13.11.2015

TechnologieAmerikas Knechte

Die USA decken ihren enormen Bedarf an IT-Kräften mit Zehntausenden Ingenieuren aus Indien. Die Hoffnung auf faire Löhne lockt sie in die Staaten. Diese Situation nutzen Vermittler gnadenlos aus.
Kumar sitzt an seinem Schreibtisch in einer Kellerwohnung in New Jersey. Er trägt ein kariertes Hemd, weite Jeans, keine Strümpfe. Immer wieder reibt sich der indische Ingenieur über sein Gesicht; er wirkt müde, ausgelaugt.
An der Wand hängt eine Karte der USA. Maryland, Pennsylvania, Montana, North Carolina, Massachusetts. In vielen Bundesstaaten hat der 42-Jährige gearbeitet, nun ist Kumar wieder an der Ostküste, dort, wo vor sieben Jahren alles begann.
Mit einem roten und einem blauen Koffer war er im Juli 2008 in Newark gelandet, erschöpft von drei Reisetagen und zugleich wie elektrisiert, denn sein größter Traum war in Erfüllung gegangen: der Traum von einem Leben in Amerika, der Geburtsstätte der digitalen Revolution, der Heimat der größten IT-Konzerne der Welt, für die nur das Zeitalter "Zukunft" gilt. Der Traum von einem Leben in jenem Land, in dem es jeder zu etwas bringen kann, also auch er.
Kumar ahnte nicht, dass er am Beginn eines Albtraums stand.
Er wühlt nun in einer Stiftebox. Er will ein betrügerisches System veranschaulichen, das ihn bis heute gefangen hält: "Das hier bin ich", sagt Kumar und greift zu einem Bleistift. "Das ist ein amerikanisches Unternehmen." Er hält einen Textmarker hoch. "Und das hier", Kumar steckt drei weitere Stifte zwischen den Bleistift und den Textmarker in seiner Hand, "das hier sind die Jobvermittler, die mit meiner Arbeit mehr verdienen als ich."
Was Kumar mit fünf Stiften beschreibt, ist keine Ausnahme. Das Geschäft mit ausländischen IT-Experten in den USA gehört längst zum Alltag des Internetbooms und zeigt dessen schattige Seite, vor allem die des schillernden Silicon Valley mit seinen bunten Firmenzentralen. In diesem Schatten führen Hunderttausende Menschen das Leben moderner Knechte. Viele von ihnen sind Inder.
Zwei Drittel aller ausländischen Experten mit einem zeitlich begrenzten US-Arbeitsvisum stammen aus Indien. Einige mögen davon träumen, wie Sundar Pichai Chef von Google zu werden; andere vom raschen Reichtum. Die Mehrheit aber hofft auf etwas scheinbar Banales: menschliche Arbeitsbedingungen, faire Löhne und eine Perspektive fernab der Probleme in ihrer Heimat.
Pro Jahr vergeben die USA 65 000 temporäre Arbeitsvisa für bestimmte Berufsgruppen, mehr als die Hälfte gehen an IT-Kräfte. Die Branche, allen voran die Silicon-Valley-Giganten Google, Apple und Facebook, plädiert dafür, die Zahl deutlich zu erhöhen. Die USA blieben sonst nicht wettbewerbsfähig, sagen sie.
Das Thema hat den Wahlkampf erreicht. Demokraten wie Republikaner fühlen sich auf den Plan gerufen. Einige sind dafür, das Visavolumen auszuweiten, andere befürchten die Eruption des Arbeitsmarkts, denn mittlerweile wurden nicht nur Zehntausende Jobs nach Indien ausgelagert, sondern auch in den USA viele Amerikaner durch zumeist junge Inder ersetzt.
Was in den Diskussionen allerdings selten zur Sprache kommt, sind die größten Profiteure dieser Entwicklung: die Personalvermittler, mit denen die Firmen mehr oder weniger direkt kooperieren. Viele der Jobbroker haben ihren Hauptsitz in Indien, lediglich Filialen in Amerika. Sie scheffeln Milliarden Dollar mit dem Export ihrer Landsleute.
Vor seiner Abreise in die USA arbeitete Kumar als Systemingenieur in der indischen Tech-Metropole Hyderabad; sechs Tage die Woche, bis zu 14 Stunden täglich, für umgerechnet einen Dollar pro Stunde.
Auf Onlinebörsen wie Dice, Monster und Naukri suchte er deshalb nach Jobs in Amerika. Er bekam eine Zusage von einem Personaldienstleister in New Jersey, der einen internen Systemadministrator suchte. Die indische Firma vermittelt Ingenieure auf Projektbasis an US-Unternehmen, hat auch ein Büro südlich von San Francisco. "Sie warben mit einem Guesthouse. Ich musste nicht mal etwas für das Visum bezahlen. Viele Vermittler fordern dafür 6000 Dollar", sagt Kumar.
Aber es kam anders.
Das sogenannte Guesthouse stellte sich als Absteige heraus, die sich Kumar mit sieben anderen Männern teilen musste. Das Schlimmste aber: Es gab überhaupt keinen Job für ihn. "Ich war wie gelähmt", erinnert sich Kumar, "ich konnte das alles gar nicht so schnell verarbeiten." Sein Konto war leer, er brauchte dringend Arbeit.
Der Manager versuchte, Kumar aufzubauen. Es gebe schließlich Tricks, seine Jobchancen auf dem Arbeitsmarkt zu verbessern. "Ehe ich mich versah, tippte er in meinen Lebenslauf, dass ich bereits für Microsoft in Boston gearbeitet hätte." Kumar protestierte, der Mann parierte: Das laufe so in den USA, man müsse erst mal Interesse wecken. Und schließlich wolle er doch Arbeit, oder?
Fortan schrieb Kumar rund um die Uhr Bewerbungen. Zu Vorstellungsgesprächen fuhr er mit Bussen, oft tagelang. Die Reisekosten bekam er nicht erstattet. Sein Vater habe ihm Geld überwiesen, sagt Kumar. Eigentlich war es andersherum geplant.
Erst nach einem halben Jahr, im Januar 2009, findet Kumar einen Job. Der führt ihn nach Silver Spring, Maryland, in eine Niederlassung eines kalifornischen Krankenversicherers. Nach 45 Tagen erhält er erstmals sein Gehalt. "Ich war schockiert, wie wenig das war. Andererseits war ich froh, überhaupt Arbeit zu haben", sagt Kumar.
Der Job ist auf vier Monate begrenzt, danach buchen ihn Firmen aus anderen Bundesstaaten. Tagsüber verwaltet Kumar Betriebssysteme, nachts schläft er in winzigen Zimmern bei amerikanischen Familien. Kumar bekommt stets gute Zeugnisse. Hat er kein Projekt, verdient er kein Geld.
Seine amerikanischen Kollegen sagen, Leute wie er nähmen ihnen die Jobs. Und das, obwohl sie teurer seien: weit über hundert Dollar die Stunde, das müsse man erst mal verdienen. Kumar hält das Gerede lange für Stimmungsmache, schließlich kennt er seine Gehaltsschecks. Aber irgendwann fängt er an, Fragen zu stellen. Und erkennt, dass er Opfer eines geldgierigen Gewerbes wurde, das seine Träume missbraucht, um die Bedürfnisse amerikanischer Unternehmen zu befriedigen.
Kumar lernt, dass diese in der Regel nur für IT-Hochkaräter Visa direkt beantragen. Vergeben sie Jobs, die keine außergewöhnliche Expertise oder Kreativität verlangen, so wie seinen, engagieren sie IT-Dienstleister mit Namen wie Tata Consultancy, Infosys oder Wipro: allesamt indische Unternehmen, die zu den Topsponsoren der sogenannten H-1B-Visa gehören.
Verfügen diese nicht über genug geeignete Kandidaten, geben sie den Auftrag weiter, an mittlere und diese wiederum an kleinere Vermittler. Ist am Ende ein Kandidat gefunden, bereichern sich an dessen Lohn alle Beteiligten. Für das Businessmodell hat sich inzwischen ein Begriff etabliert: "Bodyshopping".
Dass das Geschäft der Bodyshopper boomt, liegt auch an der Vergabe der begehrten Arbeitsvisa. H-1B-Visa werden nur einmal im Jahr per Losverfahren vergeben und können auch nur einmal im Jahr beantragt werden. Doch so langfristig planen die wenigsten Unternehmen. Um deren Bedürfnisse trotzdem befriedigen zu können, müssen die Vermittler dafür sorgen, dass sie permanent genug Fachkräfte im Land haben. Selbst wenn das bedeutet, dass sie diese in irgendwelchen Wohnungen bunkern müssen.
Es ist zwar verboten, jemanden mit einem temporären Arbeitsvisum in die Staaten zu bringen, für den es real keinen Job gibt. Aber Legenden sind auf dem Papier schnell erfunden, wie Kumars Fall zeigt. Laut Vorschriften müssen die Vermittler auch die ortsüblichen Löhne zahlen. Doch das wird kaum überprüft.
Grundlegende Arbeitnehmerrechte wie bezahlte Überstunden und bezahlter Urlaub sind nicht selbstverständlich. Viele Vermittlerverträge beinhalten abenteuerliche Klauseln: "Aufgrund des dynamischen Umfelds können die Vertragsbedingungen jederzeit geändert werden, mit oder ohne Ankündigung", heißt es etwa.
Derartige Verträge überraschen den Arbeitsrechtler John McIntyre wenig. Seine Kanzlei in San José, Kalifornien, hat schon einige indische Ingenieure gegen ihre skrupellosen Vermittler vertreten. Kalifornien, Heimat des Silicon Valley, hält mit Abstand die meisten H-1B-Visa.
"Die behandeln die Leute wie Dreck", sagt McIntyre. Und erzählt von einem Softwareexperten, der im Silicon Valley für den Router-Hersteller Cisco Systems, Jahresumsatz rund 50 Milliarden Dollar, arbeitete. Cisco hatte den Job an den indischen IT-Dienstleister Tata ausgelagert, der an den Vermittler IDC, der an die Agentur Ascent – Kumars Stifteprinzip. Nachdem der Ingenieur monatelang nicht bezahlt worden war, stand er aufgelöst in McIntyres Kanzlei. "Glücklicherweise konnte er nachweisen, wie viel er gearbeitet hat", sagt MyIntyre. "Der Fall war schnell gelöst, und er bekam sein Geld." Schlechte Presse will keiner.
Das Problem sei, so McIntyre, dass nur wenige den Mut hätten, ihre Ausbeuter anzuzeigen. Eine Aussage, die auch das US-Arbeitsministerium bestätigt. "Wir dürfen nur tätig werden, wenn sich ein Betroffener bei uns beschwert", sagt ein Sprecher.
Kumar zuckt an seinem Schreibtisch in New Jersey hilflos mit den Achseln. "Die Angst, gekündigt zu werden, ist einfach zu groß", erklärt er. Ohne bezahlten Job muss er innerhalb weniger Wochen das Land verlassen. Denn das Visum besitzt nicht er, sondern sein Arbeitgeber. "Dadurch sind wir alle von unseren Vermittlern abhängig", sagt Kumar "sie können uns wie Vieh hin und her schieben."
Der Staatswissenschaftler Ron Hira vergleicht die Gastarbeiter mit Knechten. "Sie leben in einer prekären Situation, die zur Ausbeutung geradezu auffordert", sagt der Professor von der Howard University in Washington. "Und es wird immer schlimmer, weil die Politik wider besseres Wissen untätig bleibt."
Im Frühjahr 2011, drei Jahre nach seiner Ankunft, wird Kumar erstmals für ein Langzeitprojekt engagiert, bei einer Behörde in New Jersey. Endlich kann er seine Frau und seine beiden Kinder nachholen.
Sie ziehen in die Kellerwohnung westlich von Newark, in der Kumar jetzt sitzt. Sie gehört zu einem kasernenartigen Komplex, in dem hauptsächlich indische Gastarbeiter wohnen. Die zwei Zimmer mit den verschrammelten Wänden und den undichten Fenstern kosten 1500 Dollar im Monat. "Mehr ist nicht drin", sagt Kumar. Die braunen Sofas im Wohnzimmer haben sie von Nachbarn geschenkt bekommen.
Kumar hält wieder seine Stifte hoch, drei Vermittler verdienen derzeit an ihm mit. Kumar schätzt, dass die US-Behörde mehr als hundert Dollar die Stunde für ihn zahlt. Genau nachprüfen kann er es nicht, die Unterlagen lässt ihn niemand sehen. Fest steht nur: In seiner Tasche landen nicht mal 30 Dollar. Von seinem Gehalt gehen zudem Steuern, Sozialversicherungsbeiträge und die Kosten für seine Krankenversicherung ab. Überstunden bekommt er nur nach Laune seines Chefs bezahlt.
Am Ende bleiben ihm rund 5000 Dollar im Monat. Das hört sich nicht so wenig an. Doch dann zeigt Kumar eine Excel-Tabelle seiner monatlichen Kosten: Neben der Miete stehen da 400 Dollar für die Krankenversicherung seiner Frau und seiner Kinder, knapp 540 Dollar Leasinggebühr und Versicherung für das Auto, Benzinkosten, Schulgebühren, Lebensmittel – am Ende belaufen sich seine Ausgaben auf mehr als 5000 Dollar. Der einzig erkennbare Luxus im Monat sind 90 Dollar für indisches Kino.
Die Dimensionen dessen, was Menschen wie Kumar in den USA erleben, offenbaren Internetforen wie die von Glassdoor oder Goolti, welches Harshal Vaidya betreibt, ein Softwareingenieur aus Hyderabad. Er selbst hat in den USA gearbeitet und war mit "der Mafia der Mittelmänner", wie er sie bezeichnet, konfrontiert. Mit seiner Website will er Licht in deren dunkle Geschäfte bringen.
Vaidya sagt, es gebe "indische Studentinnen, die mit Männern für ein Visum schlafen. Und Leute, die verprügelt wurden, wenn sie sich beschwerten". Ein beliebtes Druckmittel sei auch, den Importarbeitern ihre Reisepapiere wegzunehmen.
An einem Abend im September steigt Tarik(*), 40, in Fremont, Kalifornien, aus einem alten weißen Honda; ein schmächtiger Mann in Jeans und Badelatschen. Sein Händedruck ist kraftlos. Der Softwareingenieur stammt aus einer Bauernfamilie in Südindien. Für sein Studium hat seine ganze Familie geschuftet. Für sein Visum hat er 2300 Dollar bezahlt, unterm Tisch.
Kein Job, kein Geld, eine Zweizimmerabsteige mit zehn Leuten: auch Tarik hat das erlebt. "Das Typische eben", sagt er.
Als 2009 sein Sohn geboren wird, bittet Tarik seinen Vermittler um Urlaub, doch der wird abgelehnt. "Und ich konnte nicht einfach so weg: Mein Chef hatte meine Papiere", sagt Tarik. Monatelang bettelt er, nach Indien fliegen zu dürfen; vergebens.
Als zudem Tariks Vater schwer krank wird, bekniet seine Familie ihn, nach Hause zu kommen. Jemand hat Mitleid, verhilft ihm auf Umwegen zu seinen Dokumenten. Tarik schafft es gerade noch zur Bestattung seines Vaters. Sein Sohn ist zu diesem Zeitpunkt bereits neun Monate alt.
Obwohl der Vermittler ihm gekündigt hat, fliegt Tarik zurück in die Vereinigten Staaten, um diesen beim Arbeitsministerium anzuzeigen. Der Vermittler wird vernommen, am Ende aber nur gerügt. "Soweit ich weiß, ist er weiterhin gut im Geschäft", sagt Tarik, der inzwischen direkt bei einem Techkonzern angestellt ist und 120 000 Dollar im Jahr verdient. "Der Jackpot", sagt er.
Die Geschichten von Kumar und Tarik sind exemplarisch. Das US-Arbeitsministerium ermittelt immer wieder gegen Personaldienstleister. Im vergangenen Jahr überwiesen 120 Arbeitgeber Löhne nicht pünktlich, mussten deshalb 7,8 Millionen Dollar nachzahlen.
Den vermutlich niedrigsten Stundenlohn zahlte die kalifornische Firma Electronics for Imaging indischen IT-Kräften: 1,21 Dollar. So wie in Indien eben.
Die höchste Summe wegen Visabetrugs musste bislang der indische IT-Dienstleister Infosys in einem Vergleich zahlen: 34 Millionen Dollar.
Konkurrent Tata soll Steuerrückzahlungen nicht an die Beschäftigten weitergegeben haben. Um einen Prozess vor einem kalifornischen Gericht abzuwenden, zahlte die Firma knapp 30 Millionen Dollar.
Wird einer der kleineren Vermittler verhaftet, übernimmt meist die Ehefrau oder ein Freund das Geschäft. Besser gesagt: die Geschäfte. Nicht selten laufen auf einen Agenten gleich mehrere Firmen.
Eine Vielzahl dubioser Vermittler umschwärmt inzwischen auch die indischen Studenten in den USA. Besonders jene der sogenannten STEM-Fächer: Science, Technology, Engineering and Mathematics. Denn zusätzlich zu den 65 000 regulären Visa werden jedes Jahr 20 000 an Ausländer vergeben, die an einer US-Universität einen Doktor oder Master gemacht haben.
Student Amit(*), geboren in Hyderabad, sieht sich mehrmals um, als er ein Café in Mountain View, Silicon Valley, betritt. Er trägt bunte Sneaker, Jeans und ein Polohemd, er scheint sich dem Lifestyle seiner amerikanischen Kommilitonen angepasst zu haben. Der 29-Jährige macht gerade seinen Master an einer Universität, deren Namen er nicht nennen möchte. Er will danach als Business Analyst arbeiten, da verdiene man gutes Geld.
"Die Arbeitsvermittler sprechen einen schon auf dem Campus an", sagt Amit. "Sie locken uns mit Visa, Jobs bei Ebay und freiem Training von Programmiersprachen, die man heutzutage können muss, aber nicht immer im Studium lernt." Er habe sich am Ende für den Vermittler entschieden, der den professionellsten Eindruck hinterließ. Dass er zudem Inder war, habe ihn doppelt vertrauenswürdig gemacht, sagt Amit.
Mit neun anderen indischen Studenten saß Amit kurz darauf in einem Bürogebäude in Campbell, Silicon Valley. Doch anstatt die Programmiersprache Java zu lernen, sollte er gleich als Business Analyst arbeiten. Was er nicht könne, müsse er sich eben beibringen.
Amit fügte sich der Situation – aus einem einzigen Grund: Der Vermittler hatte ihm versprochen, ein H-1B-Visum für ihn zu beantragen. Amit braucht es dringend, da sein Studentenvisum ausläuft. Nach fünf Monaten allerdings erfuhr er, dass ihn der Chef belogen hatte. "Er hat nur so getan, als hätte er die Papiere für mich eingereicht", sagt Amit. Die jährliche Antragsfrist war derweil abgelaufen.
Amits derzeitiges Visum läuft im Januar 2016 aus, danach muss er nun das Land verlassen. "Ich weiß nicht, wie es weitergehen soll", sagt er, "ich bin am Ende."
Am Ende seiner Kräfte fühlt sich auch Kumar in New Jersey. Sein Vermittler will, dass er sich ein neues Projekt sucht – weil er zu wenig an Kumar verdiene. "Man setzt mich massiv unter Druck", sagt er.
Wann immer er nicht arbeitet, schreibt Kumar deshalb wieder Bewerbungen. Er will unbedingt in der Nähe bleiben, wegen der Schule seiner Kinder und der günstigen Wohnung. Bislang klang aber nur ein potenzieller Arbeitgeber vielsprechend: die Vereinten Nationen in New York.
Irgendwie habe er gehofft, sagt Kumar, dass die ihn nach seinen Arbeitsumständen fragen würden. Und dass dann, mit viel Glück, vielleicht eine Direktanstellung für ihn rausspringe. "Die Vereinten Nationen, die haben doch das Wohl der Menschen im Blick", dachte Kumar.
Statt der erhofften Frage kam die Erkenntnis, dass bei dem Job fünf Vermittler mitverdienen würden: ein Amerikaner, ein Inder in Indien, ein Inder in Texas, einer in Michigan und sein Chef. "Es ist der Wahnsinn", sagt Kumar.
Jeden Tag, sagt er, spiele er deshalb mit dem Gedanken, nach Indien zurückzukehren. Auch, weil seine Eltern immer älter werden. Mit über 80 steht sein Vater noch jeden Tag auf dem Reisfeld. Doch dann denkt Kumar: Was, wenn ich abreise, und einen Tag später kommt meine Greencard?
H-1B-Visa sind zunächst drei Jahre lang gültig, können aber mehrfach verlängert werden. Insbesondere, wenn eine Greencard, eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis, für den Angestellten beantragt wurde. Vor fünf Jahren hat Kumars Arbeitgeber diese Unterlagen eingereicht. 5000 Dollar will er dafür, 3000 Dollar hat Kumar schon abgestottert; cash, ohne Quittung. "Es dürfte nicht mehr lange dauern", sagt er. "Und dann wäre ich frei."
Zudem sieht Kumar, dass selbst für Amerikaner nicht alles gut läuft, weil Importingenieure wie er ihre Arbeit übernehmen.
Für den größten Eklat sorgte bislang Walt Disney. Der Medienriese hatte im vergangenen Herbst 250 IT-Experten entlassen, zuvor mussten diese noch 90 Tage lang ihren Ersatz aus Indien anlernen. Wer sich weigerte, riskierte seine Abfindung. Ähnlich erging es 500 Angestellten des Stromkonzerns Southern California Edison und Tausenden Mitarbeitern von Microsoft. Das Computersystem der kalifornischen Arbeitslosenversicherung überarbeiten ausländische IT-Kräfte.
Auf Platz 14 der Liste der größten VisaSponsoren 2014 steht der kalifornische Chiphersteller Intel. Wie sich das Unternehmen durch die indischen IT-Leute verändert hat, haben zwei Männer miterlebt: die Ingenieure Jeff Lauruhn, 58, und Onyegbule Agiriga, 64. Mehr als 20 Jahre lang haben sie für Intel gearbeitet. Sie schätzen, dass inzwischen 50 Prozent des Personals indischer Abstammung sind. "In der Kantine könnte man denken, man sei in Bangalore", sagt Lauruhn, und Agiriga nickt.
"Ich war immer dafür, auch ausländische Ingenieure einzustellen", sagt Lauruhn, der zeitweise sogar die Auswahlgespräche mitführte. "Irgendwann kippte das aber: Wann immer wir eine Stelle ausschrieben, es wurde ein indischer Bewerber." Als er dies ansprach, hörte er, dass es nun mal keine geeigneten amerikanischen Bewerber gebe. Was sich allerdings nicht mit Jeffs Erfahrung deckte. Denn zu Hause saß seine Frau, südamerikanischer Herkunft, Ingenieurin mit erstklassigen Zeugnissen – und auf der Suche nach einem Job. "Sie kassierte nur Absagen, auch von Intel. Und sie war nicht die Einzige."
Der Einzug der indischen Angestellten habe die Arbeitskultur sehr verändert, sagt Lauruhn. "Kritik ist kaum möglich, es gibt kein Streiten mehr um die beste Lösung." Auch deshalb habe er im vergangenen Sommer gekündigt, in eine andere Firma gewechselt. "Meinen Job machen nun zwei indische Ingenieure", sagt Lauruhn. Dann lacht er. "Lustigerweise arbeitet meine Frau jetzt bei Intel. Als sie die Zahlen veröffentlichen sollten, wie viele Afroamerikaner, Hispanics und Frauen sie beschäftigen, stellten sie fest: viel zu wenige. Kurz darauf klingelte das Telefon meiner Frau."
Die Behauptung, es gebe nicht genügend geeignete Amerikaner, hält sich hartnäckig. Vor allem auf Seiten der IT-Firmen, die das Geschäft mit den ausländischen Fachkräften ausweiten wollen.
Agiriga, Lauruhns ehemaliger Kollege, hatte Hunderte Ingenieure bei Intel unter sich. Das Gerede, es gebe zu wenig qualifizierte Amerikaner, macht den gebürtigen Nigerianer wütend: "Ich halte Kurse an einer Universität, um die Studenten davon abzuhalten, ihr Ingenieursstudium an den Nagel zu hängen. Viele brechen ab, aus Angst, keinen Job zu bekommen", sagt er.
Aber der Widerstand der Amerikaner wächst. Hightech-Firmen müssen sich vor Gericht wegen Altersdiskriminierung verantworten, darunter auch Google. Parallel dazu laufen bei den Gerichten Klagen von Amerikanern auf, die sich aufgrund der Gastarbeiter benachteiligt sehen.
Im US-Kongress gab es dazu bereits Anhörungen. Die Protokolle dokumentieren flammende Reden von Senatoren, Gewerkschaftern und Wissenschaftlern. Sie wettern gegen das Geschäft mit den Billigkräften und das Sozialdumping im eigenen Land. Und sie fordern, die Gastarbeiterlöhne anzuheben, zu kontrollieren und sicherzustellen, dass Amerikaner bei der Jobvergabe Vorrang haben.
Die Unternehmen dagegen betreiben Lobbyarbeit, allen voran Facebook-Gründer Mark Zuckerberg. Und bedienen dafür eine andere Angst: Ohne eine kluge Immigrationsreform sehen sie Amerikas Zukunft als digitale Weltmacht in Gefahr.
Ganz konkrete Zukunftssorgen plagen derweil Kumar. Er ist arbeitslos. Um mehr an ihm zu verdienen, hatte ihn sein Chef an einen Energieversorger vermittelt – ohne dass Kumar davon wusste. Nach zwei Wochen war das Projekt beendet, bis heute wurde Kumar für seine Arbeit nicht bezahlt.
Panisch sucht er nun nach einem neuen Job. Sein Blutdruck ist so hoch, dass er Medikamente nehmen muss. "Ich brauche Geld, bald wird unsere Miete fällig", sagt er. Seine Stimme überschlägt sich fast.
Laut Gesetz muss der Vermittler Kumar entlohnen, bis er wieder Arbeit hat. Doch Gesetze haben den noch nie interessiert.

* Name von der Redaktion geändert.
Von Antje Windmann

DER SPIEGEL 47/2015
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