13.11.2015

Kriminalität„Wie eine Ratte“

Eine V-Mann-Affäre im bayerischen LKA zeigt den Wildwuchs, den der Staat im Umgang mit bezahlten Spitzeln zulässt – und bisweilen deckt.
Neulich ist Forster abgeschossen worden. Das verschwommene Foto zeigt ein vergittertes Fenster, dahinter einen massigen Glatzkopf mit Sonnenbrille und dunkler Jacke, den Blick leicht nach rechts gewandt. Seither ist er sich sicher: Wenn der Fotograf eines Lokalblatts ihn erwischen kann, dann können es andere auch. "Ich weiß nur nicht, vor wem ich mehr Angst haben soll – vor den Bandidos oder vorm Landeskriminalamt."
Mario Forster ist vor zwei Jahren verurteilt worden. Wieder einmal. Der 48-Jährige hat sich in seinem Leben quer durch die Strafprozessordnung gehangelt: Untreue, Erpressung, Diebstahl, Hehlerei, Drogenhandel ... Er war zweimal verheiratet, hat acht Millionen Euro Schulden, sogar seiner Tochter hat er Dope besorgt. Man muss nicht alles glauben, was er mit seiner sächselnden Stimme erzählt.
Nicht viele nahmen Forster denn auch die Geschichte ab, die er im Herbst 2012 dem Landgericht Würzburg auftischte. Es ging darin um Polizisten, die Straftaten nicht nur decken, sondern regelrecht dazu anstacheln. Alles Humbug, befand die Staatsanwaltschaft. "Wahnhafte" Züge erkannte ein Gutachter. Es war ja auch eine verrückte Geschichte. Allerdings spricht vieles dafür, dass sie nah dran ist an der Wahrheit.
Wenn die Akte Forster am kommenden Montag vor dem Landgericht Würzburg noch einmal geöffnet wird, könnte es nicht nur für etliche Beamte des bayerischen Landeskriminalamts eng werden. Auch Ankläger, Politiker und sogar das Innenministerium des Freistaats werden sich dann die Frage gefallen lassen müssen, wie sie selbst es mit Recht und Gesetz halten. Ein Untersuchungsausschuss des Landtags ist nicht mehr ausgeschlossen. Auf Bayern rollt der nächste Justizskandal zu – einer, der wie wenige andere den Blick freigibt auf den Wildwuchs, den der Staat im Umgang mit seinen Spitzeln duldet.
Es ist Anfang 2009, als Mario Forster, gerade frisch aus dem Knast, zum V-Mann des Landeskriminalamts (LKA) wird. Er hat sich selbst angedient, verfügt über gute Kontakte ins Rotlicht- und Drogenmilieu; und er hat wenig Skrupel. Beim LKA wird Forster als Vertrauensperson 113 geführt. Er übernimmt einen maroden Nachtklub in Amberg und berichtet seinem V-Mann-Führer fortan dies und das.
Zum Top-Informanten wird Forster jedoch erst, als er durch Zufall einen Bandido kennenlernt, der ihn ins Regensburger Klubhaus einlädt. Die Bandidos sind neben den Hells Angels die berüchtigtste Rockergang der Welt. Sie handeln mit Waffen, Frauen, Drogen, zum Ehrenkodex der Kuttenträger gehört es, sich eher die Hand abzuhacken, als mit Polizisten zu reden. Mit Verrätern macht man kurzen Prozess. Forster, so will es das LKA, soll rein in diese abgeschottete Szene. Der willigt eher mürrisch ein: "Ich bin ein Mensch, der lieber ins Fünf-Sterne-Hotel geht, bevor er ungeduscht auf einer Isomatte übernachtet."
Aber Forster macht seine Spitzelsache gut, nach und nach gewinnt er das Vertrauen der Regensburger Bandidos, er braucht jetzt nur noch die üblichen Rockerutensilien. Das LKA kauft sie ihm, inklusive einer Harley-Davidson. Schließlich lernt Forster auch den lokalen Bandidos-Präsidenten kennen, nach einer Weile gewinnt er auch dessen Vertrauen und wird von ihm zum Fahrer gemacht. Von seinem V-Mann-Führer bekommt Forster Stundenlohn: 15 Euro, wenn er allein unterwegs ist, 30, wenn er Bandidos kutschiert. Und das tut er oft. Pro Monat will er "mindestens 7000 Euro" vom Freistaat kassiert haben.
Forster kommt viel herum mit seinen neuen Freunden. Tschechien, Tunesien, Dänemark, Österreich, es gibt immer viel zu tun für die Bandidos: Frauen transportieren, Drogen oder antike Münzen schmuggeln, rivalisierende Rockerbanden aufmischen. Gerät Forster dabei in die Fänge der Polizei, zieht er seinen "Joker" und nennt den Beamten seinen Kontaktmann im Landeskriminalamt – der haut ihn jedes Mal raus. Sogar Strafzettel zahlt das LKA für seinen Schützling anstandslos. Selbst Forster wird das irgendwann unheimlich, er schlägt vor, wenigstens mal für ein paar Wochen zum Schein in U-Haft zu wandern, damit die Bandidos nicht misstrauisch werden. Sein V-Mann-Führer lehnt ab. Der Beamte, sagt Forster, habe ihm stets gesagt, sollte er auffliegen, gebe es immer noch das Zeugenschutzprogramm.
Dann kommt der 23. November 2011. Gegen 13.40 Uhr wird Forster bei Waldsassen in seinem Mercedes von der Polizei gestoppt. In seiner Unterhose findet man 9,7 Gramm Crystal Meth, Forster hat es in Tschechien besorgt, angeblich, um eine Bandidos-Fete damit zu bereichern. Wieder gibt er den verdutzten Polizisten die Kontaktdaten seines V-Mann-Führers. Wieder darf er seiner Wege gehen.
Kurz darauf jedoch wird er von einem Bandido ins Klubhaus bestellt. Irgendetwas sei komisch bei ihm, man müsse reden. Forster wird panisch, bittet seinen "Joker" um Hilfe. Dieser habe ihm das Diensthandy abgenommen und ihn beruhigt. Man werde sich etwas einfallen lassen, er möge erst einmal zu seiner Mutter fahren. Dort wird Forster kurz darauf verhaftet.
Als der Prozess wegen des Drogendelikts im September 2012 in Würzburg beginnt, erzählt Forster seine irre Geschichte. Alle Straftaten im Bandidos-Milieu habe er mit Billigung des LKA begangen, es sei jederzeit informiert gewesen. Die LKA-Zeugen verstricken sich zwar in Widersprüche, die auch das Gericht stutzig machen. Aber nachprüfen lässt sich vieles nicht: Das bayerische Innenministerium verweigert die Herausgabe der V-Mann-Akten mittels einer Sperrerklärung, weil andernfalls "das Wohl" des Freistaats gefährdet sei. Am Ende wird Forster zu sechs Jahren und zehn Monaten verurteilt. Er soll zudem in eine Entziehungsanstalt. Zum Schein, so sagt er, habe er dem Gericht eine Drogensucht vorgetäuscht.
Mithilfe seines Anwalts Alexander Schmidtgall sucht Forster fortan Verbündete. Er schreibt an Gregor Gysi, Claudia Roth, den Anwalt des Justizopfers Gustl Mollath, die Presse. Niemand glaubt ihm.
Sein Glück ist, dass die merkwürdigen Auftritte der LKA-Zeugen auch bei der Staatsanwaltschaft Nürnberg-Fürth nicht unbemerkt blieben. Sie beginnt von Amts wegen zunächst gegen drei LKA-Bedienstete zu ermitteln, lässt Wohnungen und Büros des Hauptverdächtigen filzen. Der Verdacht: Polizisten könnten Polizisten an der Verfolgung von Verbrechern gehindert haben. Ende 2014 legt die Kripo Nürnberg einen rund 150-seitigen Ermittlungsbericht vor. Er macht deutlich, dass nicht jeder Beamte im Freistaat dem Rechtsstaat dient.
Mehrfach überführen die Nürnberger Polizisten ihre Kollegen der Lüge. Während die LKA-Leute beteuern, Forster nie ins Ausland geschickt und nie vorab von dessen Straftaten gewusst zu haben, zeigt der Ermittlungsbericht das Gegenteil.
So meldet Forster im August 2011, die Bandidos hätten vor, Minibagger in Dänemark zu klauen. Er erhält, so belegen es die Akten, "die Anweisung" mitzufahren. In der ursprünglichen V-Mann-Akte ist von einer "Unterschlagung" der Bagger die Rede. Seltsam nur: In einer späteren Version ist davon nichts mehr zu lesen. "Offenkundig", so die Kripo Nürnberg, habe das LKA sein Wissen um eine bevorstehende Straftat "nachträglich verschleiert".
In etlichen weiteren Fällen haben die LKA-Leute offenbar Akten manipuliert. Ihr Pech: Vieles konnten die Nürnberger Kollegen rekonstruieren. So auch die Tatsache, dass Forster mal 259,95 Euro, mal 220 Euro für Inserate erstattet bekam, mit denen er in Tschechien Prostituierte warb, um sie Bandidos in Oberhausen auszuliefern. Aus dem Ermittlungsbericht geht zudem hervor, dass Forster ein eifriger V-Mann war, der sogar während laufender Straftaten wie ein Liveticker Informationen sandte, Fotos übermittelte, Täter benannte. Das LKA hätte dem nachgehen können, ja müssen. Es hat es unterlassen. Die laufenden Ermittlungen wollte die Behörde auf Anfrage nicht kommentieren. Allerdings würden die betroffenen Beamten "nicht mehr im Bereich der Führung von Vertrauenspersonen verwendet".
In Erklärungsnot ist auch das bayerische Innenministerium. Als der Landtag Ende 2012 dort in Sachen Forster anfragt, erhält er aus dem Haus von Innenminister Joachim Herrmann (CSU) eine bemerkenswerte Antwort: Forster sei nie beauftragt worden, "außerhalb Bayerns oder im Ausland Daten zu erheben". Der Ex-V-Mann stelle überwiegend "wahrheitswidrige Behauptungen auf". Dass er als enttarnter Spitzel der Bandidos besonders gefährdet sei, könne man nicht erkennen. Wirklich nicht? Nachfragen will das Ministerium "zum jetzigen Zeitpunkt" nicht beantworten.
Viele weitere Merkwürdigkeiten ranken sich um den Fall, darunter die Tatsache, dass der Hauptbeschuldigte – Forsters V-Mann-Führer – mit einer unterfränkischen CSU-Politikerin verheiratet ist. Deren Bezirksvorsitzender ist Staatssekretär im Innenministerium und war derjenige, der die V-Mann-Akte für den Prozess sperren ließ.
Mauscheleien bis hinauf zur Staatsregierung? Zumindest entdeckten die Ermittler ein Dokument des V-Mann-Führers, in dem dieser schrieb, seine Frau habe schon mit Parteifreunden gesprochen.
Forsters Anwalt Schmidtgall ist überzeugt: "Die gesamte LKA-Mannschaft bis hin zu Vorgesetzten" sei an der Verfolgung eines Unschuldigen beteiligt gewesen. Und die Schikane gegen seinen Mandanten setze sich fort: Forster dürfe seine vertrauliche Verteidigerpost nur im Beisein eines Bewachers öffnen, bekomme nicht mal seine Schreibmaschine ausgehändigt. Er sei seit Jahren zum Nichtstun verdammt. Im Bezirkskrankenhaus liegt sein Zimmer hinter einer Glasscheibe, sodass ihn seine Aufpasser jederzeit im Blick haben.
"Ich werde wie eine Ratte gehalten", sagt Forster. Nicht mal an die frische Luft komme er noch. Zwar hat er Anspruch auf Einzelhofgang, aber seit Monaten war er nicht mehr draußen. Er glaubt, dass dort zu viele Gefahren lauern.
Von Maik Baumgärtner und Jörg Schindler

DER SPIEGEL 47/2015
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