12.07.1999

Spiegel des 20. Jahrhunderts„Japan wird gesund“

Von Yasuhiro Nakasone
Das Modell Japan lebt. Japan hat den Entwicklungsländern nach dem Zweiten Weltkrieg erfolgreich vorgemacht, wie ein Land sich zunächst unter dem Schutz und mit Hilfe des Staates industrialisiert und dann allmählich für den internationalen Wettbewerb öffnet.
Länder wie Taiwan und Südkorea haben dieses Modell übernommen. Selbst Länder in Osteuropa und Lateinamerika haben sich von unseren Erfolgen inspirieren lassen. Und auch künftig werden jene Entwicklungsländer am schnellsten zu Industrieländern aufsteigen, die zuvor eine protektionistische Übergangsphase nach japanischem Vorbild absolvieren.
Doch Japan selbst ist mittlerweile zu einem Industrie-Giganten herangewachsen und hat keinen Schutz mehr nötig. Schon 1987 hat meine Regierung zum Beispiel die staatliche Eisenbahn privatisiert. Doch die Seifenblasenwirtschaft der späten achtziger Jahre konnte ich nicht verhindern: Unser Land strauchelte über seine ökonomische Selbstüberschätzung.
Daß die Japan-Krise sich so lange hinzog, war vor allem schuld unserer Zentralbank und des Finanzministeriums. Statt die Lungenentzündung des Bankwesens mit dem Penicillin einer Strukturreform zu heilen, wollten sie den Patienten mit lauwarmer Milch aufpäppeln. Doch jetzt hat der Staat die nötigen Finanzspritzen verabreicht und eine Liberalisierung eingeleitet. Japan wird gesund werden.
Müssen wird uns jetzt ganz von unserem einstigen Erfolgsmodell verabschieden? Sollten wir uns völlig amerikanischer Shareholder-Kultur unterwerfen? Ich glaube nicht. Denn Politik und Wirtschaft können nur im Einklang mit der Kultur eines Landes gedeihen. Für uns Japaner bleiben Konsens und Harmonie ungemein wichtig: Sie verleiten uns zwar bisweilen zu Mißerfolgen, aber viel öfter erweisen sie sich als Japans besondere Stärke.
Was bedeutet das konkret? Auch künftig werden japanische Firmen eine stärkere Trennung zwischen Management und Aktionären bewahren, als dies etwa in den USA üblich ist. Statt sich ausschließlich von kurzatmigen Aktionärsinteressen drängen zu lassen, können sich unsere Firmen somit stärker auf ihre langfristigen Strategien konzentrieren.
Auch in der Beschäftigungspolitik wird Japan nicht die "Hire and Fire"-Mentalität von US-Firmen übernehmen. Zwar sind auch unsere Unternehmen gezwungen, Arbeitskräfte abzubauen und das System der lebenslangen Arbeitsplatzgarantie zu überdenken. Das heißt aber nicht, daß sie einfach die Köpfe ihrer Angestellten rollen lassen: Vielmehr versetzen die Konzerne überzähliges Personal zu Tochterfirmen oder entlassen es in den Vorruhestand. Nur solch humanes Vorgehen achtet den Wunsch der Gesellschaft nach Harmonie.
Um den inneren Frieden zu sichern, muß Japan sich eher stärker auf traditionelle Grundlagen seiner Gesellschaft besinnen: Das ist die wichtigste Lehre, die wir aus der Bankenkrise sowie den zahlreichen Skandalen im Finanzministerium ziehen müssen. So sollten wir vor allem unser Schulsystem gründlich reformieren. Die Moralerziehung - vom amerikanischen Besatzungsgeneral Douglas MacArthur abgeschafft - gehört wieder eingeführt.
Zur Zeit leidet unser Land unter einem Wertevakuum. Politiker und Bürokraten sind vollauf damit beschäftigt, die Folgen der Krise zu meistern. Unsere Firmen bemühen sich - völlig verständlich -, im globalen Wettbewerb Anschluß an moderne Technologien wie das Internet zu finden oder ihre Positionen auszubauen. Doch gerade im Zuge der Globalisierung darf Japan nicht den Fehler wiederholen, seine Position ausschließlich über technologisches Know-how und über das Wirtschaftswachstum zu definieren.
Japan darf seine Identität nicht vergessen. Von den Politikern und Bürokraten, die in unserem Land zur Zeit Verantwortung tragen - der Generation der 50- bis 60jährigen -, können wir allerdings kaum die notwendige moralische Führung erwarten. Denn dieser Generation wurde durch Japans Kriegsniederlage das Selbstbewußtsein gegenüber der eigenen Kultur geraubt.
Um so mehr hoffe ich dagegen auf die jungen Japaner, die 20- bis 30jährigen. Diese Generation wird von den Älteren völlig zu Unrecht unterschätzt. Doch die Jungen vermögen klar zu sagen, was sie gut oder schlecht finden. Von diesem Nachwuchs erwarte ich die Kreativität, um Japan wieder technologisch an die Spitze zu bringen, gleichzeitig aber auch den Willen, die Vorzüge des Modells Japan im Zuge der Globalisierung zu verteidigen.
Yasuhiro Nakasone, 81, war von 1982 bis 1987 japanischer Premierminister.
DIE THEMENBLÖCKE IN DER ÜBERSICHT: I. DAS JAHRHUNDERT DER IMPERIEN; II. ... DER ENTDECKUNGEN; III. ... DER KRIEGE; IV. ... DER BEFREIUNG; V. ... DER MEDIZIN; VI. ... DER ELEKTRONIK UND DER KOMMUNIKATION; VII. ... DES GETEILTEN DEUTSCHLAND: 50 JAHRE BUNDESREPUBLIK; VIII. ... DES SOZIALEN WANDELS; IX. DAS JAHRHUNDERT DES KAPITALISMUS; X. ... DES KOMMUNISMUS; XI. ... DES FASCHISMUS; XII. ... DES GETEILTEN DEUTSCHLAND: 40 JAHRE DDR; XIII. ... DER MASSENKULTUR
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Von Yasuhiro Nakasone

DER SPIEGEL 28/1999
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