24.10.2015

GlücksfälleAlfons, kannst du Eier?

Iran, ausgedörrt durch jahrelanges Wirtschaftsembargo, öffnet sich für Investoren. Da möchte man nicht zu spät kommen. Und so reisten 99 Unternehmer aus Niedersachsen nach Teheran, um ihr Feld zu bestellen. Von Alexander Smoltczyk
In einer frühen Morgenstunde Anfang Oktober steht Alfons Diekmann auf dem Imam-Khomeini-Flughafen von Teheran. Er trägt seine bequeme Reisehose und eine Umhängetasche mit dem Notwendigsten. "Und wenn die dich abschießen?", hatte seine Frau noch gesagt.
Aber Alfons Diekmann ist geflogen. Aus dem Landkreis Vechta nach Iran. Seine zwei Legefarmen in Damme, im Südoldenburgischen, produzieren 310 000 Eier täglich. "Als ich zur Schule kam, konnte ich nicht mal Hochdeutsch sprechen. Bauernjungen sprachen Platt." Diekmann war das jüngste der neun Kinder, die Mutter starb, da war er zehn. "Das hat mich stark gemacht. Ich wollte nach vorn."
Und deswegen steht Alfons Diekmann von der Alfons Diekmann GmbH frühmorgens wartend am Schalter 40 des Imam-Khomeini-Flughafens, zusammen mit 98 anderen Vertretern des niedersächsischen Mittelstands, Logistik- und Entsorgungsspezialisten, führenden Herstellern von Turbogebläsen, Gipsprodukten, Hafenkränen, Speziallacken und Pumpequipment, Muldenkippern und Rollenschneidmaschinen, und alle wollen jetzt, um halb drei Uhr morgens, nur noch eines: endlich rein. Rein nach Iran.
Am 14. Juli 2015 wurde in Wien nach jahrelangen Gesprächen die Vereinbarung zum iranischen Atomprogramm unterzeichnet. Damit könnte das Embargo gegen Iran beendet werden. Bis zum ersten Quartal 2016 soll Iran mit dem Abbau von Atomanlagen begonnen haben. Dann, am sogenannten Implementation Day, dem Tag der Umsetzung, würden auch die meisten Wirtschaftssanktionen ausgesetzt.
Das sind ziemlich vage Aussichten. Dennoch stellen die Niedersachsen bereits beim Gang zum Frühstück am nächsten Morgen fest: Wir sind nicht allein. Die Lobby des Parsian-Azadi-Hotels gleicht einem Wimmelbild von Delegationen, da sind Franzosen, Kroaten auf "Fact Finding"-Mission, überall Niederländer, Italiener, Briten. Täglich meldet die "Tehran Times" das Eintreffen "hochrangiger Besuchergruppen", "einvernehmliche Gespräche" und den Austausch von Meinungen und Memoranden. Es ist ein Run auf Teheran.
Ein Beäugen und Taxieren ist zu beobachten, wer ist da von den Wettbewerbern, wer hat schon Kontakte, wer diskret Positionen besetzt? Im Aufzug späht man auf die jeweiligen Namensschilder am Revers gegenüber, und jeder bemüht sich, so zu tun, als wäre er nicht da.
Wie an einem unanständigen Ort.
Als Erster, noch im Juli, kam Sigmar Gabriel angeeilt und trank Tee bei einem Teppichhändler in Isfahan. Dann flogen die Baden-Württemberger ein, gefolgt von einer Bundestagsabordnung, und die Bayern um ihre Ministerin Ilse Aigner konnte man gerade noch auf November verschieben. Der Andrang ist so groß, dass in der deutschen Botschaft in Teheran seit Juli faktisch Urlaubssperre herrscht.
"Früher haben sie hier jeden Friseur empfangen. Jetzt bekommt man kaum noch einen Termin auf Kabinettsebene", sagt Bernd Fedder vom Wirtschaftsministerium in Hannover.
Wehrlos muss er zusehen, wie die Kroaten mit Polizeieskorte durch den Teheraner Verkehr gelotst werden: "Dabei haben wir mehr Einwohner als die. Aber die sind auf Bundesebene hier, wir nicht." Bitter auch, dass sich die Schwaben schon in Teheran als "The Heart of Europe" vorgestellt hatten. Niedersachsen konterte, etwas schwach, mit: "Das logistische Herz Europas".
Fedder erzählt, er habe mit 71 000 Euro in bar einreisen müssen, um das Delegationshotel bezahlen zu können. Wegen der letzten Verschärfung der Sanktionen 2012 ist es nicht möglich, Geld per Swift nach Iran zu überweisen. Es gibt auch keine Hermes-Bürgschaften für Exportgeschäfte. Und sein verdientes Geld kann man auch nicht ohne Weiteres nach Deutschland überweisen.
Wozu ist man dann hier?
"Sie kommen in einem guten Moment", sagt der deutsche Botschafter beim Briefing und beginnt, die Welt geradezurücken. Iran sei neben der Türkei das stabilste Land in der Region. Er erzählt von den sozialen Netzwerken, die zwar verboten seien, doch selbst von Staatspräsident Rohani benutzt würden. Er berichtet von Marktchancen und stabilen Basisdaten, vom sehr guten Niveau der Universitäten ("zwei Drittel Studentinnen"), von schlummernden "human resources", guter Infrastruktur und dem ausgezeichneten Ruf des "Made in Germany".
Von einem weitgehend brachliegenden Markt von 80 Millionen Menschen, in dem die Grundhaltung gegenüber allen Deutschen zu sein scheint: Nimm mich!
"Donnerwetter!", entfährt es Rolf Schnellecke von der Schnellecke Group AG & Co. KG, Autozulieferlogistik. Er wird sein Bild von Iran überdenken müssen.
Noch Fragen?
Ein hagerer, etwas fahrig wirkender Herr springt auf: "Ich brauchte IT-Techniker. Wie bekomme ich die?" Professor Eberhard Issendorff aus Sarstedt bei Hildesheim ist ein Erfinder von Gebäudeleittechnik. Er kann einem jedes technische und sonstige Problem in wenigen Sätzen schlüssig erklären und hat für alles eine Lösung. Nur für eines nicht: "Ich kriege in Deutschland keine guten Softwareentwickler."
Der Botschafter verweist an die Handelskammer. Einen Tipp habe er noch: "Kontakte pflegen und Partner einladen, das ist jetzt der entscheidende Faktor." Es klingt wie die letzte Traineranweisung vor dem Finale.
Ist da eine gewisse Spannung spürbar, unter den Mittelständlern? Noch kein Fieber, aber doch eine erhöhte Temperatur? Seit 2005 sind die Exporte aus Deutschland nach Iran um die Hälfte eingebrochen, auf 2,4 Milliarden Euro im vergangenen Jahr. Da geht also was.
Alfons Diekmann sitzt ein wenig abseits. Er ist ein schwerer und zutraulicher Mensch, der in sich versunken wirkt, wären da nicht die ein wenig verquollenen, aber sehr wachen Augen. Diekmann ist jetzt 62 Jahre alt. Wenige, so heißt es in Niedersachsen, verstünden so viel von Hühnern wie er. Dabei hat Diekmann als Elektriker angefangen, eine Zeit seines Lebens, aus der er eine Erkenntnis mitgebracht hat: "Jedes Negative hat sein Positives."
Dieses Embargo zum Beispiel. Da haben die Iraner feststellen können, dass sich eben doch nicht jedes deutsche Produkt durch ein chinesisches ersetzen lässt. Diekmann muss sich nicht erst sagen lassen, dass in diesen Ländern alles über Kontakte geht. Er sagt: "Wir haben den Hassan auch schon zweimal zu uns eingeladen, nach Dinklage ins Burghotel."
"Der Hassan" ist Hassan al-Suwaidi, aus einer der vornehmsten Familien Abu Dhabis und persönlicher Freund des Prince of Wales. Der Sender Al Jazeera hatte einen Fernsehbericht über eine klimatisierte Hühnerfarm in Südoldenburg gebracht, und Suwaidi hatte Diekmann in sein Wüsten-Luxushotel eingeladen.
Sie seien jetzt Freunde, sagt Alfons Diekmann. Später zieht er ein Fotobuch aus der Tasche: "Das ist der Hassan und das dahinter die Broiler-Farm von unserm Thorsten", seinem Sohn.
Für Diekmann ist die Erde keine Kugel, sie ist eiförmig. Er wird ernst genommen, weil man sofort spürt, wie ernst es ihm mit seiner Arbeit ist. Vielleicht ist das auch ein Geschäftsgeheimnis des Mittelstands.
Zur ersten Kontaktaufnahme mit dem "Reich des Bösen" hat die deutsch-iranische Handelskammer eine "B2B"-Kontaktbörse organisiert. Das ist eine Art Speeddating, bei der iranische Geschäftsleute mit Scanner-Blick von Tisch zu Tisch gehen, neben sich einen Dolmetscher und in den Händen das Heft mit den Firmenprofilen: Who is who?
Die Reisenden aus Hannover werden umringt wie Heilsbringer. Manchmal tut das ganz gut. "Wir haben Fachwissen auf Weltniveau", sagt Stephan Bergmann aus Vechta im Oldenburger Münsterland. "Hier wird das geschätzt. In Deutschland wird meine Branche in der Regel nur kritisch gesehen." In Bergmanns Profil steht, er entwickle Arzneimittel im "größten tierischen Veredelungsgebiet Europas".
Einen Tisch weiter sitzt Frank-Michael Rösch hinter einem Stapel von Zollstöcken und Firmenkalendern, ein Hersteller von Bahnverkehrstechnik. "Das ist hier wie bei der Tanzstunde. Du hast einen Partner, aber vielleicht kommt ein besserer." Wobei auch viel heiße Luft im Raum sei: "Viele kommen und sagen, ihr Cousin verfüge über exzellente Kontakte zum Großneffen irgendeines Präsidentenberaters. Alles Unsinn natürlich."
Rösch hat bis in den Tonfall hinein eine starke Ähnlichkeit mit dem "Tatort"-Schauspieler Axel Prahl. Als Einziger trägt er hier Jeans. Nichts lässt darauf schließen, dass seine Firma Büros in Shanghai und Manila unterhält. In seiner Garage in Braunschweig stehen zwei Mercedes-Benz-Autos mit Flügeltüren.
"After-Sale-Service ist ganz wichtig", sagt Rösch, während ringsum über Mülltrennung, Hochfrequenztechnik, Dichtungsringe gefachsimpelt wird. "Und dass man sich in andere Kulturen hineinfühlen kann." Auch was "compliance" angehe, das Verbot von Gefälligkeiten: "Ich rede nicht von Korruption. Aber ein Basar ist nicht Aldi. Es ist doch arrogant, zusammen mit unseren Produkten auch unsere Moralvorstellungen exportieren zu wollen."
Wobei sich da in Niedersachsen schon einiges getan hat. Der Vertreter von VW musste seine Teilnahme an der Reise kurzfristig absagen.
"Excuse me", wird Rösch da von einem jungen Mann unterbrochen, der sich höflich vorstellt und sagt: "I have some very good connections ..."
Offiziell werden die Kundschafter aus Niedersachsen von ihrem Wirtschaftsminister angeführt. Von Olaf Lies aus Wilhelmshaven. Lies hat bei der Marine Funkelektroniker gelernt und sich zum Diplomingenieur hochgearbeitet. Er sieht gut und kompetent aus und verfügt über die Gabe, in jeder Situation Reden halten zu können, in denen Wörter vorkommen wie "hohe Wertschätzung", "wichtiges Signal" und "Erwartungshaltung".
Während "The Mittelstand from Lower-Saxonie" in Bussen in den Gewürzbasar gekarrt wird, zur "JoJo"-Bierbrauerei (alkoholfrei) und zu einer Automobilfabrik (Peugeot-Lizenzbauten), trifft sich der Minister zu politischen Gesprächen auf höchstmöglicher Ebene.
Die Treffen beginnen gewöhnlicherweise mit dem Anruf Allahs und enden mit der Überreichung eines Kolbenfüllers der Marke Pelikan, mit Niedersachsen-Aufdruck.
Dem Minister gegenüber sitzen dann ziemlich unrasierte Männer ohne Krawatte, denen anzumerken ist, wie viele Delegationen sie in den vergangenen Wochen schon empfangen haben, jede nur so bebend vor Sympathie mit der Islamischen Republik. Sie wollen keine Reden und auch keine Kolbenfüller. Sie wollen die Früchte des Atomabkommens. Und zwar schnell.
"Bei allem Eifer der deutschen Seite", sagt mit feinem und maliziösem Lächeln etwa Rokneddin Javadi, der Chef der National Iranian Oil Company, "hoffentlich setzen Sie jetzt auch mutige Beamten an die richtige Stelle." Die Regierung braucht dringend Investoren aus dem Westen. Die Wirtschaft liegt danieder, die Jugendarbeitslosigkeit stagniert bei 30 Prozent, und Iran ist ein Land mit sehr viel Jugend.
Am nächsten Morgen wird Alfons Diekmann früh um halb acht aus dem Bett geklingelt. Es ist das Landwirtschaftsministerium der Islamischen Republik. "Ich hatte denen doch nur erzählt, wie ich aus einer ehemaligen Militärhalle eine Eierfarm von anderthalb Millionen Tieren gemacht hatte, in der Türkei. Das kam wohl gut an. Na, ich bin für alles offen."
Also ist er los. Diekmann kennt den Markt. "Ich sagte, Leute, ihr müsst Eier nach Abu Dhabi liefern. Da ist es schwierig, eine Farm zu bauen. Nach Libyen müsst ihr liefern, in den Irak, nach Syrien." Wenn Diekmann diese Länder nennt, klingt es nicht nach "Tagesschau". Es klingt nach Bauplänen, Legephase und Futtermittelpreisen.
"Das Ei ist ja nicht nur ein hochwertiges Lebensmittel. Vielseitig, gut transportabel. Das kann auch jeder essen, egal welche Religion." Überhaupt solle man das mit dem Islam nicht überbewerten, sagt er. Das gebe sich: "Bei uns ist das eine so schwarze Ecke, da waren die Evangelischen wie Aussätzige. Es war undenkbar, zum Tanzen in ein evangelisches Dorf zu gehen. Glaubt man nicht, aber ist so gewesen, noch 1970."
Diekmann hat schon einen Flüchtling aus Syrien eingestellt. Er sagt, seine Frau und er seien auch lange Jahre Fremde gewesen, als sie von Diepholz nach Damme gezogen waren.
"Royal Safar Iranian" steht auf den Reisebussen, die sich durch die endlosen Weiten der Teheraner Vorstädte mühen. Von Orient ist eigentlich auf der ganzen Reise nicht viel zu sehen, überall stehen halb fertige Betonbauten. Die Investoren lassen ihr Geld lieber zu gutem Zins auf der Bank. Das Land sieht aus wie im Wartestand. Als Mittelständler auf Delegationsreise sieht man die Welt anders. Mehr als Aufgabe denn als Zustand. Diese verstopften Straßen, die rostigen Hallen, der herumfliegende Müll. Der See hinter der Fabrikhalle, wo die Säure entsorgt wird. Die Billigreifen aus China. Das sind alles Möglichkeiten. Rösch, der Bahntechniker, macht Fotos mit dem Handy. Er sagt: "Wenn ich diese alten Schienen sehe, bekomme ich ein Glänzen in den Augen."
Viele in der Gruppe kennen sich von anderen Reisen. Man erzählt sich, wie in Tripolis damals, noch unter Gaddafi, wie "der Gerd" (Schröder) den Straßenbauunternehmer Papenburg fragte: "Günter, kannst du Hafen?" Und wie der Günter dann ganz trocken sagte: "Ja." – "Und, Günter, auch Flughäfen?" Und der wieder nur: "Ja."
Günter, kannst du Hafen? Alfons, kannst du Eier? So sind Unternehmer aus Niedersachsen. So bodenständig, dass es schon nach Mist riecht, aber: "Ja, Flughäfen. Machen wir. In Tripolis, klar doch."
Die meisten in der Gruppe besitzen Vielfliegerkarten auf Platinum-Niveau. Einer hat über den zweiten Bildungsweg Maschinenbau studiert und nebenbei Chinesisch gelernt. Ein anderer ist mit einer Nigerianerin aus dem Igbo-Volk verheiratet, ein Dritter sagt Sätze wie: "Beim Rückflug von Singapur buche ich lieber den Platz 2A, weil man den Fernseher dann nicht umständlich rausklappen muss."
Niedersachsens Mittelstand ist nicht weniger welterfahren als die tätowierten Vollbärte der IT-Valleys. Er trägt nur helle Socken.
Die Werkshallen des "Mammut"-Konzerns vor den Toren Teherans gehören zum Besuchsprogramm fast jeder deutschen Delegation. Das liegt daran, dass Mammut als erfolgreichstes iranisches Familienunternehmen gilt. Aber vor allem hat der Miteigentümer und Geschäftsführer Behrooz Ferdows dieses leichte Schwäbeln – seine Mutter ist Deutsche.
Gleich hinter dem Firmenportal ist es schon wie zu Hause. Sauber geschnitten die Rabatten, die Sattelschlepper preußisch akkurat geparkt. "Schön, dass Sie hier sind", sagt Ferdows. "Die letzten zehn Jahre habe ich nur Asiaten gesehen."
Mammut produziert in großer Menge Lastwagen, Autos, Kräne, baut Hotels in der gesamten Golfregion, stellt Telefonanlagen, Betonfertigteile her. Halb Dubai sei damit errichtet. In Iran hat das Embargo Mammut die Konkurrenz vom Hals gehalten. "Wir machen auch Wohncontainer", sagt Ferdows und fragt, ob er ein paar Tausend für die Flüchtlinge nach Deutschland schicken solle.
Donnerwetter. Die Delegation ist beeindruckt. Im Fenster ist zu sehen, wie die Arbeiter zur Mittagspause Fußball spielen.
Natürlich haben sie von der Korruption im Land gehört, von Bürokratie, Stromausfällen und vom Einfallsreichtum der Zollbehörden. Aber hier sitzt ein Manager und schwäbelt und ist wie sie. Es geht also.
"Nicht alle Rechte, die man hat, kann man auch durchsetzen. Aber wenn Sie wissen, wie es geht, geht's schneller als in Deutschland", sagt der Finanzchef des Konzerns, auch er in akzentfreiem Deutsch. Es heißt, Mammut habe ausgezeichnete Beziehungen zur Staatsführung.
Die Asiaten hätten das Embargo gut genutzt, sagt Behrooz Ferdows zum Abschied und erwähnt einen Werkstoff, der früher von BASF geliefert worden war und jetzt von den Chinesen kommt – "billiger und inzwischen von gleicher Qualität".
Die Botschaft könnte klarer nicht sein. "Es reicht eben nicht, nur mit dem ,Made in Germany' zu wedeln", sagt Issendorff, der Professor, am nächsten Morgen beim Frühstück. "Die sind alle schon da", sagt er und zeigt mit dem Daumen über die Schulter, wo einige Asiaten mit Namensschild am Revers Rührei auf ihren Teller löffeln.
Ein Geschäftspartner habe ihm aus Isfahan gemeldet, dass alle Hotels ausgebucht seien. Auch sei ihm, sagt Issendorff, der Besuch der Teheraner Industriemesse in die Glieder gefahren: "Es gibt alles. Deutsche Maschinentechnik, aber gebaut in Indien. Oder Korea. Erschreckend!"
Bei jeder Gelegenheit wird betont, wie besonders das Verhältnis zwischen Iran und Deutschland immer schon war. Goethe hat den persischen Dichter Hafis geschätzt und seinen "West-östlichen Divan" geschrieben. In Hamburg lebt eine sehr große iranische Gemeinde, viele Akademiker in Kliniken und Universitäten haben iranische Namen. Sehr viele haben an den Universitäten Karriere gemacht. Es ist eine Romeo-und-Julia-Geschichte, so wie mit Russland: Man gehört zueinander und darf nicht, will aber dürfen.
Natürlich ist mit Iran Handel getrieben worden, auch von Niedersachsen aus. Die Container waren nur etwas länger unterwegs. Die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten war keine Gerade mehr. Man brauchte verlässliche Partner in China oder Dubai. Irgendwie kam das Geld dann an, ob im Koffer oder wie auch immer.
"Wir sind die ganzen Jahre hier gewesen", sagt Carsten Braun von Hartmann Valves in Burgdorf, führend in Bohrlochverflanschungen, Kugel- und Molchhähnen. "Wir haben zwar keine Anlagen verkauft, aber unser Gesicht gezeigt. Das wird anerkannt." Ersatzteile wurden über Italien nach Dubai geliefert. Italiener und Spanier seien in dieser Hinsicht das, was Braun "geländegängiger" nennt.
Viele asiatische Staaten haben den Boykott Irans boykottiert. So hatten sie neun Jahre lang freie Bahn auf dem Markt, hohe Gewinnmargen und keine Konkurrenz. Die westlichen Firmen durften zusehen, wie China, Indien und Südkorea sich Infrastrukturen aufbauten und mit zunehmendem Erfolg Turbinenteile von Siemens nachfrästen.
Außerdem wacht die amerikanische Justiz auch bei ausländischen Firmen streng über die Einhaltung des Embargos. Einige Finanzinstitute, darunter die Commerzbank, haben es mit den Regeln nicht ganz genau genommen und mussten Milliardenbußen zahlen.
Deshalb lassen die großen Banken die Hände vom Irangeschäft. Besser, noch bis zum Implementation Day zu warten. Implementation Day ist wie Weihnachten, nur besser.
Am letzten Tag wird in der Delegation eine Meldung von Smartphone zu Smartphone gereicht, und für einen Moment holt sie die Heimat ein. Die "tageszeitung" schreibt von Firmen mit Rüstungssparten, die sich da aus Niedersachsen auf den Weg nach Teheran gemacht hätten. Immerhin finanziert das Regime die Hamas, und manch vielversprechende "human resource" wird auch öffentlich gehängt.
Bei diesem Thema fällt dann gern der Satz: "Da bin ich schmerzfrei." Und er fällt zu oft, als dass er nicht auch das Gegenteil bedeuten könnte.
Nach vier Tagen Delegationsreise hat der Minister ein knappes Dutzend Niedersachsen-Füller der Marke Pelikan überreicht und einmal in aller Öffentlichkeit über Menschenrechte gesprochen. Es war eine erfolgreiche Reise, und schneller als Ilse Aigner und die Bayern war man auch.
"Wir waren mit der bisher größten niedersächsischen Wirtschaftsdelegation unterwegs, und wir waren zur richtigen Zeit am richtigen Ort", sagt Minister Olaf Lies und ist mit den Gedanken schon in Wolfsburg, bei der VW-Vorstandssitzung am nächsten Vormittag.
Der Straßenbaumagnat Günter Papenburg wird ein Büro eröffnen, und Frank-Michael Rösch hat sich schon ein Grundstück ausgeschaut. Stephan Bergmann, der Tier-Pharmazeut, berichtet von der beeindruckenden Whiskysammlung seines künftigen Geschäftspartners. Carsten Braun, Marktführer in Kugel- und Molchhähnen, sagt, er habe seine Puzzlesteine jetzt zusammen: "Wenn das losgeht am Implementation Day, muss die Messe schon gesungen sein. Wichtig ist, dann sagen zu können, ich habe mit dem Minister gesprochen."
So, und jetzt noch schnell in den Basar. Iran ist zurück auf der Landkarte.
Hanns Zülch, ein Speziallackhersteller aus Osterode, der gern Fliege trägt, sagt: "In Indien sind mir schon falsche Fabriken vorgeführt worden. In China erweisen sich Topimmobilien plötzlich als Müllkippe. Aber hier ist das anders." Er habe bei seinen Kontakten "deutsche Denke" gespürt. Und Professor Issendorff ist immer noch beeindruckt von der "Brillanz dieser 25-jährigen Ingenieurinnen".
"Ich stelle eine für Niedersachsen ungewöhnliche Euphorie fest", fasst der Pressesprecher des Ministers zusammen. Jetzt muss er nur noch kommen, dieser Implementation Day.
Alfons Diekmann hat wieder seine Reisejacke angezogen. Er wartet in der Lobby des Parsian-Azadi-Hotels auf den Bus zum Flughafen. "Mein Schwiegervater hat mir niemals verziehen, kein Bauer zu sein. Bis zu seinem Tod nicht. Für den war ich nur ein Elektriker."
Und weil der Schwiegervater früh starb, konnte er nicht erleben, wie Alfons Diekmann im Südoldenburger Land seine erste Eierfarm aufstellte und dann die nächste. Alles nur mit Fleiß und Arbeit. Wie er nach Vilnius zur Messe fuhr, mehr so aus Spaß ("Spass", sagt Diekmann, mit kurzem a), und wie jetzt dort anderthalb Millionen Eier täglich mehr gelegt werden. Wie sie alle kamen, aus Malaysia und Australien, um seine Eierfarmen zu besichtigen. Zweistöckig, mit Entlüftungsfiltern und Kratzkäfigen. Ein Modell Deutschland.
Und wie morgens um halb acht in Teheran das iranische Landwirtschaftsministerium anrief.
"Egal. Du willst nach vorne. Zurück brauchst du nicht zu gucken, da ist nichts."
Das hat Alfons Diekmann so erfolgreich gemacht, dass er sich nichts mehr sagen zu lassen braucht. Nach vorn schauen, nicht zurück. Den Kopf senken. Ackern und besser sein als die anderen. Jede Chance nutzen. Mit jedem reden. Schmerzfrei sein. Das hat ihn durchs Leben gebracht.
Diekmann schaut selbstversunken auf seine Reisetasche. Vielleicht denkt er jetzt an das Atomprogramm oder an die Menschenrechte. Vielleicht auch an Sortiermaschinen und sehr, sehr viele Eier. ■
Der Mittelstand ist nicht weniger welterfahren als die Vollbärte der IT-Valleys. Er trägt nur helle Socken.
Von Alexander Smoltczyk

DER SPIEGEL 44/2015
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