13.11.2015

KinoDer erste Stein

Mit „Stonewall“ wollte der Regisseur Roland Emmerich dem Christopher-Street-Aufstand ein Denkmal setzen – und erntete wütende Proteste homosexueller Aktivisten.
In den Filmen von Roland Emmerich gibt es immer den einen Moment, der in Erinnerung bleiben soll, meist geht dabei irgendetwas kaputt. In "Independence Day" ist es das Empire State Building, das von Aliens in die Luft gejagt wird. In "The Day After Tomorrow" wird die Freiheitsstatue von einer Flutwelle verschluckt. In "2012" versinkt Los Angeles im Meer.
In "Stonewall" ist es nur eine Fensterscheibe, getroffen von einem Ziegelstein. Für die Zerstörung des Empire State Buildings, der Freiheitsstatue und der Stadt Los Angeles wurde Emmerich vom Publikum geliebt. Der Scheibe wegen schlägt ihm Hass entgegen.
Als im August der knapp zweieinhalbminütige Trailer für "Stonewall" im Netz auftauchte, brach ein Shitstorm über Emmerich los, der einem Vernichtungsfeldzug gleichkam. Die Wut kam vor allem von denen, die sich selbst "queer" nennen: denjenigen, die sich nicht mit der heterosexuellen Mehrheit identifizieren, den Schwulen, Lesben und Bisexuellen; auch von denjenigen, die sich nicht ihrem biologischen Geschlecht zugehörig fühlen, jenen, die heutzutage vorzugsweise Transgender genannt werden möchten.
Ausgerechnet der nette, offen schwule Hollywood-Regisseur aus dem Schwabenland galt in den YouTube-Kommentaren nun als Geschichtsverdreher, als Rassist und Transgender-Feind. Ein digitaler Boykottaufruf einer 18-jährigen Aktivistin aus Kalifornien fand knapp 25 000 Unterstützer. Auf Twitter formierte sich der Protest unter dem Hashtag #NotMyStonewall. In der "New York Times" und im "Guardian" kamen enttäuschte Queer-Theoretiker zu Wort. Der Film war erledigt, bevor er überhaupt ganz zu sehen war, erlegt von einem wütenden queeren Mob.
Dabei soll "Stonewall", der am 19. November in Deutschland anläuft, eine Liebeserklärung an einen wütenden queeren Mob sein. "Ich wollte die Menschen würdigen, die damals für uns gekämpft haben", sagt Emmerich. "Auch für mich."
"Stonewall" ist ein Film über den legendären Homosexuellenaufstand in New York. Am 28. Juni 1969 hatten sich die Gäste des Stonewall Inn, einer Homo- und Transenkneipe in der Christopher Street, zum ersten Mal gegen eine der häufigen Polizeirazzien aufgelehnt.
Daraus erwuchs ein spontaner, gewalttätiger Straßenprotest, dem sich über mehrere Tage immer mehr Menschen anschlossen – Schwule, Lesben, Transfrauen und Transmänner, Dragqueens und all die anderen, die sich nicht als heterosexuell definieren wollten und deswegen in die Illegalität getrieben wurden. Sie wollten sich die ständige Polizeischikane nicht länger bieten lassen. Zu Ehren des Aufstands finden heute im Sommer fast auf der ganzen Welt Gay-Pride-Paraden statt, mit Hunderttausenden Teilnehmern, auch in Deutschland wird in vielen größeren Städten der Christopher Street Day gefeiert.
Es ist nicht der erste Film, der sich dem Thema widmet. Vor 20 Jahren gab es einen gut gemachten, kleinen Kinofilm gleichen Namens des Regisseurs Nigel Finch; auch die Dokumentationen "Before Stonewall" (1984) und "Stonewall Uprising" (2010) haben das Geschehen rekonstruiert. Emmerichs Film ist der erste Versuch, aus dem Thema einen Mainstream-Film für ein Millionenpublikum zu machen – erzählt aus der Perspektive eines weißen Jungen vom Land, der im Stonewall Inn seine Wandlung vom selbsthassenden Schwulen zum selbstbewussten Aktivisten erlebt.
Diesen Jungen hat es nicht gegeben. Das allerdings hat die Kritiker gar nicht gestört – wenn Emmerich und der Drehbuchautor Jon Robin Baitz eine genaue Abbildung der Wirklichkeit im Sinn gehabt hätten, hätten sie einen Dokumentarfilm gemacht. Für Empörung sorgte, dass es im Trailer so aussieht, als würfe dieser fiktive Junge den ersten Stein, der die Scheibe zum Bersten und den Aufstand ins Rollen bringt. Als wäre er der Anführer, der den bunten Haufen von Außenseitern zusammenbringt.
Der auf den Trailer folgende Protest-Tsunami in den sozialen Netzwerken kam von Menschen, die sich auch heute noch als Teil dieses bunten Haufens verstehen und den historischen Aufstand als ihren Aufstand begreifen, nicht als den eines braven, weißen Jungen. Die des Umstands müde sind, dass queere Filme nach wie vor fast immer aus männlicher, weißer Perspektive erzählt werden, während Serien wie "Orange Is the New Black" oder "Transparent" viel weiter sind.
Niemand weiß, wer damals wirklich den ersten Stein warf, aber man weiß, wer an vorderster Front kämpfte: die hünenhafte, afroamerikanische Transgender-Aktivistin Marsha P. Johnson etwa, der Puerto Ricaner Ray Castro, die Trans- und Drag-Künstlerin Sylvia Rivera. Wollte Emmerich sie ignorieren und ein Whitewashing amerikanischer Geschichte betreiben?
Von den dreien taucht im Trailer nur Johnson auf, und das sehr kurz. Gespielt wird sie vom Schauspieler Otoja Abit, und nicht von einer realen Transfrau – noch mehr Zündstoff für Aktivisten, die das ähnlich schlimm finden wie die in den USA längst geächtete Methode, schwarze Charaktere von geschminkten weißen Schauspielern darstellen zu lassen. Sie finden, dass es genug geeignete Trans-Schauspielerinnen auf der Welt gibt, die die Rolle hätten übernehmen können. Emmerich sagt dazu, Otoja Abit sei unter allen Bewerberinnen und Bewerbern der beste gewesen. "Den kann ich dann doch nicht einfach übersehen." Den Vorwurf des Whitewashings findet er absurd: "Der Film ist voll von Afroamerikanern, Latinos, einfach allen. Es waren damals eben auch eine Menge weiße Jungs dabei."
Emmerich zeigt sich erschüttert über die hasserfüllten Reaktionen – vor allem weil sie von den "eigenen Leuten" kamen, wie er es nennt, und das, bevor sie den ganzen Film gesehen hätten: "Das war ein Schock, von dem ich mich immer noch nicht ganz erholt habe."
Als "Stonewall" Ende September in die US-Kinos kam, hatte der Film keine Chance mehr. Nach der üblen Vorberichterstattung entschied sich der Verleih für einen kleinen Start in nur 129 Kinos, aber auch aus denen war er innerhalb von drei Wochen verschwunden. Nicht einmal 200 000 Dollar spielte der Film ein, bei einem Budget von rund 15 Millionen Dollar, laut Emmerich zu großen Teilen aus seiner eigenen Tasche finanziert. Und das ihm, dem Blockbuster-König, der als Regisseur mit seinen Filmen weltweit fast dreieinhalb Milliarden Dollar Umsatz gemacht hat.
Das Deprimierendste an dieser traurigen Geschichte ist, dass "Stonewall" kein schlechter Film ist. Man hätte dem Massenpublikum von heute eine aufregendere Hauptfigur zumuten können als den liebenswerten, aber persönlichkeitsfreien Danny (Jeremy Irvine), und diese Figur hätte weder unbedingt weiß noch unbedingt ein Mann sein müssen.
Doch der Film bietet auch interessante Charaktere. Sein eigentlicher Star ist Dannys bester Freund Ray (Jonny Beauchamp), ein obdachloser, selbstbewusster Latino, der sich keinem Geschlecht zuordnen lassen will und es nicht länger hinnimmt, dass bei den Razzien im Stonewall Inn immer die Männer in Kleidern und die Frauen in Anzügen verhaftet werden, während der Rest mit einer Verwarnung davonkommt.
Marsha P. Johnson spielt eine deutlich wichtigere Rolle, als im Trailer angedeutet wird, und tritt als das auf, was sie war: eine unbeugsame Anführerin und Kämpferin. Der ganze Freundeskreis um Danny und Ray besteht aus heimatlosen Außenseitern in allen möglichen Hautfarben, die sich um Fragen wie die der Hautfarbe überhaupt nicht kümmern. Denen es egal ist, ob jemand tuntig ist oder auf Macho macht, Frauenkleider trägt oder sich zwischen den Geschlechtern bewegt. Die einfach nur wütend sind, dass sie von allen Seiten schikaniert werden und keine Stimme haben. Es gab noch nie einen so durch und durch queeren Mainstream-Film, der ohne heterosexuelle Identifikationsfigur auskommt und der nicht heteronormative Lebensentwürfe so uneingeschränkt feiert. Auch "Brokeback Mountain", der letzte große schwule Film, ließ seine weißen Helden im Selbsthass zerfließen und abstreiten, dass sie homosexuell sind.
Am schlechtesten kommen in "Stonewall" neben den Polizisten (und selbst die sind nicht alle einfach böse) und den mafiösen Barbetreibern ironischerweise noch diejenigen durchweg männlichen und weißen Aktivisten weg, deren größtes Ziel es ist, nicht aufzufallen. Sie propagieren Anpassung an die Heteros und mahnen zur Ruhe, als sich bei den nicht weißen Straßenkindern der Widerstand regt.
Am Ende ist es eine wütende Lesbe, die sich ihrer Festnahme verweigert und damit die Stimmung in der aufgewiegelten Menge zum Überkochen bringt. Danny wirft einen Stein, vielleicht sogar den ersten, aber der Film stellt auch klar, dass es völlig egal ist, wer ihn geworfen hat. Als die Wut explodiert, ist Danny nur einer von vielen, die zusammen gegen die übermächtige Staatsgewalt antreten, kein Anführer oder Revolutionsheld.
Es wäre schön gewesen, wenn der Film mehr von den Protesten zeigte, statt sie am Schluss auf einen einzigen Abend zu kondensieren; und noch besser, wenn Emmerich auf ein paar Junge-vom-Land-Klischees verzichtet hätte. Aber auch so ist "Stonewall" ein ehrliches, sympathisches Geschenk an diejenigen, die ihn so vehement abgelehnt haben.
Emmerich versucht, die kommerzielle und moralische Demütigung zu vergessen, und konzentriert sich ganz auf die Fortsetzung von "Independence Day", die im nächsten Sommer in die Kinos kommen soll und in der mehr als ein paar Fensterscheiben zu Bruch gehen werden. Er sagt, dass es in dem Film auch zwei homosexuelle Figuren geben werde, in "wichtigen Nebenrollen". Die Zeit für einen queeren Blockbuster-Helden sei noch nicht gekommen.
"Aber ich verspreche Ihnen, dass ich der Erste sein werde, der es versucht."
Nicht einmal 200 000 Dollar spielte "Stonewall" ein – und das ihm, dem Blockbuster-König.
Von Daniel Sander

DER SPIEGEL 47/2015
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