DER SPIEGEL



AUSSTELLUNGEN

Glanz in der Wildnis

Von Hohmeyer, Jürgen

In Paderborn, wo vor 1200 Jahren der Papst Karl den Großen um Hilfe bat, wird nun ein üppiges Epochen-Panorama entfaltet: Erstaunliche Kunstwerke aus einer kriegerischen Zeit.

Wie müssen die Verhandlungsführer taktiert und getüftelt haben. Wie genau wird jeder Kniefall, jede Umarmung, jeder Friedenskuß der Empfangszeremonie im voraus festgelegt gewesen sein. Bei diesem Gipfeltreffen durften kein Schritt und keine Geste dem Zufall überlassen werden.

Taktisch war es raffiniert: Frankenkönig Karl der Große ließ im Sommer 799 den zu Hause schwer unter Druck gesetzten, hilfesuchenden Papst Leo III. 1600 Kilometer weit ausgerechnet in die sächsische Wildnis anreisen, zur Pfalz Paderborn in einem kurz zuvor noch blutig umkämpften Herrschaftsgebiet. Bestimmt ging es zwischen den beiden nicht allein um eine Rehabilitierung des Heiligen Vaters. Die war bloß der halbe Deal.

Als Gegenleistung wurde gewiß schon der große Staatsakt des folgenden Jahres vorbesprochen: die Kaiserkrönung Karls in der römischen Peterskirche. "Falsche Christen, ja Heiden und Söhne des Teu-

* Gemälde von Friedrich Kaulbach (1861).

** Museum in der Kaiserpfalz und Diözesanmuseum, bis 1. November. Zweibändiger Katalog im Verlag Philipp von Zabern; zusammen 988 Seiten; 98 (Buchhandelsausgabe 140) Mark; ergänzender Aufsatzband 758 Seiten; 80 (125) Mark; alle drei Bände 148 (238) Mark.

fels", so die offiziöse vatikanische Lesart, hatten Leo in Rom überfallen, ihn mißhandelt und mit Vorwürfen wie dem des Meineids und des Ehebruchs zur Abdankung gedrängt; fränkische Gesandte führten ihn nach Paderborn.

Der Schauplatz und ein feierlicher Militär-Aufmarsch demonstrierten ihm da die Macht des Königs über widerspenstige Völker - dieser Monarch hatte Anspruch auf den Kaisertitel. Andererseits half diese neue Würde dann auch den besiegten, zwangsbekehrten Sachsen im Lande, das Gesicht zu wahren und sich mit ihrem Schicksal zu versöhnen. Eroberungsstrategie, Missionsdrang, Repräsentationsbedürfnis und europäische Ordnungspolitik Karls des Großen griffen ineinander.

Die Papstreise ins ferne, unwegsame Deutschland und die Kaiserkrönung sind Wendepunkte einer Epoche des Um- und Aufbruchs, die viele Linien regionaler und abendländischer Geschichte vorgezeichnet hat. 1200 Jahre nach der Begegnung von Paderborn schildert hier eine große Ausstellung vom Freitag dieser Woche an "Kunst und Kultur der Karolingerzeit": das glänzende Panorama ihrer international vernetzten Elite-Ästhetik ebenso wie ein Puzzle unscheinbarer, doch sprechender Bodenfunde aus der Region Westfalen. Ein klotziger Katalog überschüttet den Leser mit Neuigkeiten zum frühen Mittelalter**.

Als Person bleibt der Held des Zeitalters unvermeidlich schemenhaft. Halb Geistererscheinung, halb Kinoheld - so scheint er dem Ausstellungsbesucher gleich im Entree hoch zu Roß entgegenzustürmen. Doch die Projektion ist eine Fotomontage aus einem Pferd der Gegenwart und einer karolingischen Reiterstatuette, die vielleicht gar nicht Karl den Großen zeigt, sondern dessen Enkel Karl den Kahlen - ein Blendwerk ähnlich den Historienschinken, die Maler des 19. Jahrhunderts zusammenfabulierten. Noch bei authentischen Bildnismünzen des "Imperator Augustus" bleibt die Frage nach der Porträtähnlichkeit offen.

Auch mit kaiserlichen Requisiten müssen sich die Ausstellungsmacher Matthias Wemhoff und Christoph Stiegemann behelfen. Keiner behauptet, Karl habe just jenen Klappstuhl benutzt, der in einer Andeutung der Empfangsszene von 799 die Position des Herrschers markiert. Ob ein byzantinischer Seidenstoff mit dem Motiv des Wagenlenkers tatsächlich als sein Leichentuch diente, wie die Tradition es will, ist zu bezweifeln. Wer im letzten Schausaal den spätantiken Marmorsarkophag bestaunt, in dem Karl 814 zumindest höchstwahrscheinlich bestattet worden ist, weiß nicht, ob dies auch auf seinen Wunsch geschah.

Und wenn schon. Aussagekräftig bleibt das grandiose Stück mit der heftig bewegten Reliefdarstellung vom Raub der schönen Proserpina durch den Unterweltgott Pluto allemal. Ob Karl der Große es nun aus Italien an seinenAachener Hof holte oder ob er es im Rheinland vorfand - daß er ein Auge dafür hatte oder in diesem Punkt auf einsichtige Ratgeber hörte, spricht für seine Aufgeschlossenheit. Er jedenfalls störte sich nicht an den erregten heidnischen Figuren, die 1843 offenbar so anstößig wirkten, daß der Sarkophag auf eine dem Volk unzugängliche Empore des Aachener Doms gehievt wurde, wobei er abstürzte und in 18 Stücke zerschellte. Danach notdürftig zusammengesetzt, ist er erst jetzt für die Paderborner Ausstellung gründlich und mit glänzendem Ergebnis restauriert worden.

Der Proserpina-Sarkophag ist nur der massivste Beleg jener Antikenbewunderung, die unter Karl dem Großen eine wahre Renaissance hervorrief. Überreich spiegelt sie sich in der Buchproduktion mit ihren penibel edierten Texten - in schönen, an klassischer Norm ausgerichteten Lettern, in prächtigen Zier- und Bildseiten und fein geschnitzten Elfenbeindeckeln.

Den Glanzpunkt der Paderborner Ausstellung bildet das "Lorscher Evangeliar" aus der "Hofschule" des Herrschers, eines seit der frühen Neuzeit zerteilten Bandes, dessen Teile hier erstmals seit 34 Jahren aus drei Kollektionen komplett zusammenkommen; einer Lorscher Vor-Schau fehlte noch der vordere Buchdeckel. Weil ein Handschriftenteil für eine Luxusreproduktion des Luzerner Faksimile-Verlags (Subskriptionspreis: 35 400 Mark) auseinandergenommen worden ist, können mehrere Doppelblätter zugleich gezeigt werden.

Nicht zwangsläufig ging solch künstlerischer Aufschwung direkt auf die Antike zurück. Gerade die Buchmalerei sieht der englische Kunsthistoriker John Mitchell auch von der Hochkultur des italienischen Langobardenreichs angeregt. Die hatte ihre Renaissance schon vollzogen, als Karl der Große 774 auf einen Hilferuf des damaligen Papstes den König Desiderius besiegte und beerbte. Immer neue Funde, von der Bauplastik bis zur Bodenfliese und zum Wandmalerei-Fragment, demonstrieren den erlesenen Geschmack langobardischer Höfe.

Auf Paderborn scheint ein Abglanz davon gefallen zu sein. Hier steht keine Karolinger-Architektur mehr aufrecht, doch Ausgräber sind auf eine Abfolge zunehmend anspruchsvoller Bauten aus dem 8. Jahrhundert gestoßen. Zwischen den Fundamenten lagen Tausende bemalter Putzstückchen; in der Ausstellung sieht man einige zu fragmentarischen Schriftzeilen, dekorativen Ranken oder zu Gewandpartien addiert - ein nördlich der Alpen damals beispielloses Schmuckprogramm. Stammt es von Werkleuten aus Italien?

Spärlich hingegen sind die Bodenfunde an Glas; denn Kostbarkeiten wie jene trichterförmigen Trinkgefäße, die ex zu leeren und dann kopfüber auf den Tisch zu stellen waren, blieben nicht am Ort. Was beim Gelage in Scherben ging, wurde wieder eingeschmolzen. Was heil blieb, trug der Troß weiter zur nächsten Pfalz.

Voller Geschichtszeugnisse steckt das Land ringsum. Erst kürzlich gab es eine primitiv aus Knochen geschnitzte Kreuzigungsgruppe frei (siehe Foto) - wohl von einem angelsächsischen Missionar verloren. Gleichfalls verscharrt waren die grausigen Relikte der Sachsenkriege, die rauhen Schwerter, die gespaltenen oder eingeschlagenen Schädel.

Als nach all den Gemetzeln, Geiselnahmen und Deportationen endlich Frieden herrschte, wuchsen die vereinigten Herrschaftsgebiete erstaunlich glatt zusammen. Für die Ossis hatte sich das Leben gründlich geändert - sie übernahmen fränkische Bau- und Begräbnisweisen, gingen wohl oder übel zur Kirche und teilten ihre Tage nach dem Schlag der strikt vorgeschriebenen Glocken ein. Wo die hingen, war nicht egal: Kirchen- und Bistumsgründungen des 9. Jahrhunderts legen die Zentren der Region bis heute fest.

Die Transferleistung, die Chronisten am liebsten und ausführlichsten beschrieben, war die Übertragung von Reliquien. Gerade die Paderborner zehren noch davon. Ihnen überließ 836 die französische Stadt Le Mans aus ihrer "großen Menge von heiligen Leibern" die Gebeine des Bischofs Liborius, und der wird seither jedes Jahr mit einem rauschenden Glaubens- und Volksfest gefeiert. Diesen Freitag, am ersten Ausstellungstag, geht es wieder los. JÜRGEN HOHMEYER

* Gemälde von Friedrich Kaulbach (1861). ** Museum in der Kaiserpfalz und Diözesanmuseum, bis 1. November. Zweibändiger Katalog im Verlag Philipp von Zabern; zusammen 988 Seiten; 98 (Buchhandelsausgabe 140) Mark; ergänzender Aufsatzband 758 Seiten; 80 (125) Mark; alle drei Bände 148 (238) Mark.

DER SPIEGEL 29/1999
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