24.10.2015

Global VillageDer Baron der Klunker

Wie ein Schulabbrecher aus Mumbai ein weltumspannendes Diamantenimperium in Antwerpen aufbaute
Er schüttelt ein paar Rohdiamanten aus einer zerknitterten Papiertüte und wiegt sie bedächtig in der Hand. Sie sehen unscheinbar aus, wie trübe Glasklumpen. "Ich werde nie müde, sie zu betrachten", sagt Dilip Mehta, geboren vor bald 66 Jahren im damaligen Bombay, Indien, Diamantenhändler seit fast einem halben Jahrhundert. Er lächelt.
Er öffnet einen Plastikbehälter und hebt mit einer Pinzette einen fertig geschliffenen, orange blitzenden Klunkerstein ans Licht. "Vier Karat", murmelt er, "und eine äußerst seltene Farbe." Er begutachtet den Diamanten durch ein Vergrößerungsglas und nickt, zufrieden: "Etwa 600 000 Dollar wert." Dilip Mehta ist ein kleiner, freundlicher Mann mit grau meliertem Haarkranz, er trägt eine randlose Brille und einen dunkelblauen Anzug mit Krawatte und sitzt in seinem Büro an der Hoveniersstraat in Antwerpen. Die kleine Straße, an beiden Enden mit Stahlpollern gesichert, liegt hinter dem Antwerpener Hauptbahnhof und ist seit ungefähr einem halben Jahrtausend das Zentrum des weltweiten Diamantenhandels.
80 Prozent aller rohen und rund die Hälfte der geschliffenen Diamanten wechseln hier, so heißt es, den Besitzer. Es ist ein Milliardengeschäft, das sich in aller Diskretion abspielt: Die Hoveniersstraat besteht aus aneinandergereihten Büroklötzen, in denen Diamantenbörsen, Industrieverbände, Ausbildungszentren, Banken und ein paar Geschäfte angesiedelt sind. Zwischendrin steht ein einziges hübsches Gebäude: eine alte Synagoge.
Als Dilip Mehta Anfang der Siebzigerjahre hierherkam, war der Handel mit den kostbaren Steinen noch fest in jüdischer Hand – und zwar schon seit dem 16. Jahrhundert. Weil jüdische Einwanderer im mittelalterlichen Flandern nicht in Handwerkszünfte eintreten und auch kein Land erwerben durften, entwickelten sie sich, der Not gehorchend, zu erfolgreichen Händlern – und verhalfen der verhältnismäßig liberalen Hafenstadt Antwerpen zu ihrem Status als Diamantendrehscheibe der Welt. Etwa 20 000 orthodoxe Juden leben heute noch in der zweitgrößten Stadt Belgiens.
Doch inzwischen sind es Dilip Mehta und seine Landsleute aus Indien, die bis zu drei Viertel der Antwerpener Diamantenindustrie kontrollieren. Er selbst gehört zu den erfolgreichsten Unternehmern: Er ist Mitbegründer und Patriarch des Familienunternehmens "Rosy Blue", das mehr als 5000 Mitarbeiter in 13 Ländern beschäftigt. Darüber, wer seine Kunden sind, schweigt er, nur so viel: "Man findet die meisten an der Place Vendôme in Paris." Dort haben Juweliere wie Cartier oder Van Cleef & Arpels ihren Sitz.
Aber wie kam es, dass die Inder dieses Geschäft von den jüdischen Händlern übernommen haben? "Wir haben viel von unseren jüdischen Kollegen gelernt", sagt Mehta. Er lächelt jetzt wieder und wiegt den Kopf hin und her. Als Inder, sagt Mehta, habe man zwei Wettbewerbsvorteile: "Große Familien. Und ein unerschöpfliches Potenzial an Arbeitskräften in Indien."
Am Anfang seien sie hier nur zu zweit gewesen, sagt er, "ein Cousin und ich. Wir kauften kleine, nicht besonders wertvolle Steine und gingen damit von Tür zu Tür". Er hatte sich weder Belgien noch seinen Beruf selbst ausgesucht. Sein Vater, sein älterer Bruder und ein Onkel hatten in den Sechzigerjahren in Bombay damit begonnen, antike Diamanten zu verkaufen. Als Indien später den Import von Rohdiamanten und den Export geschliffener Diamanten erlaubte, erkannten die Mehtas ihre Chance.
Nachdem Dilip von der Schule geflogen war, wurde er von seiner Familie nach Surat geschickt, damals ein aufstrebendes Zentrum für Diamantenschleifer, heute eine Millionenstadt, in der etwa 90 Prozent aller Rohdiamanten geschliffen werden. Dort lernte er das Handwerk, fünf Jahre lang, dann wurde er nach Antwerpen entsandt, ins Zentrum des globalen Diamantengeschäfts.
Er kaufte Rohdiamanten, schickte sie zum kostengünstigen Schleifen nach Indien und verkaufte sie anschließend wieder. "Am Anfang gab es außer uns etwa 15, 20 indische Händlerfamilien", erinnert er sich. "Dann wurden es immer mehr." Die Zahl der Diamantenschleifer in Antwerpen schrumpfte von 30 000 auf einige Hundert. In Indien wuchs sie von einigen Hundert auf geschätzte 800 000 an.
Das Geschäft der Mehtas wuchs und wuchs. Eines Tages, im Jahr 2006, kam ein Anruf aus dem Königspalast: König Albert II. sei sehr angetan davon, was er, Dilip Mehta, für die belgische Wirtschaft leiste. Der König habe deshalb beschlossen, ihn zum Baron zu adeln. "Ich bin in Tränen ausgebrochen", erzählt Mehta, "ich hatte ja keine Ahnung, wie das mit solchen Titeln funktioniert."
Aber die Globalisierung, die indische Händler wie ihn nach Antwerpen gebracht hat, hört ja nicht auf, sie geht immer weiter. Das Diamantengeschäft verlagert sich gerade gen Osten, neue Märkte tun sich auf, etwa in China. Dilip Mehta ist nur noch gelegentlich in Antwerpen anzutreffen. Er verbringt nun mehr Zeit in Dubai, das irgendwann das neue Antwerpen werden könnte – er hat auch seine Söhne, die das Geschäft weiterführen sollen, nach Dubai beordert.
Er glaube zwar nicht, dass die Wüstenmetropole Antwerpen so schnell den Rang ablaufen werde, sagt Mehta, aber für ihn und seine Familie liege Dubai günstig: "Es ist näher an Indien."
Twitter: @samihashafy
Von Samiha Shafy

DER SPIEGEL 44/2015
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