07.11.2015

Katholiken„Untenherum nackt“

Die Kirche hat erstmals anerkannt, dass zu den Missbrauchstätern offenbar ein Bischof gehörte: Er soll sich jahrelang an einem Ministranten vergangen haben.
Die Hildesheimer Katholiken verehren ihren langjährigen Kirchenfürsten Heinrich Maria Janssen als gottseligen Bischof. Janssen ist auch Ehrenbürger der Stadt, eine Straße wurde nach ihm benannt. Seitdem er 1988 starb, ruht sein Leichnam in einem Querschiff des Doms. Zur Umbettungsfeier in die neue Ehrengruft vor drei Jahren kamen kirchliche wie weltliche Honoratioren.
Doch das Bild ist nicht mehr makellos. Im Gegenteil, ein ehemaliger Ministrant erhebt einen schweren Vorwurf: "Dieser Mann hat mich jahrelang missbraucht." Alles habe begonnen, als er im Alter von zehn Jahren heimlich einen Schluck Messwein probiert habe, so schildert es Helmut Schuster(*) heute. Der Küster habe ihn erwischt, der Bischof einbestellt. "Ich erinnere mich noch gut an sein langes, schwarzes Gewand, das er damals trug. Es war seitlich offen, er ließ mich in den Schlitz hineingreifen, ich spüre noch heute, wie er untenherum nackt war."
Der Bischof – ein Sexualtäter? Seit 2010 arbeitet die Kirche Missbrauchsfälle auf. Gegen einige Priester wurden Strafen verhängt, 1600 Betroffene stellten Anträge zur "Anerkennung des Leids". Aber anders als in Irland oder den Niederlanden hat die katholische Kirche in Deutschland noch keinen Überblick vorgelegt, eine Studie im Auftrag der Bischofskonferenz soll erst Ende 2017 fertig sein. Und ein hoher Würdenträger wurde hierzulande bislang nicht enttarnt. Doch im Fall des Hildesheimer Bischofs hat sich die Kirche festgelegt: Die zuständige Stelle der Bischofskonferenz hat den Missbrauch des Messdieners durch den Bischof geprüft und das Leid anerkannt.
Helmut Schuster wird in seinen Albträumen noch immer vom Bischof verfolgt. Wie viele Opfer versuchte er, seine Qualen zu verdrängen. Er arbeitete dagegen an, machte Karriere in Deutschland und in den USA, unter anderem als Berater großer Firmen. Über sein Leid zu reden wagte er nicht – bis er es nicht mehr aushielt.
Im April nahm er Kontakt mit dem Bistum auf. Detailliert schilderte er dem Domkapitular Martin Wilk, wie der Bischof ihn im Alter von zehn Jahren das erste Mal missbraucht habe. Damals besuchte Schuster das Bischöfliche Gymnasium Josephinum in Hildesheim und war Messdiener im Dom nebenan. Der Junge aus katholi-
scher Familie empfand es als große Ehre, in der Messe dienen zu dürfen.
Bald wurde der Ministrant regelmäßig zum Bischof zitiert, mal in die damalige Sakristei des Doms, mal in den nahe gelegenen Bischofssitz. Die Treffen waren offenbar so geplant, dass niemand stören konnte. Helmut Schuster spricht von Masturbation, Oral- und Analverkehr: "Die Übergriffe fanden von 1958 bis zu meinem 15. Lebensjahr 1963 statt, immer unter Ausnutzung seiner Autorität und Stellung. Der Bischof galt mir als Gott, als jemand, den man nicht kritisieren oder infrage stellen konnte. Ich konnte seinen Handlungen zu keiner Zeit etwas entgegensetzen. Ich weiß noch, dass ich jede Woche mit klopfendem Herzen zur Beichte ging. Dort habe ich mich als Sünder bekannt, dabei lag die Sünde ganz woanders."
Schuster erinnert sich besonders gut an die Domweihe nach der Renovierung 1960. Seine Eltern saßen beim Festgottesdienst in der prall gefüllten Kirche. "Der Bischof rief mich später zu sich und missbrauchte mich wieder einmal", sagt er.
Mit seinem Vater konnte der Junge nicht sprechen. Als sich seine Schulnoten verschlechterten und er sitzen blieb, schlug der Vater ihn und drohte damit, ihn ins Internat zu schicken. Schuster fürchtete sich, aus seinem Zuhause gerissen zu werden, aber die Angst vor dem Bischof war größer: "Ich dachte, nur noch weg hier, weg von allem." Er habe mitunter absichtlich schlechte Noten geschrieben, sei erneut sitzen geblieben. Als er aufs Internat geschickt wurde, war das wie eine Befreiung: "Meine schulischen Leistungen besserten sich, und ich fand zurück ins Leben."
Im August 2014 wagte er einen ersten Schritt, um seine Albträume loszuwerden: Er trat aus der katholischen Kirche aus. Der zweite erlösende Schritt sollte das Gespräch mit dem Bistum werden. Domkapitular Wilk, der ihn empfing, wirkte ehrlich schockiert. Er notierte sich, dass es seinem Gesprächspartner schwerfalle, über Einzelheiten zu sprechen, und versicherte, die Erzählungen zu glauben. Er sei entsetzt und "zutiefst traurig"; dies sei jedoch kein rechtlicher Schuldspruch über Janssen. Auch Weihbischof Heinz-Günter Bongartz beteuerte, er halte die Schilderung für glaubwürdig.
Der Fall wurde kirchenintern weitergeprüft. Monate später erhielt Schuster ein Schreiben der Koordinierungsstelle beim "Büro für Fragen sexuellen Missbrauchs Minderjähriger im kirchlichen Bereich" der Deutschen Bischofskonferenz: Die Mitglieder bestätigten "in Anerkennung des erlittenen Leids", dass sie "Ihren erlittenen sexuellen Missbrauch als einen besonderen Härtefall ansehen". Die Stelle überwies 10 000 Euro als "Anerkennungszahlung", und Weihbischof Bongartz versicherte per Brief, "wie sehr ich mich schäme, dass Ihnen durch eine bischöfliche Autoritätsperson solches Unrecht zugefügt wurde".
Schuster aber findet keinen Frieden, für ihn klingen die teilnahmsvollen Briefe der Kirchenmänner inzwischen "hohl und nutzlos". Dieses Jahr begeht das Bistum sein 1200-jähriges Bestehen; die Feierlichkeiten gingen einfach so weiter, moniert Schuster, als ob es ihn und die Taten des Bischofs gar nicht gäbe. "Obwohl sie mein Leid anerkennen, sehen sie nicht das aus meiner Sicht kriminelle Handeln dieses Mannes", sagt er. "Warum? Weil man ihn bisher so hoch angesehen hat? Weil man die dunkle Seite von Klerikern am liebsten immer noch nicht in aller Öffentlichkeit ausbreiten will, um das schuldig gewordene System dahinter nicht offenzulegen?"
Kein einziges Mal habe der amtierende Hildesheimer Bischof das Gespräch mit ihm gesucht. 10 000 Euro seien für all die Jahre, die er gelitten habe, eine billige Ablasszahlung. Obwohl er auf höhere Zahlungen in anderen Fällen hinwies, blieb die Kommission der Bischofskonferenz bei ihrer Entscheidung. "In diesem Moment kehrten meine alten Ohnmachtsgefühle und der Schmerz zurück", sagt Schuster.
Geht das Bistum Hildesheim dem Unrecht weiter nach, sucht es etwa nach anderen Opfern unter den ehemaligen Ministranten? Domkapitular Wilk sagt: "Der Fall hat mich merklich mitgenommen. Wir haben zuerst dem Opfer beigestanden, uns an die Vorgehensweise der Bischofskonferenz gehalten. Wenn das Opfer Anonymität verlangt, können wir schlecht öffentlich handeln."
Bischof Janssen wird derweil im Dom zu Hildesheim weiterhin verehrt, Kerzen werden für ihn entzündet, Gläubige knien nieder. Für Schuster wirkt es so, als wäre nichts geschehen. "Ich werde mit allen Mitteln dafür kämpfen, dass die körperlichen Überreste des Herrn Janssen aus dem Dom entfernt werden", sagt er. "An mir hat er Verbrechen begangen, für die er ins Gefängnis gehört hätte."
Twitter: @wensierski
Der Bischof wird im Dom weiter verehrt, Kerzen werden entzündet, Gläubige knien nieder.
* Name von der Redaktion geändert.
Von Peter Wensierski

DER SPIEGEL 46/2015
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