29.12.1997

UMWELTGewagte Mixtur

Jahrzehntelang kippten britische Atomtechniker radioaktive Abfälle in einen Felsschacht. Die Sanierung der Müllgrube wird Milliarden kosten.
Auf seinen Nachbarn ist George MacKay nicht gut zu sprechen. Nur wenige hundert Meter trennen das Haus des 82jährigen Kleinbauern vom Zaun der Atomfabrik Dounreay an der Nordspitze Schottlands, "und trotzdem haben die mich nie vor der radioaktiven Verseuchung gewarnt", klagt MacKay, der an Krebs leidet und die verstrahlte Umwelt für seine Krankheit verantwortlich macht.
Dounreay - das sind die britischen Relikte des Traums vom unerschöpflichen Stromquell: zwei 1994 endgültig abgeschaltete Schnelle Brüter, dazu zwei Wiederaufarbeitungsanlagen (WAA), von denen eine stillsteht, während die andere noch immer Atommüll - auch deutscher Herkunft - schluckt.
Dazu gehört ein Schacht. Er ist 65 Meter tief, undicht, enthält mehr als 1000 Tonnen Atommüll unbekannter Zusammensetzung und wird die britischen Steuerzahler bis zu einer Milliarde Pfund (rund drei Milliarden Mark) kosten. Kürzlich legte die Atomenergiebehörde UKAEA der Regierung zwei Konzepte zur Auswahl vor, wie die Zeitbombe in der Tiefe entschärft werden könnte. Die Entscheidung soll in den nächsten Wochen fallen.
Anfang Dezember bekundete Dounreay-Chef Roy Nelson öffentlich Reue für die Sünden der Vergangenheit. Frühere, "arrogante" Leiter der UKAEA hätten "der Öffentlichkeit wichtige Informationen vorenthalten", so Nelson in der Zeitung "The Guardian". Die Selbstkritik gipfelte in dem Eingeständnis: "Wir haben Dinge getan, die wir nicht hätten tun dürfen."
Das Beispiel des Müllschachts an der schottischen Küste zeigt in der Tat, wie hemdsärmelig und verantwortungslos sich britische Atomingenieure jahrzehntelang ihrer gefährlichen Abfälle entledigt haben. Bauarbeiter hatten den Schacht 1955 beim Verlegen eines Abwasserrohrs in die Klippen getrieben, um Schutt vom Meeresboden abzutransportieren. Als Lager für radioaktive Abfälle war die Konstruktion nie geplant, dafür geeignet ohnehin nicht: Wellen spülten in den Felskamin, die bröselnden Klippen Zentimeter um Zentimeter verzehrend. Eines Tages würden sie ihn zum Einsturz bringen.
Diese Aussicht schreckte die Atommanager von Dounreay nicht. 1959 ließen sie den Schacht mit einem Stahlbetonpfropfen gegen das Meer abdichten und kippten fortan alles hinein, was in den Labors anfiel - von verstrahlten Kitteln über ausrangierte Zentrifugen bis hin zu Büchsen mit radioaktivem Strontium.
Mitunter schleppte das Personal strahlende Abfälle in offenen Pappkartons oder leeren Farbeimern über das Gelände. Schwamm der Müll in der noch immer wasserführenden Felsröhre auf, schossen Arbeiter mit Luftpistolen auf die Behälter, um sie zu versenken.
Schottischen Zeitungen zufolge landeten neben schwach strahlenden Substanzen auch 147 Kilogramm hochangereichertes Uran und 2,2 Kilogramm Plutonium in dem Schacht. 1967 beschlich die Atommüllwerker offenbar ein mulmiges Gefühl: Sie schütteten tonnenweise mit Bor versetztes Glas auf die gewagte Mixtur, um eine nukleare Kettenreaktion zu verhindern.
Zehn Jahre später sprengte eine Explosion den zwölf Tonnen schweren Betondeckel des Schachts in die Luft und verstreute radioaktive Partikel weiträumig über die Strände der Umgebung. "Ein kleinerer Knall", wiegelte Clifford Blumfield ab, damals Leiter der Anlage, "der niemanden verletzt hätte, selbst wenn jemand in der Nähe gewesen wäre."
Ungewiß ist bis heute, ob eine nukleare oder aber eine chemische Reaktion den Strahlenmüll explodieren ließ. Nach Aussagen eines ehemaligen Dounreay-Angestellten entsorgten die Anlagenbetreiber auch flüssiges Natrium und Kalium in die Tiefe. Diese Substanzen, die als Kühlmittel in Schnellen Brütern zirkulieren, reagieren heftig mit Wasser, wobei leicht entzündlicher Wasserstoff entsteht.
Der Knall beendete die Karriere des unkonventionellen Atommüllagers, von dessen Existenz die Öffentlichkeit nun erstmals erfuhr. Doch auch weiterhin verharmlosten die Dounreay-Manager das Ausmaß der Umweltbelastung. Der Meeresgrund und die Strände in der Umgebung sind mit mehr als 100 "hot spots", radioaktiv verseuchten Flecken, übersät. In der Region erkranken dreimal so viele Kinder an Leukämie wie im Landesdurchschnitt. Erst Ende Oktober dieses Jahres verbot die schottische Umweltbehörde den Fischfang vor der Atomfabrik.
Vermutlich sickert schon seit einiger Zeit radioaktives Abwasser durch das spröde Gestein ins Meer. Die Sanierung der Deponie ist überfällig, aber nicht ohne Risiko. "Das wird heikel", fürchtet Nelson, "weil wir möglicherweise ein instabiles chemisches Gleichgewicht stören." Was genau im Schacht schwimmt, ist nirgendwo verzeichnet; möglicherweise enthält die Strahlensuppe noch immer explosive Zutaten.
Deshalb gilt als aussichtsreichste Sanierungstechnik der Vorschlag, flüssiges Kältemittel in den Fels zu pumpen, um den Schachtinhalt einzufrieren.
Anschließend sollen Roboter den Atommüll scheibchenweise an die Erdoberfläche holen, wo er bis auf weiteres zwischenzulagern wäre. Der leere Felskamin soll sodann gereinigt und mit Beton ausgegossen werden. Mehr als 20 Jahre wird die Operation voraussichtlich dauern und, wie UKAEA-Sprecher Andrew Munn mitteilte, "einige hundert Millionen Pfund" kosten.
Währenddessen pumpt die veraltete Wiederaufarbeitungsanlage nebenan weiter hochbelastetes Abwasser ins Meer. Geplant ist sogar, die zweite WAA, den derzeit eingemotteten Material Test Reactor, wieder in Betrieb zu nehmen.
Am Montag blockierten Greenpeace-Aktivisten in Bremerhaven den Frachter "Arneb". Das Schiff transportiert 59 Kilogramm Plutonium zur Weiterverarbeitung nach Dounreay - Abfall aus dem Kernforschungszentrum in Karlsruhe.
Von Rigos und

DER SPIEGEL 1/1998
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