07.11.2015

AfDKonfliktlinie verschoben

Die rechte Partei steht vor dem nächsten Zerwürfnis. Es streiten die kühle Taktikerin Frauke Petry und der rührselige Patriot Björn Höcke.
Schaubühne Berlin, Dienstagabend. Gespielt wird "Fear", ein Theaterstück über die Angst der Deutschen vor Überfremdung. Es geht um die Männer und Frauen, die diese Angst schüren, es geht um die Alternative für Deutschland.
Die Parteifunktionärin Beatrix von Storch erscheint auf der Bühne, erst im Bild mit zerrauftem Haar in Mikrofone geifernd, dann als leibhaftige Figur in wollüstiger Umarmung mit dem Geist ihres Nazi-Großvaters. Der irre blickende Björn Höcke wird in Endlosschleife gezeigt, wie er bei "Günther Jauch" sein Deutschlandfähnchen entrollt. Und da ist Frauke Petry, die kalt lächelnde Parteichefin.
Das Theater stellt die AfD-Leute in eine Reihe mit NSU-Extremistin Beate Zschäpe und dem norwegischen Massenmörder Anders Breivik, gemeinsam flimmern alle über eine Videoleinwand. "Sie hassen alles Fremde! Sie tragen Angst in die Herzen der Menschen!", schallt es von der Bühne.
Plötzlich reißt die Inszenierung. Ein Schauspieler brüllt ins Publikum: "Mach sofort die Scheißkamera aus!" Er zeigt auf AfD-Pressesprecher Christian Lüth, der von seinem Platz in Reihe sechs das Geschehen auf der Bühne filmt. Zunächst denkt Lüth nicht daran, die Kamera wegzustecken. Erst als der Schauspieler wutentbrannt von der Bühne springt, sich vor Lüth aufbaut und Prügel androht, packt der AfD-Mann sein Gerät ein.
Nun muss es die AfD nicht stören, wenn ein linkes Theaterensemble sie angreift. Das Publikum der Schaubühne gehört nicht gerade zur AfD-Stammwählerschaft. Dass Petry dennoch den Sprecher samt Justiziarin geschickt hat, zeigt, wie nervös die Parteispitze ist. "Das Stück ist ein Fall für die Gerichte", wettert Storch. "Wir werden umfassend dagegen vorgehen."
Auf keinen Fall möchte die Parteispitze, dass sich das Image der AfD als Handlanger rechter Hetzer verfestigt. Nur mühsam konnte sich die Partei im Sommer wieder fangen, nachdem sie sich in heftigen Personalkabalen zerlegt hatte. Nun liegen die Umfragewerte wieder bei acht Prozent bundesweit – vor allem wegen der Flüchtlingskrise. Petry glaubt, dass sich die Zahlen nur halten lassen, wenn die Partei nicht als Wiedergänger der NPD auftritt.
Sie setzt alles daran, die AfD als gemäßigte Kraft zu etablieren, so, wie es Parteigründer Bernd Lucke früher versucht hat. Ihm fuhr Petry oft von rechts in die Parade, zeigte Sympathie für Pegida-Wutbürger, nahm Überläufer rechter Splitterparteien auf. Jetzt hat sie Luckes Rolle und Luckes Sorgen – und muss selbst Störfeuer von rechtsaußen abwehren. Ihr funkt ein Parteifreund dazwischen, der sich nicht darum schert, was "Staatsmedien" und "Altparteien" denken: der Thüringer Fraktionschef Björn Höcke.
Die Konfliktlinie Petry-Lucke hat sich zur Front Petry-Höcke verschoben. Und für Petry sieht es nicht gut aus. Anders als sie, die leidenschaftslose Machtpolitikerin, weiß Höcke genau, wofür er kämpft. Er will die Partei zur "dominierenden Volkspartei, zur Kanzlerpartei" machen, und wenn er dafür auf Marktplätzen vor dem baldigen "Bürgerkrieg" warnen muss.
Höcke kämpft für ein Deutschland, das aussehen soll wie seine Wahlheimat Bornhagen, ein 300-Seelen-Dorf an der Grenze von Thüringen und Hessen. Hier leben die Höckes zwischen Fachwerkhäusern, im Schatten der mittelalterlichen Burgruine Hanstein. Hier spielen seine vier Kinder mit urdeutschen Namen im Wald, nicht am Computer. Eine gute Autostunde entfernt residiert auf dem Rittergut Schnellroda Höckes Seelenverwandter: der rechte Verleger Götz Kubitschek.
"Heimat ist da, wo man sich nicht erklären muss", sagte Höcke einmal. In seinen Reden verklärt er die deutsche Provinz zum Ort der Reinheit, der nicht von Flüchtlingen in "Angsträume" verwandelt werden darf. Seine Großeltern waren Vertriebene, Höcke schwärmt, dass er als kleiner Junge bei ihnen "im riesigen großen Bett" liegen durfte und sie "so plastisch aus der alten Heimat erzählten". Noch mal werden die Höckes nicht vertrieben, muss er sich geschworen haben. Höcke ist ein Romantiker der Angst.
Frauke Petry würden nie Tränen der Rührung in die Augen steigen, wenn sie die schwarz-rot-goldene Fahne sieht. Das nationale Pathos ist für sie höchstens Mittel zum Zweck. Petry studierte im Ausland, und in den sächsischen Weiler Tautenhain zog sie nicht aus Heimatliebe, sondern weil ihr Mann dort eine Pfarrstelle bekam und sie Gründungshilfe für ihre Firma.
Noch scheut Höcke die offene Konfrontation mit Petry. Aber er weiß, wo ihre schwache Stelle liegt. Petry wirke wie eine "leere Hülle", soll er mal gesagt haben. Im Kampf gegen den ehemaligen Parteichef Bernd Lucke hat Höcke Petry unterstützt, aber wohl eher notgedrungen.
"Höcke ist kein Intrigant", sagt Bernd Lucke. Der Thüringer habe sich seines Wissens nie an den Hinterzimmerspielen gegen ihn beteiligt, der Bruch sei erst nach einem vierstündigen offenen Gespräch gekommen, Anfang 2015 in einem Hotel in Köthen, Sachsen-Anhalt. Höcke habe mehr Einfluss für seine Nationalkonservativen an der AfD-Spitze gefordert. Lucke lehnte ab. Einen Monat später veröffentlichte Höcke die "Erfurter Resolution", ein Manifest gegen Luckes Kurs, der den Rechten zu angepasst erschien. Es war das erste klare Signal für die spätere Parteispaltung.
"Höcke wird nicht heimlich gegen Petry kämpfen", prophezeit Lucke. Aber er pflege gute Kontakte in die großen Landesverbände und zur Parteijugend. "Die Zeit spielt für ihn, er muss nur abwarten", sagt Lucke. Höcke kann man hierzu nicht befragen, er lehnt SPIEGEL-Anfragen ab.
Die nötigen Kanäle zur Parteispitze hat er nun aber. Nach Luckes Sturz erhielt sein Flügel den geforderten Platz im Bundesvorstand. Sachsen-Anhalts Landeschef André Poggenburg bestätigt, dass er den Posten Höcke verdanke, der verzichtet habe. Die Medien sollten nicht noch mehr über den "Rechtsruck" der AfD schreiben. "Ich stehe zu hundert Prozent hinter ihm", sagt Poggenburg. In der Asylkrise "macht die Bundesspitze nach Wahrnehmung vieler Mitglieder viel zu wenig. Nur Höcke ist da wirklich erfolgreich".
Petry muss die Partei zusammenhalten, das ist ihr Problem. Höcke und sein Pro-Pegida-Kurs schaden dem Image, aber auf ostdeutschen Straßen oder auf Facebook wird er dafür gefeiert. Sie versucht, Höcke einzuhegen – und setzt auf Methoden, mit denen bereits Lucke scheiterte. Vor zwei Wochen rüffelte sie den Thüringer per Mitglieder-Rundmail. Höcke spreche nicht für die Bundespartei, verkündete Petry. Das kam an der Basis nicht gut an. "Ich denke, es ist klar, dass sich ein solcher Alleingang nicht wiederholen darf", sagt Poggenburg.
Dessen Landesverband hält schon die nächste Probe für Petry bereit: Poggenburg will die Ehefrau von Götz Kubitschek in die Partei aufnehmen. Der alte Vorstand um Lucke hatte das rechtsnationale Paar noch abgelehnt. Dieses Mal will Poggenburg hart bleiben. Und Höcke? Der wird in zwei Wochen wieder bei Kubitschek zu Gast sein. Als Redner auf einer Tagung zur Asylkrise: "Ansturm auf Europa".
"2016 wird zum deutschen und europäischen Schicksalsjahr", verkündete Höcke jüngst auf einer Demo. Und ganz sicher zum Schicksalsjahr der AfD.
Von Melanie Amann

DER SPIEGEL 46/2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 46/2015
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

AfD:
Konfliktlinie verschoben

Video 01:07

Interstellares Objekt Neue Erkenntnisse über Asteroid "Oumuamua"

  • Video "Schadenfreude bei Sprengung: 3,2,1 und - plötzlich kommt ein Bus ins Bild" Video 01:07
    Schadenfreude bei Sprengung: 3,2,1 und - plötzlich kommt ein Bus ins Bild
  • Video "Dashcam-Video: Bruchlandung auf US-Highway" Video 00:57
    Dashcam-Video: Bruchlandung auf US-Highway
  • Video "Überfall: Vier Frauen verjagen muskelbepackten Räuber" Video 00:58
    Überfall: Vier Frauen verjagen muskelbepackten Räuber
  • Video "Die Akteure im Jamaika-Drama: Spalter, Verweigerer, Gescheiterte" Video 02:25
    Die Akteure im Jamaika-Drama: Spalter, Verweigerer, Gescheiterte
  • Video "Die Nacht der Entscheidung: Das war eine absurde Situation" Video 03:32
    Die Nacht der Entscheidung: "Das war eine absurde Situation"
  • Video "Zerstörung in 15 Sekunden: Legendäres US-Sportstation gesprengt" Video 00:47
    Zerstörung in 15 Sekunden: Legendäres US-Sportstation gesprengt
  • Video "Größtes Luftschiff der Welt: Airlander 10 in England abgestürzt" Video 00:59
    Größtes Luftschiff der Welt: "Airlander 10" in England abgestürzt
  • Video "Geplatzte Jamaika-Sondierungen: Ich bin ziemlich schockiert" Video 01:58
    Geplatzte Jamaika-Sondierungen: "Ich bin ziemlich schockiert"
  • Video "Keine Road to Jamaika: Lindner wollte offensichtlich nicht regieren" Video 02:53
    Keine Road to "Jamaika": "Lindner wollte offensichtlich nicht regieren"
  • Video "Gescheiterte Jamaika-Verhandlungen: Christian Lindner nennt Grund" Video 00:47
    Gescheiterte Jamaika-Verhandlungen: Christian Lindner nennt Grund
  • Video "Argentinien: Suche nach verschollenem U-Boot ausgeweitet" Video 01:15
    Argentinien: Suche nach verschollenem U-Boot ausgeweitet
  • Video "Merkel zu Jamaika: Tag mindestens des tiefen Nachdenkens" Video 01:28
    Merkel zu Jamaika: "Tag mindestens des tiefen Nachdenkens"
  • Video "Sondierung gescheitert: Liberale brechen Jamaika-Verhandlungen ab" Video 01:36
    Sondierung gescheitert: Liberale brechen Jamaika-Verhandlungen ab
  • Video "Aus für Jamaika: Parteichefs geben sich gegenseitig die Schuld" Video 03:58
    Aus für Jamaika: Parteichefs geben sich gegenseitig die Schuld
  • Video "Interstellares Objekt: Neue Erkenntnisse über Asteroid Oumuamua" Video 01:07
    Interstellares Objekt: Neue Erkenntnisse über Asteroid "Oumuamua"