17.10.2015

VatikanDas Kreuz mit der Abstinenz

Das Coming-out des Prälaten Krzysztof Charamsa begann als Medienspektakel. Aller Ämter enthoben und abgetaucht, erneuert der Pole nun seine Vorwürfe – eine Begegnung in Barcelona.
Der Mann, der mit seinem Bekenntnis das Innerste des Vatikans erschütterte, sieht bestechend gut aus. Er ist vornehm gebräunt, perfekt frisiert und trägt auch jetzt, vor der Kathedrale von Barcelona, noch schwarze Priesterkleidung. Strahlend posiert er für Fotografen – fast so, als wäre nichts passiert.
Befreit wirkt er, wenngleich noch fremd in seiner neuen Heimat, dieser Krzysztof Charamsa. Ehe er Rom fluchtartig verließ, am vorvergangenen Montag, war der Pole führender Mitarbeiter der Glaubenskongregation und Teil der vatikanischen Elite. "Als Priester fühle ich mich auch jetzt noch", sagt er und lächelt – obwohl er weiß, dass seine Karriere in der katholischen Kirche beendet ist.
"Ich bin stolz darauf, homosexuell zu sein", mit diesen Worten offenbarte sich Charamsa, 43 Jahre alt und seit zwölf Jahren Angehöriger der römischen Kurie, am 3. Oktober vor laufenden Kameras. Das Outing hatte er ins einstige Stammlokal von Federico Fellini verlegt, dessen Film "La Dolce Vita" dem sündigen, weltlichen Rom huldigt. Charamsa zitierte anschließend noch seinen Partner zu sich: "Eduard, komm mal her." Der Angesprochene, ein in der Modebranche beschäftigter Katalane, trat daraufhin näher und legte seinen Kopf auf die Schulter des Monsignore.
Es waren zwei denkwürdige Bekenntnisse, die Charamsa da ablegte: Erstmals in der Geschichte der katholischen Kirche räumte ein so ranghoher Kleriker öffentlich ein, Männer zu lieben. Und gestand dann auch noch unverblümt, den Zölibat zu brechen, die Keuschheitsverpflichtung.
"Aktive" Homosexualität gilt als schwere Sünde gemäß dem Katechismus von 1992. Zur Einhaltung des Zölibats wiederum zwingt Canon 277, § 1 des Kanonischen Rechts. Beides weiß keiner besser als der Karriere-Theologe Charamsa.
Von einem "Erdbeben" kurz vor Beginn der Bischofssynode, die in diesen Tagen über Zukunft und Zuschnitt der Familie berät – und damit auch über das Verhältnis zu Homosexuellen –, schrieb daraufhin der römische "Messaggero". Und der Vatikan-Sprecher Padre Federico Lombardi sprach von einem "schwerwiegenden und unverantwortlichen" Schritt – der polnische Prälat sei der Doktrin gemäß ab sofort von seinen Pflichten entbunden.
Charamsas Auftritt überschritt Grenzen, außer Zeitpunkt und Ort trug auch der Ton dazu bei. Dass ein Kleriker seine "Brüder und Schwestern, Homosexuelle, Lesben, Transen, Bisexuelle, Intersexuelle" einmal öffentlich um Verzeihung dafür bitten würde, dass er und seine Mitstreiter in der Kurie sie "zu Leprakranken" gestempelt hätten, galt bisher als unvorstellbar.
Charamsa sagt noch immer "wir", wenn er von seinen ehemaligen Kollegen in der Kongregation spricht, auch in seinem Exil in Barcelona. Er sagt aber auch "wir", wenn er von der Gruppe spricht, die im Vatikan "als Feindbild herhalten" müsse, von den Homosexuellen. Noch scheint er im neuen Leben nicht endgültig angekommen; noch sind ihm beide Welten vertraut.
Zum Treffen in Barcelona hat der Pole in die trostlose Lobby des Hotels Rafael gebeten. Nicht alles, was am 3. Oktober geschah, sei wohlbedacht gewesen, sagt er. Er hätte seine Erklärung besser nicht vor einem gefüllten Weinregal im Restaurant abgeben und vermutlich auch nicht gleichzeitig ankündigen sollen, dass seine Erlebnisse im katholischen Sperrbezirk demnächst als Buch auf den Markt kommen.
Charamsas Schritt an die Öffentlichkeit war lange gereift und gut geplant. Freunde vom Bündnis LGBT Italia, das unter anderem die Interessen von Schwulen und Lesben vertritt, haben dabei geholfen. Vielleicht wirkt Charamsa auch deshalb bisweilen wie ferngesteuert, wenn er, um politisch korrekte Formulierungen bemüht, seine Beweggründe erläutert. Wenn er von schwul bis transsexuell sämtliche sexuellen Minderheiten aufzählt, in der Angst, eine Gruppe vergessen zu können. Wenn er die "hetero-normative Gesellschaft" beklagt sowie die in Kirchenkreisen "paranoide, rücksichtslos homofeindliche" Stimmung.
In den akademischen Zirkeln dieser Kirche hat er sich jahrelang selbst mit wissenschaftlichen Veröffentlichungen profiliert – zur Marienverehrung oder zur "Dreifaltigkeit im Lehramt Johannes Pauls II.", alles streng konform der Doktrin. Erkennbar bricht sich bei Charamsa nun neben der Wut auch jene Selbstverachtung Bahn, die er jahrelang in Rom geheim gehalten hat.
An seinem alten Arbeitsplatz, im dreistöckigen Palazzo der Kongregation für die Glaubenslehre, sprechen sie derweil von Verrat. Hier, in der Trutzburg der Hüter der reinen Lehre, wo einst der Angeklagte Galileo Galilei einsaß und wo heute nach Charamsas Worten "das Herz der Homophobie in der katholischen Kirche" schlägt, gibt Kurienkardinal Gerhard Ludwig Müller den Ton an.
Der mächtige Zweimetermann, dritthöchster Repräsentant von rund 1,2 Milliarden Katholiken weltweit, empfindet Charamsas Verhalten als Fahnenflucht und als feige: "Er hat jahrelang ein Doppelleben geführt und das Vertrauen von Vorgesetzten wie Mitarbeitern missbraucht; dass ausgerechnet er sich nun zum Ankläger gegen diese aufspielt, ist so schäbig wie unverschämt."
Zum wiederkehrenden Vorwurf, im Vatikan ziehe eine Schwulenlobby die Fäden, sagt der Kardinal nur so viel: "Ich kenne keine solche Lobby, habe allerdings auch nicht die Funktion eines Geheimdienstes hier beim Heiligen Stuhl."
Gerüchte über eine "cordata", eine Seilschaft Homosexueller innerhalb der vatikanischen Mauern, gab es bereits unter Benedikt XVI. Der Theologe David Berger, bis zu seinem Outing im Jahr 2010 Professor an einer der Päpstlichen Akademien, hat versucht, im Buch "Der heilige Schein" eine Begründung für die Vielzahl Homosexueller und gleichzeitig Homophober im Vatikan zu liefern: Der Schutzraum im Schatten des Petersdoms ziehe Priester mit homosexuellen Neigungen nun einmal an. Ihr unverändert schlechtes Gewissen bekämpften sie dort mit verschärfter Frömmigkeit.
Eine Diagnose, die auch auf Monsignore Charamsa zutreffen könnte. Joseph Ratzinger war es, der den mit Bestnoten dekorierten Absolventen der Päpstlichen Universität Gregoriana 2003 in die Glaubenskongregation berief. Und der ihn später, als Papst Benedikt XVI., mit dem Ehrentitel Kaplan Seiner Heiligkeit auszeichnete. "Ratzinger ist ein intellektuelles Genie", sagt Charamsa heute, "aber mir war klar, dass er von modern gelebter Homosexualität keine Ahnung hat."
An Benedikts im November 2005 veröffentlichtem Erlass, Homosexuellen das Priesteramt zu untersagen, wirkte Charamsa maßgeblich mit. Das möge schizophren klingen, sagt er, für ihn sei es in Wahrheit eine tragische Erfahrung gewesen: "Ich habe alles getan, um mich der Linie der Kirche zu unterwerfen. Ich konnte dieses Gesetz nicht verhindern, ich musste sogar Argumente finden, um es zu untermauern – sonst wäre ich verdächtigt worden, selbst schwul zu sein." Er habe versucht, "sein Kreuz in totaler sexueller Abstinenz zu tragen – eine unmenschliche Aufgabe".
Eines will Charamsa vorläufig nicht – Namen nennen, in großem Stil auspacken. In Barcelona bevorzugt er Andeutungen: Dass es ausgerechnet "im Inneren einer Kirche, die überwiegend homophob ist, in der Kurie reichlich Schwule gibt", stehe außer Zweifel, sagt er.
All jene, die ihm nun vorwerfen, das Keuschheitsgebot zu brechen, bittet er, ehrlich zu sein, sich selbst und anderen gegenüber: "Es wäre höchste Zeit, zu untersuchen, wie viele Priester überhaupt noch den Zölibat befolgen – also nicht mit einer Frau oder einem Mann zusammenleben, nicht abhängig von Selbstbefriedigung sind und nicht per ,cruising' nach Abenteuern auf der Straße suchen."
Er selbst hat, auf dem Weg heraus "aus dem Schrank", wie er sein Outing nennt, Signale gesetzt – erste zarte Andeutungen, die sich heute wie das Vorwort zu einer angekündigten Entblößung lesen. Zuerst begann der Prälat, Gleichgesinnten auf Twitter zu folgen. Ende August stellte er ein Foto von sich ins Netz, knackig gebräunt und im T-Shirt, er nannte sich "Cris". Ende September plädierte er in einem Interview für das Recht auf Selbstbestimmung – von Katalanen und Schwulen. Es war eine versteckte Liebeserklärung an seinen Lebenspartner Eduard Planas in Barcelona.
Für den 3. Oktober dann, den Vorabend der Familiensynode im Vatikan, ließ er Freunde und Journalisten zusammentrommeln. "Ich wollte die Herzen der Bischöfe auf der Synode erreichen", sagt Charamsa. Dem Papst, dem er als Assistenzsekretär der Internationalen Theologischen Kommission diente, habe er inzwischen einen Brief geschickt, in dem er ihm seine Verzweiflung beschreibe.
An mangelndem Selbstwertgefühl leidet Krzysztof Charamsa nicht: Er sagt, wie viel sein Coming-out – "über mich als Person hinaus" – für die Kirchengeschichte bedeute, bleibe abzuwarten. Ein Zehn-Punkte-Manifest zur Zukunft der Liebe in der katholischen Kirche hat er immerhin schon vorbereitet. Darin steht unter anderem: Die "schändliche Anweisung" über die Nichtzulassung Homosexueller zum Priesteramt unter Benedikt XVI. im Jahr 2005 sei umgehend zurückzunehmen. Jene Verordnung also, an der er selbst maßgeblich mitgewirkt hat.
Er liebe seine Kirche inzwischen mehr als zuvor, so Charamsa, weil er nun frei sei, über ihre künftige Gestalt zu reden. Etwa darüber, dass der Zölibat nur eine von mehreren Lebensformen für Priester sein könnte – eine andere wäre die Ehe. Und was spräche eigentlich gegen eine kleine Familie dank Leihmutterschaft?
Nichts, sagt der Pole: "Alle Möglichkeiten, die die Wissenschaft bereithält, sollten in Zukunft auch katholischen Priestern offenstehen."
Von Walter Mayr

DER SPIEGEL 43/2015
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