissen: Haben diese Deutschen im Osten auch so eine große Klappe, wenn ein Schwert an ihrem Hals liegt? Ihre Dummheit macht mich wütend, aber nicht alle Deutschen sind so."

Houssam, 32, Grafikdesigner aus Aleppo, wurde in Büren, Nordrhein-Westfalen, geboren, ging als Sechsjähriger mit den Eltern nach Syrien zurück und lebt seit Kurzem in der Erstaufnahmeeinrichtung in Hardheim.

"Viele meiner Landsleute beschweren sich heute über alles hier: das Essen, die Unterkunft, aber die sehen nicht, was für ein Druck auf Deutschland lastet. Für ein Camp ist es sehr gut hier. Wir Syrer sind laut und schreien uns immer nur an, in Deutschland ist es viel ruhiger und harmonischer. Ich bin zu Beginn versehentlich in Berlin gelandet. Ich habe versucht, mich nicht wie ein Fremder und Unwissender zu verhalten, aber auf dem Weg zum Bahnhof wollte ich mir beim Busfahrer ein Ticket ziehen. Ich habe mein ganzes Kleingeld in die dafür vorgesehenen Einwürfe beim Fahrer geworfen. Plötzlich hat er mich angebrüllt. Er hat mir das Geld wieder zurückgegeben und mir gesagt, ich solle es auf den kleinen Tisch vor ihm legen, und er würde alles einsortieren. Das geschieht manchmal, wenn man bloß nicht auffallen möchte."

Dani, 19, Student aus Damaskus, kam vor drei Monaten gemeinsam mit seiner Mutter in Hamburg an.

Der Junge hat, was man Aura nennt, dieses seltsame innere Licht. Beim Treffen in einem Café fragt eine Kellnerin heimlich, wer denn dieser junge Mann noch mal sei, der an unserem Tisch sitzt, sie kenne ihn vom Fernsehen, irgendein Promi, nicht wahr? Ist er aber nicht, der wirkt nur so. Kein Mensch kennt ihn. Noch nicht, muss man sagen, denn Dani, wie er sich nennt, noch keine 20 Jahre alt, will gern berühmt werden, als Model vielleicht oder sonst irgendwie, ein Star jedenfalls, und man zweifelt keine Sekunde daran, dass er es schaffen wird. "Zuerst will ich alles vergessen, was war, und bei null beginnen", sagt er. "Und dann will ich, dass irgendwann jeder weiß, dass ich ein schwuler Syrer bin."
Da, wo Dani herkommt, ist offen gelebtes Schwulsein lebensgefährlich. Man kann dafür im Gefängnis landen. Oder von Fanatikern ermordet werden. Beiläufig erzählt Dani, er habe mehrfach Drohungen erhalten von Leuten, die sagten: Wir werden dich töten. Bis zu seiner Flucht hat er seine Wohnung in Damaskus kaum noch verlassen. Es war dieser Krieg, ein Krieg gegen ihn als Person, der ihn in die Flucht trieb, nicht so sehr jener des Regimes gegen seine Bürger.
Vor vier Monaten machte er sich gemeinsam mit der Mutter, deren einziges Kind er ist, auf den Weg nach Europa: Libanon, Türkei, übers Meer nach Griechenland. In Ungarn, als die Polizei die beiden an der Grenze ergriff, fragten ihn die grölenden Beamten: Bist du ein Junge oder ein Mädchen? Er antwortete: "Ich bin eine wunderschöne Göttin und habe kein Geschlecht." Auch im Flüchtlingsheim in Deutschland merkt er, wie die anderen über ihn tuscheln, wie sie ihm aus dem Weg gehen. Solange sie ihn nicht anspucken, ist es ihm egal.
Mit seinen tiefschwarz geschminkten Brauen und dem perfekt getrimmten Bart erinnert er an die österreichische Dragqueen Conchita Wurst, von der er noch nie gehört hat. Die Tragik seines bisherigen Lebens, immer von der Vernichtung bedroht zu sein, tarnt er mit lustigen Sätzen: "In Syrien wäre ich demnächst zum Militärdienst eingezogen worden, aber ich wollte nicht zur Armee. Ich will doch keine süßen Jungs erschießen!"
Sein Facebook- und sein Instagram-Account sind voll mit Selfies, Bildern seines neuen, seines befreiten Ich. Dani am sonnigen Elbstrand, Dani mit neuen Boyfriends, Dani beim Shoppen, immer mit angedeutetem Kussmund, radikal eitel, bereit, das ganze Land zu umarmen. Was ihm an Deutschland am besten gefällt? "Dass alle Leute Hunde haben. Ich will auch einen. Einen Chihuahua!" Und natürlich, als ob's nicht längst klar wäre: die Freiheit. Die vor allem anderen. "Die Freiheit zu leben und zu lieben, wie ich will."
Von Buse, Uwe, Gezer, Özlem, Goos, Hauke, Mingels, Guido, Neufeld, Dialika, Relotius, Claas, Szanto, Alexander

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