13.11.2015

Global VillageLetzte Grenze

Im nördlichsten Ort der USA fürchten viele Ureinwohner den Wettlauf um die Rohstoffe der Arktis.
Das Ende der Welt sieht aus wie eine Filmkulisse von Aki Kaurismäki, ausrangierte Fischerboote und verrostete Autowracks säumen die Straßen, über der Stadt liegt eine melancholische Stille. Gut 4300 Einwohner leben in Barrow, Alaska, dem nördlichsten Ort der USA, die meisten sind Ureinwohner oder, wie sie sich hier nennen: Inupiat. In dieser Stille, da, wo die unendliche Tundra der Arktis beginnt, stoppt George Edwardson seinen Geländewagen. Ein Mann mit einem runden, gemütlichen Gesicht und einem silbergrauen Zopf, Walfänger, Geologe, und jetzt, im Alter von 69 Jahren, eine Art Lordsiegelbewahrer der Tradition und Kämpfer gegen Eindringlinge jeder Art, vor allem gegen die Ölkonzerne. Gerade hat er seinen größten Sieg errungen: Shell zieht sich aus der Arktis zurück.
Edwardson steigt aus, ein Schild weist darauf hin, dass hier militärisches Gebiet beginnt, haushohe Antennen ragen auf. "Von hier aus hört unsere Armee die Russen ab", sagt er und vergräbt sein Gesicht in seinem Parka mit Wolfsfellkragen, um sich vor dem eisigen Wind zu schützen. Er kann sich noch gut an das Ende des Kalten Krieges erinnern, als die US-Luftwaffe den Lauschposten in der Arktis schon aufgeben wollte. Aber in Zeiten wie diesen, in denen ein neuer Kalter Krieg zwischen Washington und Moskau droht, ist der Bedarf für eine Abhörstation groß, die tief in russisches Gebiet hineinhorchen kann.
Die letzte Grenze der Zivilisation nennen sie diese Region, in der die Temperaturen im Winter weit unter minus 40 Grad fallen. Doch das Polareis schmilzt – und es gibt damit den Zugang zu einer der rohstoffreichsten Regionen der Erde frei. Die US-Regierung schätzt, dass hier insgesamt 30 Prozent aller noch unentdeckten Gasvorräte sowie 13 Prozent aller Ölreserven verborgen sind. Ein Großteil soll dort draußen liegen, vor der Küste von Barrow, Edwardsons Heimatort. Seitdem ist die Arktis nicht mehr das Ende der Welt, sondern Schauplatz einer geopolitischen Konfrontation zwischen den Großmächten.
In diesem Jahr besuchten bereits US-Präsident Barack Obama und sein Verteidigungsminister Alaska. Im Frühjahr hielten 30 000 russische Soldaten ein Manöver in der Arktis ab, Russland beanspruchte anschließend erneut mehr als 1,2 Millionen Quadratkilometer am Polarkreis. China lässt dort seine Kriegsschiffe kreuzen. "Unser Land ist zu einem geopolitischen Spielplatz geworden", sagt Edwardson, die Inupiat sind zwischen wirtschaftlichen und machtpolitischen Interessen eingeklemmt, das ist seine Botschaft. Und was bleibt da von ihrer Kultur?
Edwardson fährt zurück nach Hause und zieht ein dickes blaues Buch aus einer Küchenschublade, das das Weltwissen der Inupiat vereint, zusammengetragen 1978 von den Stammesältesten. Das Buch ist auf Englisch und auf Inupik verfasst, es handelt von den Eiszeiten und der Ankunft der ersten Weißen. Barrow ist nie von einer fremden Armee erobert worden, darauf ist Edwardson stolz. Nicht von den Russen, denen Alaska bis 1867 gehörte, nicht von den Amerikanern, die den Inupiat erst sehr spät weitreichende Rechte zugestanden. Aber jetzt kommen die Soldaten und die Ölfirmen. "Wir müssen dafür kämpfen, unsere Kultur zu retten", sagt Edwardson.
Dann greift er nach einer Harpune und tritt vor sein Haus, er will demonstrieren, wie die Inupiat einen Wal jagen. Er holt mit dem rechten Arm aus, die Harpune rauscht durch die Luft, auf dem Meer würde sie sich jetzt in einen Grönlandwal bohren. Der Wal würde fliehen und abtauchen, bis seine Lungen geleert sind und er auftauchen muss, ein leichtes Opfer für die Speere und Gewehrkugeln. 25 Jahre lang ist Edwardson als Walfänger zur See gefahren, er stand Eisbären auf einer Scholle gegenüber, einmal trieb er mit seinem Kajak drei Tage lang im Meer.
Aber der Walfang kann die Bewohner von Barrow nicht mehr ernähren. Nur noch 25 bis 30 Wale dürfen sie pro Saison erlegen, auf dem Marktplatz feiern sie jeden Fang mit einer Zeremonie, Fleisch und Speck werden gleichmäßig verteilt, für jeden Einwohner einen Kochtopf voll. Kein Wunder, dass die Aussicht auf das große Geld von den Ölkonzernen die Inupiat nun spaltet.
Denn noch ist Edwardsons Kampf nicht gewonnen. Zwar hat sich Shell zurückgezogen, weil die Probebohrungen in diesem Jahr keine Hinweise auf ein Ölfeld ergaben. Doch das texanische Unternehmen ConocoPhillips hat sich bereits für eine halbe Milliarde Dollar die Rechte auf weitere Bohrungen in der Tschuktschensee vor Barrow gesichert, andere Unternehmen werden folgen.
George Edwardson hat in seiner Küche ein Flugblatt an alle Inupiat geschrieben, in dem er dazu aufruft, das Erbe der Ureinwohner nicht zu verscherbeln. Er weiß, dass die Eroberung der Arktis nicht aufzuhalten ist, aber trotzdem lächelt er zufrieden: "Zumindest für eine Weile ist meine Heimat wieder sicher."
Twitter: @holger_stark
Von Jiffer Bourguignon und Holger Stark

DER SPIEGEL 47/2015
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