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BUCHMARKT

Hitler und Heidi

Nach dem US-Erfolg des Romans "Der Vorleser" wollen deutsche Verlage mehr heimische Autoren in Amerika etablieren - und werden diplomatisch aktiv.

Programmchef Wolfgang Ferchl ringt nach Worten: "Wir könnten Ihnen da einen wirklich großen Erzähler bieten", schwärmt er seinen amerikanischen Kollegen vor, "einen neuen E.T.A. Hoffmann." Doch die fünf US-Lektoren in Ferchls Frankfurter Büro, eigens aus New York angereist, um neue deutsche Literatur in Augenschein zu nehmen, mustern den Kollegen vom Eichborn Verlag verständnislos: "E.T.A. Hoffmann - wer ist denn das?"

Der Held des Erzählers sei ein Kuhhirte, der viele Geschichten auf Lager habe, erläutert Ferchl, 43, schon ein wenig handfester: Ein alpenländischer Märchenerzähler stehe im Mittelpunkt des Romans "Quatemberkinder und wie das Vreneli die Gletscher brünnen machte" von Tim Krohn, der vergangenen Herbst erschien.

Endlich wissen die Amerikaner Bescheid: "Den sollten Sie vielleicht lieber einen Großneffen von Heidi nennen", schlägt ein US-Kollege vor, er hält das für den besseren Marketing-Begriff, denn "die Brüder Grimm sind bei uns durchaus noch bekannt". Daß das Alpenmädel "Heidi" von einer gewissen Johanna Spyri stammt - "who is that?"

Was Ferchl Anfang Juli widerfuhr, ist typisch für deutsch-amerikanische Literaturdialoge. Schon die simple Verständigung über hierzulande geläufige Traditionen kann ins Schlamassel führen, ganz zu schweigen vom unterschiedlichen Literaturgeschmack in Deutschland und Amerika. Kürzlich haben deutsche Verlage eine Offensive gewagt, die daran einiges ändern soll.

Nach dem überraschenden und ziemlich singulären Bestseller-Erfolg von Bernhard Schlinks Roman "Der Vorleser", der in den USA bald eine Millionenauflage erreicht, wollen die hiesigen Verlage das anscheinend neu erwachte Interesse der Amerikaner an deutschsprachigen Erzählern auch für den Export anderer Titel nutzen.

Schon im vergangenen Jahr eröffnete daher der Börsenverein des deutschen Buchhandels in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut ein "German Book Office" (GBO) in New York. Vorletzte Woche kamen nun, organisiert vom GBO, fünf New Yorker Lektoren in die Bundesrepublik, darunter Vertreter bekannter Verlage wie Saint Martins' Press, WW Norton und Farrar, Straus & Giroux.

Bei zahlreichen Gesprächen in Verlagshäusern wie Suhrkamp, Piper oder der Frankfurter Verlagsanstalt versuchten Deutsche und Amerikaner, ihre jeweiligen Buchinteressen zu erkunden. Die entscheidende Frage nach den Kriterien der Amerikaner beim Ankauf eines Manuskripts fand regelmäßig die verblüffend einfache Antwort: "Daß es uns gefällt und daß es sich verkauft."

Bislang war zeitgenössische deutschsprachige Literatur in Amerika nur ausnahmsweise gut absetzbar, so im Falle von Patrick Süskinds Roman "Das Parfüm". "Es ist ganz einfach, das Gesamtwerk von Jürgen Habermas, 24 Bände, nach China zu verkaufen, Thomas Bernhard in Bulgarien oder Hermann Hesse in Polen zu plazieren", sagt Petra Hardt, die bei Suhrkamp für den Handel mit Übersetzungsrechten verantwortlich ist. "Aber es ist äußerst schwierig, einen jungen deutschen Erzähler nach Amerika zu bringen."

Suhrkamp ist mit rund 350 weltweit verkauften Auslandslizenzen im Jahr deutscher Marktführer im Übersetzungsgeschäft. Während jedoch der Handel mit Lizenzen nach Tschechien und Taiwan blüht, hat das Verlagshaus in den vergangenen vier Jahren bloß drei Übersetzungsrechte junger deutscher Romanautoren nach Amerika vermittelt - alle drei Werke handeln von NS-Themen.

"Könnt ihr euch nicht mal für was anderes interessieren?", beschwerte sich Suhrkamp-Verlagsleiter Christoph Buchwald, 47, jetzt bei den Amerikanern. "Nazis verkaufen sich immer", erwiderten die und ergänzten ungerührt: "Hitler funktioniert fast so gut wie Jesus Christus."

Jedes siebte Buch, das in Deutschland erhältlich ist, wurde im Ausland geschrieben, mehr als ein Drittel davon in den USA. Dagegen stammten von jenen Titeln, die in den USA 1994 gelesen wurden, bloß 0,8 Prozent aus einem anderen Sprachraum, und der deutsche Anteil daran ist auch noch verschwindend gering. Ein schweres Hindernis für die Deutschen ist die schrumpfende Zahl deutschkundiger US-Lektoren: "Die Emigranten sterben langsam", sagt Bärbel Becker von der Internationalen Abteilung der Frankfurter Buchmesse, "und die Deutsch-Studiengänge an den amerikanischen Universitäten werden immer seltener wahrgenommen."

Die Leiterin des New Yorker GBO, Andrea Heyde, 32, will nun zunächst einen Computerkatalog mit möglichen Titeln für den US-Markt erarbeiten. "Da werden ein paar ausgewählte Titel vorkommen", sagt Heyde, "mit kurzen Exzerpten." Wichtig sei vor allem der persönliche Kontakt mit den US-Lektoren: "Du mußt reden, reden, reden."

Die zierliche Blonde mit leicht sächselndem Akzent, die den Börsenverein in New York vertritt, stammt aus Meißen. Bald nach der DDR-Wende war Heyde mit ihrem Mann, einem Geologen, in den langweiligen amerikanischen Mittelwesten gegangen. Um Geld zu verdienen, startete die Germanistin dort als sogenannter Scout. In der tiefsten Provinz suchte sie nach interessanten Manuskripten und Autoren und besorgte Buchkunden für die amerikanische Buchhandelskette Barnes & Nobles. Bald wechselte sie in eine New Yorker Scout-Agentur, Ende letzten Jahres übernahm sie das GBO.

In diesem Book-Office ist sie eine Einzelkämpferin. Hingegen arbeiten in einem ähnlichen Büro der französischen Verlage, das seit 15 Jahren besteht, vier Leute. Immerhin gelang es den Franzosen im letzten Jahr, 70 Lizenzen zu vermitteln. Da können die Deutschen bislang nur neidisch staunen.


DER SPIEGEL 28/1999
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