31.10.2015

Interview„Wir wollen verführt werden“

Valentin Groebner über die Macht des Porträts
Groebner, 53 , ist Professor für Geschichte in Luzern. Im Sommer erschien sein Buch "Ich-Plakate. Eine Geschichte des Gesichts als Aufmerksamkeitsmaschine" (S. Fischer Verlag).
SPIEGEL: Herr Professor Groebner, befriedigen Selfies ein zutiefst menschliches Bedürfnis?
Groebner: Das Bedürfnis ist vielleicht eher eine Frage: Wie sehe ich eigentlich aus für die anderen?
SPIEGEL: Auch Politiker twittern ihr Gesicht, wie Obama gleich nach seiner Wiederwahl zum Präsidenten der USA. Was ist das für eine Botschaft?
Groebner: Ein emotionales "Vertrau mir!" Gesichter als Lockstoff für die Gefühle des Publikums begannen ihre Karriere in Großaufnahme auf Filmplakaten in den Zwanzigerjahren. Die Politik hat das sehr schnell für ihre Zwecke weiterbenutzt.
SPIEGEL: Ist die Liebe zum Porträt nicht fast so alt wie die Menschheit?
Groebner: Eigentlich sind wir Erben einer bilderskeptischen Kultur. Das christliche Mittelalter beginnt mit einer großen, systematischen Zerstörung von Bildern – sie galten als Simulakren, als bösartige Täuschungen.
SPIEGEL: Aber zuvor hat es zahlreiche Bilder von Menschen gegeben.
Groebner: Ja, im öffentlichen Raum seit der Antike. Mit dem Erfolg des Christentums verschwanden sie. Die Kirchenväter waren überzeugt, dass in den Abbildungen Dämonen stecken.
SPIEGEL: Wann hat sich das geändert?
Groebner: Seit dem 12. Jahrhundert konnten Abbilder menschlicher Gesichter auch Medien des Wahren sein. Bilder vom Antlitz Christi – ursprünglich eine byzantinische Erfindung – begannen im Westen zu zirkulieren: Bilder, die eben keine Täuschungen waren, sondern echt.
SPIEGEL: Für den Museumsbesucher beginnt die Porträtmalerei mit den Gesichtern von Cranach, von Holbein und Dürer, die ihrem Betrachter das Gefühl geben: Hier sitzt ein Mensch. So, wie er war. Wie kam es dazu?
Groebner: Im 15. Jahrhundert wird etwas wiederentdeckt, was die Antike schon gekannt haben muss: das Bild, das dem Betrachter mit den Augen folgt. Aus jedem Winkel der Betrachtung hat man das Gefühl: Dieser Mensch schaut mich an. Die neue Ölmalerei vermittelte dem Betrachter außerdem den verführerischen Effekt von Lebendigkeit. Doch "ad vivum" meinte auch damals nicht, dass jemand "nach dem Leben", also getreu der Wirklichkeit, gemalt war, sondern: mit der höchstmöglichen Präsenz.
SPIEGEL: Von der Illusion des Lebendigen, Echten lebt heute die Fotografie.
Groebner: Ja, da ist etwas, das wir glauben wollen, obwohl jede Erfahrung dem widerspricht – nicht nur unser Erschrecken angesichts unserer eigenen Selfies, sondern beispielsweise auch die Kriminalistik: Von Anfang an war die Verbrecherfahndung mithilfe von Porträtaufnahmen eher enttäuschend. Das überrascht eigentlich nicht: Nirgends im Körper sind so viele Muskeln versammelt wie im Gesicht. Nicht nur, dass wir es willentlich extrem verändern können – es funktioniert als Kommunikationsschnittstelle ja überhaupt nur, weil es beweglich ist. Dass ausgerechnet die Abbildung eines stillgestellten Gesichts die Wahrheit über eine Person ausdrücken soll, ist eine verbreitete, aber absurde Vorstellung.
SPIEGEL: Warum ist sie so hartnäckig?
Groebner: Sie steht wohl für einen sehr alten Wunsch: Wir wollen an diese Bilder glauben. Wir möchten verführt und von ihnen angeschaut werden. Damit stecken wir in jener magischen, emotionalen Tradition, die mit den frommen Andachtsbildern vor 800 Jahren begonnen hat. Das ist ja auch in Ordnung: die Werber als Nachfolger der raffinierten Bilderzauberer von früher. Es soll mir bitte nur niemand erzählen, wir lebten in einer aufgeklärten, nüchternen und entzauberten Welt.
Interview: Elke Schmitter
Von Elke Schmitter

DER SPIEGEL 45/2015
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