19.11.2015

EssayTheater der Sicherheit

Es hilft nichts: Frankreich muss sich verändern. Von Nils Minkmar
Vor der École des Hautes Études am Boulevard Raspail improvisierte auch das intellektuelle Paris am Montag eine Schweigeminute. Man hätte es für einen bizarren Flashmob halten können, denn alle standen so zufällig und eigensinnig im Vorgarten der ehrwürdigen Institution, jeder für sich in diesem Augenblick gemeinsamen Trauerns, den Blick zu Boden gerichtet. Es dauerte viel länger als eine Minute, bevor jemand das Wort ergriff, ein korpulenter, etwas älterer Herr in Lederjacke und Cordhose, der sich als Dozent des Hauses vorstellte. Er kam gleich zur Sache: "Unsere Arbeit hier, das ist die Reflexion. Nichts müssen die Fanatiker so sehr fürchten. Also gehen wir jetzt alle nachdenken." Der Hausmeister stand neben ihm und nickte heftig. Er trug eine orangefarbene Armbinde mit der Aufschrift Sécurité. Eine Beschwörung. Je öfter man das Wort liest und hört, umso klarer wird, dass der darin versprochene Zustand sich dauerhaft verflüchtigt hat.
In Paris war man immer stolz auf die intellektuelle Exzellenz des Landes. Die Bewohner des Pariser Univiertels, des Quartier Latin, nennen ihre Nachbarschaft gern den intelligentesten Quadratkilometer der Welt. Seit Freitagnacht herrschen auch hier Frust, Furcht und ungläubiges Staunen. Besonders ratlos reagiert man auf die Tatsache, dass die Politik so schnell ihre martialischen Textbausteine aufgesagt hat. Der große Appell an die Einheit einer von äußeren Feinden angegriffenen Nation klingt hohl und – das besorgt die Wissenschaftler am meisten – falsch. Die militärischen und die sicherheitspolitischen Maßnahmen allein werden die Sicherheit in Paris nicht nennenswert erhöhen. Aber hört solchen Analysen noch jemand zu?
Schon länger beklagen Intellektuelle das Auseinanderdriften der Diskurse und Weltdeutungen in der Republik, die doch auf den Prinzipien der Einheit und des Gemeinsinns gegründet worden war. Doch seit Längerem fühlen sich nicht nur die Bewohner der Vorstädte, der armen Provinzen im Norden und im Osten abgehängt, sondern zunehmend auch die Intellektuellen selbst. Die Tradition der am geistigen Leben teilnehmenden Staatspräsidenten ist schon lange beendet. Die Medien inszenieren geradezu komisch wirkende Tröstungsversuche: Als sei, wenn auch dieser große Drahtzieher gefasst ist, wieder alles gut. Als hätten Politiker und Experten alles im Griff. Niemand glaubt es. Niemand traut es ihnen noch zu.
Seit dem Wochenende blieb der Jardin du Luxembourg geschlossen. Der Park ist eine wesentliche Ressource für Familien, Rentner und Studenten im Herzen des Univiertels und ein Zentrum fröhlichen Politisierens. Er ist eigentlich jeden Tag geöffnet, nun stehen an den Eingängen Männer mit orangefarbenen Armbinden und lassen niemanden hinein. Zwei gut gekleidete Rentner, die sich schon mit einem Stapel Zeitungen für einen Vormittag in diesem grünen Forum gerüstet hatten, werden abgewiesen. Der eine hält den Wachleuten aus Protest eine spontane Vorlesung, die in einem wütenden Satz endet: "Wenn Frankreich so reagiert, ist es im Arsch!" Der andere ergänzt formvollendet: "Monsieur, ich stimme Ihnen voll und ganz zu!"
Jeder weiß, dass die Rede vom Krieg nicht zur Lage passt. Der Krieg tobt in Syrien, nicht in Paris. Wenn man überhaupt in diesen Kategorien sprechen möchte, dann handelt es sich hier doch um einen Bürgerkrieg, denn auch die Mörder waren Bürger Europas, Bürger Frankreichs. Und sie kannten Paris.
Sylvain Bourmeau, Publizist und Sozialwissenschaftler, ist von der soziologischen Präzision des Anschlags erschüttert: "Ausländische Attentäter hätten vielleicht ein symbolisches Bauwerk zum Ziel genommen, wie den Eiffelturm. Dort geht kein Pariser hin. Aber diese Bars und Restaurants auszusuchen, das zeigt, dass sie sich wirklich auskennen und Paris im Herzen treffen wollten." Sie operierten dabei, glaubt Bourmeau, mit den tiefen Spaltungen in der französischen Gesellschaft. Womöglich spekulierten sie auf den durchaus vorhandenen Neid auf Paris, auf jene, die dort feiern gehen können, und darauf, dass ihr mörderischer Wahnsinn dann in Provinzen und Banlieues mit der berüchtigten klammheimlichen Freude aufgenommen werde. Dieser Plan zumindest scheint nicht aufgegangen zu sein, der Schrecken fuhr in alle Ecken des Landes.
Bourmeau misstraut der nun so einmütig beschworenen Staatsräson. Gerade jetzt sei Kritik nötig: an einer seit Jahrzehnten zynisch machtpolitisch ausgerichteten Außenpolitik gerade im Nahen Osten und in Afrika, an der zu hohen Arbeitslosigkeit und dem brutal aussortierenden Bildungssystem, an der fortschreitenden sozialen Zersplitterung des Landes und seiner Diskurse. Stattdessen inszeniere die Regierung bloß ein "Theater der Sicherheit".
Niemand glaubt, dass es der letzte Anschlag dieser Art gewesen ist. Man wünscht, Michel Houellebecq hätte seine bedrückend präzise "Unterwerfung" nicht geschrieben, oder man hätte es nicht gelesen. Nun wirkt jede Sirene in der Ferne wie das Zeichen neuer, noch unbekannter Terrortaten; jeder Knall wie eine Explosion und jeder Polizeieinsatz zugleich wie der Versuch der Vertuschung der wahren Vorgänge in der Stadt. Aber so viele haben das gelesen. Also sind abends die Boulevards leer. Ein Passant bleibt stehen, kramt sein Telefon hervor und storniert so höflich wie möglich einen reservierten Tisch. Zum ersten Mal – und auch das ist unheimlich – zeigen die Kellner so etwas wie freundliche Zuneigung, wenn sich mal ein Gast durch ihre Tür wagt.
Selbst die Closerie des Lilas ist fast leer. In der geschichtsträchtigen Bar sitzt ein elegantes betagtes Paar. Er hat ihr antike Bücher mitgebracht. Sie studieren einen prächtigen Atlas und einen handtellergroßen Band mit Lyrik. Den schenkt er ihr dann. "Oh, nicht doch!" – "Aber das ist doch ganz normal!" In drei Tagen Paris sind das die ersten und einzigen Personen, die völlig unbeschwert, ja glücklich wirken.
Nun erscheint der junge Wilde der französischen Philosophie, Geoffroy de Lagasnerie, Jahrgang 1981, in der Bar. Er ist ein Weggefährte des Literaten Édouard Louis, des Autors von dem preisgekrönten Bestseller "Das Ende von Eddy". Beide haben sich nicht weniger vorgenommen, als das literarische und intellektuelle Feld Frankreichs aufzumischen. Louis weilt gerade auf großer Japantournee. Sein Mitstreiter ist in Paris geblieben, wirkt blass und erschüttert. In der Nacht der Anschläge war er nur wenige hundert Meter von einem der Tatorte entfernt, besuchte einen Freund. Zurück konnte er nicht mehr, alles war abgesperrt. Er verbringt seitdem seine Zeit zu Hause: "Ich habe alles abgesagt."
Die Kunsthochschule, an der er einen Lehrstuhl für Philosophie bekleidet, ist ohnehin geschlossen: Man hatte kein Personal, dem man die orangefarbenen Armbinden anziehen könnte, und ohne die darf kein Lehrbetrieb stattfinden. De Lagasnerie vertritt eine These, die niemand hören möchte: Der Terror mitten in der Stadt ist für ihn eine Fortsetzung der Aufstände in den Vorstädten vor zehn Jahren. Sie seien das Resultat einer verfehlten urbanen Politik, die ganze Bevölkerungsgruppen ausgegrenzt hat, und einer nichtexistenten integrativen Bildungspolitik.
Sein wichtigstes Thema aber ist die französische Justiz. Seit Jahrzehnten sorgt sie dafür, dass die Gefängnisse, die meisten davon in erbärmlichem Zustand, voller Muslime sind. Und diese Gefängnisse sind, mit den dschihadistischen Foren im Netz, die wichtigste Quelle islamistischer Radikalisierung. Er hat die vergangenen vier Jahre zu diesem Thema gearbeitet, bald erscheint seine Studie dazu.
In der Regierung, übrigens auch in der Opposition, hört man ohnehin nicht mehr auf Intellektuelle. Dort sieht de Lagasnerie nur Staatsmänner, aber er meint es anders als im üblichen Sinne: "Die arbeiten die Vorlagen ihrer Verwaltung ab"– Apparatschiks, die mit seinen libertären und emanzipatorischen Ansätzen nichts anfangen können. Auch dann nicht, wenn diese Ansätze nachweisbar zu besseren Ergebnissen führen. "Ich wusste mir heute Nachmittag nicht mehr zu helfen", erzählt er, "dann nahm ich Kant zur Hand, 'Zum ewigen Frieden'. Der schreibt, dass man, wenn man Frieden will, auch Frieden halten soll, nicht etwa Krieg führen. Das hat mir gefallen." Er ist kein Fantast, versteht den Wunsch nach Rache, den Wunsch, nach solch einer Tat nicht mehr Opfer zu sein. Aber der Staat, betont er, ist ein Organ, in dem die Vernunft walten muss.
Geoffroy de Lagasnerie leert sein Glas. "Ich sehe schon, dass wir in einen Krieg hineinschlittern. Es ist nicht mein Krieg. Und dann wird Paris noch unsicherer. Viele meiner Freunde ziehen aufs Land."
Ressourcen außerhalb der Hauptstadt suchen, das Nachdenken der Zivilgesellschaft organisieren, die Unersetzlichkeit des Individuums kultivieren – das sind auch die Themen der Philosophin und Psychoanalytikerin Cynthia Fleury, deren Bücher in Paris gerade zu den meistdiskutierten theoretischen Werken gehören. Sie ist auf Reisen durch die arabische Welt, äußert sich per Mail. Für sie steckt Frankreich in einer klassischen Krise nach der Definition von Antonio Gramsci: Die alte Ordnung, mit dem allmächtigen und stolzen Nationalstaat, stirbt ab und wird betrauert, während die Spielregeln der neuen Verhältnisse noch nicht deutlich sind. Viele Franzosen fürchten auch, dass sie auf deren Ausgestaltung wenig Einfluss haben werden. Während die einen die Globalisierung nutzen, sich digital und politisch engagieren, ihre Umgebung aktiv mitgestalten, fühlen sich die anderen abgehängt und deprimiert. Die Bildungsinstitutionen haben sich als unfähig erwiesen, diese Kluft zu überbrücken. Wenn man sich anschauen will, wo etwas vorangeht in Frankreich, muss man, so Fleury, in der Zivilgesellschaft suchen, in Unternehmen, Vereinen, auf regionaler Ebene und in selbst organisierten digitalen Werkstätten. Eben abseits der Politik. Das passt auch zum Bild nach den Anschlägen: Aus ganz Frankreich strömte Hilfe herbei, die Mitarbeiter der Krankenhäuser und Gesundheitsbehörden rückten bereitwillig zum Dienst ein, Tausende wollten Blut spenden. Und es gab so viele Fälle echten Heldenmuts von ganz normalen Leuten, Bürgern und Besuchern von Paris.
Wir brauchen nun, stellt Fleury fest, eine Mischung aus Hard Power, dem militärischen Kampf gegen den IS, und Soft Power, eine bessere Bildungs- und effektivere Sozialpolitik, eine Förderung der Laizität und vieles mehr. Und all dies auf europäischer Ebene, denn es sind ja alle Gesellschaften betroffen, die das Leben, die Freiheit und das Recht als höchste Güter anerkennen. Dazu wird nicht weniger nötig sein, so formuliert sie mit Freude an der eigenen Kühnheit, als den demokratischen Rechtsstaat in das neue Zeitalter zu überführen und sich auch noch auszudenken, wie denn dort aktiver Bürgersinn aussehen könnte, wie man den Einzelnen als Bürger bilden und unterstützen könnte, etwa in der Form eines Grundeinkommens. Fleury spricht, als würde sie die Krise erst richtig anfeuern: "Das ist doch eine ganz außergewöhnliche Gelegenheit!"
Der Kampf gegen den Terror wird wissenschaftliche Analysen und eine langfristige politische Strategie erfordern. Noch sieht es nicht so aus, als würden die Politiker überhaupt danach suchen, dabei ist die Fähigkeit zu Reflexion, zur Kritik nicht nur das Merkmal der offenen Gesellschaft, sie macht unsere Antwort auch effektiver. Leider ist ein weiteres Merkmal der offenen Gesellschaft ihre prinzipielle und permanente Verwundbarkeit. Ein Video aus der Terrornacht zeigt eine schwangere Frau, die über einem Seiteneingang des Bataclan an einem Fenstersims hängt und versucht, sich und ihr Ungeborenes zu retten. Sie ist zum Symbol dieser Tage geworden, zum Symbol unserer ausgelieferten Humanität.
Der ebenfalls in Paris lebende Jean-Claude Carrière, ein sehr kluger Drehbuchautor, hat es mal in einem Buch über die Fragilität unserer Gesellschaft aufgeschrieben: Einzeln arbeitet jeder an seiner Unbesiegbarkeit, strebt nach religiöser Vergewisserung, nach Insignien und Attributen der Sicherheit, dabei ist gerade die Zerbrechlichkeit unser eigentliches Wesen. Die Mörder machen daraus ein Mittel der Kriegsführung und der Politik, hoffen auf die Zwietracht nach dem Terror. Aber sie erreichen das Gegenteil: Dass wir individuell so verletzbar sind, verbindet uns alle. ■
Von Nils Minkmar

DER SPIEGEL 48/2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 48/2015
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Essay:
Theater der Sicherheit

Video 02:24

Trumps Idee gegen Waldbrand Holt die Harken raus!

  • Video "Spektakulärer Bau in China: Luxushotel eröffnet in Tagebau" Video 01:09
    Spektakulärer Bau in China: Luxushotel eröffnet in Tagebau
  • Video "SPIEGEL TV vor 20 Jahren: Autodiebstahl in Moskau" Video 11:44
    SPIEGEL TV vor 20 Jahren: Autodiebstahl in Moskau
  • Video "Video: Hier wird gerade das verschollene argentinische U-Boot entdeckt" Video 01:57
    Video: Hier wird gerade das verschollene argentinische U-Boot entdeckt
  • Video "Großküche für Waldbrandopfer: Wir kochen bis zu 6000 Gerichte täglich" Video 01:25
    Großküche für Waldbrandopfer: "Wir kochen bis zu 6000 Gerichte täglich"
  • Video "Gedenkmarsch für Franco: Teilnehmer verprügeln Femen-Aktivistinnen" Video 00:54
    Gedenkmarsch für Franco: Teilnehmer verprügeln Femen-Aktivistinnen
  • Video "Trump besucht Waldbrandgebiete: Der Klimawandel war's nicht" Video 01:22
    Trump besucht Waldbrandgebiete: Der Klimawandel war's nicht
  • Video "Überwachungsvideo: Fahrbahn wird zur Rutschbahn" Video 00:45
    Überwachungsvideo: Fahrbahn wird zur Rutschbahn
  • Video "Ärztemangel in Hessen: Zur Blutabnahme in den Bus" Video 03:52
    Ärztemangel in Hessen: Zur Blutabnahme in den Bus
  • Video "Merkel-Besuch in Chemnitz: Eine Provokation, dass sie hier ist" Video 04:36
    Merkel-Besuch in Chemnitz: "Eine Provokation, dass sie hier ist"
  • Video "Überraschender Badebesuch: Elefant am Swimmingpool" Video 00:46
    Überraschender Badebesuch: Elefant am Swimmingpool
  • Video "Proteste gegen Macron: Frankreich sieht Gelb" Video 01:27
    Proteste gegen Macron: Frankreich sieht Gelb
  • Video "Drohnenvideo aus Kalifornien: Das zerstörte Paradise" Video 01:57
    Drohnenvideo aus Kalifornien: Das zerstörte Paradise
  • Video "Das war knapp: Arbeiter kappt aktive Starkstrom-Leitung" Video 00:53
    Das war knapp: Arbeiter kappt aktive Starkstrom-Leitung
  • Video "Theresa Mays erbitterter Gegner: Charmant, höflich, ganz schön rechts" Video 02:58
    Theresa Mays erbitterter Gegner: Charmant, höflich, ganz schön rechts
  • Video "Trumps Idee gegen Waldbrand: Holt die Harken raus!" Video 02:24
    Trumps Idee gegen Waldbrand: Holt die Harken raus!