31.10.2015

DiplomatieDer vielseitige Mister Chang

Der einzige Nordkoreaner, der in der freien Welt auftritt, sitzt im IOC. Er bewegt sich geschmeidig zwischen Scheichs, Königen und Thomas Bach. Einblicke in eine Welt, die ähnlich funktioniert wie die Cosa Nostra oder der Weltfußball. Von Alexander Osang
Nordkoreas einziger Weltdiplomat lebt in einem verschrammelten Reihenhaus am Stadtrand von Wien. Man muss über die Donau und dann lange, lärmende Straßen mit Spielsalons, Schnellimbissen und Supermärkten entlang bis nach Stammersdorf, wo sich Wien auflöst. Niemand erwartet hier eine Weltzentrale von irgendetwas, aber am Gartenzaun hängt das Wappen der International Taekwondo Federation.
Im Vorgarten steht ein alter Mercedes. An der Eingangstür gibt es eine Liste mit langen Telefonnummern, eine Klingel und den Hinweis, dass hier der Taekwondo-Präsident Ung Chang residiert, der Nordkorea im Internationalen Olympischen Komitee (IOC) vertritt. Es ist ganz still. Die Klingel surrt irgendwo im Innern des Reihenhauses. Gelegenheit, an all die bizarren Geschichten aus jener Zeit zu denken, in der Wien die Zentrale des nordkoreanischen Auslandsgeheimdienstes war, der von hier aus goldene Pistolen und Fliesen für die Diktatorfamilien, aber auch Panzer und ganze Fabrikausrüstungen organisierte sowie gelegentlich einen Menschen verschwinden lassen haben soll. Nach einer Weile erscheint ein kleiner Mann in einem hellblauen Frotteebademantel. Er sagt, er heiße Kim.
Ist Mister Chang da?
Moment, sagt Herr Kim und verschwindet im Haus.
Das Foyer des einzigen nordkoreanischen IOC-Mitglieds aller Zeiten ist ungefähr fünf Quadratmeter groß. Es gibt einen Ledersessel und einen Couchtisch, auf dem sich Taekwondo-Magazine stapeln. Auf jedem Cover ist ein Mann mit entschlossenem Blick und angehobenem Bein zu sehen.
Nach einer Viertelstunde erscheint Chang, ein großer, leicht gebeugt gehender Mann in khakifarbener Freizeitkleidung. Er führt durch einen abgedunkelten Raum mit fünf Schreibtischen, zwei sind von jeweils einem kleinen, dunkelhaarigen Mann Mitte dreißig besetzt, beide heißen Kim, wie Chang sagt; es folgen zwei Räume, in denen je ein Gummibaum steht; schließlich erreicht man ein Zimmer mit einem breiten Schreibtisch, an der Wand hängt ein Kalender mit dem Bild eines nordkoreanischen Berges. Es ist, als würde man auf diesem kurzen Weg durch eine Art Zauberschleuse nach Nordkorea gelangen. Auch Ung Chang scheint sich zu verändern. Als er schließlich hinter seinem breiten Schreibtisch sitzt, sieht er aus wie ein Parteifunktionär. Ein Mann, der keine Fragen beantwortet, sondern stellt.
Die Klimaanlage rattert, als hätte er sie aus seiner Heimat mitgebracht. Wie repräsentiert man den isoliertesten Staat auf dieser Erde, die Republik mit dem schlechtesten Image auf der Welt?
Isoliert?, fragt Chang.
Er blättert in seinem Kalender. In zehn Tagen muss er zur Session des IOC nach Kuala Lumpur, danach fährt er zu einer Fußballschule nach China, dann ist die Weltmeisterschaft seines Taekwondo-Verbands im bulgarischen Plowdiw, eine Sitzung in Lausanne, und schließlich muss er zum Asienrat nach Turkmenistan, Reisen, die von seinem Freund Scheich Sabah aus Kuwait organisiert werden. Er kannte schon den Vater des Scheichs, ein guter Freund, sagt Chang. Tragischer Tod.
Er seufzt, seine Züge sind wieder weich. Er habe Probleme mit dem Herzen, sagt Chang. Er habe in seiner Jugend zu viel Sport getrieben und arbeite nun zu viel. Er sei müde, denn er habe keine Pause, nicht mal am Wochenende.
"Die Araber kennen ja kein Wochenende", sagt Chang. Ein seltsamer, weltumspannender Satz, hier in der nordkoreanischen Enklave von Österreich.
Man muss dankbar sein für solche Sätze. Mister Chang ist vielleicht der einzige offizielle Nordkoreaner, mit dem man in der westlichen Welt reden kann. Er ist ein Bindeglied. Ein Fabelwesen, das die Interessen des geheimnisvollen Reiches Nordkorea und die der Zirkuswelt des internationalen olympischen Sportbetriebs zusammenhält. Es klappt ganz gut, was bestimmt daran liegt, dass sich beide Welten ähnlich sind.
Als wir uns kennenlernten, trug Ung Chang einen dunklen Anzug und eine Krawatte. Das war vor zwei Jahren im Deutschen Haus in New York, wo es einen Empfang zu Ehren von Thomas Bach gab, der damals als IOC-Präsident kandidierte. Ung Chang brachte auch seinen Sohn mit, Jong Hyok Chang. Sein Vater stellte ihn vor wie jemanden, der irgendwann das Geschäft übernimmt. So, wie Kim Jong Il und später Kim Jong Un die Geschäfte ihrer Väter übernahmen. Die anderen IOC-Gäste, darunter der Prinz von Jordanien, der Stabhochspringer Serhij Bubka und eine ehemalige amerikanische Eishockeynationalspielerin, schienen den Sohn ihres IOC-Kollegen bereits zu kennen. Der East River glitzerte in der Abendsonne, weiter weg von zu Hause konnte man als Nordkoreaner kaum sein.
Ung Chang ließ sich das nicht anmerken. Wie selbstverständlich überreichte er seine Visitenkarten mit der Wiener Adresse, dort solle man ihn doch mal besuchen. Er wehrte nicht ab, sondern suchte Kontakt.
Wieso eigentlich Wien?
Chang setzt zu einer zehnminütigen Rede an, in der er sein Leben mit dem eines Mannes namens Choi Hong Hi verknüpft. Choi ist eine mythische Figur Nordkoreas. Er wurde Anfang des vorigen Jahrhunderts geboren wie Kim Il Sung und gilt als Erfinder des Taekwondo, indem er Techniken einer koreanischen Kampfsportart, die er bei einem ehemaligen Mitglied der kaiserlichen Leibgarde erlernt hatte, mit der Karatekunst kombinierte, die ihm auf einer japanischen Eliteschule beigebracht worden war. Er kämpfte in verschiedenen Kriegen, mal auf der japanischen, mal auf der südkoreanischen Seite, wurde General, floh 1972 vor dem südkoreanischen Diktator nach Kanada und kehrte im Alter nach Pjöngjang zurück, um zu sterben. Auf dem Totenbett bat er Ung Chang, den Taekwondo-Weltverband zu übernehmen, den er gegründet hatte. Die Zentrale lag in Österreich, weil Österreich als neutrales Land galt. Chang sagte zu. Das war 2002.
Seitdem lebt er in dem Reihenhaus am Stadtrand von Wien.
Bis dahin hatte Ung Chang eine ziemlich geradlinige Funktionärskarriere absolviert. In seiner Jugend spielte er Basketball für einen Pjöngjanger Militärklub und die Nationalmannschaft, danach wurde er Trainer und Sportfunktionär. Chang war stellvertretender Sportminister und NOK-Chef Nordkoreas, 1996 wurde er ins IOC gewählt. Erst General Choi verlieh Changs Laufbahn das Märchenhafte, Übermenschliche, das für koreanische Erfolgsgeschichten so wichtig zu sein scheint.
Er ist Teil der Erzählung seines Landes. Ganz nah dran an den blaublütigen Führern. Im Frühjahr war Chang bei Kim Jong Un, der als Sportfan gilt und großes Interesse daran haben soll, nordkoreanische Spitzensportler zu produzieren.
Wenn man ihn danach fragt, gefrieren Changs Züge wieder.
Er redet lieber über Thomas Bach, einen anderen Führer. So nennt er ihn. Einen "weisen Führer der olympischen Bewegung". Als er neulich seinen 77. Geburtstag feierte, rief Bach aus Toronto an. Thomas Bach vergesse keinen Geburtstag, sagt Chang. Er besuche bettlägerige IOC-Mitglieder im Krankenhaus. Über ihn hat Chang einen Kardiologen kennengelernt, Chefarzt einer Wiener Privatklinik, der ihn nun regelmäßig checkt. Morgen muss er wieder zur Untersuchung. Die Kosten, so Chang, übernimmt das IOC.
"Wir haben ja viele alte und gebrechliche Mitglieder", sagt Chang, ein Satz, der auf das IOC genauso zutrifft wie auf Nordkorea.
An der Tür des Arbeitszimmers klopft es. Sein Enkel steht draußen, den er mit nach Wien genommen hat, damit er Deutsch lerne. Er ist zehn Jahre alt. Er langweilt sich. Chang ruft nach seiner Frau. Sein Enkel besuche eine österreichische Mittelschule und spreche inzwischen gut Deutsch, sagt er. Chang hat ihn gerade für einen Englischkurs angemeldet. Oxford English. Das Haus am Wiener Stadtrand scheint eine Art familiäre Kaderschmiede der Familie Chang zu sein. Auch sein Sohn Jong Hyok lebte einst in diesem Haus. Er besuchte die Universität in Wien und ist inzwischen beim IOC in Lausanne untergekommen. Ein anderer Enkel, der ebenfalls ein paar Jahre in seinem Wiener Haus lebte und heute nordkoreanischer Fußballnationalspieler ist, hat gerade ein dreimonatiges Praktikum beim Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) in Frankfurt am Main angetreten.
Nur seine Frau sei nie richtig in der Fremde angekommen, sagt Chang. Sie spreche keine Fremdsprache und habe große Sehnsucht nach ihren drei Töchtern, die in Pjöngjang leben. Sie ist oft sehr allein hier, weil er für das IOC um die Welt fliegen muss. Wenn ihm die Frau leidtut, verbirgt er das gut. In der Lehre Konfuzius', von der die koreanische Mentalität bis heute geprägt ist, spielen Frauen eine untergeordnete Rolle. Es geht vor allem um das Verhältnis von Vätern, Söhnen und Brüdern. Sowie um Karriere.
"Die Familie ist wichtig", sagt Chang, aber man weiß nicht, von welcher Familie er spricht.
Mitte des Jahres nahm Chang Ung an der Eröffnungsfeier der 128. Session des IOC in einem Kongresszentrum von Kuala Lumpur teil. Er saß in der vierten Reihe, außen links. In der Mitte der ersten Reihe saßen das Ehepaar Bach sowie das malaysische IOC-Mitglied Fürst Imran. Auf der Bühne spielte ein Staatsorchester eine Hymne, die der malaysische Fürst extra für die Session in Auftrag gegeben hatte. Sie klang wie ein Soundtrack zum Trickfilm "Kung Fu Panda 3". Im Rang beklatschten zwei Dutzend chinesische Reporter die kulturellen Darbietungen und die Reden von Fürst Imran und Präsident Bach. Alles war sehr bunt, sehr optimistisch und perfekt durchchoreografiert. In den Reden wurde viel von Familie gesprochen und von der Agenda 2020, die sich Präsident Bach ausgedacht hat wie einst Stalin den Fünfjahresplan.
Ung Chang verfolgte alles regungslos. Wahrscheinlich war es nicht viel anders als zu Hause.
Anschließend gab es einen Stehempfang für die IOC-Mitglieder, bei dem der aufgeräumte malaysische Fürst einen Elvis- Song sang.
Spätabends betrat Chang die Bar des Mandarin Oriental, wo das IOC untergebracht war. Er sah jetzt aus wie ein Staatsmann. Von der Bar näherte sich Prinz Frederik von Dänemark, schüttelte Chang beide Hände, lächelte und erkundigte sich nach seiner Gesundheit. Chang wackelte mit dem Kopf. Dann ließ er sich in einen Stuhl fallen. Die Ärzte aus Wien hätten seine Herzprobleme einigermaßen unter Kontrolle bekommen, sagte er. Aber sie hätten ihm von einer geplanten Reise nach Nordkorea abgeraten. Der Flug sei zu lang. Natürlich ist die Reise nach Malaysia auch beschwerlich, aber das IOC bezahlt Businessclass, und er müsse bei so einem Kongress nicht raus in die Hitze. Die Welt des Internationalen Olympischen Komitees ist wohltemperiert und von künstlichem Licht erfüllt. Man weiß nicht, ob dort draußen gerade Nairobi ist oder Wladiwostok, Tag oder Nacht, aber es ist angenehm kühl.
Gesundheit ist ein großes Thema im Komitee. Als der Kongress in Kuala Lumpur stattfand, gab es 103 stimmberechtigte Mitglieder, rund 103, muss man sagen. Vor ein paar Tagen erst war das österreichische IOC-Ehrenmitglied Leo Wallner gestorben. Kurz zuvor hatte es den Kubaner López erwischt. 66 Jahre alt erst, ein junger, starker Mann, sagte Chang. Der Südkoreaner Lee Kun Hee liege nach einer Herzattacke vor einem Jahr im Koma.
"Er war ein Milliardär, aber es hat ihm nichts genutzt. Umgefallen und aus", sagte Chang. Er rieb die Hände übereinander, wie nach einer getanen Arbeit. Er ist momentan das einzige koreanische IOC-Mitglied, das bei Bewusstsein ist.
Guy Drut, ein ehemaliger französischer Hürdensprinter, kam an den Tisch, berührte Chang an der Schulter und sagte: Gut, dich zu sehen, mein Freund. Pass auf dich auf. Chang nickte. Es war eine wichtige Session, weil über die Winterspiele 2022 entschieden wurde. Almaty und Peking waren als Kandidaten übrig geblieben, weil alle anderen Städte aufgegeben hatten, unter anderem München. Weder bei Kasachstan noch bei China dachte man ans Skifahren. Aber Almatys Delegation kämpfte mit Herzblut, während Peking nicht einmal Schnee hat, nur "schneeproduzierende Kapazitäten".
Es wird eng, sagte Chang und lächelte. Deswegen musste er hier sein. Ung Chang hat kein besonderes Profil im IOC, abgesehen von einer gewissen Exotik steht er für nichts. Er ist in vier Kommissionen, die klingen wie Beschäftigungsprogramme für rüstige Rentner. Aber er hat eine Stimme, die milliardenschwere Entscheidungen beeinflussen kann. Er muss durchhalten. Ein nordkoreanischer Nachfolger ist nicht in Sicht.
"Wenn das IOC auf dich aufmerksam werden soll, musst du dich in der Öffentlichkeit präsentieren", sagt Chang. Das ist für den durchschnittlichen Nordkoreaner unmöglich. Im Grunde gibt es eigentlich nur zwei Nordkoreaner in der Öffentlichkeit: Kim Jong Un und ihn.
Während sein Vater und die anderen abstimmten, saß Ung Changs Sohn Jong Hyok vor einem Wasserglas im leeren Hotelrestaurant und erklärte, warum er niemals der Nachfolger seines Vaters werden wird. Jong Hyok Chang ist 38 Jahre alt, wirkt aber jünger. Vielleicht liegt es daran, dass er lange Zeit an der Seite seines Vaters durch die Welt reiste. Bis heute teilen sie ein Hotelzimmer. Er war Fußballer. Er stand im Tor des Pjöngjanger Militärklubs und der Nationalmannschaft. Anschließend studierte er Sport in Pjöngjang und Verwaltungswesen in Wien. Vor zwei Jahren ist er in der IOC-Administration untergekommen. Er lebt mit seiner Frau und zwei kleinen Kindern in Lausanne. Höher hinaus gehe es für ihn nicht, sagt er.
Er glaubt, dass es in den heutigen Zeiten keine Stimmen für ein nordkoreanisches IOC-Mitglied gebe. Sein Vater wurde in Zeiten bekannt, als es noch die Sowjetunion gab. Jetzt sieht es anders aus. Nordkorea steht ziemlich allein da.
"Natürlich sagen wir nicht Nordkorea, sondern Demokratische Volksrepublik Korea", sagte Jong Hyok Chang und lächelte schmal.
Er wolle nicht über Politik sprechen, sagte er. Dass er hier sitzt, in einem Hotelrestaurant in Kuala Lumpur, habe mit sportlicher Leistung zu tun, sagte Jong Hyok Chang. Mit seiner, aber auch mit der seines Vaters. Der arbeite jeden Tag hart, um im Kreis der olympischen Familie anerkannt zu sein. Er sei nicht zu solch harter Arbeit in der Lage, sagte sein Sohn.
Er möchte so lange in Lausanne leben, bis er genug gelernt hat, um nach Hause zurückzukehren. Er erinnert seine Frau täglich daran, ihre Kinder zu Respekt zu erziehen. Respekt vor Lehrern und Eltern und vor der Heimat. Er versteht nicht, warum die Welt sein Land nicht in Ruhe lässt. So ein kleines Land.
Nach zweieinhalb Stunden stakste Ung Chang zurück ins Hotel. Es war sehr knapp. Vier Stimmen nur, murmelte er. Vier Stimmen mehr für Peking. Er fühle sich nicht so gut, sagte der alte Chang. Sein Sohn hakte ihn unter und führte ihn aufs Zimmer. Seit sein Vater die Herzprobleme habe, schlafe er schlecht, sagte der Sohn. Er lausche die ganze Nacht auf den Atem des alten Mannes. Vorm Aufzug fing sie noch ein Mitglied der chinesischen Bewerberdelegation ab, eine ehemalige Eisschnellläuferin. Sie bedankte sich beim alten Chang für seine Stimme.
Er schaute sie nachdenklich an. Es war eine geheime Abstimmung. Er nickte schwach.
In der Nacht rief sein Sohn die Notärzte. Das Fieber des alten Chang hörte nicht auf zu steigen. Sie brachten ihn in ein Krankenhaus. Der Junge schlief am Krankenbett. Die malaysischen Ärzte wollten Chang mindestens vier Tage zur Beobachtung dabehalten, aber nach 24 Stunden stieg er wieder in seinen Anzug. Es gab ein Mittagessen mit Bach, das er auf keinen Fall verpassen wollte. Mit steifen Schritten kam er aus dem Hotel, vor dem der kuwaitische Scheich Sabah rauchte, beobachtet von seinen Leibwächtern. Chang berührte den Scheich fast zärtlich an der Kutte. Sie liefen Hand in Hand in den Sitzungssaal, vor dem Prinzessin Anne und Fürst Albert herumstanden. Mister Chang sei ein guter Freund, sagte Sabah später. Die Situation in seinem Land sei sicher sehr schwierig, aber darum gehe es hier nicht. Im IOC sei Chang ein zuverlässiger Partner.
Am Nachmittag wurde der Südsudan als IOC-Mitglied aufgenommen. Die südsudanesische Delegation weinte. "Die olympische Bewegung vereint die geteilte Welt", sagte Bach in seinem Eröffnungsstatement. "Jedes Land ist souverän." Vielleicht ist es die einzige Möglichkeit für Nordkorea, sich als Teil der Welt zu fühlen. Laut Definition repräsentiert Chang seinen Staat nicht im IOC, sondern das IOC in seinem Land.
Das gibt ihm den winzigen Spielraum, in dem er überleben kann.
Wie die Politik der Fußballwelt, die Politik afrikanischer Stammesfamilien oder die Politik der Cosa Nostra, so funktioniert auch die Politik des IOC über Personen. Das Komitee stimmt seine Bedürfnisse mit denen seiner Mitglieder ab. Dieser Interessenabgleich mag legal sein, ist aber einer demokratischen Gesellschaft, die nicht auf Stammesriten und Familiengesetzen beruht, nur schwer zu erklären. Es gibt dort draußen, in der richtigen Welt, gar keine Sprache dafür. Das haben Wolfgang Niersbach, Franz Beckenbauer und Günter Netzer gerade bewiesen.
"Wenn der Nordkoreaner mit seinem Sohn angewackelt kommt, musst du schnell das Weite suchen", sagte ein deutsches Delegationsmitglied, das beim Pausenkaffee auf dem Flur des Konferenzzentrums von Kuala Lumpur stand. "Ständig will der, dass wir uns um irgendjemanden kümmern. Eine ganze Mannschaft oder einzelne Sportler. Wenn du eine Stadt wie Hamburg im Rennen um die Olympischen Spiele hast wie wir jetzt, machst du das natürlich. Chang ist nicht besonders unterhaltsam als Tischnachbar. Aber er ist treu. Er hat ganz sicher für Thomas Bach gestimmt, als es darauf ankam."
Dieses Jahr trafen in Frankfurt am Main zwei junge nordkoreanische Fußballnationalspieler ein. Einer ist der Enkelsohn von Ung Chang. Er heißt Kang Su Yun, ist 21 Jahre alt und nun schon zum vierten Mal zu einem Lehrgang in Deutschland. Organisiert haben das immer irgendwelche deutschen Olympiafunktionäre, die sein Opa kennt, er selbst hat es nur mit Bernd Fischer und Klaus Schlappner zu tun. Die beiden Männer sind vom DOSB mit der Betreuung der Koreaner beauftragt worden und inzwischen so was wie Kangs deutsche Großväter.
Fischer hat früher mal Wormatia Worms trainiert und später die Nationalmannschaften von einem halben Dutzend kleiner, warmer Länder; Schlappner war Trainer von Mannheim, Darmstadt, Jena und der chinesischen Nationalmannschaft. Er trägt immer noch einen Schnauzbart, man nennt ihn noch immer "Schlappi", wie damals in Mannheim. Schlappner hat Ung Chang bei den Olympischen Spielen in Peking kennengelernt. Er habe gleich gemerkt, dass der Chang ein Supertyp ist, mit dem man arbeiten kann, sagt er. Ein Macher.
Die Geschichte von Ung Chang streckt sich vom Leibgardisten des letzten koreanischen Kaisers über Fürst Albert und einen Diktator, der seinen Onkel hinrichten ließ, bis zu dem Mann, der den Pepitahut im deutschen Fußball salonfähig machte. Mister Chang ist vielseitig.
Während sein Enkel Anschluss an die deutsche Regionalliga sucht, leitet Chang in Bulgarien die Taekwondo-Weltmeisterschaft. Es sind die Titelkämpfe der östlichen Welt. Die westliche versammelt sich in dem anderen Weltverband, der von einem Südkoreaner angeführt wird. Chang versucht seit Jahren, beide Verbände zusammenzuführen, seit Kurzem gibt es eine Absichtserklärung zur Vereinigung beider Verbände. Chang hat schon dabei mitgeholfen, dass Nord- und Südkoreaner 2000 in Sydney unter gemeinsamer Fahne einmarschierten. Er hat dafür gesorgt, dass einmal eine gemeinsame koreanische Mannschaft zur Tischtennis-WM fuhr.
Drei Tage nach der Abschlussfeier der Taekwondo-WM sitzt Ung Chang mit dem Chef des südkoreanischen Taekwondo-Weltverbands in der Lobby des Hotels Palace in Lausanne. Die beiden Männer lachen wie alte Kumpels. Das innerkoreanische Verhältnis ist kompliziert. Bei der Tischtennis-WM 1991 hätten sie gemeinsam China geschlagen, sagt Chang stolz.
Er ist in Lausanne, um an der Tagung der Friedenskommission des IOC teilzunehmen, deren Mitglied er ist. Die anderen Mitglieder sind ein jordanischer Prinz, Thomas Bach, Fürst Albert von Monaco und Olympiasieger Guy Drut, der vor ein paar Jahren von einem französischen Gericht wegen Korruption verurteilt wurde. Man würde gern mit am Tisch sitzen, wenn diese Männer über Frieden reden.
Chang sieht gut aus, sagt aber, dass sein Herz weiter Probleme mache. Er hat sich in Bulgarien nicht als Taekwondo-Chef wiederwählen lassen. Es gibt jetzt einen anderen, jüngeren nordkoreanischen Weltpräsidenten. Wenn dessen Visaangelegenheiten geklärt sind, wird Chang das Haus in Wien räumen und nach Pjöngjang zurückkehren. Vermutlich Ende des Jahres. Seine Frau freue sich schon, sagt er.
Er auch?
Selbstverständlich, sagt Chang. Das Gesicht friert.
Zum Fototermin erscheint Chang zunächst in Windjacke wie ein Rentner. Später kommt er im Anzug. Er steht auf der Freitreppe des Hotel Palace, wo er seit über 20 Jahren schläft, wenn er in Lausanne ist. Sie geben ihm immer dasselbe Zimmer. Gestern hat er mit seiner Frau den Sohn und die Enkelkinder in ihrer kleinen Wohnung besucht, gleich geht er mit Thomas Bach Mittag essen. Dann wird er das kleine Abzeichen mit dem Gesicht des großen Führers, das nun neben den olympischen Ringen an seinem Revers steckt, sicher nicht tragen. Wie Tom Cruise in "Mission Impossible" kann auch Ung Chang schnell in verschiedene Rollen schlüpfen. Es ist sein Beruf.
In den nächsten Tagen muss Chang noch mal in das Wiener Krankenhaus, wo seine Ärzte entscheiden, ob sie ihm die Brust öffnen und einen Bypass einsetzen müssen. Wenn ja, muss er noch ein wenig ruhen. In Wien. Aber irgendwann, vielleicht schon bald, wird er reisefähig sein.
Dann wird sich der vielseitige Mister Chang das Abzeichen ans Revers stecken und für immer nach Hause fliegen. Es kann sein, dass er sich dann für den Rest seines Lebens verstellen muss. Oder nie wieder. ■
Er ist ganz nah dran an den blau-blütigen Führern. Im Frühjahr war Chang bei Kim Jong Un, der großes Interesse daran hat, Spitzensportler zu produzieren.
Zum 77. Geburtstag rief Thomas Bach an. Der Deutsche vermittelte ihn an den Chefarzt einer Wiener Privatklinik. Die Kosten, sagt Chang, übernahm das IOC.
Der Vater arbeitet jeden Tag hart, um im Kreis der olympischen Familie anerkannt zu sein. Er sei nicht zu solch harter Arbeit in der Lage, sagt der Sohn.
Von Osang, Alexander

DER SPIEGEL 45/2015
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