Von Beyer, Susanne; Festenberg, Nikolaus von; Mohr, Reinhard
Die ganze Welt ist eine Party - und die Love Parade in Berlin längst das Routine-Bacchanal der Epoche. Infernalisch lärmend, halb nackt, grell bunt und schwer gut drauf trat die Jugend '99 am Wochenende abermals an, die Hauptstadt in einen hippen Hoppelgarten zu verwandeln. Traditionell treiben kiloweise Aufputschdrogen, Unmengen von Powerdrinks und Alkohol die Jubelfeier der schieren Selbstbegeisterung an, das Zucken Hunderttausender Arme und Beine in Ekstase.
Von 50 Trucks mit Hunderten von Riesen-Boxen stießen wummernde Beats in die tanzenden Leiber; und für den Abend nach der großen Tortour de Dance luden die Techno-Clubs von Berlin zum Weiterzappeln mit Sven Väth, DJ Moguai, Niels van Gogh, DJ Tomcraft und zahllosen anderen Plattengurus. Motto des gigantomanen Liebesspektakels: "Music is the key".
Frei nach Bundeskanzler Gerhard Schröder: Wir haben verstanden, aber - der Schlüssel zu was? Etwa zum Verständnis der Jugend von heute?
Seit die Love Parade in den frühen neunziger Jahren zum fröhlichen Massenevent und zum Kultereignis wurde, fragen Eltern, Sozialforscher, Medienwissenschaftler und Journalisten: Was treibt sie da eigentlich, unsere Jugend? Was treibt sie an, was treibt sie um - und wohin geht sie? Wie soll man sie überhaupt nennen, die heute 15- bis 25jährigen Millennium-Kids?
Die 68er kennt jedes aufgeweckte Kind - mit Schröder und Fischer sitzen sie in der Bundesregierung und kämpfen um Sparhaushalt und Rentenreform. Auch die 78er, Nachzügler der Revolte, WG-erprobt, Müsli-gestählt und gehärtet im Beziehungskampf, sind zusammen mit den Pionieren der Punk-Bewegung unauffällig ins Establishment nachgerutscht. Und die 89er, Teenager und Twens beim Mauerfall, haben die Not zur Tugend gemacht und schlugen ohne ideologisches Gepäck gleich den Direktkurs auf Erfolg und Karriere ein - nicht RAF, sondern BWL war ihr Ding, nicht das Kapital entlarven, sondern es schnell vermehren, das Motto.
Was bleibt da den 99ern? Die "Generation Y", wie ratlose US-Marktforscher die Jungkonsumenten der Gegenwart behelfsweise nennen (siehe Seite 107), scheint eine Jugend im Vorbeirauschen zu sein, ohne eigenes Verhältnis zu ihrer Zeit: Wie auch die vom SPIEGEL in Auftrag gegebene Emnid-Umfrage unter mehr als 1000 Jugendlichen zeigt, ist sie eine No-Label-Generation, mit der weder eine Vision noch deren Gegenteil, etwa der Schlachtruf "No Future!", das Protest-Fanal in den frühen Achtzigern, zu verbinden ist.
Auf die Sinn-Fahnder der Linken und die kritischen Köpfe unter den heute 40jährigen wirkt die neueste Jugend leicht wie die Spreu im Winde, präsent auf jeder Benutzeroberfläche, aber geschichtslos, ohne Anker im Zeitgeist. Zehn Jahre nach dem Fall der Mauer, 50 Jahre nach Gründung der Bundesrepublik, am Übergang ins nächste Jahrtausend: nur Drum'n'Bass und Dosenbier, MTV samt Hohn und Spott?
"Die wissen einfach nichts mehr", erzählte jüngst TV-Entertainer Harald Schmidt, 41, in kleiner Runde aus eigener Erfahrung über seine blutjungen Mitarbeiter. Der Late-Night-Zyniker ehrlich entsetzt: "Die wissen nicht mal mehr, wer Uwe Seeler war."
Schmidt kennt Ulrike Hanitzsch, 21, nicht. Sie weiß es. Über sich und ihre Altersgenossen urteilt die in Schwerin geborene Dolmetsch-Studentin für Portugiesisch und Italienisch: "Wir probieren herum und suchen das Beste für uns." Dann buchstabiert sie vorsichtshalber die Konsonantenfolge ihres Namens zum Mitschreiben: "Wie Nietzsche, nur ohne e." Verwirrende Jugend - also doch gebildet?
Eigentlich möchte Hanitzsch Schauspielerin werden; für den Fall, daß das nicht klappt, betreibt sie ihr Studium mit großer Disziplin - nur auf vielen Gleisen gibt es den Weg zum Glück. Die Studentin singt in einem Chor, treibt Sport, ist politisch interessiert, geht wählen, liest Zeitung und hat seit der Wende "ganz Europa" und halb Südamerika bereist - Brasilien, Argentinien, Paraguay inklusive. Nur Techno mag sie nicht. Eigentlich mag keiner ihrer Freunde Techno. Lieber hören sie die neuesten Nachrichten aus aller Welt.
Ihre Tischnachbarin im Berliner Szene-Lokal "Strandbad-Mitte", Rossella Cestaro, 23, hört sowieso nur klassische Musik. Tanzen geht sie nicht. "Lieber lese ich einen Roman." Seit einem Dreivierteljahr lebt die Italienerin aus der Nähe von Triest in der deutschen Hauptstadt und bereitet sich für die Aufnahmeprüfung an der Musikhochschule im Fach Violine vor. Auch Sven Haeusler, 30, der ein Musikstudio in Berlin betreibt, kann mit der Love Parade nichts anfangen: "Das Ding ist sowieso völlig beliebig geworden", kommentiert er fachmännisch. "Musikalisch sind die Leute um 20 eh nicht mehr so festgelegt. Überall entwickeln sich Mischformen wie Jazz-Jungle oder Surf-Jungle" - wer auf seine Individualität hält, der braucht für die eigenen Vorlieben einen exquisiten Namen.
Klischees sind dazu da, der Wirklichkeit ausgeliefert zu werden: Die 99er sind sowenig wie die 68er oder 89er eine auch nur annähernd homogene Altersgruppe, und die Love Parade, der Exzeß für nur einen Tag, steht keineswegs als das einigende Symbol ihrer Generation da. Das Motto "Gib Gas - Ich will Spaß" ist nicht das programmatische Bekenntnis der Millenniumkids.
Ob es die skeptische Generation der fünfziger Jahre war, die antiautoritäre der späten sechziger, die Punks Ende der siebziger oder die Yuppies der achtziger Jahre - stets prägte eine aktive Minderheit das Bild der Jungen für die Gesellschaft, und auch der Nachwuchs identifizierte sich damit. Jugend war immer eine Vorhut. Den existentialistischen, moralischen, revoltierenden oder geschäftstüchtigen Trendsettern folgte, in gehörigem Abstand, gewiß, der gesellschaftliche Mainstream.
Die gegenwärtig 15- bis 25jährigen gehören zur ersten Generation in der Bundesrepublik, die ohne Revolte, ja ohne irgendeinen deutlich artikulierten Widerspruch gegen die Älteren, zumal die leiblichen Eltern, aufzuwachsen scheint. 95 Prozent haben Vertrauen zu ihren Eltern, 63 Prozent beschreiben ihre Erziehung als "liebevoll". "Meine Mutter ist wie eine gute Freundin", sagt etwa die 16jährige Schülerin Lea Römer, "wir gehen sogar gemeinsam auf Partys." Ihre Cousine Levke, 18, pflichtet bei: "Wir haben unseren Eltern nichts vorzuwerfen, wir profitieren von ihrer Toleranz."
Ein ganz neuer Zug der Zeit. Sogar die als unpolitisch gescholtenen 89er konnten mit einem prononciert postideologischen Pragmatismus, mit Yuppie-Gehabe und geckenhaftem Börsen-Outfit ihre oft sozial und politisch engagierten Eltern verstören.
Nun aber scheint jede Möglichkeit verschwunden, sich politisch, kulturell und ästhetisch von den Alten abzusetzen - von einem Programm einer radikal anderen Zukunft, einst Utopie genannt, dem "Nochnicht"-Universum des Philosophen Ernst Bloch, ganz zu schweigen.
Passend zum Millennium-Wechsel repräsentiert die Generation der 99er die Summe der Hoffnungen und Enttäuschungen des 20. Jahrhunderts: eine Mischung aus Desillusionierung und neuer Lust auf Wirklichkeit.
Bei der Abschiedssitzung des Deutschen Bundestages in Bonn am 1. Juli trat die neue Situation zutage: Junge grüne Abgeordnete applaudierten dem christdemokratischen Altkanzler Kohl. Milde blicken die Nachkommen auf die Vergangenheit, frühweise auf die Gegenwart. "Die BRD", findet der Hamburger Gymnasiast Thorsten, "ist ein guter Staat, dessen sind wir uns bewußt. Unsere Kritik ist nur Feilarbeit."
Es scheint, als manifestiere sich hier der diffuse Konsens über die demokratische Gesellschaft der Bundesrepublik, deren wesentliche Botschaft die ihrer eigenen - erfolgreichen - Kontinuität ist.
Im Osten allerdings sind nicht alle so sanft gestimmt. In der gesamtdeutschen Jugend, der ersten Generation, die mit der Wiedervereinigung und ohne Mauer aufgewachsen ist, bilden die jungen Rechten den Sonderfall. Sie rebellieren gegen den verordneten Antifaschismus ihrer Eltern mit Fremdenfeindlichkeit und Gewalt: Glatzen, Springerstiefel und die Reichskriegsflagge gehören für sie zur stolzen Alltagsdemonstration ihrer Gesinnung - nicht mehr bloß versteckt und in dunklen Spelunken, sondern im Jugendzentrum und auf der Straße.
Es fehlt nicht an Ursachenerklärungen für den Rechtsextremismus und die seltsam aggressive Angst vor Fremden: Christian Pfeiffer, westdeutscher Kriminologe, macht unter anderem die frühe Sauberkeitsdressur in den sozialistischen Kinderkrippen für die Haßlust auf ausländische Sündenböcke verantwortlich - eine Kompensation des in der Kindheit verlorenen Selbstwertgefühls. Manche Forscher sehen eine andere Ursache: Rechtsradikalismus sei schlicht die Reaktion auf die hohe Arbeitslosenrate.
Aber auch im Osten sind die Rechten in der Minderheit - die anderen suchen sich, wie die Gleichaltrigen im Westen, ihren privaten Pfad durch den Dschungel des Hier und Jetzt. Lauter versprengte Individuen, so berichten professionelle Jugendkundler, erforschten da im selbstgewählten Alleingang ihren Weg zum Lebensglück - ohne Leitvokabeln, Großtheorien oder quasireligiöse Heilsversprechen. Nicht einmal die allgemeine Idee vom Fortschritt der Menschheit tauge den Millenniumskindern zur Orientierung - allzu offensichtlich sind die Zerstörungskräfte, die der ungestüme Fortschrittsgeist und die ökonomische Dynamik der Globalisierung entfesselt haben.
Die Mitglieder einer Hamburger Clique um Felix, Thorsten, Sana, Gregor, Frederic und Sarah sind zwischen 20 und 22, haben fast alle das Abitur hinter sich. Ihre Berufswünsche halten sich im sozialen Mittelfeld: Computerfilmer, Kunsterzieherin, Handelskaufmann.
Es sind weder Porsche-Miezen noch Frühkarrieristen unter ihnen, und aus all dem, was sie über sich und die Welt zu sagen haben, wird schnell klar: Die 99er können mit der Begriffskeule "Generation" nicht viel anfangen. Aber als Kinder der Mediengesellschaft wissen sie, daß Werbefuzzis, die Dauerjugendlichen von '68 und die Berufsoptimisten des modernen Kapitalismus den Generations-Blues gerne hören. Warum, höflich wie sie sind, sollen sie nicht mitsummen, wenn die Musik von damals aufgelegt wird?
Verachtung wäre es nicht, was den Insignien vergangenen Jungseins entgegenschlägt, eher würden die Jungs und Mädchen lächeln, freundlich, nicht indigniert, so wie man gerührt gestimmt wird, wenn im Museum Kostbarkeiten präsentiert werden. Die sind schön und zugleich weit, weit weg vom eigenen Leben.
Mit dem Ende der Ideologien ist den jungen Menschen eine zentrale Perspektive abhanden gekommen, der Feldherrnhügel, von dem aus sich forsch auf die Welt herabblicken ließ. Der moderne Diskussionsstil der Medien läßt Gurus, philosophischen Supervisoren, Sturm-und-Drang-Irrationalisten - überhaupt dem klassischen Schwarmgeist - keine Chance.
Die Medienwelt hat ihre jungen Mitglieder vollständig durchdrungen. Ob es um das Kosovo, die Ethik, die Liebe oder das eigene Selbst geht, immer läuft eine reflektierende Parallelspur mit: Jungsein heißt auch, mit all den Berichten über das Jungsein umzugehen, mit Jugendkult und Hipness-Chichi.
So sind die Gespräche der Jugendlichen auf frappierende Weise von der Anstrengung geprägt, medial à jour zu sein. Wenn der Satz des Soziologen Niklas Luhmann - "Was wir über die Welt wissen, wissen wir durch die Massenmedien" - überhaupt eine Berechtigung hat, dann für die 99er. Der Staub medialer Altklugheit erstickt die Begeisterung. Im medialen Bombardement der Fakten zerplatzen Utopien, und das Herz vermag sich nicht zu ergießen, wo die plappernden Herzblätter der Flimmerkiste flattern.
Die auffallendsten Merkmale dieser unauffälligen Generation bündeln sich daher in einem aufgeklärten Realismus, der aus der Not der Tabula rasa von Arbeitsmarkt und Zeitgeist die "Tugend der Orientierungslosigkeit" macht, so der Titel eines Buches von Johannes Goebel und Christoph Clermont über die neuen "Lebensästheten". Die "mißratenen Kinder von '68" versuchten, so behaupten die Autoren, aus ihrer Puzzle-Biographie zwischen Billig-Jobs und Teilzeit-Kreativität ein "Gesamtkunstwerk" zu formen. Dabei bestimmen jene stets offiziell gepredigten Tugenden des "Rucks", der durch Deutschland gehen soll - Flexibilität und Mobilität -, schon längst ihren Alltag. Jeder von ihnen, so schreibt die Frauenzeitschrift "Brigitte" ganz unironisch, bilde "seine eigene Ich-AG".
Die vorgeblich "angepaßte Generation", über die altgewordene 68er gerne schimpfen, erscheint so als trübe Projektion; fest steht allein, daß die 99er eher pragmatisch leben als im träumerischromantischen Überschwang. Gern wohnen sie länger als nötig im "Hotel Mama" mit Vollpension und Wäscheservice. "Family values", das erkannte schon der Grünen-Jungspund Matthias Berninger, 28, sind im Kommen.
Dabei kommen sie ohne Mami und Papi durchaus zurecht: Die Youngster beherrschen lässig die Instrumente der Selbstinszenierung zwischen Uni, Bar und Disco, ohne den programmatischen Narzißmus der achtziger Jahre einfach zu kopieren. Sie sind drogenerfahren, ohne die Gefahren des Sich-Wegbeamens und des Absturzes in die Sucht zu verkennen. Freiwillige Selbstkontrolle auf der Jagd nach einem "Leben minus Langeweile", wie der Hamburger Freizeitforscher Horst Opaschowski in seiner Studie '99 den Unschuldsstand der Jugend branchenüblich flott resümierte.
Was cool erscheinen soll, ist schwere Arbeit: Mit den Worten des erfolgreichen 17jährigen Roman-Debütanten Benjamin Lebert ("Crazy") klingt das so: "Anstatt zu schlafen", gelte es, "eine Feuerleiter hinaufzuklettern, zu saufen, was das Zeug hält, mal eben ein bißchen zu vögeln und nebenbei erwachsen zu werden."
Erzählte ein Kultbuch der 78er schon im Titel von der"Nutzlosigkeit, erwachsen zu werden", so fügen sich die Jungen von heute anscheinend seufzend ergeben ins Schicksal des Älterwerdens. Die über 40jährigen konnten ein Jahrzehnt lang im anarchistischen Kollektiv ihrer selbstbestimmten Egowerkstatt um persönliche Betroffenheit und politische Identität ringen, bevor sie Staatssekretäre wurden. Dagegen gilt für die heute 20jährigen: Sie sind bereit, sich wie Erwachsene zu verhalten, lange bevor sie tatsächlich erwachsen sind.
Viele der 99er hantieren souverän mit den Insignien der neuen Epoche, kommunizieren per iMac, Handy und Pager, oft noch bevor sie der erste Zungenkuß ereilt.
Die Medienkinder der Jahrtausendwende haben die Welt verstanden, so wie sie die Medien darstellen. Die Rezeption der Nachrichtenströme bestimmt ihre Weltsicht und drängt ihre Gefühle in die Ghettos der Sprachlosigkeit. Engagement und Begeisterung bleiben häufig auf der Strecke. Die Verbindung von Herz und Verstand ist zerschnitten. Die jungen Pragmatiker finden sich damit ab.
Sex, dem Klischee nach Naturdroge der 68er-Generation, hat sich derweil zur Rundum-Dauer-Sexualisierung der Öffentlichkeit gewandelt: Ob Rahmspinat à la Verona Feldbusch, Unterwäsche oder tolle Heizdecken - Sex sells. Sex ist allgegenwärtig, im Fernsehen, im Kino und an den Plakatwänden, in Zeitschriften wie im Internet. Kaum ein Tele-Sternchen aus "Verbotene Liebe" oder "Marienhof", das sich nicht schon mit Anfang 20 für "Max" oder den "Playboy" frei gemacht hat - absolut "künstlerisch und geschmackvoll", na klar.
Gleichzeitig nimmt die Häufigkeit der tatsächlich praktizierten zwischengeschlechtlichen Bemühungen im Bett angeblich ab. Viele neuere, methodisch seriöse Studien in den westlichen Industriegesellschaften, so der Sexualforscher Gunter Schmidt, zeigten "verblüffend einhellig ein eher karges Sexualleben" der nachwachsenden Generation.
Patrick Walder, Mit-Herausgeber des Sammelbandes "Techno", formulierte die Diskrepanz zwischen Ästhetik und Sex: Einerseits werde das Outfit immer aufreizender, andererseits würden die optischen Versprechen nicht eingelöst - so als ersetze das Vorzeigen der körperlichen Waffen die erotische Schlacht selbst. Der Sexualwissenschaftler Martin Dannecker will in diesem Phänomen eine Art neue Lustlosigkeit erkannt haben - mitten in einem "Meer von Sex".
"The Body is the Message" variiert die Hamburger Soziologin Gabriele Klein die berühmte Medienthese von Marshall McLuhan in ihrem Buch "Electronic Vibration" über die Rave- und Clubkultur. Sie unterscheidet 68er, 78er und 89er an der Art und Weise, wie sie mit dem Körper umgehen. Was für die einstigen Rebellen der "politische Körper" war, die Verbindung von Sex und Befreiung, das war für die 78er der Diskurs über den "Naturkörper", das Sehnen nach einer vermeintlich authentischen, "wahren" Natur. Die 89er hingegen fahndeten rastlos nach dem "Kunstkörper", einem artifiziellen Objekt, das es erst zu formen galt.
Und die 99er?
Gewiß, ihre Bauchnabelfreiheit kennt keine Grenzen. Kaum je hat eine Generation das vergängliche Privileg straffer Haut so selbstverständlich genutzt wie diese. Doch ihre ästhetischen Inszenierungen bleiben an der Oberfläche, grelle Spielereien, der Jugendstil-Mode des letzten Fin de siècle ähnlich (siehe Seite 102). Anders als das wogende Dekolleté, der klassische Überbringer sexueller Nachrichten, reizt das bauchfreie Top die Sinne und dämpft zugleich die sehnende Erwartung. Eine kühle, fast androgyne Erotik sorgt für Triebaufschub.
Knallenge Jeans sind out. Statt dessen trägt man "Cargo Pants", luftig schlabbernde Beinkleider mit zahllosen aufgenähten Taschen. Dieses textile Understatement wird kontrastiert mit partiell verschärfter Körperbetonung: Oberteile, so eng, als seien sie eingelaufen. Gewünschter Effekt: Freie Sicht auf den gepiercten Nabel. Das Unperfekte, so die Chiffre, soll die athletische Perfektion enthüllen: schmale Hüfte, straffer Bauch, trainierter Oberkörper. Überleben ist alles.
Nur in der Musik, im Hämmern der Beats, im HipHop, in der Schlager-Nostalgie, wo unter der schützenden Tarnkappe der Ironie Sentimentalität genossen wird, da hat die Generation der Jahrtausendwende ihr weiches Herz.
Wenn die Jungen zu einer traditionellen Lebensweisheit wirklich Vertrauen haben, dann ist es das Gesetz der Entwicklung: Alles hat seine Zeit, alles geht wieder vorbei. Das Vorbild: Joschka Fischer. Der hat die Turnschuhe weggestellt und ist rechtzeitig in den Anzug geschlüpft. Den Widerstand gegen die Zeit mögen die Jungen nicht. Anachronismus erscheint ihnen eine größere Sünde als Gesinnungsverrat.
In die Übermacht des Zeitenflusses hat sich auch die Religion zu fügen. Wenn nicht, so meinen sie, kann man sie vergessen. Die Jugend will sich selbst eine Religion schaffen. Möglichst eine, die nicht stört, sondern tröstet.
Denn im Seelenkeller lauert eine Furcht, die man nicht vermutet, wenn man den plaudernden Kids zuhört: die Angst vor Einsamkeit. "Das kann jedem passieren, daß man sich ganz in sich zurückzieht", sagt der Hamburger Zivildienstleistende Felix, 22. Nachfragen stoßen ins Leere, die Wortmächtigkeit erlahmt, Indiz, daß da ein Dämon haust.
Die Jugendlichen reagieren darauf im Stil der Ich-AG: "Wir haben das Geld, wir haben den Freiraum, wir sind egoistisch", erklärt die 20jährige Nana trotzig. Altruismus und Engagement schweben nicht als frei flottierende Moralkeulen über den Jungen. "Uns verbindet nichts", stellt Felix fest.
Ein anderer fragt: "Wozu soll ich den Castor stoppen, wenn ich Atommüll dadurch nicht aus der Welt schaffen kann?" Die mediale Abgeklärtheit kann das persönliche Engagement bremsen - wenngleich 95 Prozent der Meinung sind, es lohne sich, gegen Umweltzerstörung zu kämpfen, und immerhin 40 Prozent Gruppen wie Greenpeace zum Idol verklären.
Die Welt wird nicht mehr kritisiert, um sie zu verändern, sondern zum vielfältigen Spielmaterial genommen, um von ihm profitieren zu können, so gut es eben geht.
Im Namen welcher Idee sollten die Millennium-Kids auch rebellieren, wenn angesichts der Übermacht einer hochfragmentierten Mediengesellschaft oft Rückzug als einzige Antwort übrigbleibt? Der ominöse (und einigende) Zeitgeist, der über Jahrzehnte hinweg die intellektuellen Debatten, das Kabarett, Zeitgeist-Magazine, Soziologie-Seminare und die Veranstalter von Symposien beschäftigte, ist längst verweht.
Und die große Liebe? "Es muß sie geben", lautet das Credo der 99er. Treue wird als hoher Wert gehandelt. "Untreue ist uncool", sagt Felix. Wie fast alle seine Freunde will er später heiraten. Allerdings gelte in der Liebe auch: "Was passiert, passiert." Die Macht des Faktischen ist den Millenniumskindern oberstes Gesetz.
SUSANNE BEYER, NIKOLAUS VON
FESTENBERG, REINHARD MOHR
DER SPIEGEL 28/1999
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